Daniel Day-Lewis"Meistens hat Lincoln etwas ausgeheckt"
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"Als Schauspieler bin ich ein Wanderarbeiter"

ZEIT: Ändert sich Ihre eigene Wahrnehmung, wenn Sie sich so sehr in eine Figur hineinversetzen?

Day-Lewis: Ja. Das ist eine Arbeitsweise, die ich über die Jahre für mich entwickelt habe. Ich habe herausgefunden, dass die Arbeit, eine Illusion für andere zu schaffen, zum großen Teil darin besteht, eine Illusion für sich selbst herzustellen. Denn wenn man sich mit Selbstbewusstsein aufbläst und denkt: Ich mache das, damit die Zuschauer dieses oder jenes fühlen, erzeugt man schon eine Spaltung zwischen sich und der Möglichkeit der Imagination. Die Vorstellungskraft kann es sich nicht leisten, derart bewusst zu sein.

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ZEIT: Lincoln ist von allen Figuren, die Sie je gespielt haben, diejenige, die im kollektiven Bewusstsein am präsentesten ist. Es ist ein Film über einen Menschen auf dem Fünf-Dollar-Schein.

Day-Lewis: Deshalb wahrscheinlich habe ich, so lange ich konnte, versucht, diesen Film nicht zu machen. Ich dachte, es gibt keine Chance, diesem mit der Zeit erstarrten Bild Leben einzuhauchen. Wenn es nicht erstarrt ist, so doch irgendwie bis zur Lähmung mythologisiert. Aber es ist immer gut, wenn man versucht, etwas zu vermeiden, und dann feststellt, dass man es nicht kann.

ZEIT: In den USA erregte der Film ungeheure Aufmerksamkeit. Es gab eine Vorführung im Weißen Haus mit Präsident Obama. Welche Reaktionen sind Ihnen wichtig?

Day-Lewis: Also, das war schon mal nicht schlecht! Es ähnelt einer anderen Erfahrung vor vielen Jahren, als ich den Spastiker in Mein linker Fuß gespielt habe, nach dem Roman von Christy Brown. Ich habe nicht oft Charaktere dargestellt, die wirklich gelebt haben, das verbindet diese Filme. Damals lebte ich in London und das war nicht nur eine irische Geschichte, es war eine Geschichte über Dublin. Ich erinnere mich an die Angst in den Monaten, bevor der Film herauskam. Alles, was ich mir wünschte, war, dass die Leute in Dublin und wenn möglich die Leute in Irland das Gefühl hätten, dass eine Geschichte, die ihnen gehörte, auf eine Weise erzählt worden war, mit der sie zufrieden sein konnten. So geht es mir auch hiermit. Wenn die Leute in diesem Land das Gefühl haben, dass dieser Mann, der ihnen so wichtig ist, ihnen auf eine gewisse Weise zurückgegeben worden ist, oder wenn es sie zumindest ermutigt, ihn jetzt weiter zu erkunden – das macht mich glücklich.

ZEIT: Sie haben ja eine Art zweites Zuhause in den Vereinigten Staaten.

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Day-Lewis: Meine Frau ist von hier, und meine Söhne sind in New York geboren. Als Schauspieler bin ich ein Wanderarbeiter. Die Arbeit hat mich hierher gebracht, und jetzt haben wir uns hier für eine Weile niedergelassen und sehen mal, wie es läuft. Aber ich fahre immer noch hin und her zwischen Irland und den USA.

ZEIT: Haben Sie durch die Reaktionen auf den Film etwas Neues erfahren über Amerika?

Day-Lewis: Ich wüsste nichts zu sagen. Ich bin nur überrascht, dass die Leute so aufgeschlossen sind, diese Version der Geschichte zu akzeptieren, die nur unsere Version ist.

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Leserkommentare
    • mick08
    • 24. Januar 2013 15:33 Uhr

    erinnert mich an Michael Tschechow's Spielweise. Er hatte immer Mitgefühl mit seinen Figuren und konnte sich extrem in sie einfühlen.

    Auch interessant Lincoln's Handeln aus dem Aspekt des Mitgefühls zu verstehen/sehen. Erinnert mich an einen Zeitungsartikel zu Kennedy's Rede, wo er sagte :"Ich bin ein Berliner!" Kennedy soll vorher durch Berlin gefahren sein und war sehr berührt und traurig über die depressive, hoffnungslose Stimmung, das Umfeld, den Gestank in Berlin. Seinen Ausspruch hat der Journalist und Zeitzeuge als ein Ausdruck seines Mitgefühls mit den Berlinern/Deutschen gedeutet. Das könnte auch erklären, warum der so viel Kraft hatte und alle Deutschen mental wieder aufrichtete.

    Schön Politiker differenzierter – auch in ihren Qualitäten – zu sehen und nicht immer auf sie herumzuhacken.

    Den Film gucke ich mir definitiv an. Danke für das Interview!

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