AfrikaSchneller wachsen ohne Demokratie
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"Hier gibt es einfach viel bessere Geschäftsmöglichkeiten"

Lässt es sich in einer Autokratie also besser wirtschaften als in einer Demokratie?

Ja, sagt Sospeter Nyambok. Der 34-Jährige wanderte vor rund drei Jahren von Kenia nach Uganda aus. Dabei ist sein Heimatland wesentlich demokratischer – so sehen es Ranglisten wie die des amerikanischen Thinktanks Freedom House. Doch Nyambok erinnert sich vor allem an die Unruhen nach der Wahl in Kenia 2007. »Uganda ist stabiler, weil Museveni einfach an der Macht bleibt.«

Nyambok mietete einen Stand auf dem Nakasero-Markt in Kampala. Seitdem steht er morgens um vier Uhr auf und kauft von lokalen Bauern Bananen und Süßkartoffeln. Die verkauft seine Frau dann tagsüber an Kunden aus Ugandas wachsendem Mittelstand. Nyambok beliefert währenddessen zwei Hotels mit Obst – eine sichere Einnahmequelle.

Mit den Gewinnen hat er vor rund einem Jahr eine Metallwerkstatt gegründet, draußen im billigen Viertel Wabigalo. Seine vier Mitarbeiter haben schon rund hundert Milchkannen für eine ugandische Molkerei repariert. Nyambok hat die sauberen Schweißnähte fotografiert, die Abzüge trägt er in einer Ledertasche bei sich. Mit den Fotos ist er zur Shell-Zentrale in Kampala gegangen. »Wenn wir für so ein großes Unternehmen Öltanks schweißen könnten – das wäre ein toller Auftrag! So etwas ist möglich in Uganda, weil die Wirtschaft wächst und ich alle Freiheiten habe.«

Unternehmern ein stabiles Umfeld bieten – das ist eine Erklärung für den Erfolg der afrikanischen Löwen. Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Denn gleichzeitig greifen die Regierungen in die Wirtschaft ein – ganz nach chinesischem Vorbild. Ruanda hat erst kürzlich einen Wirtschaftsplan beschlossen, die »Vision 2020«.

»Damit die Aktivitäten des privaten Sektors der Entwicklung des Landes dienen, muss er von der Regierung gelenkt werden«, sagt Clare Akamanzi. Die 33-Jährige mit Kurzhaarfrisur arbeitet auf einem Hügel über dem Geschäftsbezirk der Hauptstadt Kigali, in der obersten Etage eines sechsstöckigen Neubaus mit Glasfront. Sie leitet das Rwanda Development Board – eine Behörde, die direkt dem Präsidenten untersteht. Das Development Board ist besetzt mit den Top-Wirtschaftsabsolventen und soll die Entwicklung des Landes antreiben.

Das ist nicht einfach bei Ruandas Ausgangsbedingungen. Der Genozid der Hutu an den Tutsi liegt nicht einmal 20 Jahre zurück. Er ließ rund 800.000 Leichen und ein Land in Trümmern zurück. Wie sollte sich das Land entwickeln? »Der typische Weg armer Länder mit niedrigen Lohnkosten ist uns versperrt«, sagt Akamanzi. »Wir können keine billigen Textilien und Elektronik exportieren, weil wir 1.000 Kilometer vom nächsten Hafen entfernt liegen – die Transportkosten würden unsere Waren viel zu teuer machen für den Weltmarkt.«

Stattdessen versucht Ruanda, das Beste aus seiner Landwirtschaft herauszuholen. Noch vor zehn Jahren exportierte das Land Kaffee in niedriger Qualität. Der Markt allein ließ keine Verbesserung zu. »Die Kaffeebauern haben keine besseren Sorten angepflanzt, weil die Röstereien so schlechte Maschinen hatten. Und die Röstereien haben nicht in bessere Maschinen investiert, weil die Kaffeebauern so schlechte Bohnen lieferten«, erinnert sich Akamanzi. Also griff der Staat ein. »Wir haben Kaffeebauern und Röster an einen Tisch gesetzt und sie eine gemeinsame Qualitätsverbesserung vereinbaren lassen.« Heute wird ruandischer Kaffee in amerikanischen Starbucks-Läden als Premiumsorte angeboten.

Außerdem soll sich Ruanda zu einem Zentrum der afrikanischen Softwarebranche entwickeln. »Wir haben diesen Sektor ausgewählt, weil hier die hohen Transportkosten keine Rolle spielen«, sagt Akamanzi. Um für ausländische Kunden zu programmieren, braucht Ruanda nur eine schnelle Internetverbindung. Also ließ die Regierung 2.500 Kilometer Glasfaserkabel verlegen in dem Land, das etwa so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem verhandelte das Rwanda Development Board mit der Carnegie Mellon University, deren Informatik-Fakultät zu den besten der Welt gehört. Ende August eröffnete die Universität aus Pittsburgh eine Außenstelle in Kigali.

