Nordic SkatingSo weit die Kufen tragen

Nordic Skating ist in Schweden Volkssport. Wer es mit Schlittschuhlaufen verwechselt, liegt schnell auf der Nase. von Andrea Jeska

Als ich das zweite Mal mit der Kufe in eine Eisspalte gerate und eine Sekunde später lang hinschlage, kommt mir ein Poesiealbum-Spruch in den Sinn: »Glattes Eis / ein Paradies / für den, der gut zu tanzen weiß.« Später ordnet Google den Spruch Nietzsche zu.

Dabei habe ich nicht einmal getanzt, lediglich zu gleiten versucht: auf langen Kufen und über eine Oberfläche, die mal glatt wie Seide ist und dann unter den Füßen wegbricht wie krümelige Kekse, eine Oberfläche, die Risse hat und Höcker aus Eis wie großzügig verteilte Sahnetupfer. Es ist nicht das letzte Mal, dass ich flach liege, nach Luft ringe, wieder aufstehe, mit beschädigter Würde und schmerzenden Knochen. Und auf die besorgten Nachfragen meiner Mitfahrer antworte, nein, nein, es hat überhaupt nicht wehgetan. Tröstlich, dass ich nicht die Einzige bin, die aus dem Rhythmus und der Balance gerät, wenn sich plötzlich die Eisoberfläche ändert, Brüche und Löcher sich auftun. Auch John – sprich: Joon – Savelia, unter dessen Regie meine 16-jährige Tochter und ich über den Vänersee in Schwedens Provinz Värmland fahren, haut es ab und an von den Kufen.

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Dabei hat John ein Gespür für Eis wie Fräulein Smilla eines für Schnee. Ich kann dickes und dünnes Eis unterscheiden, glattes und raues. John – und mit ihm wohl Tausende Schweden, die jeden Winter eine Sportart namens Nordic Skating, Langstreckeneislauf, betreiben – kennt ein paar Dutzend Sorten Eis. Weißes Eis. Schwarzes Eis. Eis, das aussieht wie gläserne Rhomben. Eis, so blank wie ein Spiegel. Eis, das taut, wieder gefriert, taut, gefriert, so lange, bis Schicht über Schicht einen Eisbaumkuchen ergibt. Eis, das bricht, eine Spalte bildet, über die sich eine tückisch neue Oberfläche legt. Krick, krick, krick macht das, wenn man darüberfährt, Wasser umspült die Kufen, man sieht sich schon versinken im eisigen See. Es dauert, bis man darauf vertraut, dass unter einer schwedischen Eisschicht immer noch ein paar schwedische Eisschichten folgen.

Wo genau wir laufen würden, stand bis kurz vor unserer Ankunft nicht fest. In Schwedens Süden taute es, im Norden schneite es. John, der eine Agentur für Abenteuerreisen betreibt, hatte geschrieben, wir würden jeden Tag neu entscheiden. Als wir in Göteborg von der Fähre kamen, dirigierte er uns telefonisch 280 Kilometer nordwärts, nach Karlstad am oberen Ende des Vänersees. Auf den Flüssen und Seen, die wir unterwegs sahen, gab es keine Spur von Eis, ganz Schweden taute, leckte, floss, und gleich nach der Begrüßung fragte ich John, ob er sich seiner Sache sicher sei. Unmöglich könne es einen See mit einer festen Eisschicht geben. John lächelte.

Zur Eingewöhnung schlug er einen kleinen See in der Nähe vor. Es war schon früher Nachmittag, als wir ankamen. Aus einer Ikea-Tasche holte John die Ausrüstung: Schuhe, so hart wie Skistiefel, und Kufen an einer Bindung. Die Kufen waren lang, viel länger als normale Schlittschuhkufen. Dann einen Rucksack für den wasserfesten Sack mit Extraklamotten, Handtuch und Thermoskanne. Am Rucksack befestigt waren kleine Eispickel und eine Leine. Die Leine, falls jemand anders reinfällt. Die Pickel, falls man selbst reinfällt und sich wieder auf die Eisoberfläche ziehen muss. »Aber das passiert nicht, oder?«, fragte ich leicht panisch. »Doch«, sagte John. »Ist aber nicht schlimm. Man ist schnell wieder raus. Und meistens falle ich rein, weil ich vorfahre.« – »He, ho, let us go«, sagte meine Tochter, als sie meinen Gesichtsausdruck sah.

