Schuldenkrise"Das kann nicht gutgehen"

Schluss mit dem Wirtschaften auf Pump, fordert der Berater Daniel Stelter. Alle müssen Opfer bringen. von 

Notenbankchef Draghi: "Die Schulden werden nie getilgt, und der Zinssatz liegt bei null."

Notenbankchef Draghi: "Die Schulden werden nie getilgt, und der Zinssatz liegt bei null."  |  © Getty Images

DIE ZEIT: Sie behaupten, Politiker und Notenbanker trauten sich nicht, der Öffentlichkeit die Wahrheit über die Schulden zu sagen. Was ist die Wahrheit?

Daniel Stelter: Die Wahrheit ist, dass die Industrieländer einen Großteil ihrer Schulden nicht mehr zurückzahlen können. Es geht nicht nur um die Staatsschulden, sondern auch um die Verschuldung der Unternehmen und der Bürger. Die Gesamtlast ist zu hoch. Ein Beispiel: In Irland addieren sich die Gesamtschulden auf etwa 400 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das können die Iren alleine niemals bewältigen!

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ZEIT: Aber Irland gilt bei der Krisenbewältigung doch geradezu als Vorbild?

Daniel Stelter

ist Senior Partner der Beratungsfirma Boston Consulting.

Stelter: Ja, aber langfristig tragbar wären Schulden von etwa 180 bis 200 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Und um dahin zu kommen, brauchte Irland bei seinem heutigen Sparkurs ungefähr 80 Jahre. Das ist unrealistisch, das machen die Leute nicht mit. Irland wird definitiv Hilfe brauchen, Griechenland sowieso, genauso Portugal, und Spanien bekommt die extreme Verschuldung des Privatsektors alleine auch nicht in den Griff.

ZEIT: Die Lage in den Krisenländern ist also viel schlimmer, als es uns die Politik glauben machen will?

Stelter: Nicht nur in den Krisenländern, in fast allen Industriestaaten! Zu den offiziellen Schulden kommen ja noch versteckte hinzu. Die Staaten haben Zusagen für die Rente und die Gesundheitsversorgung gemacht, für die keine Rücklagen gebildet wurden. In alternden Gesellschaften wird es schwierig oder fast unmöglich, diese Zusagen einzuhalten. Das wurde in der bisherigen Debatte ausgeblendet.

ZEIT: Sie vergleichen die Schuldenfinanzierung in den Industriestaaten mit einem betrügerischen Schneeballsystem. Ist das nicht arg übertrieben?

Stelter: Normalerweise sind Schulden nicht schlecht. Wenn Sie sich Geld leihen und ein Haus bauen, werden Sie danach wahrscheinlich fleißiger arbeiten und mehr sparen, um den Kredit abzutragen. Schulden können so ein Turbo für Wirtschaftswachstum sein. Aber in den vergangenen 20 Jahren waren sie es kaum noch. In den sechziger Jahren führte jeder zusätzliche Dollar Kredit in den USA zu einem um 59 Cent höheren Bruttoinlandsprodukt, zuletzt waren es nur noch 18 Cent. Offenbar dienen Schulden heute eher dazu, Konsum zu finanzieren oder bestehende Schulden zu bedienen. Und das hat durchaus etwas von einem Schneeballsystem. 

Leserkommentare
    • genius1
    • 26. Januar 2013 23:09 Uhr

    5 Teile ab Kommentar 53:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-08/libor-zinsen-manipulation-london?c...

    Übrigens - Vollgeld gibt es schon.

    Alles Bargeld ist auch Vollgeld. Für einen Teil der Kundengelder müssen Banken, Bargeld vorhalten. Als Sicherheit für das Bargeld, hinterlegen Banken Schuldverschreibungen (Kreditforderungen) bei der EZB. Da für die Sicherheiten, das Geld im Wirtschaftskreislauf schon vorhanden ist, kommt das Bargeld als zusätzliche Bilanzverlängerung noch obendrauf. Allerdings - Bargeld gibt es auch nicht Umsonst!

    Hab doch schon vor kurzem Geschrieben: In spätestens 3 Jahren, ist die Weltwirtschaft Kollabiert. Jetzt dauert es keine 3 Jahre mehr!

  1. der die neoliberale Narrative unter die Völker bringen will.

    Die Protagonisten bzw. Apologeten der NeoCon-Ideologie sind einfach unverkennbar, siehe hierzu auch neusprech.org

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  2. aber kein wirkliches Wort darüber das die Unternehmer mit ihren Renditewünschen die Ursache der Schuldenorgien sind.

    Schließlich ist Wirtschaftswachstum (oder besser gesagt, MEHR GEWINN) ein absolutes muss.

    Wo der herkommen soll, weiß zwar keiner, aber das macht ja nichts.