»Ich brauche dringend neue Mitarbeiter«, sagt Clement Uwajeneza, der Chef von Access Information Systems. Sein Unternehmen stellt Spezialanwendungen für Firmen her – zum Beispiel ein Programm, mit dem Bauern per SMS die optimale Düngermenge erfahren. Der 32-Jährige hat Informatik in Montpellier studiert. Nach dem Abschluss kam er sofort zurück nach Ruanda – »hier gibt es einfach viel bessere Geschäftsmöglichkeiten. Man fasst Mut, weil man jeden Tag sehen kann, wie die Wirtschaft wächst.« Vor zwei Jahren habe es in Kigali noch keine Flachbildfernseher gegeben, jetzt bekomme man sie in Dutzenden Geschäften.

Das sagt Clement Uwajeneza, der Konsument. Aber was sagt Clement Uwajeneza, der Bürger? »Sicherlich gibt es in Ruanda nicht die gleichen politischen Freiheiten wie in Frankreich. Aber wenn ich mir die Politik der beiden Regierungen anschaue, gibt es in Ruanda auch nicht annähernd so viel Bedarf an Opposition wie in Frankreich.«

Leserkommentare
    • Fuka
    • 27. Januar 2013 21:17 Uhr

    Zu den gerne dozierten Glaubenssätzen des Westens gehört, dass nur demokratische Verhältnisse langfristig wirtschaftlichen Aufstieg garantieren. Das ist falsch. Demokratie und breit verteilter Wohlstand können gleichzeitig auftreten, doch sie bedingen einander nicht. Ein vernünftig agierender Diktator kann sein Land weiter bringen als eine "demokratische" Regierung, die sich nur auf eine Mehrheit von Stammeskoalitionen stützt und die Vorteile dieser Gruppen im Auge hat. Wenn ein solcher Diktator dann auch noch Zeitgefühl hat und weiß, wann es an der Zeit ist, die Macht an einen geeigneten Nachfolger weiterzugeben, steht einem über längere Zeit prosperierenden Staat wenig im Weg.
    In vielen afrikanischen Ländern sind die Verhältnisse so, dass die Mehrheit der Menschen um ihre Existenz kämpfen muß. Interessiert Menschen unter solchen Bedingungen, ob ihre Regierung demokratisch gewählte ist oder von einem Diktator geführt wird? Nein, sie interessieren dafür, was die Regierung dafür tut, dass die eigene Existenz sicherer ist und vielleicht besser wird.
    Zudem hat der Westen wie richtig angemerkt zu oft Wasser gepredigt und Wein getrunken, sprich die Diktatoren gefördert, die im Interesse des Westens agierten. Nach der Machtergreifung Saddam Husseins soll ein US-Diplomat nach Hause berichtet haben: "Saddam Hussein ist ein Schweinehund - aber er ist unser Schweinehund". Soviel zum Thema "Vermittlung demokratischer Werte durch den Westen". Da sind die Chinesen wenigstens ehrlicher.

    5 Leserempfehlungen
  1. .. dem das Wohl seines Volkes das wichtigste ist, kann wohl wirklich mehr tun um sein Land voranzubringen, allerdings sind solche Leute äußerst (!) selten. Meist ist nach kurzer Zeit die Armee der Privatspiel-Platz des Diktators und diese frisst dann auch immer höhere Teile des BIPs, was auch logisch ist, da die Armee ja auch aufgrund ihrer Bevorzugung zur größten Stützte des Diktators wird.

    Auch wenn viele auf die Demokratie schimpfen (gibt ja angeblich seit 20 Jahren in allen Ländern des Westens nurnoch Flaschen in der Politik), so hat diese zumindest die Tendenz eher selten völlig abzufriften und alles Geld für die Truppen rauszublasen (ums vorwegzunehmen: Ja die Amis buttern auch ordentlich Geld ins Militär, aber die habens ja im Prinzip auch).

