Daniel Day-Lewis"Meistens hat Lincoln etwas ausgeheckt"

Der irische Schauspieler Daniel Day-Lewis ist in der Rolle des US-Präsidenten Abraham Lincoln Oscar-Favorit. Ein Gespräch über Einfühlung und Verstehen, politische Selbstdarstellung und über die Schwierigkeit, den Mann auf dem Fünf-Dollar-Schein zu spielen. von Marie Schmidt

Was für eine Chuzpe für einen Anglo-Iren, diese amerikanische Ikone zu verkörpern, dachte man. Daniel Day-Lewis wurde dann aber in den USA für seine Darstellung des Abraham Lincoln gefeiert. In seinen Figuren geht dieser Schauspieler dermaßen auf, dass man ihn von Film zu Film kaum wiedererkennt. Hat man ihn in Lincolns gebeugter, tapsiger Gestalt gesehen, kann man nicht anders, als sofort auf seine Körperhaltung zu achten. Drahtiger Radfahrertyp. Er sieht im 18. Stock des Ritz-Carlton in New York aus dem Fenster. Ein unsinnig warmer Wintermontag. Unten liegt der Central Park, auf der Eisbahn herrscht Gewusel. Schwarze Menschlein strömen aufs Weiße. »Das sieht wahrscheinlich von weit weg schöner aus, als es ist«, sagt er.

DIE ZEIT: Mr. Day-Lewis, Lincoln anzusehen hat etwas Nostalgisches. Der Unterschied zu den geschulten Politikern heute ist so groß. Könnte der introvertierte, unbeholfene Mann, den Sie zeigen, in unserer audiovisuellen Kultur überhaupt bestehen?

Daniel Day-Lewis : Diesen Unterschied hat die standardisierende Maschine Fernsehen gemacht, die alles zu Plattitüden und simplen Bildern reduziert. Es wäre reizvoll, wenn so etwas noch einen Platz hätte. In Wahrheit gibt es in der Hauptstadt wahrscheinlich zahlreiche starke Persönlichkeiten, die sich zügeln müssen und die sich anders darstellen, als sie sind. Das gehört dazu, wenn man Politiker ist. Aber so wie diese Typen den glatten Ton von Geschäftsmännern draufhaben, war auch Lincoln auf seine Art fähig, seine Selbstwahrnehmung zu nutzen. Er wusste, wie ungelenk er war. Ich habe keinen Zweifel, dass er vor einigen seiner Besucher im Weißen Haus diesen rücksichtslosen, linkischen, süßen Spaßvogel auf sehr bewusste Weise gab.

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ZEIT: Hätte er Geduld gehabt für all die parapolitischen Erscheinungen?

Day-Lewis: Er hatte größere Geduld als irgendwer um ihn herum. Tatsächlich hat er alle halb verrückt gemacht, indem er den bedächtigen Rhythmus einhielt, von dem er wusste, dass er der richtige für das Land war. Um ihn herum brachen alle zusammen, weil sie ihm nicht folgen konnten. Alles, was sie sahen, war ein Mann, der in seinen Entscheidungen paralysiert schien. Aber er war nicht unentschieden. Er rang mit Problemen, aber nicht auf neurotische Art. Eher wie ein Logiker, der um die Klarheit des Denkens und der Absichten ringen muss. Der Mann hat sich selber Euklids Axiome beigebracht! Ich habe es auch versucht. Das ist harter Stoff!

ZEIT: Sie sind sehr eingenommen von Lincoln. Sie sagen sogar, dass sie nie einem menschlichen Wesen begegnet sind, das Sie so geliebt haben.

Day-Lewis: Nein, ich sagte, ich habe nie ein menschliches Wesen, dem ich nicht begegnet bin, so sehr geliebt. Das wäre sonst sehr besorgniserregend.

ZEIT: Aber was lässt Sie Lincoln nicht nur bewundern, sondern lieben?

