Veränderte Kinderbücher"Das Konfektionieren zerstört die Fantasie"

Ein Psychologe erklärt, warum es fatal ist, Geschichten zu glätten. von 

DIE ZEIT: Herr Professor Kasten, wie manipulierbar sind Kinder?

Hartmut Kasten: Wenn sie unter vier sind, kann man sie nach Strich und Faden austricksen. Da sind sie ganz im Hier und Jetzt verankert. Mit fünf, sechs Jahren aber beginnen sie zu reflektieren. Dann ist Manipulation nur noch eingeschränkt möglich, und man muss schon sehr raffiniert sein.

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ZEIT: Ein Kind wird nicht zum Rassisten, weil es in Pippi Langstrumpf vom "Negerkönig" liest?

Kasten: Definitiv: nein. Von Kinderbüchern allein wird sowieso kein Menschenbild geprägt. Die Haltung der Bezugspersonen, der Eltern und Erzieher, fließt ein ins Vorlesen und Lesen. Idealerweise beschäftigen sich die Erwachsenen ja gemeinsam mit dem Kind mit dem Buch – je jünger das Kind, desto intensiver. Dann passiert es automatisch, dass das Kind Fragen stellt. So lernt es, dass es Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe gibt, wie man diese Menschen früher nannte und wie man sie heute nennt, dass es Vorurteile gibt. Unsere Kinder wachsen hinein in eine für sie teilweise unüberschaubare Welt. Die Erwachsenen müssen ihr eine Semantik geben.

ZEIT: Wann entwickeln Kinder überhaupt ethische und moralische Vorstellungen?

Kasten: Es gibt drei Stufen der Moralentwicklung, die den unterschiedlichen Reifungsgraden des Gehirns entsprechen. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres entdecken Kinder ihr Ich, was auch heißt: Sie fühlen sich verantwortlich. Das ist ein erster Schub in der moralischen Entwicklung. Gegen Ende des vierten Lebensjahres gibt es noch mal einen Schub: Dann entdeckt das Kind, dass es eine eigene Innenwelt hat, die sich von der Innenwelt anderer und von der Außenwelt unterscheidet. In dieser Zeit entsteht eine Vorläuferform des Gewissens: ein Gefühl für Gut und Böse. Wenn die Eltern in dieser Phase Werte wie Gerechtigkeit, Toleranz und Offenheit vorleben, ist sehr viel gewonnen. Sind die Eltern vorurteilsbeladen, wird sich auch das übertragen. Die dritte Phase ist die Pubertät, in der sich das Abstraktionsvermögen entwickelt. Dann reichen die Moralvorstellungen über das Persönliche hinaus.

ZEIT: Ab welchem Alter kann ein Kind verstehen, dass man ihm zwar das Wort "Neger" vorliest, dass es diesen Begriff aber nicht verwenden soll?

Kasten: Vierjährige fangen an, "warum" zu fragen. Sie können Empathie empfinden, auch Schadenfreude. In diesem Alter, denke ich, können Kinder auch nachvollziehen, dass das Wort "Neger" früher etwas anderes bedeutete als heute.

ZEIT: In vielen Kinderbüchern gibt es exotische Figuren, etwa die Chinesen in Jim Knopf. Warum?

Kasten: Kinder lechzen nach Andersartigkeit, das ist Futter für ihre Fantasie. Je weniger die Personen und Szenarien mit ihrem Alltag zu tun haben, umso intensiver setzen sie sich damit auseinander. Das liegt am Orientierungsreflex: Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf alles, was sie nicht kennen.

ZEIT: Was passiert nun, wenn solche exotischen Figuren getilgt und Geschichten geglättet werden?

Kasten: Dieses Konfektionieren zerstört Fantasie und Kreativität. Schablonenhafte Bücher können nicht leisten, was gute Kinderliteratur ausmacht: dass man darin immer wieder neue Facetten entdecken kann. Die politische Korrektheit, die man jetzt – wieder einmal – etablieren will, grenzt an Zensur. Gern heißt es: "Kinder brauchen Grenzen." Diese Regel sollte zumindest durch den Satz "Kinder brauchen grenzenlose Gedankenfreiheit" in ihre Schranken verwiesen werden.

