IrlandPubs, Pints und Rasenmäher
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Heute kommen über eine halbe Million Besucher pro Jahr

Ryan’s Daughter, ein historisches Melodram über die Liebeswirren einer Wirtstochter, war 1969 auf der Dingle-Halbinsel gedreht worden. Und die Filmcrew machte Dingle Town zu ihrem Hauptquartier. Der Regisseur David Lean filmte mit Riesenbudget vor atemberaubender Kulisse: grün gewellten Hügeln, gewaltigen Steilküsten, endlosen Sandstränden und den rauschenden Wellen des Atlantiks. Die Kritiker fanden die Story dürftig, aber 30 Millionen Dollar flossen in die Kassen, der Film gewann zwei Oscars, und Foxy John, statt Mistgabeln zu verkaufen, erzählte nun immer öfter, wie es war, als Hollywood nach Dingle kam.

Die zweite Touristenattraktion des Ortes schwamm 14 Jahre später, 1983, durch die schmale Mündung des Naturhafens: Fungie, der Delfin. Statt wie seine Artgenossen in Gruppen an der Küste entlangzuziehen, blieb Fungie allein in der Bucht, bis heute. Die Bewohner glauben, er suche die Nähe des Menschen, weil er seiner Art voraus sei; Biologen halten ihn für einen gestörten Außenseiter. Jedenfalls fahren in der Hochsaison zwischen Mai und September 20 Boote zu dem handzahmen Delfin hinaus. Am Hafen, gleich neben der Touristeninformation, hat man ihm ein bronzenes Denkmal gesetzt. 

Heute kommen über eine halbe Million Besucher pro Jahr, das Städtchen lebt vom Fremdenverkehr. In den bunten Straßen reihen sich teure Restaurants, Cafés und Boutiquen aneinander, und Donal Neylon hat die Hinterzimmer des Foxy John’s ausgebaut, mit Backsteinkamin, Flachbildfernseher und zwei Dutzend Sitzplätzen. Abends, wenn Donal zu Hause neben Foxy Johns 96 Jahre alter Witwe vor dem Fernseher sitzt und sein Sohn den Laden schmeißt, amüsieren sich hier junge Touristen aus aller Welt. Morgens ab neun aber kommt immer noch die gute alte Stammkundschaft.

Ein Straßenarbeiter mit gelber Signaljacke kauft zwei Bohraufsätze und kippt nebenher ein Pint; eine ältere Dame mit Strickmütze fragt nach einer Tüte Vogelfutter; ein ergrauter Brillenträger ordert ein Guinness, ein 3-Inch-Scharnier und eine 63er Schmelzsicherung. »Kein Problem«, sagt Donal, zapft ein Pint und steuert zielsicher auf das Durcheinander seines Nebentresens zu.

Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber dem Foxy John’s, steht James Curran am Zapfhahn – wie vor 142 Jahren. Seit der Urgroßvater des heutigen Wirts das Geschäft im Jahr 1871 eröffnet hat, musste der Schriftzug an der Fassade nie geändert werden: J. Curran – so hießen alle bisherigen Besitzer: James, John, James, Joe und wieder James.

Im Verkaufsregal liegen, sauber aufgereiht und gestapelt, Schuhschachteln und Gummistiefel, Hüte und Mützen und Flanellhemden, die sie hier grandfather shirts nennen. Dazwischen hängen Gemälde von alten Männern, Rennpferden und Windhunden. An einer Wand lehnt das gerahmte Originalprogrammplakat eines Pferderennens, Dingle Races, Flat and Hurdle, Aug 5th & 6th, 1925, an einer anderen der Fahrplan der Eisenbahnstrecke Tralee–Dingle aus dem Jahr 1894.

Gegenüber, an der Theke, fällt die Vormittagssonne durch eine breite Fensterfront in Gesichter mit vielen Falten und wenigen Zähnen, einige der Männer tragen Schiebermützen wie die, die zwischen den Schnapsflaschen hinterm Tresen hängen. Ihre Jacken haben sie angelassen, als seien sie gerade auf dem Sprung; doch die Tage, in denen sie auf die Felder und in die Boote gerufen wurden, liegen lange zurück. Das alte Irland, hier hängt es nicht nur an den Wänden, hier sitzt es auf den Barhockern. Der Wirt James Curran, grau gescheitelt, blickt mit spitzem Gesicht über seine Gäste hinweg auf einen Fernseher über dem Eingang: Pferderennen. Nach einer Weile beginnt er, sich für den Fremden zu interessieren.

»Deutschland? Bin ich nie gewesen.« Auch in London war er nur einmal, in Dublin so selten wie möglich. »Ich mag große Städte nicht, mochte ich nie.« Zu schnell, zu hektisch, sagt er, alles verändere sich ständig. Und James mag keine Veränderungen.

Als vor zehn Jahren ein neuer Anstrich nötig war, wählte er das gewohnte Tabakweiß; bevor er die Regale ausräumte, fotografierte er jedes einzelne Fach, damit am Ende jede verstaubte Weinflasche, jede goldene Pferdestatue und jeder Porzellanhund seinen Stammplatz wiederfände. Möge die Welt da draußen rasen, bei James Curran bleibt alles beim Alten.