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  3. Als Beamter bin ich bereit, auf einen Teil meines Solds zu verzichten. Auch ein gemeinsames Krankenkassensystem für alle würde ich unterstützen.
    Ja, ich würde Opfer bringen, wenn:
    - Menschen am unteren finanziellen Rand unserer Gesellschaft nicht geschröpft werden und in Würde leben kennen
    - der Staat das Geld nicht mit vollen Händen für Subventionen (Agrarsektor, Geschäftsfahrzeuge etc.) zum Fenster rauswerfen würde
    - der Wehretat minimiert wird
    - unser Steuersystem wirklich progressiv wäre (ohne Schlupflöcher für Reiche)
    - Banken auch mal bankrott gehen dürfen (auch die, die Geld von Griechenland haben möchten)
    - die vier Energieriesen für ihre Atomsauereien selbst zahlen müssen
    - der Staat nicht einen einzigen Cent für Stuttgart21 gibt
    - trotz allem viel Geld für Bildung und notwendige Infrastruktur (nicht S21) ausgegeben wird
    - usw., usf.

    Ansonsten kann dem Artikel voll und ganz zugestimmt werden. Das sieht doch ein Blinder mit nem Krückstock, daß es so nicht mehr lange geht. Was, wenn die Zinsen steigen? Was, wenn die Wirtschaft sich abschwächt und die Arbeitslosenzahlen zunehmen? Frau Merkel?

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    auf den Wehretat.

    Denn den werden wir in Zukunft mehr brauchen, als während des "Kalten Krieges".

  4. Das Fargione Integral und das darauf aufbauende Modell zeigt mathematisch sauber auf, woran es liegt. Weiterhin kann man sagen, wenn man diesem Umstand Beachtung schenkt, dass die neoliberalen Rezepte nahezu alle dazu angetan sind, dieses Problem dahingehend zu verschaerfen, dass sie die Rate mit der sich die Ungleichheiten ueber Zeit erhoehen, steigern. das laesst sich beim Experimentieren mit dem Modell in entsprechenden Simulationen einwandfrei nachweisen. Hauptsaechlicher Treiber fuer die Entstehung der Ungleichheit ist die Streuung der erzielbaren Renditen. Hohe Streuung gleich schnelle Steigerung der Ungleichheit und umgekehrt. Desweiteren laesst sich zeigen, dass z.B. Verbrauchststeuern, also Steuern auf den taeglichen Bedarf, der nicht reinvestiert werden kann, ebenfalls steigernd auf die Rate, mit der die Ungleichgewichte wachsen, wirken. Man kann sogar nachweisen, dass diese Ungleichgewichte ursaechlich fuer die Instabilitaeten des Finanzsystems sind und als Antrieb, fuer das merkwuerdige Verhalten der Banken angenommen werden kann. Leider haben die sog. Wirtschaftswissenschaften weder die Banken noch die dramatischen Veraenderungen der mikrooekonomischen Verteilung von Vermoegen, Firmengroessen etc. in ihren Modellen beruecksichtig und sind somit blind fuer diese Sachverhalte. Siehe dazu auch:
    http://georgtsapereaude.blogspot.com/2012/12/das-fargione-integral-warum...

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  5. Europa hat nicht "eine" Stimme, sondern eine Staatenansammlung. Viele dieser Staaten leben über ihre Verhältnisse. Vielen dieser Staaten hat der Freihandel eine Erosion der vorhandenen Unternehmen gebracht, da Billigimport zusätzlich Jobs u. Unternehmen gekostet hat. Nun bleiben hohe soziale Transfers auf Eurobasis, eine ausgedünnte Unternehmerschicht, eine nicht wettbewerbsfähige Unternehmensansammlung und eine zunehmend verunsicherte Bevölkerung.

    Die Politik in JAPAN zeigt auf, wie einfach es politisch funktioniert, die Geldumlaufmenge ins Gigantische zu überhöhen. Nicht Leistung o. höhere Steuern erbrachte Einnahmen, sondern einfach mehr Noten über die Geldpresse.

    Deutschland hat als noch Geberland eine konservative Europolitik, die versucht die Geschwindigkeit der Öffnung der Büchse der Pandorra (künstl. Geldflut) zu verlangsamen, aber der Druck der Nehmerländer ist schon ansteigend. Es wird solange weitergemacht - bis der Euro so dermaßen abgewertet ist, dass viele Bürger eher in Aktien und Alternativen zum Euro investieren.

    Richtig gespart wird in der Politik nie. In guten Zeiten, wird kommuniziert, dass nicht gespart werden kann, um die Konjunktur nicht abzuwürgen. In schlechten Zeiten wird nicht gespart, um eine bessere Konjunktur anzuschieben.

    Der Horizont der Politiker beträgt immer nur Monate - niemals Jahre. Zusätzlich wird sich vor Wahlen eine mehrmonatige Problemauszeit gegönnt. Rein geschichtlich lebte jede Währung immer nur für eine begrenzte Epoche.

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  6. 'Dieser Heuchler' fodert im Interview aber auch klipp und klar, dass marode Banken und Unternehmen in Konkurs gehen sollen und die Investoren (also oft die sog. Reichen) ihr Geld verlieren.

    Es müssen eben alle Opfer bringen - auch Investoren.

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  7. Die entscheidensten Fragen sind, wer sind die Verursacher und warum werden diese dem "Verursachungs-Prinzip" nicht zur Beseitigung der "Krise" herangezogen?!

    Eine Viezahl der Verursacher traffen sich in Davos!

    Dort wurden dann neue Vernebelungs-Strategien diskutiert, wie Ihr "animal spirit" weiter zu Lasten der wertschöpfenden Bevölkerung befriedigt werden kann.

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