Ich bin an einem See aufgewachsen, zu einer Zeit, als die Winter noch kalt waren und das Wasser jedes Jahr gefror. Zumindest in meiner Erinnerung. Auf diesem See lief ich Schlittschuh, an jedem Tag, an dem das Eis trug. Immer hatte ich kalte Füße und Blasen, war am Abend durchgefroren und ging doch erst nach Hause, wenn das letzte Licht fort war. Ich konnte Pirouetten drehen und rückwärts Achten laufen. Ich konnte ein Bein nach hinten strecken und dahingleiten. Ich hatte gedacht, Nordic Skating wäre für mich ein Kinderspiel.

Dass mein Körper in den dreieinhalb Jahrzehnten, seit ich die Königin des Wintersees war, vergessen hat, wie man Pirouetten dreht und Achten fährt, merke ich schon, als ich mich bücke, um die langen Kufen an meinen Schuhen zu befestigen. Beim ersten Schlittschuh fällt es leicht, beim zweiten habe ich Probleme, die Balance auf einem Bein zu halten. Meine Tochter, dünne, biegsame 16 Jahre alt, ist schon fertig und stakst die ersten Schritte hinaus aufs Eis, gleitet, gewinnt Tempo. Nebel liegt über dem See und verschluckt das Ufer, das Kind singt Deep Purples Smoke on the water. Am Horizont kriecht schwedische Dunkelheit in den grauen Nachmittag, und auf dem Eis blinken Wasserpfützen. John gleitet mit der Eleganz einer Ballerina über den See, ganz mühelos. Er stößt sich mit den Kufen zur Seite ab, streckt das eine Bein, gleitet lange, dann stößt er sich mit dem anderen Bein ab, gleitet, und während ich fasziniert seine Technik beobachte, wechselt das Eis von glatt zu rubbelig, und ich wechsle von der vertikalen in die horizontale Position. Autsch.

Die langen Kufen haben den Vorteil, dass man mit Tempo laufen kann. Und den Nachteil, dass sie irgendwie immer zu lang sind, es schwer ist, sie gerade zu halten. Das Laufen mit dem Rucksack ist auch ungewohnt, die Stöcke, die John uns Anfängern zur Unterstützung gegeben hat, sind im Weg. Nordic Skating kostet Kraft, viel, viel mehr als Schlittschuhlaufen. Zwischendurch unterweist uns John in der Kunst des Eislesens: Je dunkler das Eis, desto dünner. Weißes Eis ist fester. Eis mit einer Schneeschicht macht das Gleiten zäh.

Als die Sonne fort ist und die angetaute Oberfläche wieder gefriert, wird das Fahren noch schwieriger, zittern die Muskeln, wie durch Gummi schieben sich die Kufen. Nach zweieinhalb Stunden bin ich am Ende, nass geschwitzt und der festen Überzeugung, zu alt für diesen Sport zu sein. 