Die Theke endet an beiden Seiten in einem kleinen Separee, mit eigener Tür, Sichtschutzfenstern und einer kleinen Durchreiche zur Bar. In diese snugs zog sich früher zurück, wer seine Ruhe haben oder nicht im Pub gesehen werden wollte: Väter, die über die Mitgift verhandelten; Frauen, Polizisten, Priester. Am hinteren Ende des Verkaufstresens befindet sich eine Eckkabine mit bunten Fenstern wie in einer Kirche.

»Das ist das Büro«, sagt James und holt ein schweres Buch unterm Tresen hervor, der braune Einband hängt in Fetzen. Es ist das Kundenbuch, die Bibel des Einzelhändlers: Auf 900 welligen Seiten mit geschwärzten Kanten sind die Einkäufe der O’Sullivans, McCarthys und Flahertys aufgelistet. Mister Thomas Begley aus Graffees zum Beispiel bezahlte am 4. Dezember 1897 seine unbeglichenen Jahreseinkäufe: einen Sack Kartoffeln, zwei Säcke Hafer, eine Sense mit Griff, ein Makrelennetz, zehn Pfund Kork, fünfzig Pfund Seile und eine Flasche Whiskey. Acht Pfund, vier Schilling, sieben Pence.

Die Tür öffnet sich, ein Amerikaner in grüner Ireland-Tour-Regenjacke tritt ein und kauft ein Großvaterhemd, das er im Schaufenster gesehen hat. An diesem Vormittag bleibt er der einzige Kunde am Geschäftstresen – und einer der wenigen, die den Vordereingang nehmen. Die Stammkundschaft schlüpft durch die Hintertür, und dort verschwindet sie am Nachmittag auch wieder: auf dem direkten Weg zum Parkplatz. Am Abend, sagt James, sei von den Alten kaum noch einer da: »Die mögen keine Musik.«

Dann holt er eine Digitalkamera hervor und zeigt ein Video aus dem vergangenen Sommer: Die Kneipe ist gerammelt voll, johlende Gäste auch in den snugs und im Büro. Hinter der Ladentheke spielt ein Trio Gitarre, Akkordeon, Geige. Gleich neben der gusseisernen Tante-Emma-Waage, zwischen Hüten und Großvaterhemden, steppt ein junges Pärchen auf dem Tresen. Es gibt sie also, die Momente, in denen die rasende Welt ins J. Curran hereinbricht.

Am beliebtesten bei Touristen ist der dritte Pub, das Dick Mack’s. Und das liegt vor allem am Besitzer, dem legendären Oliver MacDonnell. Lange bevor man ihn trifft, ist von ihm zu hören: An den Theken der Stadt erzählt man die Geschichte eines Mannes, der schon als Kind bei seinem Vater am Zapfhahn stand und in der Schusterwerkstatt half. Der als junger Mann so besessen war von seiner Arbeit, dass man ihn nur selten auf der Straße traf. Doch als er sich mit Ende zwanzig bei einem Autounfall am Kopf verletzte, änderte sich alles. Plötzlich trug er bunte Anzüge, arbeitete kaum noch, begann schon morgens zu trinken und warf mit dem Geld nur so um sich. Seine Familie fürchtete, mit seinem Lebenswandel würde er das Geschäft in den Ruin treiben. Doch sein schrilles Gebaren erwies sich als die beste Werbung und lockte immer mehr neugierige Besucher ins Dick Mack’s.

Leserkommentare
  1. ...hab ich auch schon rein geschaut

    • cmim
    • 29. Januar 2013 12:35 Uhr

    ... bereits ganz ähnliches.
    auch eine option für die wurzeln vom so called "berliner winter"
    kiez-trend-getränk. heisser whisky, warmer apfelwein ...

    via ZEIT ONLINE plus App

  2. 3. Bravo!

    Das ist der beste Artikel, den ich je über Irland gelesen habe!! Großartig!

    • Künzel
    • 15. Februar 2013 19:20 Uhr
    4. Freude

    Irland ist so, sie sind halt herzerfrischend und lebensfroh und weise!

  3. Da ich letztes Jahr in Co. Kerry war um einige kurze Kletterfilme zu drehen hatte ich das Glück Oliver Mack kennenzulernen . Diese Kneipe ist einfach Hammer.....Es gibt immer noch Handarbeit im Dick Mack`s (Ledergürtel und Bänder). Hier ein link von meinem Film über dieses originelle Pub.

    https://vimeo.com/63106722

    Viel Spaß

    Eine Leserempfehlung
  4. ahoj, stromerte auch mal in Dingle herum. Wir trafen dort auch Gruppen von Amis die dort zu Familienfeiern aufkreuzen. Die glaubten sich auf einer "Zeitreise" zu befinden. Wohl war. Mögen diese wunderbaren Läden ewig bestehen! Iren, Amis, Deutsche und Andere hocken zusammen, sind auf eine eigenartige Weise glücklich und es ist tiefster Frieden...

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