LuftverschmutzungAtemlos in Peking

China wächst – und muss grüner werden. Noch geht beides nicht zusammen. von 

Man nennt uns neuerdings »menschliche Staubsauger«. Oder auch »Luftfilter aus Menschenfleisch«.

Die Begriffe haben chinesische Netznutzer erfunden, sie meinen damit die 23 Millionen Einwohner Pekings und jene der anderen Unglücksstädte Nordostchinas, die derzeit im Smog versinken. Smog, das ist in diesem Fall nicht die übliche Dunstglocke, der ganz normale Wahnsinn, an den wir uns schon gewöhnt hatten. Sondern richtig böse Drecksluft.

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In vielen Apotheken sind Atemschutzmasken ausverkauft, in einer soll es zu einem Handgemenge um die letzte Maske gekommen sein. Längst überwiegt die Sorge alle ästhetischen Bedenken, selbst die modebewusste Pekingerin trägt Maske. Die Behörden raten dem Volk, möglichst gar nicht erst vor die Tür zu gehen. Nur die hartgesottensten Rentner stampfen abends noch zu Technomusik auf dem Platz. Der Schulsport an freier Luft wurde eingestellt. In den Krankenhäusern drängen sich Menschen mit Atemwegsproblemen.

Die Pekinger sind einiges gewohnt. Das aber hat selbst sie schockiert. Am Samstag maß die US-Botschaft auf einer Skala, die unterschiedliche Luftschadstoffe zu einem Index zusammenfasst, einen Wert von 755. Schon ein Wert von 300 ist laut der amerikanischen Umweltschutzagentur extrem selten, er tritt etwa bei Waldbränden auf. Die Skala chinesischer Messgeräte endet bei 500. »Skala gesprengt!«, meldete am Wochenende die staatliche Agentur Xinhua.

Seit 14 Jahren versichert die Regierung, dass die Luft stetig besser werde. Sie zählte »Blauer-Himmel-Tage«, an denen kein anderer die Sonne sehen konnte. Sie sprach von Nebel, wo andere den Smog spürten. Und doch schien es bisweilen, als würde es Fortschritte geben, zumindest im vergangenen Jahr, als sich im Frühling und Herbst wochenlang blauer Himmel über der Stadt spannte. Lange hatten sich US-Botschaft und chinesische Regierung einen regelrechten Luftkrieg geliefert. Erbost hatte die Regierung registriert, dass die US-Botschaft tagtäglich eigene Messwerte veröffentlichte, die ihre Beteuerungen in Zweifel zogen. Empört verbat sich Peking die ausländische Einmischung in den hoheitlichen Luftraum.

Ob es im Allgemeinen besser oder eher schlimmer wird, ist schwer zu sagen. Die amerikanische Botschaft veröffentlicht keine historischen Daten, den chinesischen ist nicht ganz zu trauen. Zahlen der Weltbank legen nahe, dass die Luft in Peking seit Mitte der neunziger Jahre bis 2009 sauberer geworden ist. In jedem Fall hat sich die Zusammensetzung des Drecks verändert: weniger Industrie-, dafür aber mehr Autoabgase.

Sicher ist eines: Keiner kann sich an ein schlimmeres Wochenende als das vergangene erinnern. Selbst die Staatszeitungen wollen den Smog nicht mehr hinnehmen. Die parteinahe Global Times etwa, stets auf Chinas Bild in der Welt bedacht, klagt: »Durch den Smog hat China sein Gesicht verloren, es ist ein hustendes China.« 16 der 20 weltweit schmutzigsten Städte liegen in China.

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