BildungsstudienRanglisten sind gefährlich
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"Mit bloßen Datenbergen lässt sich keine Politik machen"

Rabe: Für den Deutschunterricht gibt es einen solchen Zusammenhang aber nicht!

Köller: In abgeschwächter Form tritt der Effekt auch in Deutsch auf. Aber der Deutschunterricht ist in dieser Hinsicht nicht das Problem, denn das Fach trauen sich auch im Studium viele Lehramtsstudenten zu. Deshalb wird Deutsch auch seltener fachfremd unterrichtet. Mathematik aber wird von vielen während des Studiums gemieden, die später aber das Fach unterrichten müssen. Und das geht oft schief. Doch ich sehe ein, dass man eine solche Interpretationstiefe nicht von jedem verlangen kann. Von den Medien, die die Rankings lieben, schon gar nicht.

Rabe: Eine Bildungsverwaltung könnte das schon leisten. Wenn es denn solche Zusammenhänge geben würde. Ihr Beispiel des Einflusses des Fachunterrichts auf die Schülerleistung benennt jedoch eine absolute Ausnahme. Und mehr als eine Vermutung ist es auch nicht. Denn alle Untersuchungen beschreiben ja nur die Unterschiede.

ZEIT: Was wollen Sie wissen?

Rabe: Ich möchte wissen, warum die Schüler in Sachsen anscheinend mehr lernen als in Hamburg oder was die Bayern angeblich besser machen als die Bremer. Als Kultusminister bekomme ich zwar regelmäßig ein Zeugnis, und in den Stadtstaaten fällt es meist schlecht aus. Aber worin die Ursachen bestehen und was wir denn tatsächlich anders machen müssen, sagt uns kein Wissenschaftler. Wir kennen die Pisa-Punkte von männlichen Neuntklässlern in Hessen beim Mathetest und können sie mit denen Gleichaltriger in Schleswig-Holstein vergleichen. Wir wissen, dass Schüler in Sachsen-Anhalt 2009 in Deutsch besser abgeschnitten haben als 2001. Doch niemand liefert uns stichhaltige Erklärungen für diese Entwicklungen. Mit bloßen Datenbergen lässt sich keine Politik machen.

ZEIT: Was vermuten Sie als Ursachen?

Rabe: Natürlich spielt die Zahl der Migrantenschüler eine Rolle ebenso wie die Sozialstruktur in den jeweiligen Bundesländern. Doch da hört es schon fast auf mit dem gesicherten Wissen der Pädagogikprofessoren. Wir benötigen nicht immer neue allgemeine Beschreibungen von Glanz und Elend in den Schulen, sondern tiefer gehende Untersuchungen.

ZEIT: Bislang hatte man eher den Eindruck, dass die Kultusminister die Unterschiede so genau nicht wissen wollten. Niemand hat Hamburg nach der ersten Pisa-Studie daran gehindert, einen detaillierten Vergleich mit einem erfolgreicheren Bundesland in Auftrag zu geben.

Rabe: Dazu benötigt man ja immer mehrere Kultusminister.

ZEIT: Die Bayern hätten sich nicht gesträubt.

Köller: Es wäre schon interessant, genauer zu wissen, in welchen Bundesländern Schüler aus Einwandererfamilien besser abschneiden und warum das so ist. Dafür könnte man sich durchaus Schulen mit einem vergleichbaren sozialen Einzugsgebiet anschauen. Auch in Bayern und Baden-Württemberg gibt es Schulen mit einem hohen Migrationsanteil. Die Ergebnisse eines solchen Vergleichs muss man ja auch nicht sofort öffentlich verkünden.

ZEIT: Wie groß ist die Angst, Herr Rabe, als Politiker gesagt zu bekommen, man solle sich ein anderes Bundesland zum Vorbild nehmen?

Rabe: Ein Schulsenator hat vor einem Leistungsvergleich so viel Angst wie Schüler vor dem Ergebnis einer Klassenarbeit. Aber als Politiker muss ich solche Wahrheiten, wenn sie denn seriös zustande kommen, aushalten. Ich habe nichts dagegen, von Bayern etwas zu lernen. Ich muss nur wissen, was. Dafür benötigen wir valide Ursachenanalysen.

