Schuldenkrise"Das kann nicht gutgehen"
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"Was da zuletzt beschlossen wurde, erinnert an Konkursverschleppung."

ZEIT: Selbst wenn der Vergleich stimmt – haben wir den Zusammenbruch dieses Systems nicht längst erlebt?

Stelter: Nein, seit Ausbruch der Krise sind die Schulden ja weltweit weiter gestiegen. Nur Italien hat sie etwas verringert. Ansonsten machen wir weiter wie vorher: Die Kredite steigen schneller als die Einkommen. Um das System am Laufen zu halten, haben die Staaten ihre Defizite massiv erhöht, und die Notenbanken senkten die Zinsen, zu denen sich Staaten und Unternehmen Geld leihen können. Im Grunde bewegen wir uns auf so etwas wie ein »ideales« Schneeballsystem zu: Die Schulden werden nie getilgt, und der Zinssatz liegt bei null. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

ZEIT: Sie sagen, die Politik versuche nur, den Tag der Abrechnung hinauszuschieben, statt die Probleme zu lösen. Nennen Sie ein Beispiel.

Stelter: Das offensichtlichste ist Griechenland. Was da zuletzt beschlossen wurde, erinnert an Konkursverschleppung, mit dem Ziel, vor der Wahl nicht die Wahrheit sagen zu müssen. Die bisherigen Rettungsmaßnahmen in Europa kaufen vor allem Zeit. Auch der Ankauf von Staatsanleihen, den die Europäische Zentralbank versprochen hat. Dadurch werden die Schulden ja nicht aus der Welt geschafft, sondern nur verschoben – von privaten Gläubigern zur Notenbank.

ZEIT: Was müssten wir tun, um aus dem Schneeballsystem herauszukommen?

Stelter: Jeder wird Opfer bringen müssen, beispielsweise durch höhere Steuern für Wohlhabende oder weniger Sozialleistungen. Arbeitnehmer müssen länger arbeiten und mehr für das Alter zurücklegen. Aber das Wichtigste ist, dass wir den Schuldenüberhang schnell beseitigen. Dazu werden die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssen. Nicht nur bei Staatsanleihen, auch bei den Anleihen von maroden Banken.

ZEIT: Sie meinen, wir müssen mehr Schuldenschnitte – oder Pleiten – zulassen?

Stelter: Ja, unbedingt. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnte schon 2010 davor, den Fehler Japans zu wiederholen und eigentlich bankrotte Unternehmen und Banken als Zombiefirmen am Leben zu erhalten. Kürzlich meldete die Financial Times, dass wir in Europa gerade ein Rekordtief bei Konkursen haben. Wir haben uns das genauer angeschaut: Die wenigsten Pleiten gibt es ausgerechnet in den Krisenländern. Das zeigt, man schiebt die nötigen Anpassungen vor sich her.

ZEIT: Aber tun die Krisenländer nicht viel von dem, was Sie fordern? Steuern erhöhen, Sozialleistungen kürzen?

Stelter: Ja, aber erstens kommt man allein durch Sparen nicht aus dem Schuldensumpf. Das verschärft zum Teil ja sogar die Krise. Und zweitens rede ich ja nicht nur von den Krisenländern. Auch Deutschland betreibt in gewisser Weise ein Schneeballsystem. Die Verbindlichkeiten des Alters sind nicht gedeckt, trotz aller Reformen.

ZEIT: Was sagen die Unternehmen, die Sie beraten, wenn sie von dem Schneeballsystem hören? Bloß nicht mehr investieren?

Stelter: Nein, es ist ja nicht so, dass wir den Untergang prophezeien. Die meisten sind zuerst skeptisch, dann gehen wir die Fakten durch, und sie sehen, dass wir wirklich eine Anstrengung aller brauchen, um da herauszukommen. Und die meisten Unternehmer wollen sich dafür engagieren.

ZEIT: Müsste der Bundesverband der Deutschen Industrie, der BDI, also auf die Kanzlerin zugehen und sagen: Wir wollen höhere Steuern für Wohlhabende, wenn Sie im Gegenzug die Staatsausgaben kürzen?

Stelter: Ja, aber eigentlich müssten sich der BDI, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Kirchen und andere in einer Art Konvent für Deutschland zusammensetzen und alle gemeinsam eine Lösung suchen. Wahrscheinlich ist diese Vorstellung naiv, leider. Aber viele Unternehmer in Deutschland, mit denen ich spreche, wären bereit, ihren Beitrag zu leisten.

