RezeptpflichtDie Hüter der Verhütung

Ein neuer Internetdienst hebelt die Rezepthoheit der Frauenärzte für die "Pille danach" aus. von 

Die Ovulation arg lässig berechnet, grad kein Kondom zur Hand. Na, wird schon nichts passieren. Wenn dem Rausch der Sinne oder der Intoxikation am Morgen die Ernüchterung folgt, kommt mit der auch die berechtigte Angst, es könnte doch was passiert sein.

Fast überall in Europa können Frauen in dieser Situation in die nächste Apotheke gehen und die »Pille danach« kaufen. Das Hormonpräparat Levonorgestrel (Handelsname Pidana) verhindert die Schwangerschaft recht zuverlässig. Allerdings muss die Pille innerhalb von 72 Stunden nach dem ungeschützten Sex eingenommen werden. Je früher sie geschluckt wird, desto zuverlässiger ist die verhütende Wirkung.

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In Deutschland wird es den Frauen allerdings nach Kräften schwer gemacht, sich rechtzeitig mit der Tablette zur »postkoitalen Antikonzeption« zu versorgen. Das Medikament ist rezeptpflichtig, man muss also zunächst einen Arzt aufsuchen, an Wochenenden oder Feiertagen gar in eine Notfallpraxis oder in die Notaufnahme einer Klinik fahren, um eine Verordnung zu erhalten.

Die britische Onlinepraxis DrEd.com will deutschen Frauen jetzt einen schnelleren Zugang verschaffen. Auf der Website müssen sie zunächst 20 medizinisch relevante Fragen beantworten, etwa zum Zeitpunkt der letzten Menstruation und zu chronischen Erkrankungen. Ärzte der Internetpraxis prüfen, ob die Einnahme der Pille geraten ist, und stellen ein Rezept aus, das an eine Versandapotheke geschickt wird. Die liefert das Medikament ins Haus. Ein Test durch die ZEIT ergab: Bei Bestellung am vergangenen Montagnachmittag wurde am folgenden Dienstag mittags geliefert. Der gesamte Service kostet 35 Euro. Möglich ist er, weil in der EU die freie Arztwahl gilt und die deutsche Verschreibungspflicht nicht verletzt wird.

Rezeptpflicht umgehen

Warum Frauen hierzulande überhaupt ein Rezept für die Notverhütung vorlegen müssen, ist allerdings unerfindlich. Das Medikament hat zwar Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit, gilt aber als sicher. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt daher die Freigabe von Levonorgestrel, um unerwünschte Schwangerschaften besser vermeiden zu können. Deutschland ist dieser Empfehlung nicht gefolgt und stellt damit eine kuriose Ausnahme dar: In 28 europäischen Staaten ist die Pille danach rezeptfrei in Apotheken zu kaufen, in Schweden oder Frankreich gehört sie sogar zur Erste-Hilfe-Ausrüstung weiterführender Schulen. Eine neue Pille danach (Handelsname Ellaone) kann sogar in einem Zeitfenster von fünf Tagen genommen werden.

Alle Versuche, die deutsche Rezeptpflicht aufzuheben, sind am Widerstand der Fachgesellschaften gescheitert. Der Berufsverband der Frauenärzte und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wollen die Kontrolle über die Verhütung der Nation nicht aus der Hand geben. Die Verbände warnen vor Missbrauch, zudem brauche nur jede zweite Frau, die sich nach ungeschütztem Sex vor einer Schwangerschaft ängstigt, die Pille danach wirklich.

Warum die Frauen in Deutschland besser von ihren Ärzten behütet werden müssen als Schweizerinnen oder Skandinavierinnen, ist unerfindlich. Um die Möglichkeit einer Schwangerschaft abzuschätzen, genügen die Grundrechenarten. Und dass Hormonpräparate keine Lutschbonbons sind, dürfte auch hierzulande bekannt sein.

Wenn die Beischlafpanne zu den Hauptverkehrszeiten am Freitag- oder Samstagabend passiert, muss frau allerdings immer noch in eine Notpraxis: Am Wochenende hat DrEd geschlossen.

