MaliAl-Kaida im Nachbarhaus

Paris bombardiert Islamisten in Mali: Das ist kein französischer Krieg, sondern auch unserer. von 

Bloß nicht. Und wenn doch, dann nicht mit uns! Deutschland hat (in etwas diplomatischerer Sprache) auf Frankreichs Militärintervention in Mali reagiert wie auf eine ungebührliche Störung der Sitzungsordnung. Dabei war der Krieg in Mali nie eine Frage des Ob, sondern des Wann. Das war allen politischen Akteuren klar – auch der Bundesregierung. Das Wann war sogar datiert: Bis September 2013, so sahen es die Planungen von UN, EU und der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS vor, sollte die malische Armee samt westafrikanischer Verstärkung so weit aufgestellt sein, dass sie einem Verbund von Al-Kaida-nahen Islamisten den Norden des Landes wieder abtrotzen konnte. Nur manchmal hält sich die Realität eben nicht ans Drehbuch. Vergangene Woche wagten Malis Islamisten eine Offensive auf zwei Städte im Süden, darunter das strategisch wichtige Mopti. Hätte man sie gewähren lassen, wäre Mali jetzt wohl ein hoffnungsloser Fall. Trotzdem spendete Berlin zum Auftakt der französischen Intervention eher widerwillig Zuspruch und stellte logistische Hilfe in Aussicht.

Deutschland hat inzwischen fast zwanzig Jahre Erfahrung mit out of area-Einsätzen der Bundeswehr, es schickt Militärbeobachter und Aufbauexperten in fast alle Konfliktgebiete der Welt. Aber wenn es um die öffentliche Vermittlung der eigenen Politik in Krisenregionen geht, diktiert die Furcht vor der Überforderung der eigenen Öffentlichkeit die Rhetorik. Dabei unterfordern Politiker die eigenen Bürger womöglich – und ersparen sich eine ehrliche Debatte um die eigenen Interessen, die eigene Rolle in der Welt und die künftige Priorität ihrer Außenpolitik.

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Mali ist weder Frankreichs neokoloniale Obsession noch ein Land, das man unter der Rubrik »Afrikanische Kriege, Krisen, Katastrophen« aussortieren kann. Es ist Teil einer Region, in der demokratische Errungenschaften vergangener Jahre auf eine gewaltige Probe gestellt werden durch Korruption, Arbeitslosigkeit und wachsende religiöse Konflikte. Ob sich die betreffenden Länder stabilisieren oder Zonen der Unregierbarkeit produzieren, ist auch ein zentrales europäisches Problem. Da wäre es also angemessen, wenn einer lead nation wie Deutschland mehr einfiele als die reflexhafte Parole »Bloß keine Kampftruppen!«. Und: »Politische Lösungen sind besser als militärische.« Natürlich sind sie das. Und sie sind im Fall Malis keineswegs vom Tisch.

Soldaten

Frankreich will seine Bodentruppen in den folgenden Tagen auf 2.500 Mann aufstocken. Weitere 3.000 Soldaten sollen in Kürze aus dem Senegal, aus Niger, Nigeria, Burkina Faso, Togo und Benin eintreffen.

Drohnen

Großbritannien bietet Hilfe beim Transport von Truppen und Material an, die USA erwägen den Einsatz von Drohnen gegen Islamisten im Norden Malis, Deutschland will logistische und humanitäre Hilfe anbieten.

Das Land war vor bald einem Jahr in eine Abwärtsspirale geraten, ausgelöst durch eine fatale Mischung aus dem Verfall der Führungselite, von alten ethnischen Konflikten und einer – gelinde gesagt – ungünstigen geografischen Lage. Die äußeren Faktoren beschleunigten den inneren Kollaps. Da war zunächst der Libyen-Krieg, der erstens eine Welle schwerer Waffen und zweitens militärisch gut ausgebildete Tuareg aus dem libyschen Bürgerkrieg zurück nach Mali trieb. Dort setzten sie sich im Frühjahr 2012 an die Spitze eines ohnehin schwelenden Aufstands, überrollten die desolate malische Armee und riefen im Norden einen unabhängigen Staat aus.

Da waren islamistische Milizen, teils Einheimische, teils übrig gebliebene Trupps aus dem algerischen Bürgerkrieg, die, ausgestattet mit besseren Waffen, den Tuareg ihren säkularen Möchtegernstaat abjagten und die Scharia ausriefen. Gleichzeitig fielen in der Hauptstadt Bamako nach einem Putsch Staat und Regierung in sich zusammen. Für viele internationale Geberländer kam das völlig überraschend, galt Mali doch als demokratisches Erfolgsmodell, das seinen politischen Frühling schon in den achtziger Jahren erlebt hatte. Die Malier selbst wunderten sich allerdings überhaupt nicht über den politischen Scherbenhaufen, vor dem sie plötzlich standen. Sie wussten um die grassierende Korruption und blieben den Wahlen zunehmend fern. Militante Islamisten profitieren von der staatlichen Selbstzerstörung. Die politische Lähmung in Bamako ließ ihnen alle Zeit der Welt, im Norden des Landes eine brutale Form der Scharia einzuführen, Musik, Fußball und sufistische Zeremonien zu verbieten, Jugendliche zwangsweise zu rekrutieren – und gleichzeitig die Ärmsten unter den Armen mit Geld und billigen Nahrungsmitteln zu umgarnen.

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