Irland : Pubs, Pints und Rasenmäher
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Das Dick Mack’s glänzt so golden, als schwimme der Raum in Whiskey

Die bekanntesten Kneipengäste sind auf dem Pflaster vor der Bar verewigt. Auf zwei Dutzend Steinplatten mit weißen Sternen stehen prominente Namen: Robert Mitchum und Sir John Mills aus Ryan’s Daughter, Dolly Parton, Timothy Dalton, Julia Roberts, der Sänger Paul Simon – Dingles Walk of Fame.

Von einem Bronzeschild neben dem Eingang blickt der große James Joyce durch seine Nickelbrille herab und attestiert mit seiner gravierten Unterschrift, dass dies einer der »authentischen, traditionellen Pubs« sei, deren Atmosphäre und Charaktere ihn zu seinem Ulysses inspiriert hätten.

Und tatsächlich, tritt man ein, bleibt einem für einen Moment der Mund offen stehen: Decke, Wände und Tresen aus uraltem, dunklem Pechkiefernholz, kunstvoll verzierte snugs mit goldgelben Fenstern. Von der polierten Messingzapfanlage prangt der Namenszug »Dick Mack’s«, die Etiketten der Schnapsflaschenreihen spiegeln den Schein der gelblichen Glühbirnen. Der ganze Raum glänzt so warm und golden, als schwimme er bis unter die Decke in zwölfjährigem Irish Whiskey.

Auf dem linken Tresen liegen Marmorplatten, im Regal dahinter lagern ausgeblichene Schuhkartons, Gürtel, Armbänder, Schnallen, Nieten. Aus zwei Holztonnen, verziert mit dem Familienwappen, hängen Lederreste. Die Schusterwerkstatt ist von April bis Oktober noch in Betrieb. An diesem Montagmittag im Dezember aber ist niemand da, weder an der Theke noch am Schustertresen. Und es kommt auch niemand.

»Hallo?«

Keine Antwort, nur ein Rumpeln und Knistern aus Richtung einer dunklen Ecke. Dort führt eine Tür in ein kleines Zimmer mit einem alten Klavier, einem Tisch und zwei Holzstühlen. Ein Mann in grünem Mantel bückt sich über einen Backsteinofen und schaufelt Kohlen ins Feuer, sein Hut hängt ihm tief ins Gesicht.

»Sind Sie der Besitzer?«

Er lugt seitlich unter der Krempe hervor, seine Augen sind dunkel unterlaufen. Dann legt er die Kohleschaufel beiseite, tritt auf den Gast zu und streckt ihm seine zittrige Hand entgegen: »Ich bin der Boss, Oliver Joseph Mary MacDonnell. Sieht man das nicht?«

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.© ZEIT-Grafik

In der Brusttasche seines grünen Anzugs steckt ein zerknittertes, blaues Papiertaschentuch, darunter trägt er ein rosafarbenes Hemd, dazu den ockerfarbenen Hut – ein heruntergekommener Dandy, der sich im Jahrhundert geirrt hat.

»Was möchtest du trinken?«, fragt er und reißt die struppigen Brauen hoch. Dann schlurft er mit kurzen Schritten in die Bar hinüber und kommt mit einem Stout zurück. Er lässt sich auf einen Stuhl vor dem Feuer sinken, steckt sich eine Zigarette an und beginnt zu erzählen: von seinem Urgroßvater, der 1873 im Hafen von Dingle ertrank, »er konnte schwimmen, aber sein Schlips erwürgte ihn«; von seinem Großvater, der dieses Haus baute und 1899 einen Lebensmittelladen eröffnete; von seinem Vater, Dick MacDonnell, der begann, Schuhe zu reparieren, und bald zum größten Stiefelhändler der Stadt wurde; und von sich selbst, der in diesem Raum schon seine Hausaufgaben machte und gleich danach in der Schusterei weiterarbeitete, »bei Gott, ich weiß, was harte Arbeit ist!«

Er nimmt den letzten Zug seiner dritten oder vierten Zigarette und schnippt den Stummel in die Flammen. Seine Nägel sind gelb und verbogen, als ob sie kaum noch an den Kuppen hielten. »Es gibt ein gälisches Sprichwort«, grummelt er, als er am Ende seiner Geschichte angelangt ist: »Alles, was ist, bleibt nur für eine kurze Zeit.«

Dann kippt sein Kinn auf die Brust, die breite Krempe verbirgt sein Gesicht, nur das stoppelige Kinn steht hervor. Seine Kiefer malmen, man hört die Zähne knacken.

Oliver Joseph Mary MacDonnell ist ein Mann, der die besten Tage hinter sich hat. Einer der letzten Vertreter seiner Art, ein einst schillerndes Exemplar einer untergehenden Welt, in der Schuster Bier zapfen und Wirte Särge verkaufen.

Verabschiedet man sich schließlich von dem Mann am Feuer und tritt zur Schwingtür hinaus hinaus, in einen frühen Nachmittag des 21. Jahrhunderts, kann es sein, dass man einen Moment braucht, um sich wieder in der Gegenwart zurechtzufinden. Wobei das natürlich auch an all den Stouts liegen kann.

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