In einem Café in Kampala arbeiten drei Männer an ihren Laptops (Archivbild) © Michele Sibiloni/AFP/Getty Images

Ruandas Regierung steckt ihre Kritiker ins Gefängnis. Ugandas Regierung droht Bürgerrechtsaktivisten mit Verboten. Und Äthiopiens Regierung sperrt die Internetseiten von Oppositionsgruppen. Es sind solche Geschichten, mit denen die drei ostafrikanischen Länder in westlichen Medien auftauchen. Worüber jedoch so gut wie nie berichtet wird, sind drei erstaunliche Zahlen: 8,1 Prozent. 7,4 Prozent. 9,7 Prozent. Das sind die durchschnittlichen Wachstumsraten Ruandas, Ugandas und Äthiopiens in den vergangenen fünf Jahren. Sie liegen deutlich über 4,6 Prozent, dem Durchschnitt für das subsaharische Afrika.

Geprägt haben die drei Länder drei starke Männer: In Ruanda regiert Paul Kagame, in Uganda Yoweri Museveni. In Äthiopien herrschte bis zu seinem Tod im vergangenen August Meles Zenawi. Autoritäre Herrschaft und astronomisches Wirtschaftswachstum – wie passt das zusammen?

Nur schwer. Jahrzehntelang waren in Afrika Diktatur und Misswirtschaft synonym. Idi Amin etwa ließ mehr als 300.000 Ugander foltern und töten. Gleichzeitig sank das durchschnittliche Einkommen um 20 Prozent. Als Amins neunjährige Herrschaft 1979 zu Ende ging, waren die Märkte leer und das Benzin knapp. Ähnliche Geschichten lassen sich erzählen über Mobutu Sese Seko im Kongo, über Jean-Bedel Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik, über Charles Taylor in Liberia.

Für westliche Entwicklungsexperten ergab das ein eindeutiges Bild. Der Zusammenhang zwischen Regierungsform und Wirtschaftswachstum in Afrika sei »kristallklar«, schreibt Steven Radelet, Co-Autor eines Standardlehrbuchs zur Entwicklungsökonomik. »Demokratische Regierungen waren erfolgreich, während autoritäre Regierungen grundsätzlich zu Fehlschlägen führten.«

Was aber ist mit Kagame, Museveni und Zenawi – jenen autoritären Herrschern, die ihre Volkswirtschaften nicht ruinierten, sondern blühen ließen? Bislang haben Entwicklungsforscher für das neue Phänomen noch kaum Erklärungen, aber immerhin einen Namen: afrikanische Löwen.

Deren wirtschaftlicher Erfolg wirft beklemmende Fragen auf: Ist Demokratie ein Luxus, den sich arme Länder nicht leisten können? Wachsen Entwicklungsländer schneller, wenn die Regierung die Opposition unterdrückt, die Justiz gleichschaltet und die Presse mundtot macht? Aber auch: Was passiert, wenn der starke Mann nicht mehr herrscht – so wie Zenawi? Diese Fragen müssen sich Afrikas Mächtige stellen, wenn sie nächste Woche in Addis Abeba zum Gipfel der Afrikanischen Union zusammenkommen.

Eines jedenfalls steht fest: Viele Mächtige in Afrika haben genug vom Entwicklungsmodell des Westens. Jahrzehntelang predigten Amerika und seine europäischen Verbündeten politische und wirtschaftliche Freiheit – ohne dass es spürbar bergauf ging mit Afrika. Außerdem knüpfte der Westen viele seiner Hilfszahlungen an Fortschritte bei der Demokratisierung. Afrikas Politiker fühlten sich gegängelt. Und betrogen von der Doppelmoral Amerikas, das dann doch dem schlimmsten Potentaten unter die Arme griff, sobald es amerikanischen Rohstoff- oder Sicherheitsinteressen diente.

Nun bietet sich für Afrika eine Alternative zum westlichen Modell an: der chinesische Weg. Statt der leeren Worte Amerikas hat China seine eigene Erfolgsgeschichte vorzuweisen: in 30 Jahren vom Armenhaus der Weltwirtschaft zu ihrem Wachstumsmotor.