    • rho
    • 28. Januar 2013 2:16 Uhr

    der Autor, Herr Fink, hat wohl noch nicht in diesen Ländern gelebt.
    Woimmer diese Wachstumsstatistiken herkommen, Papier ist geduldig. Bei den Bevülkrtungen dieser Länder kommt bestimmz nichts an und wäre bei dem Bevölkerungswachstum sowieso unerheblich. Nein, es sind die lokalen Eliten, die diese Länder schamlos ausbeuten. Den Reichen geht´s tatsächlich besser.Den kleinen Leuten geht´s immer schlechter. Ich lebe noch in Uganda: Preise steigen, kleine Einkommen stagnieren. Gebessert hat sich nur die Sicherheitslage. Kagame macht das recht gut, Musuvenis Bilanz ist durchwachsen. Seine korrupte Offiziersclique kriegt Kony nicht in Griff. Will ja gar nicht. Äthiopien ist ein bisschen anders. Ich will als Politologe ( 40 Jahre in der Gegend) Herrn Fink keine Nachhilfe erteilen, soll er doch selbst dahinterkommen.

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    selbst in ihrer ursprünglichen Form hatte die Demokratie unfreie/ versklavte Bevölkerungsteile. Die US Demokratie war bis vor 40 Jahren auch alles andere als Demokratisch. Die Französische ist es bis heute nicht! Die EU ist ebenfalls weit davon entfernt demokratisch zu sein.

    Bitte erklaeren sie mir einmal den Bevoelkerungswachstum in Afrika!

  2. ... schwarz noch ganz weiß, es ist irgendwo dazwischen auf den 256 Graustufen.
    Jedwede Herrschaftsform kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Mehrheit ( und mehr als nur 50% ) freiwillig! mitmachen. Das kann eine Demokratie sein, in der alle Optionen ausdiskutiert werden und dann alle mitmachen, dass kann auch eine Demokratur oder Diktatie sein, wenn die Führenden entweder geschickt die Mehrheitsmeinung zu ihren Gunsten beeinflussen oder eben die Mehrheitsmeinung als Marschrichtung ausgeben.

  3. In beiden Fällen kann es auch total schief gehen, wenn entweder bis zur allgemeinen Paralyse nur noch lamentiert ( "diskutiert" ) wird oder wenn es Entscheidungen von unfähigen, unwilligen oder korrupten Befehlshabern und/oder deren Nachfolgern sind. Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte.
    Die Basis ist, dass jeder Mensch will, dass er als Individuum geachtet wird und dass es ihm und auch seinen Kindern besser gehen soll als seinen Eltern. Wenn dieses Ziel erreicht wird, ist im Grunde jede Regierungsform recht, wenn nicht, ist jede falsch. Es gibt hinlänglich Beispiele in der Geschichte, dass manche Diktatur stark angefangen und dann ganz schnell nachgelassen hat. Mit der Demokratie haben wir noch nicht so viele Erfahrungen, aber ich kann mir vorstellen, dass auch da Unfähigkeit, Korruption, Günstlingswirtschaft und die Sucht nach dem "Antrag zur Geschäftsordnung" das Ende einläuten kann. Nur hat die Demokratie einen Vorteil: Der Pool für die Auswahl von Personen ist deutlich größer und damit wird auch ein möglicher Absturz nie so tief enden wie bei einer anderen Herrschaftsform.

  4. Ist es eigentlich eine Art für Sie nicht kontrollierbarer Reflex, dass Sie selbst in einem Artikel in dem Sie von guten Wirtschaftszahlen bestimmter Länder in den tiefsten Tiefen Ihres Archivs stets nur Bilder aus afrikanischen Slums finden?

    Afrika, das ist z.B. auch dies hier:

    http://djeya14.d.j.pic.centerblog.net/o/f4312ecb.jpg

    oder dies

    http://4.bp.blogspot.com/_HP7IhG7-Umc/TMstAsewD0I/AAAAAAAAA-0/gqk4yHeSWU...

    Und nicht immer wieder nur das gleiche Slum Bild aus dem Archiv. Dabei beschäftigt sich Ihr Artikel noch nicht einmal mit der Verteilung des Reichtums und auf die riesigen sozialen Unterschiede gehen Sie gar nicht ein.

    Finden Sie es gut, permanent so ein Bild von Afrika zu verbreiten?

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    Redaktion

    Liebe/r BlackPower,

    danke für den Hinweis - das Bild ist getauscht.

    Herzlich,
    Alexandra Endres

  5. Investieren verlangt gewisse Sicherheit und die kann nur von funktionierenden Strukturen - staatlich und gesellschaftlich - geschaffen werden.
    Solche Strukturen sind die Grundvoraussetzung dafür, dass die Länder Fortschritte machen können. Imho das Problem in Afrika, dass viel der Staaten dort nur auf dem Papier existieren, aber nicht wirklich in Form einer einheitlichen Verwaltung oder in den Köpfen der Menschen.

  6. Redaktion

    Liebe/r BlackPower,

    danke für den Hinweis - das Bild ist getauscht.

    Herzlich,
    Alexandra Endres

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    Antwort auf "Liebe Zeit-Redaktion"

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