Day-Lewis: Seine Menschlichkeit. Sie beinhaltet alles, was das Menschengeschlecht in sich trägt. Die Paradoxien und Konflikte, die Liebenswürdigkeiten und Grausamkeiten. Sein Einfühlungsvermögen im positivsten Sinne. Und als Ergebnis davon die Tiefe seines Mitgefühls für andere schwache menschliche Wesen, weil er erkannte, dass er selbst eines war.

ZEIT: Da ist wohl auch eine Spur Depressivität.

Day-Lewis: In meiner Rolle nicht. Viele haben das angedeutet. Aber ich glaube, dass es oftmals Lincolns tiefe Grübelei war, die diesen Anschein erweckte. Bestimmt hat er meistens irgendwas ausgeheckt.

ZEIT: Wenn man über Ihre Arbeitsweise liest, scheint diese Versunkenheit Ihnen zu entsprechen.

Day-Lewis: Bei einem Mann wie Abraham Lincoln wäre es unerhört anmaßend, über sich selbst im Hinblick auf Gemeinsamkeiten nachzudenken. Aber kleine Dinge habe ich wiedererkannt. Das gilt wahrscheinlich für jede meiner Rollen. Egal, ob ich nun einen spastisch gelähmten jungen Mann in Mein linker Fuß spiele, einen New Yorker Upperclass-Anwalt um 1870 in Scorseses Zeit der Unschuld oder einen Ölpionier in Paul Thomas Andersons There Will Be Blood. Ich sehe mich und die Rolle, als wären da zwei Gefäße. Das Gefäß des eigenen Selbst und das Gefäß dieses Lebens, das man erkundet. Diese Gefäße schweben im Äther und sind ganz unabhängig voneinander. Aber man erkennt Anknüpfungspunkte. Es ist, als ob man zwischen diesen Gefäßen Leinen schlingen würde. Dann verzurrt man sie und beginnt zu knüpfen. Zentimeter für Zentimeter bringt man die zwei Gefäße einander näher. Weil beide schweben, kann man nicht sagen, ob man dieses Leben zu sich zieht – in anderen Worten geht es da um Einfühlung und Verstehen – oder ob man sich selbst zu ihm hinzieht. Aber an einem Punkt kommen sie zusammen, und das ist es, womit man zurückbleibt. Ich spüre das bei ihm. Ich wage zu glauben, dass es zwischen uns Anknüpfungspunkte gibt. Wenn es doch nur größere wären!

ZEIT: Sie sind berühmt dafür, so sehr mit Ihren Figuren zu verschmelzen, dass sich Ihre Körpersprache total ändert. Für Lincoln hatten Sie dafür nicht mal audiovisuelles Material zur Verfügung.

Day-Lewis: Glücklicherweise! So kann niemand behaupten, so sei es nicht gewesen. Wenn ich audiovisuelle Hinweise hätte, und ich glaube, ich habe für keine Arbeit, die ich gemacht habe, jemals welche benutzt, wäre das wirklich Mimikry. Das würde die Figur auf eine Art töten, bevor man ihr je Leben einhaucht.

ZEIT: Aber Sie haben viel gelesen. Können Sie aus Büchern etwas herausfinden?

Day-Lewis: Es ist eine Kombination aus beidem. Man muss lernen, damit man frei ist, sich etwas vorzustellen. Schwierig ist nur, zu erkennen, wann man das Buch zur Seite legen muss. Man könnte bis ans Ende seines Lebens über Lincoln lesen. Ich bin ein wirklich langsamer Leser, also muss ich sorgfältig wählen. So viele wundervolle Bücher! Ich musste zurückgehen und die Entstehung des politischen Systems in diesem Land verstehen, über das ich sehr wenig wusste. Die Ursprünge der Nation selbst. Es war wirklich ein Geburtsfehler der amerikanischen Nation, dass die Sklaverei, dieses entsetzliche Menschheitsübel, fortbestehen konnte. Und Lincoln hatte es mit den direkten Auswirkungen dieser Schwachstelle zu tun. Der Grund war, wie Sie sicher wissen, dass viele der Gründungsväter der Vereinigten Staaten Sklavenhalter waren. Manche waren damit in einem Konflikt, andere weniger. Aber sie wussten, um eine gemeinsame Front gegen die britische Herrschaft zu bilden, mussten sie diese Frage beiseitelegen und anderen Generationen überlassen.