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Leserkommentare
    • Zooey
    • 26. Januar 2013 18:00 Uhr

    gemeint sind natürlich diejenigen, die schon Opfer sind: Kürzungen in Sozialleistungen. Die wohlfeile "höhere Steuern für Wohlhabende" ist eine Lachnummer, siehe diese Clowns in Frankreich. Wie ist das mit der Gerechtigkeit: haben alle diese Lohnarbeiter und Sozialleistungs-Empfänger diese "Krise" herbeigezockt? Oder waren es diese Wohlhabenden, die immer gieriger wurden und ihre Helfershelfer - Banker und BERATER - die das System ausquetschten? Gewinne privatisieren, Verluste verstaatlichen: das bleibt die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus. Und wer bitte definiert, was Krise ist?
    Jede Woche schiebt sich ein weiterer dieser Heuchler ins Medien-Bild und verdient weiter fett an der sog. Krise

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    'Dieser Heuchler' fodert im Interview aber auch klipp und klar, dass marode Banken und Unternehmen in Konkurs gehen sollen und die Investoren (also oft die sog. Reichen) ihr Geld verlieren.

    Es müssen eben alle Opfer bringen - auch Investoren.

    Die entscheidensten Fragen sind, wer sind die Verursacher und warum werden diese dem "Verursachungs-Prinzip" nicht zur Beseitigung der "Krise" herangezogen?!

    Eine Viezahl der Verursacher traffen sich in Davos!

    Dort wurden dann neue Vernebelungs-Strategien diskutiert, wie Ihr "animal spirit" weiter zu Lasten der wertschöpfenden Bevölkerung befriedigt werden kann.

  1. Der Neoliberalismus ist das Problem, nicht das "Schneeballsystem" aus Verbindlichkeiten, die bisher gedeckt sind.

    Steuererhöhungen und Sozialkürzungen? Ich muss schon sagen, diese antihumanistische Politikvorstellung ist schon der Gipfel dessen, was man die letzten Jahre so zu hören bekam. Wie wäre es mit einer nachhaltigen Lösung der Krise, die laut diesem Experten offenbar zunächst eine demografische ist? Wie wäre es mit einer Förderung familienfreundlicher Politik, statt HartzIV, Leiharbeit und Abwrackprämie, die alle alternativlos sind?

    Und die Kirchen bei dieser Refeudalisierung einspannen zu wollen, ist schäbig. Denn eine "gemeinsame Anstrengung" der Sozialkürzungen kann nicht anders gemeint sein als die Wiederherstellung gewisser historischer Kontinuitäten.

    Vielleicht hat uns gerade die Alternativlosigkeit der Brüningschen Spardoktrin in die Krise geführt? Vielleicht haben ebenjene Eliten, die die Politik seit Jahren prägen, mit ihren Entscheidungen die Krise des Gesellschaftsvertrages zu verantworten und sollten dafür haftbar gemacht werden?

    Wenn ich nur daran denke, dass Leute wie der Verbrecher Peter Hartz (denn vorbestraft ist er!), die die deutsche Sozialpolitik auf dem Gewissen haben, jetzt wieder nach ihrer Expertise im sozialen Bereich befragt werden sollen und demnächst womöglich der Steuersenker Steinbrück Kanzler wird, wird mir speiübel.

    7 Leserempfehlungen
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    Sie wollen genau so weiter machen wie bisher. Aber genau das führt zur Verarmung derer, die Sie schützen wollen.
    Wenden Sie dass einmal eins an, dann werden Sie feststellen, daß Schulden nur von der Masse der Bürger abgebaut werden können und nicht von den wenigen wohlhabenden Bürgern.
    Wir werden um eine heftige Inflation oder gar einem Währungsschnitt nicht herum kommen. Wohl dem, der Sachwerte hat.

    • Otto2
    • 27. Januar 2013 11:48 Uhr

    Hartz IV haben wir schon, die Renten sind gekürzt. Die Löhne stagnieren weitgehend, die Mieten steigen kräftig, der Kündigungsschutz ist durch Zeitarbeit usw. unterlaufen.
    Es gilt nur noch den 2. Teil Ihres Konzeptes zu verwirklichen.
    Das heißt: Steuern erhöhen für Wohlhabende und vor allem für Reiche und zwar für alle Reichen und nicht nur für die, die aus Einsicht bereit sind, mehr Steuern zu zahlen!

    • dp80
    • 26. Januar 2013 18:07 Uhr

    Jeder muss Opfer bringen: Unternehmensberater auch?

    Eine Leserempfehlung
  2. Ganz nach dem Prinzip: Ursache - Wirkung.

    Kauft eine Bank griechische Staatsanleihen und diese werden wertlos, dann war dies wohl ein schlechtes Geschäft und die Bank schreibt es ab. Wenn sie dabei konkursit wird: selbst schuld! Augen auf, beim Anleihenkauf.

    "Gier und Dummheit schützen vor Strafe nicht!"

    "Gewinne privatisieren und Schulden sozialisieren?" FALSCHER ANSATZ !!!