Am anderen Tag schlägt John den Vänersee als Ziel vor. Er erzählt, dass sich Schwedens Skater im Internet austauschen über Routen, Eisbedingungen, Oberflächen. Der Vänersee, so heißt es dort, biete festes Eis. Es ist Schwedens größter, Europas drittgrößter See – und bis zu 107 Meter tief. Zu tief, um sich wirklich gut zu fühlen, denke ich. Mein Herz rast, als wir uns vom Ufer entfernen und über spiegelglattes Eis fahren, das so frisch gefroren ist, dass es unter unseren Kufen kracht, Wasser hochkommt und ich nicht aufhöre zu denken: Okay, jetzt brichst du ein.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Doch nichts passiert, und bald ist alle Angst verflogen. Die Kufen schnurren wie Kätzchen, das Eis sieht aus wie aus vielen faustgroßen Diamanten zusammengesetzt. Wir fahren zur Seemitte, lassen baumbestandene Ufer und rote Sommerhäuschen hinter uns, Kilometer um Kilometer. Noch nie bin ich so lange an einem Stück gefahren. Viele Schlittschuhlaufstunden entfernt geht die endlose Eisfläche in den Horizont über. Endlich habe ich den Bogen raus, gleite auf dem linken, auf dem rechten Bein dahin. Die Sonne kommt hervor, das Eis funkelt, der See fliegt dem Himmel entgegen und ich auch. Ich bin wieder zehn Jahre alt, ich bin frei, ich bin leicht. Ich jage über die Oberfläche, schneller, schneller. Abrupt stoppt John vor mir, ich drehe ab. Gerade rechtzeitig, um nicht in eine drei Meter breite Eisspalte zu brettern. John sucht nach einer Stelle, wo wir sie überqueren können, aber am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als ein Stück am Ufer entlangzulaufen.

Noch so manche Eisspalte zwingt uns zu Umwegen. Allein Johns GPS behält die Orientierung, als wir Bucht um Bucht durchgleiten, Inseln aus Birken, Moos und Felsen umkreisen. Wir sausen an Eisanglern vorbei, an Möwen, die bewegungslos auf Beute warten. John fällt, ich falle, das Kind fällt. Niemand bricht ein, wir bekommen Gesellschaft von anderen Skatern, die sich erleichtert Johns Führung anvertrauen. Jedes Jahr sterben Skater, weil sie sich alleine aufs Eis wagen, erzählt John. Unsere Mitfahrer verteilen zum Mittag selbst gebackene Zimtschnecken, so etwas wie die schwedische Nationalspeise. Irgendwann am Nachmittag sind wir so weit in Richtung Seemitte gefahren, dass wir am offenen Wasser stehen. Wellen strömen unter die Eisfläche und heben und senken sie. Das Eis kracht und rülpst, furzt und donnert, jault und stöhnt.

Information

Naturguiden bietet Touren für Gruppen an, über das Ziel wird individuell entschieden, je nach Wetter- und Eislage. Vier Tage ab 660 Euro pro Person, 0046-13/141136.

Der dritte Tag ist der härteste. Die Temperaturen sinken unter null, die Eisoberfläche ist fest, die Sonne gibt ihr Bestes. Die Leichtigkeit vom Vortag aber stellt sich nicht wieder ein. Die Beine wackeln, die Füße knicken nach innen, nach außen, die Schultern schmerzen. Selbst meine Tochter klagt über Muskelkater. Nur John zeigt keine Müdigkeit. Er erzählt, dass seine Gäste hauptsächlich Holländer sind, erfahrene Langstreckenskater, die zweimal die Woche trainieren und 50 bis 100 Kilometer am Tag laufen. Wir schaffen mal gerade 25 Kilometer. Links, rechts, links, rechts. Durchhalten! Dann, als habe der Körper begriffen, dass er keine Wahl hat, wird es besser. Der Kopf ist leer, das Gleiten wie Meditieren. Bald fahren wir nicht mehr in Johns Spuren, sondern suchen uns unseren eigenen Weg über das Eis. Jeder allein mit sich und der grandiosen Weite. Am Ufer leuchtet Sonne auf varmländische Wälder, dass es schon fast kitschig ist. Durch das Singen meiner Kufen höre ich plötzlich das Kind: »Ice, Ice, Baby«. Ich drehe mich um und sehe sie tanzen. Glattes Eis, ein Paradies...

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Leserkommentare
    • Ymir
    • 30. Januar 2013 14:35 Uhr

    ...bedarf es keiner weiteren Bilder. Die entstehen beim Lesen im Kopf und machen sofort Lust, dies wirklich selbst mal wieder vor Ort auszuprobieren. Klasse! Kompliment! So textet man Erlebtes, dass es fast schon zur Reiseliteratur gerechnet werden muss.

    Eine Leserempfehlung

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