Daniel Day-Lewis"Meistens hat Lincoln etwas ausgeheckt"
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"Man könnte bis ans Ende seines Lebens über Lincoln lesen"

ZEIT: Sie sind berühmt dafür, so sehr mit Ihren Figuren zu verschmelzen, dass sich Ihre Körpersprache total ändert. Für Lincoln hatten Sie dafür nicht mal audiovisuelles Material zur Verfügung.

Day-Lewis: Glücklicherweise! So kann niemand behaupten, so sei es nicht gewesen. Wenn ich audiovisuelle Hinweise hätte, und ich glaube, ich habe für keine Arbeit, die ich gemacht habe, jemals welche benutzt, wäre das wirklich Mimikry. Das würde die Figur auf eine Art töten, bevor man ihr je Leben einhaucht.

ZEIT: Aber Sie haben viel gelesen. Können Sie aus Büchern etwas herausfinden?

Day-Lewis: Es ist eine Kombination aus beidem. Man muss lernen, damit man frei ist, sich etwas vorzustellen. Schwierig ist nur, zu erkennen, wann man das Buch zur Seite legen muss. Man könnte bis ans Ende seines Lebens über Lincoln lesen. Ich bin ein wirklich langsamer Leser, also muss ich sorgfältig wählen. So viele wundervolle Bücher! Ich musste zurückgehen und die Entstehung des politischen Systems in diesem Land verstehen, über das ich sehr wenig wusste. Die Ursprünge der Nation selbst. Es war wirklich ein Geburtsfehler der amerikanischen Nation, dass die Sklaverei, dieses entsetzliche Menschheitsübel, fortbestehen konnte. Und Lincoln hatte es mit den direkten Auswirkungen dieser Schwachstelle zu tun. Der Grund war, wie Sie sicher wissen, dass viele der Gründungsväter der Vereinigten Staaten Sklavenhalter waren. Manche waren damit in einem Konflikt, andere weniger. Aber sie wussten, um eine gemeinsame Front gegen die britische Herrschaft zu bilden, mussten sie diese Frage beiseitelegen und anderen Generationen überlassen.

ZEIT: In dieses Geschichtspanorama bringt der Film eine private Geschichte. Spielberg sagt, er wollte keinen Film über das Denkmal machen, sondern über den Menschen Lincoln. Die häuslichen Konflikte seiner Familie sind mit dem politischen Geschehen verknüpft. Und in beiden Handlungssträngen muss Lincoln irgendwann seine Macht beanspruchen. Da ist diese seltsame Ähnlichkeit der Motive, er schlägt in einer Kabinettssitzung auf den Tisch und er schlägt seinem Sohn ins Gesicht.

Day-Lewis: Das hatte ich nicht gesehen. Interessant, diese Gesten kamen von mir, und es war nicht beabsichtigt, dass sie sich spiegeln. Niemand hatte mir gesagt, ich sollte auf den Tisch hauen. Vielleicht hat Tony Kushners Drehbuch nahegelegt, dass ich Robert ohrfeige.

ZEIT: Ich hatte den Eindruck, als ginge das gegen den Strich dieser skrupulösen Figur. Wie ein Durchbruch.

Day-Lewis: In dem Ausmaß hält dieser Mann einer tiefen Auseinandersetzung stand. Immer wenn man denkt, man habe ihn verstanden, zeigt er einem eine Seite seines Charakters, die man bisher nicht kannte. Er war gewiss zu Zorn fähig. Der Ausbruch war gewöhnlich kurz, und er kam schnell darüber hinweg, aber wenn er wütend wurde, dann sehr. Und als er verstand, dass das interne Hickhack der Leute um ihn herum verhindern könnte, dass sie die letzten paar Stimmen zusammenbekommen, um die Abschaffung der Sklaverei zu bewerkstelligen: Wie hätte ihn das in diesem Moment nicht wütend machen sollen?

ZEIT: Das ist so eine Sache mit der Demokratie, dass es da einen Mann geben muss, der...

Day-Lewis: ...richtig, der erkennt, dass das der Moment ist, zu handeln. Das ist das Paradoxe am demokratischen Prozess, dass man jemanden braucht, der sich in gewissen Momenten ein bisschen mehr Macht herausnimmt, als die Demokratie ihm gerne geben würde. Und Lincoln wurde dafür schwer kritisiert. Auch für seine Idee der 1862 ausgerufenen Emanzipationsakte, die alle beschlagnahmten Sklaven der rebellischen Südstaaten für frei erklärte und von der er nicht ganz sicher war, ob es eine legale Maßnahme war. Um besser durchgreifen zu können, suspendierte er auch das Habeas-Corpus-Gesetz, das Gefangenen gewisse Rechte garantiert. Es war der Bruch mit einem substanziellen Recht, einem tradierten Menschenrecht. Er wollte eine bessere Handhabe bei der Strafverfolgung haben und diesen Krieg, die Unruhen und Rebellionen beenden, auf dass nie mehr gekämpft werden müsste. Für jemanden mit so viel Mitgefühl bedeutet es einiges, diese kalten, pragmatischen Entscheidungen zu treffen.

Leserkommentare
    • mick08
    • 24. Januar 2013 15:33 Uhr

    erinnert mich an Michael Tschechow's Spielweise. Er hatte immer Mitgefühl mit seinen Figuren und konnte sich extrem in sie einfühlen.

    Auch interessant Lincoln's Handeln aus dem Aspekt des Mitgefühls zu verstehen/sehen. Erinnert mich an einen Zeitungsartikel zu Kennedy's Rede, wo er sagte :"Ich bin ein Berliner!" Kennedy soll vorher durch Berlin gefahren sein und war sehr berührt und traurig über die depressive, hoffnungslose Stimmung, das Umfeld, den Gestank in Berlin. Seinen Ausspruch hat der Journalist und Zeitzeuge als ein Ausdruck seines Mitgefühls mit den Berlinern/Deutschen gedeutet. Das könnte auch erklären, warum der so viel Kraft hatte und alle Deutschen mental wieder aufrichtete.

    Schön Politiker differenzierter – auch in ihren Qualitäten – zu sehen und nicht immer auf sie herumzuhacken.

    Den Film gucke ich mir definitiv an. Danke für das Interview!

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