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Leserkommentare
  1. die Verordnung einer Pille danach ist nicht durch die zahnärztliche Approbation abgedeckt. Als ich jeder Arzt mit Approbation schrieb, meinte ich jeder Arzt mit humanmedizinischer Approbation, also z.B. auch Chirurgen, Orthopäden, Internisten, Psychiater, Pädiater und viele andere.

    Antwort auf "im prinzip ja"
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    • cb81
    • 27. Januar 2013 22:32 Uhr

    Haben sie recht, allerdings sind niedergelassene Ärzte auf eine Fachrichtung spezialisiert und verschreiben in der Regel auch entsprechende Arzneimittel. Wenn allerdings ein Arzt einem gesetzlich versichertem ein Medikament verordnet, das eindeutig fachfremd ist, kann es ihm passieren, dass er sich vor einem Prüfungsausschuss rechtfertigen muss. Kann der Arzt die Verordnung nicht plausibel erklären, muss er das Medikament im Zweifelsfall selber zahlen. Deshalb schrieb ich ja auch von einem Privatrezept, damit der Arzt sich die kosten nicht zulasten der gkv verschiebt.

  2. warum viele Ärzte in D glauben, dass man es nicht den Patientinnen überlassen sollte, sich mit der "Pille danach" versorgen zu können.

    Mir ist die Alternative aus dem Ausland zwar auch lieber, aber manche Argumente sind durchaus relevant. Und das, was sie geschrieben haben, bringt es auf den Punkt. Vor allem viele junge Mädchen denken so.

    Die "Pille danach" ist aber kein Verhütungsmittel, das man als Alternative zur "Pille" eben lieber nach dem Geschlechtsverkehr statt davor nehmen kann. Daher wird sie auch nicht im Zwanziger-Pack verkauft. Die Konzentration ist um einiges höher als bei der üblichen Dosis zur Verhütung. Die Patientinnen sollten daher auch dementsprechend aufgeklärt werden.

    Ich finde das vor allem bei jungen Frauen/Mädchen sehr wichtig. Bei erfahrenen Frauen sollte man es dann auf die Eigenverantwortung ankommen lassen.
    Aber wie eben schon von einem anderem user geschrieben, sollten dann die Apotheker die Aufklärung übernehmen.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich hoffe Sie irren sich, wenn Sie vermuten, dass es viele Ärzte sind, die die Entscheidung nicht ihren Patientinnen überlassen wollen. Die Entscheidungshoheit muss immer die betroffene Frau haben - der Arzt kann bei dieser höchst individuellen Entscheidung immer nur aufklären und medizinisch beraten.

    Woher wissen Sie? Das ist schlicht ein Pauschalurteil.

    Ich kenne sehr verantwortungsbewusste junge Mädchen aber auch "reife und erfahrene" Frauen , die nach Laissez-faire leben.

    Und wer bitte sollte das im Einzelfall beurteilen ???

  3. Ich hoffe Sie irren sich, wenn Sie vermuten, dass es viele Ärzte sind, die die Entscheidung nicht ihren Patientinnen überlassen wollen. Die Entscheidungshoheit muss immer die betroffene Frau haben - der Arzt kann bei dieser höchst individuellen Entscheidung immer nur aufklären und medizinisch beraten.

    2 Leserempfehlungen
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    Ich habe nicht von dem Recht selbst entscheiden zu können geschrieben, sondern von der Möglichkeit sich das Medikament ohne ärztliche Aufklärung zu besorgen.

    Zu Ihrem Punkt: Genau genommen, hat der Patient nie die völlige Entscheidungshoheit. Dazu müsste er sich nämlich bei einer Entscheidung selbst durch die Materie durcharbeiten. Da das kaum möglich ist, ist man immer auf die Infos des Fachexperten angewiesen. Dies führt zwangsläufig zu eingeschränkter Entscheidungshoheit. Kaum ein Mensch kann völlig neutral informieren. Gestik, Mimik, Zwischenkommentare etc. lassen keine neutrale Darstellung zu.