    4 Leserempfehlungen
  3. Schulden sind immer Schulden bei jemandem und letztlich dieses jemandem Vermögen.

    Ein geschlossenes Wirtschaftssystem kann sich also insgesammt weder verschulden noch kann es sparen. Zugegben ist die EU nur in schlechtern Näherung eine geschlossenes Wirtschaftssystem.

    Sichtbar ist aber das den öffentlichen Schulden entsprechende private Vermögen entgegenstehen. Versicherungen usw. sind zu Teil sogar verpflichted (platt gesprochen) in öffentliche Verschuldung zu investieren -- insbesondere vergleichsweise sicherer Staatsanleien zu halten.

    Den ca. 2 Billionen öffentlichen Schulden unseres Staates stehen ca. 4 bis 5 Billionen privates Geld und Anlagevermögen entgegen. Anteilig sind Staatsschulden und Privatvermögen ein und das Gleiche bsp. im Falle von Lebensversichrungen die deutsche Staatsanleien halten. Hierbei steigt das Geld und Anlagevermögen schneller als die öffentliche Verschuldung, u.a. sichtbar an einer Nettosparquote von ca 10% der Verfügbaren Einkommen was mehr als 100 Millijarden Euro entspricht und damit über der mittleren öffentlichen Neuverschuldung liegt.

    Im Grunde haben wir Welt-Weit nur Schuldgeld-Systeme. Vereinfacht gesprochen kennen wir keine Geldschöpfung ausser durch Schulden, Wert und Stabilität bekommt das Geld aus den Sicherheiten die als Sicherheiten für die Schulden hinterleget werden. Entscheident ist also das Verhähtniss von Geld zu den Sachwerten die als Sicherheit dienen.

    12 Leserempfehlungen
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    • DerDude
    • 26. Januar 2013 18:53 Uhr

    Man kann im übrigen auch Unternehmensberatern nur empfehlen, öfters mal die Zeit zu lesen:

    http://www.zeit.de/2012/4...

    Vielen Dank für diesen Kommentar. Hätten Sie den nicht geschrieben hätte ich einen gleichen Kommentar verfasst. Leider geistert die Unart die Gesamtwirtschaft wie einen einzigen Betrieb zu verstehen noch immer durch Medien und Politik.

  4. Geld und Schulden sind in ihrer Summe immer Null, denn es kommt nur als Schulden in den Umlauf.

    Wenn wir zuviel Schulden haben haben wir auch zu viel Geld, Geldvermögen und Schulden sind ein und das selbe -- Überschuldung ist eher ein Verteilungsproblem.

    Lösungsansätzte gibt es viele -- alles was das Verhähltniss von Sachwerten zur Geldmenge verbessert ist schon mal gar nicht schlecht. Das sind sowohl Inflation als auch Schuldenschnitte, auch Wachstum schadet bestimmt nicht. Direkte Besteuerung von Geldvermögen sind einem Schuldenschnitt ähnlich soweit es öffentliche Schulden betrifft.

    Was nicht funktionieren kann ist Verzicht und längere Arbeitszeiten. Wenn wir weniger Sachwerte produzieren und halten die Geldmenge aber gleich bleibt wird das Verhältnis von
    Geldmenge und Sicherheiten aus Sachwerten eher schlechter.
    Verzicht (spätestens Lohnverzicht) reduziert die Inflation, reduziert aber die Geldmenge nicht -- trägt also nichts zur Lösung bei.

    Ganz absurd wird es wenn man dazu noch die Arbeitszeit verlänger will, eine stagnierende oder schrumpfende Wirtschaft benötigt immer weniger Arbeitsleistung -- wer soll dann bis 67 arbeiten?

    Die umlagefinanzierte Rente ist ein geringes Problem. Es sind keine (Geld)Schulden, es sind Anwardschaften auf zu erwartednden Einnahmen. Die direkte Umverteilung der Einzahlungen in die Rentenversicherung erfordert werden Anlagen noch Schulden. Eine Finanzmarktfinanzierte Rente währe viel problematischer

    11 Leserempfehlungen
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    Wenigstens noch einer, der die Problematik genau so sieht wie ich. Allerdings scheinen mir der vorvorletzte und vorletzte Abschnitt etwas widersprüchlich. Dein Bruder im Geiste...;)

  5. Der Analyse von Stelter pflichte ich vollständig bei.

    Aber kein einziger Politiker wird das jemals zugeben - es wäre ja gleichzeitig die Bestätigung der eigenen Unfähigkeit.

    6 Leserempfehlungen
    • DerDude
    • 26. Januar 2013 18:53 Uhr

    Man kann im übrigen auch Unternehmensberatern nur empfehlen, öfters mal die Zeit zu lesen:

    http://www.zeit.de/2012/4...

    3 Leserempfehlungen

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