Köller: Das höre ich als empirischer Bildungsforscher gern. Tatsächlich haben wir über die Jahre einen großen Fundus an Beschreibungswissen angesammelt, an Handlungswissen dagegen mangelt es. Neben den großen Schulleitungsstudien benötigen wir nun sogenannte Implementationsstudien.

ZEIT: Was bedeutet das?

Köller: Wir müssen untersuchen, wie wir die Modelle guten Unterrichts in die Kollegien tragen. Wie also gelingt es zum Beispiel, die Englischlehrer in einem Bundesland davon zu überzeugen, wie ein guter Sprachunterricht aussehen muss? Wie schafft man es, dass sich Lehrkräfte aller Fächer für die Leseförderung verantwortlich fühlen?

ZEIT: Warum fehlen solche Untersuchungen bislang?

Köller: Die Politik hat sie bislang nicht in Auftrag gegeben.

Leserkommentare
  1. Bei der Bildung kommt es auf Motivation an und nicht auf Ideologie. Die RotGrünen Schulreformer versuchen seit Jahrzehnten mit ihrem Gesamtschulmodell eine Angleichung der Leistungen zu erreichen, aber gerade das ist ein Hemmnis für die Motivation. Wo es keine Sieger gibt, gibt es auch keine Leistung. Die Natur verteilt nun einmal die Talente nicht nach RotGrünem Einheitsmuster!
    Dass der Süden besser abschneidet als der Norden ist das Ergebnis dieser Erkenntnis - und nirgends gibt es soviele Wege zum Ziel wie in Bayern. Der Erfolg gibt Bayern recht!

    9 Leserempfehlungen
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    • bayert
    • 26.01.2013 um 9:06 Uhr

    es gibt gute Statistiken, die nicht nur die soziale Herkunft sondern auch das Herkunfstland berücksichtigen. Da zeigt sich: Deutsche Schüler sind gut, aber nicht die besten. Am Beispiel Österreich: Schüler mit polnischen oder kroatischen Migrationshintergrund haben mit inländischen Schülern gleichgezogen oder sie sogar überholt.

    • bayert
    • 26.01.2013 um 9:06 Uhr

    es gibt gute Statistiken, die nicht nur die soziale Herkunft sondern auch das Herkunfstland berücksichtigen. Da zeigt sich: Deutsche Schüler sind gut, aber nicht die besten. Am Beispiel Österreich: Schüler mit polnischen oder kroatischen Migrationshintergrund haben mit inländischen Schülern gleichgezogen oder sie sogar überholt.

  2. Bei der Bildung kommt es auf Motivation an und nicht auf Ideologie. Die RotGrünen Schulreformer versuchen seit Jahrzehnten mit ihrem Gesamtschulmodell eine Angleichung der Leistungen zu erreichen, aber gerade das ist ein Hemmnis für die Motivation. Wo es keine Sieger gibt, gibt es auch keine Leistung. Die Natur verteilt nun einmal die Talente nicht nach RotGrünem Einheitsmuster!
    Dass der Süden besser abschneidet als der Norden ist das Ergebnis dieser Erkenntnis - und nirgends gibt es soviele Wege zum Ziel wie in Bayern. Der Erfolg gibt Bayern recht!

  3. Zitat: „Warum Schüler in Bayern oder Baden-Württemberg jedoch besser sind als in Berlin oder Hamburg, wissen wir bis heute nicht“.

    Man kann eventuell ein Paar Vermutungen machen. In Bayern liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 3,6 Prozent, in Berlin – bei 11,6. Außerdem gehört Bayern zu bundesweit wirtschaftlich stärksten Regionen (Berlin → das absolute Gegenteil). Erfolg in der Bildung ist aber direkt mit der finanzieller Sicherheit verbunden. Wo sie fehlt (oder gründlich wackelt) → kann es kaum ernsthafte Rede um eine kontinuierlich gute Leistungen gehen. Die Schulen und die Eltern müssen einfach über genug Mittel verfügen, um die Schüler entsprechend fördern zu können.

    Zitat 2: „Ebenso zeigte sich, dass die Leistungen etwa in Mathematik leiden, wenn der Lehrer das Fach nicht studiert hat. Bundesländer mit einem hohen Anteil an fachfremdem Unterricht schneiden im Schnitt schlechter ab“.

    Wenn es stimmt, wäre somit eine plausible Erklärung für bestimmte eigene Mängel. :)

    ...