ZEIT: In dieses Geschichtspanorama bringt der Film eine private Geschichte. Spielberg sagt, er wollte keinen Film über das Denkmal machen, sondern über den Menschen Lincoln. Die häuslichen Konflikte seiner Familie sind mit dem politischen Geschehen verknüpft. Und in beiden Handlungssträngen muss Lincoln irgendwann seine Macht beanspruchen. Da ist diese seltsame Ähnlichkeit der Motive, er schlägt in einer Kabinettssitzung auf den Tisch und er schlägt seinem Sohn ins Gesicht.

Day-Lewis: Das hatte ich nicht gesehen. Interessant, diese Gesten kamen von mir, und es war nicht beabsichtigt, dass sie sich spiegeln. Niemand hatte mir gesagt, ich sollte auf den Tisch hauen. Vielleicht hat Tony Kushners Drehbuch nahegelegt, dass ich Robert ohrfeige.

ZEIT: Ich hatte den Eindruck, als ginge das gegen den Strich dieser skrupulösen Figur. Wie ein Durchbruch.

Day-Lewis: In dem Ausmaß hält dieser Mann einer tiefen Auseinandersetzung stand. Immer wenn man denkt, man habe ihn verstanden, zeigt er einem eine Seite seines Charakters, die man bisher nicht kannte. Er war gewiss zu Zorn fähig. Der Ausbruch war gewöhnlich kurz, und er kam schnell darüber hinweg, aber wenn er wütend wurde, dann sehr. Und als er verstand, dass das interne Hickhack der Leute um ihn herum verhindern könnte, dass sie die letzten paar Stimmen zusammenbekommen, um die Abschaffung der Sklaverei zu bewerkstelligen: Wie hätte ihn das in diesem Moment nicht wütend machen sollen?

ZEIT: Das ist so eine Sache mit der Demokratie, dass es da einen Mann geben muss, der...

Day-Lewis: ...richtig, der erkennt, dass das der Moment ist, zu handeln. Das ist das Paradoxe am demokratischen Prozess, dass man jemanden braucht, der sich in gewissen Momenten ein bisschen mehr Macht herausnimmt, als die Demokratie ihm gerne geben würde. Und Lincoln wurde dafür schwer kritisiert. Auch für seine Idee der 1862 ausgerufenen Emanzipationsakte, die alle beschlagnahmten Sklaven der rebellischen Südstaaten für frei erklärte und von der er nicht ganz sicher war, ob es eine legale Maßnahme war. Um besser durchgreifen zu können, suspendierte er auch das Habeas-Corpus-Gesetz, das Gefangenen gewisse Rechte garantiert. Es war der Bruch mit einem substanziellen Recht, einem tradierten Menschenrecht. Er wollte eine bessere Handhabe bei der Strafverfolgung haben und diesen Krieg, die Unruhen und Rebellionen beenden, auf dass nie mehr gekämpft werden müsste. Für jemanden mit so viel Mitgefühl bedeutet es einiges, diese kalten, pragmatischen Entscheidungen zu treffen.

ZEIT: Ändert sich Ihre eigene Wahrnehmung, wenn Sie sich so sehr in eine Figur hineinversetzen?

Day-Lewis: Ja. Das ist eine Arbeitsweise, die ich über die Jahre für mich entwickelt habe. Ich habe herausgefunden, dass die Arbeit, eine Illusion für andere zu schaffen, zum großen Teil darin besteht, eine Illusion für sich selbst herzustellen. Denn wenn man sich mit Selbstbewusstsein aufbläst und denkt: Ich mache das, damit die Zuschauer dieses oder jenes fühlen, erzeugt man schon eine Spaltung zwischen sich und der Möglichkeit der Imagination. Die Vorstellungskraft kann es sich nicht leisten, derart bewusst zu sein.