ZEIT: Es gab schon öfter Debatten über den Umgang mit Kinderbüchern. In den siebziger Jahren wurde heftig über die Grausamkeit vieler Märchen gestritten. Man fand damals, sie sei Kindern nicht zumutbar. Später hieß es wieder: Kinder brauchen Märchen! Was stimmt denn nun?

Kasten: Märchen sind wunderbar, auch weil man sich so schön gruseln kann. Man darf nur eines nicht machen: die Kinder alleinlassen mit dem Fremden, mit ihren Ängsten.

ZEIT: Der Negerkönig in Pippi Langstrumpf allerdings ist gar nicht negativ besetzt.

Kasten: Umso absurder, ihn abzuschaffen. Vor dem Negerkönig fürchtet sich kein Kind. Das Problem sind die Erwachsenen, sie projizieren das hinein.

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Leserkommentare
  1. Vielen Dank, Professor Kasten, dass Sie das eigentliche Problem in dieser Debatte klar benennen: "Das Problem sind die Erwachsenen, sie projizieren das hinein.". Sind wir denn alle Rassisten oder böse Menschen geworden, weil wir i unserer Kindheit und Jugend unzensierte Kinder- und Jugenbücher oder gar grimmige Grimm'sche Märchen gelesen haben? Nein, sind wir nicht!

    Wach bleiben

    51 Leserempfehlungen
  2. Nachdem ich Eltern kennengelernt habe, die ihren Kindern diese Märchen nicht mehr vorlesen oder nur noch in abgeschwächten Varianten, glaube ich, dass hier einiges falsch läuft. Man schaue sich z.B. die Folge Simsala Grimm im KIKA an, in der es um die 7 Geislein geht. Der Sohn des bösen Wolfes ist dort Vegetarier und findet es schrecklich, dass der Vater die Geislein fressen will. So denke ich mir die Natur also "menschlich". Suchen Sie mal nach vegetarischem Futter für Hunde, ich konnte es nicht glauben, aber das gibt es!
    Ich finde den Artikel wunderbar. Mein Sohn liest gerade Jules Verne und fragt mich öfter mal, wenn er bestimmte Vorgänge oder auch Wörter nicht versteht, weil sie nicht mehr zeitgemäß sind. Es macht Spaß, mit ihm darüber zu reden.

    27 Leserempfehlungen
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    Jules Verne und Shakespeare (Othello) werden wohl eher in einem höheren Alter gelesen als Pippi Langstrumpf, was sinnvolle Diskussionen über veränderte kulturelle Massstäbe & Wertvorstellungen vereinfacht.

  3. .... ausdaueernd aud den Tisch "klopf" Herr Kasten.
    .
    Danke für diese sehr einfach und klare Einschätzung dieser
    Diskussion.
    .
    Zitat: ....Das Problem sind die Erwachsenen, sie projizieren das hinein.
    .
    Diesen Satz sollte man Einrahmen!
    .
    Meint
    Sikasuu

    20 Leserempfehlungen
  4. Aus den Kinderbüchern solche Begriffe zu streichen ist völlig unsinnig. Wenn ich Farbige als minderwertig ansehen, ist die Begrifflichkeit (fast) egal. Wir erinnern uns an das Prekariat. HartzIV ist doch auch schon fast ein Schimpfwort, euphemistisch mit einem VW-Manager verknüpft.
    Wenn Frau Schröder meint, sie müssen ihrem Kind Neger übersetzen, dann müsste sie - gemäss ihrer Ansicht - eigentlich die Bedeutung erklären. Also nicht wie (vermutlich) Astrid Lindgren ausdrücken wollte ein farbiges Kind, sondern wie Frau Schröder glaubt was Lindgren schreiben wollte, ein minderwertiger Mensch mit dunkler Hautfarbe. Der Denkfehler liegt nicht bei Astrid Lindgren.

