Bodo KirchhoffLogenplatz statt Abenteuer

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff wollte beim Bürgerkrieg auf den Philippinen zuschauen. Dann traf er zum Glück einen Missionar. von 

ZEITmagazin: Herr Kirchhoff, Ihr Roman Die Liebe in groben Zügen erzählt von den Mühen der Ebene in der Ehe. Davon, was die Zeit mit der Liebe macht. Wenn man sich als Autor einer solchen Frage stellt, gewinnt man da auch etwas für sein eigenes Leben?

Bodo Kirchhoff: Ich mache mich ja mit meinen Büchern so schutzlos wie möglich. Dadurch ist die Schreibarbeit ähnlich einer Liebe, in der man sich auch schutzlos macht. Nur durch dieses Preisgeben seiner Schwächen hat man die Chance, dass einen die Liebe vorübergehend von der Zeitlichkeit erlöst, von den zeitraubenden Legenden um sich selbst. Und ähnlich ist es auch mit der Arbeit an einem Roman, die keine Schwindeleien im Umgang mit sich selbst verträgt. Ich habe an diesem Buch fünf Jahre gearbeitet, und in dieser Zeit sind in Bezug auf den Stoff bei mir ähnliche Gefühle entstanden wie in einer Liebesbeziehung, mit allen Höhen und Tiefen und dem grauen Alltag.

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ZEITmagazin: Wenn der Roman von der Lebenserfahrung des Autors profitiert, profitiert dann der Autor auch von der Weisheit des Romans?

Bodo Kirchhoff

64, ist in Hamburg geboren. Seit den siebziger Jahren schreibt er Theaterstücke und Prosa. Bekannt wurde er 1990 mit dem Roman »Infanta«, der die Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Philippinerin erzählt. Vor Kurzem erschien sein Buch »Die Liebe in groben Zügen«

Kirchhoff: Der Autor profitiert, wenn überhaupt, davon, dass er etwas erzählt, von dem er nicht sagen kann, wie es endet. Und dass er letzten Endes Dinge über sich erfährt, die er eigentlich gar nicht wissen wollte.

ZEITmagazin: Was für Dinge?

Kirchhoff: Unangenehme. Ich habe mich zum Beispiel bei der Romanarbeit sehr damit auseinandersetzen müssen, was eine Frau antreibt, die ihren eigenen Weg geht. Ich habe mich auch auf das Risiko eingelassen, eben nicht alles zu verstehen, sozusagen bei allem guten Willen auch der Dumme zu sein.

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Viele Leser haben den Eindruck, eine neue Seite an Bodo Kirchhoff kennenzulernen. Vorher hatten Sie den Ruf des Machos, nicht den des Frauenverstehers.

Kirchhoff: Ich weiß nicht, ob ich die Frauen verstehe, aber ich höre sehr genau hin. Und ich denke, dass ich auch nie ein Macho war. Ich habe nur aus meiner männlichen Sicht geschrieben, ohne das zu beschönigen. Wenn man das nicht tut, den Figuren also nichts beigesellt, was sie als Mann gesellschaftsfähiger macht, dann hat man sehr schnell diesen Ruf weg – in meinem Fall bildet er das lange gültige Vorstrafenregister, das manche heute noch aus der Tasche ziehen.

ZEITmagazin: Sie haben den Ruf auch, weil Sie sich öfter in gefährliche Situationen begeben haben. So ist Ihr Roman Infanta entstanden.

Kirchhoff: Ja, ich fuhr auf die Philippinen, weil es so enorm billig war, und geriet auf dem Weg nach Allah Valley in die Konfrontation zwischen den Muslimen und den Christen. Am Vortag hatten Soldaten einen muslimischen Jungen erschossen, und in dem Bus, in dem ich stand, rückte ein zusätzliches Kontingent an Soldaten an den Schauplatz, Typen, die während der Fahrt mit ihren Handgranaten herumspielten und bereits die Auseinandersetzung im Bus suchten. Das war Februar 1985. Die Moro National Liberation Front, der muslimische Flügel, hatte sich mit der New People’s Army, den versprengten Kommunisten, zusammengetan. Gegen das Militär von Marco, der um sein politisches Überleben kämpfte, weil die Amerikaner dabei waren, ihre Stützpunkte aufzulösen. Da stand ich plötzlich in einem kleinen Ort, umgeben von Leuten, die bereit waren, wahllos aufeinander zu schießen.

Ijoma Mangold

gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Lara Fritzsche zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

ZEITmagazin: Haben Sie das Abenteuer gesucht?

Kirchhoff: Ich wusste, es ist eine unruhige Region. Aber ich dachte, ich könnte das von einer Art Logenplatz aus beobachten. Das war ein Irrtum. Ich merkte schnell, dass das absolut zu viel für mich ist. Ich trug eine Art Fliegermontur wegen der vielen Taschen daran, weshalb mich die Muslime für einen amerikanischen Militärberater hielten und die Soldaten für einen Journalisten, zumal ich mir viele Notizen machte. Ich versuchte dann in Allah Valley, eine Unterkunft zu finden, aber da gab es nichts, es gab nur Schießereien.

ZEITmagazin: Was hat Sie aus der Bredouille gerettet?

Kirchhoff: Ein alter Missionar im Ruhestand, der seit Ewigkeiten in diesem Gebiet lebte. Ein Amerikaner. Er sagte: Sie kommen besser mit mir. Er führte mich auf seine kleine entlegene Station in Malaybalay, wo er mit sechs anderen Priestern lebte. Das war so eine Art exterritoriales Gebiet, das von beiden Seiten respektiert wurde. Aus diesem Erlebnis ist dann in der Tat mein Roman Infanta entstanden, der ein solcher Erfolg wurde, dass ich ein Grundstück am Gardasee kaufen konnte, und das auch noch oberhalb des Ortes, den ich schon in meinem allerersten Buch Ohne Eifer, ohne Zorn einen Rettungsort genannt habe. Meine Frau und ich leben dort und machen in unserem Haus seit vielen Jahren Schreibseminare, was manchmal auch für andere rettend sein kann.

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    • Schlagworte Bodo Kirchhoff | Abenteuer | Autor | Bus | Grundstück | Liebe
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