PakistanMarsch auf Islamabad

In Pakistan stachelt ein Prediger das Volk auf und schadet dem Land. von 

Wenn eine Regierung korrupt und unfähig ist, sollte man sie nach Hause schicken. Aber wie soll das bewerkstelligt werden? In Pakistan gibt es dafür ein traditionelles Mittel: Die Generäle putschen und präsentieren sich als Retter des Vaterlandes.

In diesen Tagen versucht der Prediger Mohammed Tahir al-Kadri, einen neuen Weg zu beschreiten. Al-Kadri mobilisierte Zehntausende, ließ sie von Lahore in die Hauptstadt Islamabad marschieren, verlangte den Rücktritt der Regierung und die Auflösung des Parlaments. Auf den ersten Blick wirkt diese Aktion wie eine gute Sache. In Wahrheit schadet sie Pakistans Demokratie.

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Al-Kadri will mithilfe der Straße eine Regierung aushebeln, die zwar bis ins Mark korrupt ist, aber im Jahr 2008 demokratisch ins Amt gewählt worden ist. Und diese Wahl war nicht irgendeine Wahl: Sie beendete die neun Jahre währende Militärherrschaft des Generals Pervez Musharraf. Es gibts nichts zu beschönigen an der jetzigen Regierung von Präsident Asif Ali Zardari, aber sie ist das Ergebnis eines langen Kampfes der pakistanischen Zivilgesellschaft gegen das Militär. Und wenn der Prediger Al-Kadri sie jetzt gewissermaßen wegputschen möchte, dann will er diese Geschichte auslöschen.

Noch vier Monate wird die Regierung im Amt sein, dann soll gewählt werden. Hält die Regierung so lange stand, beendet sie ihre Wahlperiode, ohne dass Generäle geputscht haben. Es wäre das erste Mal in der mehr als 60-jährigen Geschichte Pakistans. Das Volk würde zum ersten Mal die Erfahrung machen, dass sein Votum nicht über Nacht von einem Uniformierten weggeworfen werden kann wie ein wertloser Gegenstand. Das wäre ein großer Fortschritt.

Der Prediger Al-Kadri steht im Verdacht, eine Marionette des Militärs zu sein. Beweise gibt es dafür nicht, aber es spricht einiges für diese Annahme. Die Regierung und das Militär befinden sich seit geraumer Zeit in einem erbitterten Machtkampf. Normalerweise haben die Generäle solche Kämpfe durch einen gewaltsamen Putsch für sich entschieden. Doch dazu können sie sich jetzt nicht durchringen. Sie wissen, dass ihnen ihr Ruf vorauseilt. Am Ende ihrer letzten Herrschaftsperiode im Jahr 2008 waren sie in weiten Teilen der Bevölkerung geradezu verhasst, weil sie sich als ebenso gierig und korrupt entpuppt hatten wie die Politiker. Ein direktes Eingreifen wäre auch kontraproduktiv, weil die USA – bedeutender Finanzier der pakistanischen Armee – das nicht goutieren würden.

Wenn aber der Prediger Al-Kadri die Regierung weiter schwächen könnte, dann wüchse die Macht des Militärs, ohne dass es dabei eine sichtbare Rolle einnehmen müsste. Die Richter des Landes helfen ebenfalls kräftig mit. Am Tag, als Al-Kadri in Islamabad sprach, forderte das Oberste Gericht die Festnahme des Premiers. Dafür mag es gute Gründe geben, aber der Zeitpunkt für diese Forderung lässt vermuten, dass auch die Richter die Sache der Generäle vorantreiben – und das ist nicht im Sinne der Demokratie.

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    • Schlagworte Protest | Demonstration | Islamabad | Pakistan | Reform
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