Kinderbücher : Falscher Freigeist

Warum man gegen Zensur, aber für sensiblen Sprachgebrauch eintreten muss.

Eine Welt, die fortlaufend sprachlich so zu bereinigen wäre, dass sie unserem jeweils aktuellen Moralempfinden entspräche, wäre steril und verlöre den größten Teil ihres kulturellen Erbes. Sie wäre auch borniert, nämlich vorsätzlich geschichtsvergessen, weil sie die Vergangenheit nur am Maßstab der Gegenwart beurteilte. Man sollte den Menschen zutrauen, dass sie zu unterscheiden verstehen zwischen einem Ausdruck in einem vor langer Zeit geschriebenen Buch und einem heute ausgesprochenen Wort.

Das gilt auch für Kinder. Pädagogisch sinnvoller, als Astrid Lindgren umzuschreiben, ist ein Gespräch mit dem lesenden Kind über jene Wörter, über die es möglicherweise stolpert. Wie überhaupt Lektüre dort am fruchtbarsten ist, wo man viel stolpert – und dann darüber nachdenkt.

Leider allerdings dient die Diskussion über den Umgang mit Kinderliteratur manchen Leuten als Ventil, Luft abzulassen. Und zwar eine giftige Luft, die sich offenbar lange angestaut hat.

Man hört es in Gesprächen in U-Bahnen und Restaurants. Man sieht es in Leserbriefen und Interneteinträgen: Da geht es dann nicht mehr um Astrid Lindgren oder Otfried Preußler, sondern um das generelle Recht, das Wort Neger zu gebrauchen. Von Sprachpolizei ist die Rede, als würden Minderheitslobbyisten der deutschen Sprechergemeinschaft das Vokabular entziehen.

Es gibt längst wieder einen bürgerlichen Stammtisch, an dem sich Leute als Freigeister gerieren, indem sie unschuldig-provokant fragen: "Was ist denn gegen das Wort Neger zu sagen? Es kommt aus dem Lateinischen und bedeutet nichts anderes als schwarz. Warum also soll ich nicht Neger sagen? Ich habe ja gar nichts gegen Neger!"

Und dann schauen sie mit stolzgeschwellter Brust in die Runde, ob auch alle den Mut für diese Unerschrockenheit angemessen gewürdigt haben.

Diese Leute reden, als hingen ihre Freiheit und Autonomie davon ab, sich bestimmte Wörter, die geschichtlich belastet sind, nicht verbieten zu lassen. Und sie fügen dann gerne hinzu: Gefährlich seien nicht Worte, sondern Taten. Allerdings sind schon manche Taten durch Worte angekündigt worden. Und jeder weiß, dass Worte verletzen können.

Das Verletzungspotenzial aber hat in erster Linie etwas mit der Intention des Sprechers zu tun, nicht mit dem inkriminierten Wort selbst. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch, sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Wenn ich im Jahr 2013 das Wort Neger gebrauche, dann geschieht das im Bewusstsein seiner Geschichte. Ich gebrauche es also trotz seiner Problematik, ich gebrauche es demonstrativ, um der Welt zu verstehen zu geben, dass ich kein Weichei bin, das nach der Pfeife hysterischer Minderheiten tanzt. Ich gebrauche es, weil ich ausdrücklich keine Rücksicht darauf nehme, dass es in diesem Land inzwischen viele Menschen gibt, die bei diesem Wort wegen seiner in ihm geronnenen Erfahrungsgeschichte innerlich zusammenzucken.

Der Gebrauch des Wortes Neger hat mithin heute eine ganz andere Verletzungsintention als vor 70 Jahren, als Astrid Lindgren sich seiner bediente. Sie verwendete das Wort lediglich, um eine geheimnisvolle, exotische Ferne zu evozieren.

Man kann also sehr wohl den Originaltext von Pippi Langstrumpf unproblematisch finden und gleichzeitig für die Tugend eines rücksichtsvollen Sprachgebrauchs in der Gegenwart werben.

Diejenigen, die heute das Wort Neger verwenden, und zwar nicht nur beim Vorlesen, wollen ihr Mütchen kühlen. Sie wollen verletzen, zumindest wollen sie provozieren. Sie folgen dem Freiheitsverständnis eines Thilo Sarrazin: Solange ich kein Gesetz breche, muss ich frei sein, auf die Empfindlichkeiten anderer, namentlich solcher mit anderer Herkunft, nicht Rücksicht nehmen zu müssen. Nur keine falsche Humanitätsduselei!

Sarrazin nannte das in Bezug auf seine Formulierung von den Kopftuchmädchen "negative Emotionalität, zu der ich auch stehe".

Bei allen Fragen des sprachlichen Ausdrucks geht es um Identität. Um Identität, weil man sich von etwas, das zur eigenen Vergangenheit gehört, und sei es nur das Wort Neger, ungern trennt. Und es geht um Stolz. Den Stolz, sich nicht durch Worte geschmäht zu sehen, und den Stolz, sich nicht in die eigene Wortwahl hineinregieren zu lassen.

"Die Sprache ist das Haus des Seins", hat der Philosoph Martin Heidegger geschrieben. All den Stammtisch-Heideggerianern sei deshalb gesagt: Ja, die Sprache ist etwas Gewachsenes, in dem unser Ich Heimat findet. Aber auch das Haus des Seins wird immer wieder einmal neu tapeziert.

Anzeige

Kultur-Newsletter

Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail.

Hier anmelden

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Volle Zustimmung

"Am besten fangen wir an, alle politisch inkorrekten Kulturgüter umzuschreiben, wir fangen bei Pipi Langstrumpf an, wg. dem Begriff Neger und Enden am Besten bei der Bibel, wg. Sexsismus und Diskrieminierung von Homosexuellen. Auch Thomas Manns Werke sollten umgeschrieben werden, Schiller sollte auch nicht vergessen werden! Und auf keinen Fall sollten wir Aldous Huxley dystopischer Roman "Brave New World" vergessen. Immerhin werden hier die amerikanischen Ureinwohner als Wilde bezeichnet! Und die ganzen Geschichtsbücher die das Nazideutschland thematisieren sollten auch schleunigst weggestrichen werden, immerhin werden hier die Ideologien gegen bösen bösen Juden und Anderstdenkenden thematisiert!"

Nun stelle man sich mal vor, man würde aus Hitlers >Mein Kampf< sämtliche Stellen streichen, die rassistisch, antisemitisch, antidemokratisch und und und wären.

Was käme dabei raus? Jedenfalls sehr viel Mehrarbeit für eine neue fleißige Historikergeneration. "Der Hitler war ja gar kein Antisemit; man stelle sich das mal vor, wie die sich da jahrzehntelang geirrt haben!"

Unfassbar der Schmonzes von wegen Wortzensur, ich gebe Ihnen da völlig recht. Mit den Mitteln der Gegenwart die Vergangenheit ändern, hieße, die Vergangenheit bewusst zu verfälschen, sie dadurch vergessen zu machen und damit auch den Weg in die Zukunft zu verbauen. Aber einige möchtens scheinbar so haben. Ich erschrecke vor soviel Unüberlegtheit....