    19 Leserempfehlungen
    • fur0
    • 24. Januar 2013 9:42 Uhr

    Die Neuverfilmung von Huck Finns Abenteuer zeigt doch den gleichen Trend. Statt einen authentischen Film im Geiste des Originals abzuliefern, hat man einen albernen, auf Schadenfreude ausgelegten Lausbubenabklatsch daraus gemacht. Alles politisch unkorrekte und der Freiheitsgedanke wurde komplett zensiert.

    Volksverblödung 2.0

    19 Leserempfehlungen
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    Gerade im Huck Finn wird das Dilemma Hucks zwischen dem allgemein verbreiteten Rassismus und seiner Freundschaft zu Jim eingehend thematisiert. Gerade die Diskrepanz zwischen seinen Gefühlen für Jim einerseits und dem Gebrauch des abfälligen Ausdrucks "Nigger Jim" andererseits macht dies deutlich. Ersetzt man diesen Ausdruck, raubt man dem Werk - einem der anerkannt größten Romane der amerikanischen Literaturgeschichte - einen Großteil seiner Wirkung.

  5. und nachvollziehbare Aussagen zu dem Thema.

    Und Frau Schröder, die in diesem Zusammenhang immer mal wieder auftaucht, sollten wir in Ruhe ihre Kinder erziehen lassen. Wenn die dann endlich über 20 sind, kann Frau Schröder wieder in der Öffentlichkeit über ihre Erfahrungen berichten.

    16 Leserempfehlungen
  6. ...sollte klassische Kinderliteratur, die nicht dem heutigen Zeitgeist (der Erwachsenen) entspricht, komplett verboten werden. Stattdessen lesen wir nur noch aktuelle Werke, natürlich ausschließlich von ausgebildeten Pädagogen, die allen modernen Anforderungen an die Political Correctness gerecht wird. Die wird dann in ein paar Jahren zwar wahrscheinlich wieder verboten werden (da der Zeitgeist dann wieder ein anderer sein wird), aber was soll's?

    P.S.: Ich denke, ich hebe mir sicherheitshalber meine eigenen Märchenbücher für meine zukünftigen Kinder auf - auch wenn ich damit Gefahr laufe, übelste Rassisten und Kriegstreiber zu erziehen...

    (Wer Ironie findet, darf sie behalten)

    15 Leserempfehlungen
    • Sikasuu
    • 24. Januar 2013 10:25 Uhr

    .... heute wirst du mit den Worten: Opfer, Schwuler, Türke, Russe oder sogar mit "Deutscher".... diskriminiert!
    .
    Das WORT ist nicht das Problem! Die Gedanken dahinter sind schlimm.
    .
    Wenn 1o Jährige mit WORTEN Andere diskriminieren, ist IHNEN das nicht angeboren. Das haben sie von IHREN Eltern, IHRER Umwelt gelernt!
    .
    "Maximalpigmentierter Mitmensch mit nichteuropäischem Migrationshintergrund" hört sich ja neutral an, ist aber genau so abwertend gemeint wie "Ni..." wenn es die falschen Leute aussprechen.
    .
    Meint
    Sikasuu

    14 Leserempfehlungen
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    • Anja66
    • 24. Januar 2013 10:34 Uhr

    genauso diskriminierend, denn woher will ich eigentlich wissen, ob jemand einen Migrationshintergrund hat. Die Nase, die da vor mir steht, kann doch z.B. in der 3. Generation Deutscher sein (mal vorurteilsbehaftet von nem GI als Urgroßvater ausgehend), wenn man nach 3 Generationen nicht Deutscher ist, wann denn dann??

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  • Quelle DIE ZEIT, 17.1.2013 Nr. 04
  • Schlagworte Zensur | Kinderbuch | Psychologie | Rassismus
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