Der Washington Consensus bekommt Konkurrenz durch den Beijing Consensus, jenes neue Entwicklungsmodell, das der Cambridge-Forscher Stefan Halper als stille Absprache zwischen Regierung und Bürgern definiert: »politische Unterdrückung in der Öffentlichkeit im Tausch gegen relative wirtschaftliche Freiheit und eine steigende Lebensqualität«.

"Hier gibt es einfach viel bessere Geschäftsmöglichkeiten"

Lässt es sich in einer Autokratie also besser wirtschaften als in einer Demokratie?

Ja, sagt Sospeter Nyambok. Der 34-Jährige wanderte vor rund drei Jahren von Kenia nach Uganda aus. Dabei ist sein Heimatland wesentlich demokratischer – so sehen es Ranglisten wie die des amerikanischen Thinktanks Freedom House. Doch Nyambok erinnert sich vor allem an die Unruhen nach der Wahl in Kenia 2007. »Uganda ist stabiler, weil Museveni einfach an der Macht bleibt.«

Nyambok mietete einen Stand auf dem Nakasero-Markt in Kampala. Seitdem steht er morgens um vier Uhr auf und kauft von lokalen Bauern Bananen und Süßkartoffeln. Die verkauft seine Frau dann tagsüber an Kunden aus Ugandas wachsendem Mittelstand. Nyambok beliefert währenddessen zwei Hotels mit Obst – eine sichere Einnahmequelle.

Mit den Gewinnen hat er vor rund einem Jahr eine Metallwerkstatt gegründet, draußen im billigen Viertel Wabigalo. Seine vier Mitarbeiter haben schon rund hundert Milchkannen für eine ugandische Molkerei repariert. Nyambok hat die sauberen Schweißnähte fotografiert, die Abzüge trägt er in einer Ledertasche bei sich. Mit den Fotos ist er zur Shell-Zentrale in Kampala gegangen. »Wenn wir für so ein großes Unternehmen Öltanks schweißen könnten – das wäre ein toller Auftrag! So etwas ist möglich in Uganda, weil die Wirtschaft wächst und ich alle Freiheiten habe.«

Unternehmern ein stabiles Umfeld bieten – das ist eine Erklärung für den Erfolg der afrikanischen Löwen. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Denn gleichzeitig greifen die Regierungen in die Wirtschaft ein – ganz nach chinesischem Vorbild. Ruanda hat erst kürzlich einen Wirtschaftsplan beschlossen, die »Vision 2020«.

»Damit die Aktivitäten des privaten Sektors der Entwicklung des Landes dienen, muss er von der Regierung gelenkt werden«, sagt Clare Akamanzi. Die 33-Jährige mit Kurzhaarfrisur arbeitet auf einem Hügel über dem Geschäftsbezirk der Hauptstadt Kigali, in der obersten Etage eines sechsstöckigen Neubaus mit Glasfront. Sie leitet das Rwanda Development Board – eine Behörde, die direkt dem Präsidenten untersteht. Das Development Board ist besetzt mit den Top-Wirtschaftsabsolventen und soll die Entwicklung des Landes antreiben.

Das ist nicht einfach bei Ruandas Ausgangsbedingungen. Der Genozid der Hutu an den Tutsi liegt nicht einmal 20 Jahre zurück. Er ließ rund 800.000 Leichen und ein Land in Trümmern zurück. Wie sollte sich das Land entwickeln? »Der typische Weg armer Länder mit niedrigen Lohnkosten ist uns versperrt«, sagt Akamanzi. »Wir können keine billigen Textilien und Elektronik exportieren, weil wir 1.000 Kilometer vom nächsten Hafen entfernt liegen – die Transportkosten würden unsere Waren viel zu teuer machen für den Weltmarkt.«

Stattdessen versucht Ruanda, das Beste aus seiner Landwirtschaft herauszuholen. Noch vor zehn Jahren exportierte das Land Kaffee in niedriger Qualität. Der Markt allein ließ keine Verbesserung zu. »Die Kaffeebauern haben keine besseren Sorten angepflanzt, weil die Röstereien so schlechte Maschinen hatten. Und die Röstereien haben nicht in bessere Maschinen investiert, weil die Kaffeebauern so schlechte Bohnen lieferten«, erinnert sich Akamanzi. Also griff der Staat ein. »Wir haben Kaffeebauern und Röster an einen Tisch gesetzt und sie eine gemeinsame Qualitätsverbesserung vereinbaren lassen.« Heute wird ruandischer Kaffee in amerikanischen Starbucks-Läden als Premiumsorte angeboten.

