"Der Prinz von Homburg"Im Wind der Zeiten

Belcantist der Wahrheit: Das Staatstheater Mainz entdeckt Hans Werner Henzes Kleist-Oper "Der Prinz von Homburg" als kongeniales Meisterwerk. von Volker Hagedorn

Vom Balkon im dritten Stock einer römischen Wohnung habe Max Frisch, tobend vor Eifersucht, sogar Möbel geschleudert auf den Komponisten, den er bei Ingeborg Bachmann angetroffen und verjagt hatte, erzählt Michael Kerstan, der langjährige Assistent und Weggefährte von Hans Werner Henze. Tempi passati und doch so nah. Vor nicht einmal drei Monaten ist Henze gestorben, und irgendwie ist er noch da. Im Mainzer Opernhaus sitzt Kerstan und stimmt das Publikum auf den Prinzen von Homburg ein, entstanden Ende der fünfziger Jahre, eben in der Zeit, als die Dichterin dem Machomonster Max in die Hände fiel. Ehe dessen Dominanz sie bis zum Suizidversuch trieb, schrieb sie eines der besten Libretti, die es gibt.

Ob Henze daraus auch eine der besten Opern machte, darüber sind sich die Kritiker anhaltend uneinig, was 52 Jahre nach der Hamburger Uraufführung schon seltsam ist. Obwohl das Werk mit zwei Stunden und überschaubarem Personal nicht auf große Etats angewiesen ist, kommen eher mal die straussisch opulenten Bassariden auf den Spielplan und natürlich leichter Gewobenes wie seine Elegie für junge Liebende oder Der junge Lord. Wirkt hier immer noch das Verdikt des Robespierre Boulez, der 1967 die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte und den Prinzen von Homburg als Verdi-Aufguss abtat? Wohl kaum. Diese Oper nach Kleist ist ganz einfach nicht so leicht zu spielen.

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Nicht an Verdi, sondern an Strawinsky knüpft Henze an: verzwickte Rhythmen, metrische Wechsel, Klangfarben, die aus der Konstruktion entstehen, verbunden mit einem theatralischen Elan, den Strawinsky jedenfalls als Opernkomponist nie besaß. Vielleicht wurmte es Boulez auch, dass serielle Techniken zwar vorkommen – allerdings in der Musik fürs Militär. In der einzigen derzeit lieferbaren Aufnahme mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Wolfgang Sawallisch geht das alles in spätromantischem Nebel unter. Umso besser, dass die neue Mainzer Produktion für Wergo mitgeschnitten wird – denn Hermann Bäumer, seit zwei Jahren Generalmusikdirektor am Staatstheater Mainz, enthüllt ein Meisterwerk.

Weil das Staatsorchester Mainz, so gespannt wie präzise, mit den Sängern geradezu kammermusikalisch kooperiert, wird auch deutlich, was neben Othmar Schoeck in seiner Penthesilea nur Henze gelang: Die Musik bewegt sich auf der Höhe der Kleistschen Sprache, sie erfindet an ihr das Singen neu als einen Belcanto, der nichts verschönt, sondern die Wahrheit sucht. Dafür musste Ingeborg Bachmann erst einmal den Weg bahnen. »Streiche dümmlich im Homburg rum«, bekannte der Komponist, ehe er die Freundin überreden konnte. Kleists Drama war im »Dritten Reich« zum Heldenstück heruntergekommen. Bachmann nahm alles Säbelrasseln heraus und legte einen Träumer frei.

Friedrich von Homburg – den gab es, der Rest ist Dichtung – ignoriert 1675 im Kampf gegen die Schweden einen Befehl des Kurfürsten, führt gerade dadurch den legendären Sieg bei Fehrbellin mit herbei, wird aber wegen Insubordination zum Tode verurteilt. Die ihn liebende Prinzessin von Oranien kann den Kurfürsten gnädig stimmen, der verbindet seine Begnadigung aber mit Bedingungen, die den Prinzen zur Lüge zwängen. Als echter Idealist lehnt er natürlich ab. Dass er überlebt, ist, bei Kleist, ein fast irrealer Sieg der Empfindsamkeit über das Gesetz. Vielleicht hat Luchino Visconti gerade deswegen Henze dieses Sujet empfohlen, der im Prinzen von Homburg auch das eigene Outsidertum komponierte.

Der Prinz ist eine der anspruchsvollsten Titelpartien der jüngeren Operngeschichte, die es neben Reimanns Lear für Bariton gibt. Nicht nur der enorme Ambitus, auch die Vielschichtigkeit vom Schwärmen bis zur Attacke, von der Angstfantasie des offenen Grabes (das die Bachmann in ihrem um zwei Drittel gekürzten Text ganz real aushebt) bis zur verklärten Resignation mit Flöte und Bratsche reizen die Besten des Fachs, zuletzt etwa Christian Gerhaher in Wien. In Mainz schont auch Christian Miedl sein warmes Timbre nicht, verausgabt sich mitreißend, dicht gefolgt von Sopranistin Vida Mikneviciute als Natalie von Oranien mit lichtem Sopran.

Bühnenbildner Roland Aeschlimann stellt alle drei Akte in einen Raum abstrakt stürzender Linien. Man kann darin die Stilisierung eines in den brandenburgischen Sand gerammten Wappenadlerkopfs sehen, was bei aller Härte mehr Freiheit lässt als Christof Nels Regie. Der Verweis auf die Brutalität des Systems, der in Nels Don Carlos noch durch grauenhafte Schönheit bezwang, wird hier eher pflichtschuldig buchstabiert. Aus Gräben ragen bestiefelte Beine, der Lorbeerkranz hat Grabkranzgröße, der Kurfürst (Alexander Spemann mit gehärtetem Tenor) thront auf Menschenleibern und ist auf Natalie so scharf wie einst Max auf Ingeborg.

Henze hat ihn aber ambivalent vertont. Auch im Kurfürsten ist Empathie, nur kann sie nicht, wie beim Prinzen, die Rüstung schmelzen. Umgekehrt können Tränen bei Henze zu einer erstarrenden Schraffur im Orchester werden. Solchen musikalischen Mutationen geht Nel leider so wenig nach, wie er die Beziehungen der Figuren aus ihrer Symbolhaftigkeit entlässt. Und wenn nach dem irrealen Happy End doch schnell noch alle tot umfallen, macht es sich der Regisseur mit dieser wohlfeilen Desillusionierung ziemlich bequem. Umso mehr wächst die Musik, bis zuletzt in aller Stringenz und Genauigkeit realisiert, zum Raum der Individuen.

Das zu erleben macht den Abschied von Hans Werner Henze etwas leichter. Denn nun, da er als lebende Legende bei den Premieren seiner Opern fehlt und fehlen wird, stehen sie allein im Wind der Zeiten. Der Prinz von Homburg ist dafür wie geschaffen.

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    • Schlagworte Oper | Heinrich von Kleist | Drama
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