Selbstverständlich ist es die Aufgabe eines Rassismusforschers, Rassismus ausfindig zu machen, aber er sollte sein Augenmerk vielleicht lieber auf die Realität richten als auf die Fiktion. Pippi Langstrumpf ist nämlich nicht nur ein Kinderbuch, sondern auch ein literarisches Meisterwerk. Es spielt virtuos mit verschiedenen Ebenen von Wahrheit und Wirklichkeit. Wenn Pippi zugibt, dass sie leider oft lüge, und zugleich behauptet, dass alle Kongolesen lögen, erinnert sie an das von dem britischen Philosophen Bertrand Russell formulierte berühmte Paradoxon: "Epimenides, der Kreter, sagte: Alle Kreter sind Lügner."

Für Kinder ist das kein Problem, nur für Erwachsene. Und die Erwachsenen haben Pippi nie wirklich gemocht. In Frankreich war das Buch, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, mehr als vierzig Jahre lang nur in einer stark redigierten Fassung zu haben. Alle provozierenden Passagen, vor allem Pippis ausgesprochen rotzigen Umgang mit den Lehrern, hatte man gestrichen. Als Astrid Lindgren davon erfuhr, erschien 1995 endlich die richtige Fassung. Aber Pippi ist nicht nur rotzig, nicht nur eine Anarchistin, sie hat auch einen scharfen Kopf. Einmal wird sie von der Lehrerin für eine gute Tat gelobt: "Dazu sind wir ja da, damit wir gut und freundlich zu anderen Menschen sind." Pippi entgegnet: "Hehe, und wozu sind die anderen Menschen da?"

Dem Wegfall der Negerprinzessin haben Lindgrens Erben offenbar zugestimmt. Man will ja keinen Ärger. Es ist aber sonnenklar, dass Pippis "Neger" nichts anderes sind als eine haltlos-unschuldige Spielerei mit jenem Phantasma des naiven Naturvolks, das schon Gauguin umgetrieben hat. Pippi fährt ja in die Südsee, wo es bekanntlich keine Schwarzen gibt, weshalb Kritiker bemerkt haben, man müsse "Polynesier" sagen. Das steht aber nicht bei Lindgren. Da steht "negerprinsessa", und an einer Stelle sagt Pippi: "Ich werde einen eigenen Neger haben, der mir jeden Morgen den ganzen Körper mit Schuhcreme putzt. Damit ich ebenso schwarz werde wie die anderen Negerkinder. Ich stelle mich jeden Abend zum Putzen raus, zusammen mit den Schuhen." Das verstehen heute, da in den allermeisten Hotels die Schuhe nicht mehr geputzt oder gewichst werden, selbst Erwachsene nicht mehr.

Die Bedeutung von "Neger" hat sich tatsächlich gewandelt. Heute ist es ein herabsetzender Begriff, der sich im respektvollen Umgang verbietet. In einem literarischen Text aber kann er erlaubt sein, zum Beispiel bei Rollenprosa. Aber auch die kann problematisch werden. Der Schriftsteller Uwe Timm etwa setzt sich in seinem Roman Morenga mit dem deutschen Kolonialismus in Afrika auseinander. Darin heißt es: "Oberveterinär Gottschalk wurde von einem Neger an Land getragen."

Er sei für diese Formulierung heftig kritisiert worden, sagt Timm nun gegenüber der ZEIT – übrigens nicht von Afrikanern, sondern von Deutschen. "Aber diese Passage wird aus dem Blickwinkel Gottschalks erzählt, und für den waren die Schwarzen bloß die Neger." Man könne den historischen Wortgebrauch nicht einfach übergehen und quasi eine reine Sprache herstellen. Das wäre Geschichtsklitterung.

In der Tat: Jeder Sprachgebrauch ist kontaminiert von den Zeitumständen. In Schillers Drama Die Verschwörung des Fiesco zu Genua tritt ein Schwarzer auf: "Muley Hassan, Mohr von Tunis. Die Physiognomie eine originelle Mischung von Spitzbüberei und Laune". Er versucht erfolglos, Fiesco zu erdolchen. Für Geld tut er alles, und für eine höhere Prämie wechselt er auf Fiescos Seite. Davor sagt er: "Herr, einen Schurken könnt Ihr mich schimpfen, aber den Dummkopf verbitt ich." Darauf Fiesco: "Ist die Bestie stolz. Bestie, sprich, wer hat dich gedungen?"

Vielleicht ist es gut, dass das Stück heute fast nicht mehr gespielt wird. Andererseits ist der Begriff Mohr so erkennbar altmodisch, dass man ihm eine unheilvolle Wirkung kaum noch unterstellt. Und schließlich ist Schiller hohe Literatur, da ist man vorsichtiger.

Bei Kinder- und Jugendbüchern jedoch herrscht nun der Alarmzustand. Die zahllosen Robinson-, Moby Dick - und Gulliver -Ausgaben für Jugendliche wurden schon immer gekürzt und zensiert. Das spielte insofern keine Rolle, als sich jeder, wenn er alt genug war, die Originale leicht zu Gemüte führen konnte. Wie aber steht es jetzt im Fall von Astrid Lindgren, Otfried Preußler und Michael Ende? Und womöglich von vielen anderen, deren Texte längst stillschweigend zensiert wurden? Auch das sind Werke der Literatur, deren Entstehungszeit ihren Sprachgebrauch und ihr gesamtes Wesen unvermeidlich geprägt hat. Darf man diese Prägung wegredigieren? Und darf man Pippis lügnerisches Volk zuerst im Kongo, dann in Nicaragua und schließlich in Kenia lügen lassen, wo der Verlag es nacheinander angesiedelt hat, während es bei Astrid Lindgren seit je im Kongo gelogen hat?

Die Verlage fummeln ja nicht allein aus moralischen Gründen. Klaus Willberg, von der ZEIT dazu befragt, erklärt, in älteren Büchern gebe es zuweilen Wendungen, die den heutigen Kindern nicht mehr verständlich seien. Den Ausdruck "Schuhe wichsen" müsse man durch "Schuhe putzen" ersetzen und das veraltete "Handy" durch das aktuelle "Smartphone". Es geht mit anderen Worten darum, die Akzeptanz der Kinderbuch-Klassiker auf dem gewohnten Verkaufsniveau zu halten und die jungen Kunden nicht durch ein ungewohntes Vokabular abzuschrecken. Aber dieser Versuch, eine totale Gegenwärtigkeit herzustellen, muss bei anspruchsvollen Texten scheitern.

Winston Smith, der Held von George Orwells Roman 1984, ist Angestellter im sogenannten Wahrheitsministerium. Seine Aufgabe besteht darin, Bücher und Zeitungsberichte umzuschreiben, also rückwirkend zu verfälschen. Seine Freundin Julia ist jünger als er, sie ist unter dem Regime des Großen Bruders aufgewachsen. Eines Tages sagt er zu ihr: "Ist dir klar, dass die Vergangenheit tatsächlich ausgelöscht worden ist? Alle Dokumente sind entweder vernichtet oder gefälscht worden, jedes Buch hat man umgeschrieben, jedes Gemälde neu gemalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Die Historie hat aufgehört zu existieren."