So weit sind wir glücklicherweise nicht. Es ist nicht Orwells Großer Bruder, der interveniert, sondern der Kleine Bruder politische Korrektheit. Dessen rastlose Tätigkeit sollte man aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener zahllosen, oftmals staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem Auftrag, sei es Feminismus, Antisemitismus oder Antirassismus, agieren und die mit ideologisch geschärftem Nachtsichtgerät dunkle Abweichungen vom Pfad der Gerechten unverzüglich aufdecken. Wer sucht, der findet. Aber leider recht selten jene hasserfüllten Schläger, deren Untat für alle sichtbar ist. Wenn die überhaupt je gelesen haben, sind sie auf ihre mörderischen Ideen sicherlich nicht durch die fehlgeleitete Lektüre der Kleinen Hexe oder Pippi Langstrumpfs gekommen.

Zweifellos gibt es Rassismus in diesem Land, und es gibt immer mehr Mitbürger nichtdeutscher Herkunft, die Wörter wie "Negerkuss" oder "Mohrenkopf" nicht sehr komisch finden und die in der Idee, sich als "Neger" oder "Türke" zu verkleiden, den Ausdruck jenes "weißen Dominanzdenkens" erkennen, das Wolfgang Benz an Astrid Lindgren kritisiert.

Mekonnen Mesghena zum Beispiel sieht das so. Als Flüchtling aus Eritrea kam er im Alter von vierzehn Jahren nach Deutschland, machte Abitur, studierte Journalistik, war beim WDR und leitet nun das Referat "Migration & Diversity" der Heinrich-Böll-Stiftung. Er war es, der den Thienemann Verlag durch einen "massiven, in der Sache aber korrekten Beschwerdebrief", so Willberg, dazu bewog, die Kleine Hexe zu überarbeiten.

Im Gespräch mit der ZEIT schildert Mesghena die Hürden und Vorurteile, die er im Lauf seines Lebens zu überwinden hatte. Als er seiner Tochter aus der Kleinen Hexe vorlas, stieß er auf das Kapitel, in dem sich die Kinder verkleiden. "Ich geriet ins Stocken. Das hat sie gemerkt und gefragt: Was ist los? Ich habe gesagt: Das wimmelt nur so von rassistischen Ausdrücken. Für sie ist das kein Fremdwort. Sie weiß, dass ich mit dem Kindergarten gesprochen habe, damit das Wort Neger dort nicht mehr verwendet wird. Ich habe sofort an den Verlag geschrieben, dass ich die Ausdrücke rassistisch finde."

Nun könnte man Mesghena entgegnen, er möge bedenken, dass alles Geschriebene dem Gesetz sprachlichen Altwerdens unterliege. Und dieses Gesetz werde nicht dadurch beseitigt, dass man Texte umschreibe, handele es sich um die Bibel oder um die Kleine Hexe . Und zweitens könnte man ihm sagen, dass die von ihm monierten Bücher in der Lesebiografie deutscher Kinder, die heute oftmals erwachsen seien, eine wichtige Rolle gespielt hätten und dass man ihnen nicht die Erinnerung stehlen dürfe. Damals sei es ein gewiss unschuldiges Vergnügen gewesen, sich als Türke oder Neger zu verkleiden. So wie ja auch unter den Heiligen Drei Königen, die als Sternsinger in die Wohnungen kommen, bis heute immer einer sei, der sich als Mohr verkleide, obwohl der Bibeltext keinen Hinweis darauf gebe.

So könnte man sprechen, müsste aber zuvor auf ein höchst verbreitetes Argument eingehen, das bei Kristina Schröder auftaucht, wenn sie sagt: "Auch ohne böse Absicht können Worte Schaden anrichten." Damit ist gemeint, dass die – ob leichtfertige, ob spielerische – Verwendung des Wortes "Neger" den Samen des Rassismus sät, der, einmal in den Boden der kindlichen Seele gesenkt, böse Früchte trägt.

Das, mit Verlaub, ist ein naiver Gedanke. Er setzt eine Art Unschuld des Kindes voraus, die sich dadurch bewahren lasse, dass man es vor schädlichen Vokabeln schütze. Er übersieht den simplen Sachverhalt, dass keine Erziehungsidee jemals direkt zum Ziel gelangt ist (zum Glück), denn der Charakter eines Menschen entsteht dialektisch, über Figuren der Spiegelung, des Widerspruchs, der Überbietung. Sodass ein Kind, das von Beginn an gelernt hätte, wie böse es sei, "Neger" zu sagen, vielleicht irgendwann von der Lust ergriffen würde, es endlich zu sagen – und die verächtlichen Implikationen womöglich für wahr zu halten.

Glaubt im Ernst jemand, man erziehe Astrid-Lindgren-Leser zu Rassisten, wenn man den Text nicht reinige? Sollte man die pädagogische Energie nicht besser auf das Heer jener Illiteraten richten, die von Pippi Langstrumpf noch nie etwas gehört haben und trotzdem genau wissen, wer der Neger ist?

Was eigentlich sagen die jungen Leser selbst dazu?

Die ZEIT hat zwei Hamburger Schulklassen das Problem vorgelegt. Hier einige Antworten: "Früher dachten viele Deutsche, sie seien klüger als Menschen aus anderen Ländern. Sie fanden es lustig, sich zum Beispiel als Türken, Chinesen und Neger zu verkleiden. Meine Eltern kommen aus Spanien und der Türkei. Deshalb kann ich über so etwas nicht lachen."

Oder: "Wenn man jemanden Negerlein nennt, klingt das wie der Name für ein Haustier. Und das ist gemein! Wenn solche Wörter in Büchern vorkommen, muss man die Bücher ändern."

Schließlich: "Das Wort Negerkuss darf man heute nicht mehr sagen, das ist schwarzen Menschen gegenüber gemein. Deshalb sollte das Wort Neger auf keinen Fall in einer Geschichte vorkommen." So oder ähnlich lauteten die allermeisten Antworten.

Was folgt daraus? Wenn das Ergebnis repräsentativ ist (was wir nicht wissen), so ist es höchst ermutigend. Es bedeutet nämlich, dass Kinder, die eine gewisse Lesepraxis haben, in Sachen Wortwahl sehr empfindlich sind, sodass also die Furcht, sie würden durch ehemals harmlose und heute kränkende Vokabeln auf Abwege geführt, unbegründet ist. Diese Kinder müssten dann nur noch ihre Erfahrungen mit der Geschichtlichkeit von Texten sammeln, damit sie einsähen, wie wenig rückwirkendes Umschreiben hilft.

Die Annahme einer harmlosen Kinderseele, die vor schlimmen Wörtern zu bewahren sei, führt in die Irre. Vermutlich ist die gegenteilige Annahme richtig: dass die kindliche Seele keineswegs rein und unschuldig ist, sondern von früh an gesättigt mit Aggressivität – ein Wort, das man nur mit Vitalität übersetzen muss, um es weniger schrecklich zu finden. Der Aggressionstrieb findet etwa in den Märchen der Brüder Grimm das Feld, auf dem er sich unschädlich austoben darf. Die Märchen verstoßen gegen alle Regeln politischer Korrektheit. Es herrschen dort Mord und Totschlag, Mütter werden verbrannt und Söhne umgebracht. Das muss niemanden erschrecken, denn derlei ereignet sich im Kopf, passiert aber nicht wirklich.

Wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Und wenn nicht, würde es nicht helfen, die Märchen umzuschreiben. Wie überhaupt das Fälschen noch nie geholfen hat.

Mitarbeit: Catalina Schröder, Kilian Trotier