Nordic SkatingSo weit die Kufen tragen
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 Bald ist alle Angst verflogen

Die langen Kufen haben den Vorteil, dass man mit Tempo laufen kann. Und den Nachteil, dass sie irgendwie immer zu lang sind, es schwer ist, sie gerade zu halten. Das Laufen mit dem Rucksack ist auch ungewohnt, die Stöcke, die John uns Anfängern zur Unterstützung gegeben hat, sind im Weg. Nordic Skating kostet Kraft, viel, viel mehr als Schlittschuhlaufen. Zwischendurch unterweist uns John in der Kunst des Eislesens: Je dunkler das Eis, desto dünner. Weißes Eis ist fester. Eis mit einer Schneeschicht macht das Gleiten zäh.

Als die Sonne fort ist und die angetaute Oberfläche wieder gefriert, wird das Fahren noch schwieriger, zittern die Muskeln, wie durch Gummi schieben sich die Kufen. Nach zweieinhalb Stunden bin ich am Ende, nass geschwitzt und der festen Überzeugung, zu alt für diesen Sport zu sein. 

Am anderen Tag schlägt John den Vänersee als Ziel vor. Er erzählt, dass sich Schwedens Skater im Internet austauschen über Routen, Eisbedingungen, Oberflächen. Der Vänersee, so heißt es dort, biete festes Eis. Es ist Schwedens größter, Europas drittgrößter See – und bis zu 107 Meter tief. Zu tief, um sich wirklich gut zu fühlen, denke ich. Mein Herz rast, als wir uns vom Ufer entfernen und über spiegelglattes Eis fahren, das so frisch gefroren ist, dass es unter unseren Kufen kracht, Wasser hochkommt und ich nicht aufhöre zu denken: Okay, jetzt brichst du ein.

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Doch nichts passiert, und bald ist alle Angst verflogen. Die Kufen schnurren wie Kätzchen, das Eis sieht aus wie aus vielen faustgroßen Diamanten zusammengesetzt. Wir fahren zur Seemitte, lassen baumbestandene Ufer und rote Sommerhäuschen hinter uns, Kilometer um Kilometer. Noch nie bin ich so lange an einem Stück gefahren. Viele Schlittschuhlaufstunden entfernt geht die endlose Eisfläche in den Horizont über. Endlich habe ich den Bogen raus, gleite auf dem linken, auf dem rechten Bein dahin. Die Sonne kommt hervor, das Eis funkelt, der See fliegt dem Himmel entgegen und ich auch. Ich bin wieder zehn Jahre alt, ich bin frei, ich bin leicht. Ich jage über die Oberfläche, schneller, schneller. Abrupt stoppt John vor mir, ich drehe ab. Gerade rechtzeitig, um nicht in eine drei Meter breite Eisspalte zu brettern. John sucht nach einer Stelle, wo wir sie überqueren können, aber am Ende bleibt uns nichts anderes übrig, als ein Stück am Ufer entlangzulaufen.

Noch so manche Eisspalte zwingt uns zu Umwegen. Allein Johns GPS behält die Orientierung, als wir Bucht um Bucht durchgleiten, Inseln aus Birken, Moos und Felsen umkreisen. Wir sausen an Eisanglern vorbei, an Möwen, die bewegungslos auf Beute warten. John fällt, ich falle, das Kind fällt. Niemand bricht ein, wir bekommen Gesellschaft von anderen Skatern, die sich erleichtert Johns Führung anvertrauen. Jedes Jahr sterben Skater, weil sie sich alleine aufs Eis wagen, erzählt John. Unsere Mitfahrer verteilen zum Mittag selbst gebackene Zimtschnecken, so etwas wie die schwedische Nationalspeise. Irgendwann am Nachmittag sind wir so weit in Richtung Seemitte gefahren, dass wir am offenen Wasser stehen. Wellen strömen unter die Eisfläche und heben und senken sie. Das Eis kracht und rülpst, furzt und donnert, jault und stöhnt.

Information

Naturguiden bietet Touren für Gruppen an, über das Ziel wird individuell entschieden, je nach Wetter- und Eislage. Vier Tage ab 660 Euro pro Person, 0046-13/141136.

Der dritte Tag ist der härteste. Die Temperaturen sinken unter null, die Eisoberfläche ist fest, die Sonne gibt ihr Bestes. Die Leichtigkeit vom Vortag aber stellt sich nicht wieder ein. Die Beine wackeln, die Füße knicken nach innen, nach außen, die Schultern schmerzen. Selbst meine Tochter klagt über Muskelkater. Nur John zeigt keine Müdigkeit. Er erzählt, dass seine Gäste hauptsächlich Holländer sind, erfahrene Langstreckenskater, die zweimal die Woche trainieren und 50 bis 100 Kilometer am Tag laufen. Wir schaffen mal gerade 25 Kilometer. Links, rechts, links, rechts. Durchhalten! Dann, als habe der Körper begriffen, dass er keine Wahl hat, wird es besser. Der Kopf ist leer, das Gleiten wie Meditieren. Bald fahren wir nicht mehr in Johns Spuren, sondern suchen uns unseren eigenen Weg über das Eis. Jeder allein mit sich und der grandiosen Weite. Am Ufer leuchtet Sonne auf varmländische Wälder, dass es schon fast kitschig ist. Durch das Singen meiner Kufen höre ich plötzlich das Kind: »Ice, Ice, Baby«. Ich drehe mich um und sehe sie tanzen. Glattes Eis, ein Paradies...

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Leserkommentare
    • Ymir
    • 30. Januar 2013 14:35 Uhr

    ...bedarf es keiner weiteren Bilder. Die entstehen beim Lesen im Kopf und machen sofort Lust, dies wirklich selbst mal wieder vor Ort auszuprobieren. Klasse! Kompliment! So textet man Erlebtes, dass es fast schon zur Reiseliteratur gerechnet werden muss.

    Eine Leserempfehlung

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