Außerdem soll sich Ruanda zu einem Zentrum der afrikanischen Softwarebranche entwickeln. »Wir haben diesen Sektor ausgewählt, weil hier die hohen Transportkosten keine Rolle spielen«, sagt Akamanzi. Um für ausländische Kunden zu programmieren, braucht Ruanda nur eine schnelle Internetverbindung. Also ließ die Regierung 2.500 Kilometer Glasfaserkabel verlegen in dem Land, das etwa so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem verhandelte das Rwanda Development Board mit der Carnegie Mellon University, deren Informatik-Fakultät zu den besten der Welt gehört. Ende August eröffnete die Universität aus Pittsburgh eine Außenstelle in Kigali.

»Ich brauche dringend neue Mitarbeiter«, sagt Clement Uwajeneza, der Chef von Access Information Systems. Sein Unternehmen stellt Spezialanwendungen für Firmen her – zum Beispiel ein Programm, mit dem Bauern per SMS die optimale Düngermenge erfahren. Der 32-Jährige hat Informatik in Montpellier studiert. Nach dem Abschluss kam er sofort zurück nach Ruanda – »hier gibt es einfach viel bessere Geschäftsmöglichkeiten. Man fasst Mut, weil man jeden Tag sehen kann, wie die Wirtschaft wächst.« Vor zwei Jahren habe es in Kigali noch keine Flachbildfernseher gegeben, jetzt bekomme man sie in Dutzenden Geschäften.

Das sagt Clement Uwajeneza, der Konsument. Aber was sagt Clement Uwajeneza, der Bürger? »Sicherlich gibt es in Ruanda nicht die gleichen politischen Freiheiten wie in Frankreich. Aber wenn ich mir die Politik der beiden Regierungen anschaue, gibt es in Ruanda auch nicht annähernd so viel Bedarf an Opposition wie in Frankreich.«

Ohne wirtschaftlichen Erfolg keine Unterwürfigkeit

Die Softwarebranche unterstützen, Kaffeebauern und Röster an einen Tisch bringen – so sanft sind die Eingriffe der afrikanischen Löwen in ihre Wirtschaften nicht immer. In seiner Zeit als äthiopischer Ministerpräsident habe Zenawi, so der Vorwurf von Menschenrechtlern, ganze Häuserzeilen in der Hauptstadt Addis Abeba abreißen lassen, mit kurzer Vorwarnung und oft ohne Entschädigung für die Bewohner. Willkürherrschaft? Oder effektive Stadtplanung? Denn es entstanden ein neuer Flughafen und neue Straßen. In Addis Abeba kommen Geschäftsleute heute schnell von einem Termin zum anderen – ganz anders als in Kenias Hauptstadt Nairobi. »Einparteienherrschaft kann große Vorteile haben, wenn sie von hinreichend aufgeklärten Politikern geführt wird«, meint der amerikanische Globalisierungsvordenker Thomas Friedman. Dann könne die Regierung jene Politik durchsetzen, die politisch schwer kommunizierbar, aber sachlich richtig sei.

Aber was ist sachlich richtig? Orientieren sich Autokraten nicht viel zu stark am Wirtschaftswachstum und vernachlässigen darüber andere Dimensionen der Entwicklung wie Bildung und Gesundheit? Diesen Vorwurf formulierte Nobelpreisträger Amartya Sen in den achtziger Jahren, als schon einmal eine Ländergruppe Wachstum mit Autokratie verband – die Tigerstaaten in Südostasien. Um seine Position zu untermauern, entwickelte Sen ein neues Maß für Entwicklung: den Human Development Index (HDI). Der berücksichtigt zum Beispiel die Lebenserwartung, die Schulversorgung und die Armutsquote.