ZEIT: Lincoln ist von allen Figuren, die Sie je gespielt haben, diejenige, die im kollektiven Bewusstsein am präsentesten ist. Es ist ein Film über einen Menschen auf dem Fünf-Dollar-Schein.

Day-Lewis: Deshalb wahrscheinlich habe ich, so lange ich konnte, versucht, diesen Film nicht zu machen. Ich dachte, es gibt keine Chance, diesem mit der Zeit erstarrten Bild Leben einzuhauchen. Wenn es nicht erstarrt ist, so doch irgendwie bis zur Lähmung mythologisiert. Aber es ist immer gut, wenn man versucht, etwas zu vermeiden, und dann feststellt, dass man es nicht kann.

ZEIT: In den USA erregte der Film ungeheure Aufmerksamkeit. Es gab eine Vorführung im Weißen Haus mit Präsident Obama. Welche Reaktionen sind Ihnen wichtig?

Day-Lewis: Also, das war schon mal nicht schlecht! Es ähnelt einer anderen Erfahrung vor vielen Jahren, als ich den Spastiker in Mein linker Fuß gespielt habe, nach dem Roman von Christy Brown. Ich habe nicht oft Charaktere dargestellt, die wirklich gelebt haben, das verbindet diese Filme. Damals lebte ich in London und das war nicht nur eine irische Geschichte, es war eine Geschichte über Dublin. Ich erinnere mich an die Angst in den Monaten, bevor der Film herauskam. Alles, was ich mir wünschte, war, dass die Leute in Dublin und wenn möglich die Leute in Irland das Gefühl hätten, dass eine Geschichte, die ihnen gehörte, auf eine Weise erzählt worden war, mit der sie zufrieden sein konnten. So geht es mir auch hiermit. Wenn die Leute in diesem Land das Gefühl haben, dass dieser Mann, der ihnen so wichtig ist, ihnen auf eine gewisse Weise zurückgegeben worden ist, oder wenn es sie zumindest ermutigt, ihn jetzt weiter zu erkunden – das macht mich glücklich.

ZEIT: Sie haben ja eine Art zweites Zuhause in den Vereinigten Staaten.

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Day-Lewis: Meine Frau ist von hier, und meine Söhne sind in New York geboren. Als Schauspieler bin ich ein Wanderarbeiter. Die Arbeit hat mich hierher gebracht, und jetzt haben wir uns hier für eine Weile niedergelassen und sehen mal, wie es läuft. Aber ich fahre immer noch hin und her zwischen Irland und den USA.

ZEIT: Haben Sie durch die Reaktionen auf den Film etwas Neues erfahren über Amerika?

Day-Lewis: Ich wüsste nichts zu sagen. Ich bin nur überrascht, dass die Leute so aufgeschlossen sind, diese Version der Geschichte zu akzeptieren, die nur unsere Version ist.

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Leserkommentare
    • mick08
    • 24. Januar 2013 15:33 Uhr

    erinnert mich an Michael Tschechow's Spielweise. Er hatte immer Mitgefühl mit seinen Figuren und konnte sich extrem in sie einfühlen.

    Auch interessant Lincoln's Handeln aus dem Aspekt des Mitgefühls zu verstehen/sehen. Erinnert mich an einen Zeitungsartikel zu Kennedy's Rede, wo er sagte :"Ich bin ein Berliner!" Kennedy soll vorher durch Berlin gefahren sein und war sehr berührt und traurig über die depressive, hoffnungslose Stimmung, das Umfeld, den Gestank in Berlin. Seinen Ausspruch hat der Journalist und Zeitzeuge als ein Ausdruck seines Mitgefühls mit den Berlinern/Deutschen gedeutet. Das könnte auch erklären, warum der so viel Kraft hatte und alle Deutschen mental wieder aufrichtete.

    Schön Politiker differenzierter – auch in ihren Qualitäten – zu sehen und nicht immer auf sie herumzuhacken.

    Den Film gucke ich mir definitiv an. Danke für das Interview!

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