Ruandas Regierung steckt ihre Kritiker ins Gefängnis. Ugandas Regierung droht Bürgerrechtsaktivisten mit Verboten. Und Äthiopiens Regierung sperrt die Internetseiten von Oppositionsgruppen. Es sind solche Geschichten, mit denen die drei ostafrikanischen Länder in westlichen Medien auftauchen. Worüber jedoch so gut wie nie berichtet wird, sind drei erstaunliche Zahlen: 8,1 Prozent. 7,4 Prozent. 9,7 Prozent. Das sind die durchschnittlichen Wachstumsraten Ruandas, Ugandas und Äthiopiens in den vergangenen fünf Jahren. Sie liegen deutlich über 4,6 Prozent, dem Durchschnitt für das subsaharische Afrika.

Geprägt haben die drei Länder drei starke Männer: In Ruanda regiert Paul Kagame, in Uganda Yoweri Museveni. In Äthiopien herrschte bis zu seinem Tod im vergangenen August Meles Zenawi. Autoritäre Herrschaft und astronomisches Wirtschaftswachstum – wie passt das zusammen?

Nur schwer. Jahrzehntelang waren in Afrika Diktatur und Misswirtschaft synonym. Idi Amin etwa ließ mehr als 300.000 Ugander foltern und töten. Gleichzeitig sank das durchschnittliche Einkommen um 20 Prozent. Als Amins neunjährige Herrschaft 1979 zu Ende ging, waren die Märkte leer und das Benzin knapp. Ähnliche Geschichten lassen sich erzählen über Mobutu Sese Seko im Kongo, über Jean-Bedel Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik, über Charles Taylor in Liberia.

Für westliche Entwicklungsexperten ergab das ein eindeutiges Bild. Der Zusammenhang zwischen Regierungsform und Wirtschaftswachstum in Afrika sei »kristallklar«, schreibt Steven Radelet, Co-Autor eines Standardlehrbuchs zur Entwicklungsökonomik. »Demokratische Regierungen waren erfolgreich, während autoritäre Regierungen grundsätzlich zu Fehlschlägen führten.«

Was aber ist mit Kagame, Museveni und Zenawi – jenen autoritären Herrschern, die ihre Volkswirtschaften nicht ruinierten, sondern blühen ließen? Bislang haben Entwicklungsforscher für das neue Phänomen noch kaum Erklärungen, aber immerhin einen Namen: afrikanische Löwen.

Deren wirtschaftlicher Erfolg wirft beklemmende Fragen auf: Ist Demokratie ein Luxus, den sich arme Länder nicht leisten können? Wachsen Entwicklungsländer schneller, wenn die Regierung die Opposition unterdrückt, die Justiz gleichschaltet und die Presse mundtot macht? Aber auch: Was passiert, wenn der starke Mann nicht mehr herrscht – so wie Zenawi? Diese Fragen müssen sich Afrikas Mächtige stellen, wenn sie nächste Woche in Addis Abeba zum Gipfel der Afrikanischen Union zusammenkommen.

Eines jedenfalls steht fest: Viele Mächtige in Afrika haben genug vom Entwicklungsmodell des Westens. Jahrzehntelang predigten Amerika und seine europäischen Verbündeten politische und wirtschaftliche Freiheit – ohne dass es spürbar bergauf ging mit Afrika. Außerdem knüpfte der Westen viele seiner Hilfszahlungen an Fortschritte bei der Demokratisierung. Afrikas Politiker fühlten sich gegängelt. Und betrogen von der Doppelmoral Amerikas, das dann doch dem schlimmsten Potentaten unter die Arme griff, sobald es amerikanischen Rohstoff- oder Sicherheitsinteressen diente.

Nun bietet sich für Afrika eine Alternative zum westlichen Modell an: der chinesische Weg. Statt der leeren Worte Amerikas hat China seine eigene Erfolgsgeschichte vorzuweisen: in 30 Jahren vom Armenhaus der Weltwirtschaft zu ihrem Wachstumsmotor.

Der Washington Consensus bekommt Konkurrenz durch den Beijing Consensus, jenes neue Entwicklungsmodell, das der Cambridge-Forscher Stefan Halper als stille Absprache zwischen Regierung und Bürgern definiert: »politische Unterdrückung in der Öffentlichkeit im Tausch gegen relative wirtschaftliche Freiheit und eine steigende Lebensqualität«.