MartensteinÜber seinen Austritt aus der EU

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Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Demnächst sollen in der EU die Mentholzigaretten verboten werden, wie Helmut Schmidt sie raucht. Sind Mentholzigaretten schädlicher als Zigaretten ohne Menthol? Nein. Außerdem will die EU alle Zigaretten verbieten, die einen Durchmesser von weniger als 7,5 Millimetern besitzen. Und auf allen Päckchen werden Horrorbilder von kranken Menschen zu sehen sein. Die Begründung lässt sich in folgendem Satz zusammenfassen: Rauchen ist unvernünftig.

Meiner Ansicht nach steckt hinter solchen Maßnahmen ein neues Verständnis vom Staat und seinen Aufgaben. Der Staat ist ein Erzieher. Er soll nicht nur das Zusammenleben regeln, nein, er vertritt eine Idee vom richtigen Leben. Bisher war so was eher die Spezialität von Diktaturen. Dass Zigaretten nicht insgesamt verboten werden, hängt damit zusammen, dass der Staat die Steuereinnahmen natürlich behalten möchte. Erzieher sind oft ein bisschen inkonsequent, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Wir haben unserem Kind zum Beispiel manchmal einen Schnuller gegeben, obwohl es nicht gut ist für die Zähne. Wir wollten einfach unsere Ruhe haben. Die Zähne des Kindes waren dann übrigens trotzdem ganz hübsch.

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Ich trete hiermit aus der EU aus. Ich will das nicht mehr. Diese Leute, die mir ständig Vorschriften machen, kann ich ja nicht mal abwählen. Ich möchte auch in Zukunft die Freiheit besitzen, nachts im Wald spazieren zu gehen, obwohl das gefährlich sein kann. Ich will auch in Zukunft Wollsocken ohne rutschfeste Noppen tragen dürfen. Ich will weit aufs Meer hinausschwimmen, wenn ich Lust dazu habe. Ich fordere die Freiheit, drei Nächte hintereinander durchzumachen, jawohl, ich will tanzen, egal, was mein Kreislauf dazu sagt. Ich bin gegen die Holzspielzeugquote in Kindergärten, die vom Spiegel als nächste mögliche Maßnahme der EU ins Gespräch gebracht wurde. Ich will Fett essen und Zucker, so viel ich will. Ich will, wenn niemand in der Nähe ist, stundenlang schreien dürfen, so lange, bis meine Stimmbänder reißen. Ich will nicht, dass die verfluchte EU morgen den Riesling verbietet, und nur der Müller-Thurgau bleibt erlaubt. Ich will Kaffee trinken, morgens, mittags, und abends dann Tee. Ich will, falls ich morgen so drauf bin, mich von meiner Partnerin auspeitschen lassen, oder sie hängt mich an den Zehen auf. Es sind meine Fußzehen, die gehen die EU einen Dreck an. Ich will leben, und zwar so, wie ich will und kann, verdammt noch mal. Wenn ich euch belästige, dann nehme ich Rücksicht. Der Rest ist meine Sache.

Ach so, ihr fragt nach den Kosten? Ihr sagt, ihr wollt nicht bezahlen für die Krankheiten, die ich mir in Ausübung meiner Freiheit eventuell zuziehe? Fragt ihr das bei den Armen eigentlich auch, ob sie aus eigenem Verschulden Hartz IV beantragen müssen, ob sie vielleicht unvernünftig waren? Aber seid beruhigt, je früher einer stirbt, desto billiger wird es für die Allgemeinheit. Freiheit ist billig, teuer sind die Hundertjährigen.

