Geschenk annehmen - ja, nein?

Die Frage: »Andere Männer bringen ihren Frauen auch mal Pralinen oder Blumen mit.« – »Ich bin aber kein anderer Mann, ich bin dein Mann. Ich will die Kinderarbeit in der Kakaoernte so wenig unterstützen wie die Zustände in den Gewächshäusern.« Maria und Werner haben sich in zwölf Ehejahren über solche Fragen gestritten, ohne sich je einig zu werden. Werner tröstete sich mit einer Kollegin, Maria ließ sich scheiden. Die Trennung verlief friedlich.

Jetzt taucht Werner an einem Datum auf, das Maria fast vergessen hat. Er bringt Pralinen zum Hochzeitstag. Maria ist verwirrt. »Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals von dir Pralinen bekomme!« Sie fragt sich, was sie von der Aktion zu halten hat und ob sie die Pralinen nicht lieber weiterschenken soll.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Maria sollte die Pralinen mit gutem Gewissen in Besitz nehmen und Werner wieder ziehen lassen. Sie zeigen, dass ihr Exmann aus dem jetzt sicheren Abstand mehr Verständnis für ihre Bedürfnisse hat als während der Ehe. Es fällt Frauen oft schwerer als Männern, mit dem Packpapier auch die an so manchem Geschenk haftenden Ansprüche und Schuldgefühle zu entsorgen.

Werner hat aus den Erfahrungen, die er in der Zwischenzeit sammeln konnte, den Eindruck gewonnen, dass die Ehe mit Maria eine gute Sache war. So kann er jetzt an sie denken und weniger an Kinderarbeit in den Kakaoplantagen. Die verlorene Partnerin entfaltet mehr Macht als die anwesende. Das klingt befremdlich, ist aber gar nicht so selten.