    Eine Leserempfehlung
  4. Am Ende muss der Rabe aber noch mal den Populisten mimen. Da stelle ich aber doch mal die Sachfrage, ob zeitlich exakt getimter, aber schlecht geplanter Unterricht wirklich weniger zeitverschwendend ist als Unterricht, der vielleicht nicht pünktlich beginnt und endet, aber das Unterrichtsziel erreicht. Mal ganz abgesehen davon, dass offene Unterrichtszeiten eh besser wären. Aber es ging ihm wohl eher um zeitökonomisch effiziente Ausnutzung des Menschenmaterials. Um gleich den Verdacht auszuräumen: In meiner Schule gibt es eine Kultur des Pünktlichseins. Vereinbart und abgestimmt mit allen Beteiligten.

  5. ...
    Zitat 3: „Rabe: Ich möchte wissen, warum die Schüler in Sachsen anscheinend mehr lernen als in Hamburg oder was die Bayern angeblich besser machen als die Bremer. Als bekomme ich zwar regelmäßig ein Zeugnis, und in den Stadtstaaten fällt es meist schlecht aus. Aber worin die Ursachen bestehen und was wir denn tatsächlich anders machen müssen, sagt uns kein Wissenschaftler“.

    Exakt! Es geht leider tatsächlich oft darum, etwas zu beschreiben, aber die Frage „Warum?“ bleibt teils unbeantwortet. Wenn ich etwas weiß, aber nicht erklären kann, wie es dazu kam, was ist mir dieses Wissen noch wert? Absolute Zustimmung mit dem Herrn Kultusminister Rabe!

    Zitat 4: „ZEIT: Bislang hatte man eher den Eindruck, dass die Kultusminister die Unterschiede so genau nicht wissen wollten. Niemand hat Hamburg nach der ersten Pisa-Studie daran gehindert, einen detaillierten Vergleich mit einem erfolgreicheren Bundesland in Auftrag zu geben“.

    Ich denke auch, etwas wirklich Wertvolles kann man nur dann entdecken, wenn man zwei verschiedene Bundesländer miteinander vergleicht. Es ist gut zu wissen, wie etwas irgendwo abläuft, aber warum die gleichen Mechanismen in anderem Bundesland Großteils anders funktionieren, kann man nur verstehen, wenn man genau hinschaut und vergleicht! (Weil an sonst untersucht man nur eine mögliche Entwicklungsphase/Stadium des Phänomens, aber nicht den ganzen Kontinuum).
    ...

    Eine Leserempfehlung
  6. ...
    Zitat 5: „Aber es würde aus meiner Sicht schon Sinn ergeben, dass die Protagonisten meiner Zunft sich stärker abstimmen und regelmäßiger den Dialog mit der Politik suchen“.

    Ich habe auch die traurige Beobachtung gemacht, dass leider erstaunlich viele Wissenschaftler am liebsten unter sich bleiben wollen und ihre Studienergebnisse ausschließlich in wissenschaftlichen Zeitschriften publizieren..
    (Dabei ist echt wunderlich, wenn sich auch viele Sozialwissenschaftler dem großen Publikum bewusst abwenden und nicht interessiert sind fach-beladene Texte einfacher und lesbar für einen größeren Publikumskreis zu gestalten. Für wem forschen sie denn?

    Da kann man sich gewisse Hilfslosigkeit der Politik gut nachvollziehen, wenn die politischen Entscheidungsträgern mit vielen Konzepten konfrontieren müssen, die für fach-fremde Menschen nicht nur extrem schwer lesbar sind, sondern auch wenig miteinander verknüpft. Man kann leicht verrückt werden oder einfach sich bei Entscheidungen irren...

    Deswegen wenn verschiedene Fächer interdisziplinäre Projekte machen und auch öfter zusammen tagen würden, wäre für die gesamte Gesellschaft ein riesiges Nutzen!
    Ganz nach Obama formuliert: We can it (together)!

    MfG

    Eine Leserempfehlung
  7. Gemeint war: "Fünf Kommentare über Wirkung der Wissenschaft"

  8. 8. .....

    "Warum Schüler in Bayern oder Baden-Württemberg jedoch besser sind als in Berlin oder Hamburg, wissen wir bis heute nicht."

    Flächenländer vs. Stadtstaaten.

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