Übrigens, wenn Sie Ihr Geld fürs Alter sicher und vernünftig investieren möchten, hätte ich einen Tipp: Suchen Sie sich eine Firma aus, die Überstülp-Boxen für Zigarettenschachteln herstellt, oder Lederhüllen, oder die guten alten Zigarettenetuis. In Australien haben sie kürzlich die Horrorpackungen für Zigaretten eingeführt, seitdem boomt diese Branche. Man kann sich über die Horrorpackung ganz einfach eine Box mit dem alten Marlboro-Cover drüberstülpen, fertig. Und für Helmut Schmidt schmuggele ich gerne persönlich illegale Mentholzigaretten über die Schweizer Grenze.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Ganz nach Westernhagen:
    ...
    http://www.youtube.com/watch?v=OTjBlbk_y0c

    Alle, die von Freiheit traeumen,
    Sollen's Feiern nicht versaeumen,
    sollen tanzen auch auf Graebern.

    Freiheit, Freiheit,
    Ist das einzige, was zaehlt.
    Freiheit, Freiheit,
    Ist das einzige, was zaehlt.

    4 Leserempfehlungen
  2. Dann erkläre ich meinen Austritt hiermit. Keine Kohle mehr für Pleite-Preußen.

    4 Leserempfehlungen
  3. wehren sollen Sie sich!

    3 Leserempfehlungen
  4. ...diese neumodische EU-Bevormundung. Demnächst wird es wohl auch keine silber- oder schwarzlackierten Autos mehr geben, sondern nur noch welche mit Bildern von Unfallopfern und Grabsteinen auf der Motorhaube. Angesichts des EU-Wahnsinns muss man sich um die Zukunft des bürgerlichen Freiheitsverständnisses wirklich Sorgen machen. Einstweilen bin ich aber noch ganz froh, dass ich meine tägliche Morgenzigarette genauso ungestört genießen kann wie meinen donnestäglichen Martenstein - beides feste Rituale in meinem Leben.

    11 Leserempfehlungen
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    • Qwirkle
    • 19. Januar 2013 16:09 Uhr

    Ich verstehe auch nicht, dass sich nicht mehr Leute darüber aufregen. Mich betrifft dieses Gesetz auch in keiner Weise, aber die Entwicklung finde ich auch sehr alarmierend.

    In dem Roman "Die Brücke über die Drina" gibt es eine schöne Stelle, bei der sich die Einwohner des Städtchens darüber aufregen, dass unter der österreichischen Besatzung jedes Haus eine Hausnummer haben muss. Und schimpfen, dass sich der Staat in solch private Bereiche nicht einmischen soll. Tja, wenn die wüssten was noch alles kommt....

  5. ... vielen Dank für diesen Artikel. Ein solches Anschreiben gegen die Einschränkungen von Freiheiten in der EU wünsche ich mir auch endlich mal von den Politik-Ressorts.

    8 Leserempfehlungen
  6. Eine Leserempfehlung
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    Vielen, vielen Dank für den Link!

    Wenn man sich doch manchmal nicht so ausgeliefert fühlen könnte.

    • bigbull
    • 18. Januar 2013 17:19 Uhr

    Herr Martenstein,sie können noch tausende Artikel in ihrer
    köstlichen Schreibe veröffentlichen, gegen diesen Apparat der EU-
    Verwaltung haben sie jedoch keine Chance.

    In der Zukunft nur noch Socken mit Noppen.

    Eine Leserempfehlung
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    "..... steckt hinter solchen Maßnahmen ein neues Verständnis vom Staat und seinen Aufgaben. "

    Wieso ist hier so wenig los?
    Eigentlich müßte man ja laut schreien.
    Oder auf die Straße gehen.

    Warum werden diese Themen wie hier von Herr Martenstein nur mit übergezogener Narrenkappe angesprochen?

    Ja, warum wohl ist hier nicht mehr los; schauen alle Anderen "Wetten daß"? Vielleicht auch irgendeine ablenkungsgeeignete Sportveranstaltung?

  7. "..... steckt hinter solchen Maßnahmen ein neues Verständnis vom Staat und seinen Aufgaben. "

    Wieso ist hier so wenig los?
    Eigentlich müßte man ja laut schreien.
    Oder auf die Straße gehen.

    Warum werden diese Themen wie hier von Herr Martenstein nur mit übergezogener Narrenkappe angesprochen?

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Null Chance"
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    dass man sowas wenigstens noch mit übergezogener Narrenkappe sagen darf.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

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