  4. Ich habe nicht von dem Recht selbst entscheiden zu können geschrieben, sondern von der Möglichkeit sich das Medikament ohne ärztliche Aufklärung zu besorgen.

    Zu Ihrem Punkt: Genau genommen, hat der Patient nie die völlige Entscheidungshoheit. Dazu müsste er sich nämlich bei einer Entscheidung selbst durch die Materie durcharbeiten. Da das kaum möglich ist, ist man immer auf die Infos des Fachexperten angewiesen. Dies führt zwangsläufig zu eingeschränkter Entscheidungshoheit. Kaum ein Mensch kann völlig neutral informieren. Gestik, Mimik, Zwischenkommentare etc. lassen keine neutrale Darstellung zu.

    Eine Leserempfehlung
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    Entscheidungshoheit beinhaltet auch die Möglichkeit bewußt auf eine komplette Aufklärung und Beratung zu verzichten. Das ist sicher nicht in jedem Fall sinnvoll, steht aber jeder Frau frei und muss auch akzeptiert werden. Die Beratungspflicht ist hier schließlich keine Pflicht sich beraten zu lassen, sondern die Pflicht eine Beratung anzubieten. An die Rezeptpflicht hingegen müssen sich bislang noch alle halten. Für Ärzte und Apotheker wäre es bequemer, wenn, wie bereits vorgeschlagen, die "Pille danach" anonym aus Automaten gezogen werden dürfte oder wie im Artikel beschrieben über einen Internetshop bestellt werden kann. Schwierig wird es dann mit der Beratungspflicht und dem Recht auf Beratung.

  5. Eine anonyme ambulante Behandlung im Krankenhaus für einen symbolischen Betrag (sofern die Frau diesen zahlen kann) wäre das beste für alle. Dann kann Komplikationen vorgebeugt werden (z.B. Wechselwirkungen, Unverträglichkeiten) und jede Hilfesuchende kann anonym bleiben.

    • Derdriu
    • 27. Januar 2013 17:33 Uhr

    Die Pille danach ist schon heftig. Ich persönlich hätte zu viel Angst, sie ohne ärztl. Rat zu nehmen. Aber wieso ist die Pille nicht frei? Es nervt, wenn man ständig zum Arzt muss, wegen eines Rezeptes und dann muss man trotzdem voll zahlen. Das ist Rennerei und sinnlos! Geldmacherei und Behinderung.

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    Wenn man "ständig zum Arzt muss", um ein Rezept für die Pille Danach zu bekommen, sollte man mal dringendst seine Verhütung überdenken.

  6. Eine wirklich gute Idee. Ich als Orthopäde, kann auch die Pille danach verschreiben. Trotzdem erfreut es mich, dass Frauen jetzt auch über das Internet die Pille bestellen können. Der Scham, beispielsweise über das gerissene Kondom, überwiegt bei den meisten Frauen, denen ich schon einmal eine Pille verschrieben habe. Teilweise kamen sie aufgelöst in meine Praxis und waren sich unsicher, wobei es sich dabei um eher jüngere Damen handelte, welchen ich gerne geholfen habe, im Gegensatz zu den katholischen Kliniken in Köln!

    6 Leserempfehlungen
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    Danke ! zu sagen.

  7. Entscheidungshoheit beinhaltet auch die Möglichkeit bewußt auf eine komplette Aufklärung und Beratung zu verzichten. Das ist sicher nicht in jedem Fall sinnvoll, steht aber jeder Frau frei und muss auch akzeptiert werden. Die Beratungspflicht ist hier schließlich keine Pflicht sich beraten zu lassen, sondern die Pflicht eine Beratung anzubieten. An die Rezeptpflicht hingegen müssen sich bislang noch alle halten. Für Ärzte und Apotheker wäre es bequemer, wenn, wie bereits vorgeschlagen, die "Pille danach" anonym aus Automaten gezogen werden dürfte oder wie im Artikel beschrieben über einen Internetshop bestellt werden kann. Schwierig wird es dann mit der Beratungspflicht und dem Recht auf Beratung.

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