Wenn Sens These stimmt, dürften die afrikanischen Löwen kaum Fortschritte beim HDI erzielt haben. Doch auf dem Index ist jedes der drei Länder deutlich gestiegen.

Nur Einzelfälle – oder können Autokratien auch andernorts die Entwicklung vorantreiben? Als die Vereinten Nationen die Rangliste für 2010 vorlegten, untersuchte eine Begleitstudie den Zusammenhang zwischen Regierungsform und HDI-Platzierung. Das Ergebnis der Analyse: Demokratie und Entwicklung gehen nicht notwendigerweise Hand in Hand. Ihren Ausführungen gaben die Autoren die Überschrift: »Gute Dinge geschehen nicht immer alle gleichzeitig.«

Die erfolgreichen Autokratien sind also nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte sind Demokratien, die Entwicklung behindern. Wie kann das sein? Weil solche Demokratien nicht über halbwegs freie Wahlen hinausgehen, so Paul Collier, Leiter des Zentrums für afrikanische Volkswirtschaften in Oxford. Funktionierende Demokratie benötige außerdem eine freie Presse, eine wachsame Zivilgesellschaft, eine unabhängige Justiz.

Wo diese Institutionen fehlen – wie in den meisten afrikanischen Demokratien –, bringen Wahlen mehr Schlechtes als Gutes, argumentiert Collier. Der Wahlsieger kann sich ungestört bereichern. Um seine Pfründen zu verteidigen und eine spätere Rache der politischen Gegner zu vermeiden, wird er die Opposition ausbooten. Unter solchen Bedingungen entwickelt sich der Wahlkampf zu »einer Frage von Leben und Tod«, geführt mit Drohungen, Stimmenkauf, Betrug und Gewalt.

In Afrika kommen die Stämme hinzu. Sachpolitisch zu argumentieren ist für Kandidaten oft weniger erfolgversprechend als die Ankündigung, nach einem Wahlsieg die öffentlichen Gelder vor allem an die eigene Ethnie zu verteilen. Bei den jüngsten Wahlen in Kenia stimmten 98 Prozent aller Luo für den Kandidaten aus ihrem Stamm, Raila Odinga. Unter solchen Bedingungen, meint Collier, sei die Stimmabgabe kein Akt politischer Partizipation, sondern vergleichbar »dem Tragen des Fanschals eines Fußballvereins«.

Die Autokratien der afrikanischen Löwen mögen für das wirtschaftliche Wachstum besser sein als zerrüttete Demokratien – aber deshalb sind sie noch lange nicht besser als intakte Demokratien. Botsuana etwa steht im afrikanischen Vergleich weit oben auf den Ranglisten sowohl für Freiheit als auch für Wohlstand.

Und wer kann schon garantieren, dass ein erfolgreicher Diktator erfolgreich bleibt? Vorvergangenes Jahr gingen Ugandas Geschäftsleute auf die Straße, weil sie genug hatten nach einer Serie von Stromausfällen. Es war eine Lektion für die Herrscher der afrikanischen Löwen: Sobald sie ihren Teil der stillen Absprache mit den Bürgern nicht mehr erfüllen, steigen auch die Bürger aus. Ohne wirtschaftlichen Erfolg keine Unterwürfigkeit.

Wie werden die Mächtigen der afrikanischen Löwen auf solchen Widerstand reagieren? Werden sie ihre Gesellschaften öffnen? Oder mit noch härterer Hand regieren? Wer wird das Vorbild sein – Amerika oder China?

Die USA haben ihre Entwicklungshilfe zuletzt um rund zwei Milliarden Dollar gekürzt. Unterdessen eilt China in Afrika von einem Investitionsrekord zum nächsten – und bedankt sich bei den gastgebenden Regierungen mit Prachtbauten. Vergangenes Jahr eröffnete die Afrikanische Union in Addis Abeba ihr neues Hauptquartier, 200 Millionen Dollar teuer, 100 Meter hoch, mit einem Auditorium für 2500 Besucher. Wenn die Mächtigen Afrikas von Montag an über die Zukunft ihres Kontinents diskutieren, dann in einem Geschenk aus China.