Im Jahr 2004 habe ich ein Buch unter dem Titel Der weiße Neger Wumbaba veröffentlicht, knapp drei Jahre später den Band Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück . 2009 folgte dann Wumbabas Vermächtnis .

Es geht in dieser kleinen Trilogie um das Missverstehen gesungener Texte, der Titel ist ein Beispiel dafür: Ein Leser hatte mir erzählt, er habe Matthias Claudius’ berühmtes Abendlied Der Mond ist aufgegangen immer falsch verstanden. Statt »Der Wald steht schwarz und schweiget / und aus den Wiesen steiget / der weiße Nebel wunderbar« habe er gehört: »...und aus den Wiesen steiget / der weiße Neger Wumbaba«. (Später steuerte ein Münchner die Variante »Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba« bei.)

Anlässlich des zweiten Bandes bekam ich zum ersten Mal Post: Ich würde mich trotz der Proteste gegen das erste Buch – von denen ich nichts mitbekommen hatte – nun ein zweites Mal »des Unwortes ›Neger‹« bedienen, schrieb die Verfasserin, und dass es jemandem, der zur weißen Mehrheit in Deutschland gehöre, nicht freistehen könne, »ob er politisch korrekt sein möchte oder nicht« – eine bemerkenswerte Meinung, wie ich finde. Der Titel sei furchtbar, das Titelbild des Malers Michael Sowa äußerst rassistisch und beleidigend.

Nun beleidige ich nicht gern Leute, schon gar nicht in Büchern. Auch halte ich den Kampf gegen Rassismus für wichtig, aber welcher anständige Mensch täte das nicht? Nie würde ich einen Menschen als »Neger« bezeichnen, das fände ich tatsächlich ehrverletzend.

Ich erschrak also über die Vorwürfe.

Andererseits weiß ich nicht, wie man mit dem Missverständnis von Claudius anders hätte umgehen sollen. Das Wort »Neger« lässt sich hier nicht durch »Schwarzer« ersetzen, tut mir leid. Und das Bild meines Freundes Sowa stellt doch keinen Menschen dar, auch nicht als Karikatur! Sondern eine surreal-poetische Figur, die so ratlos-selbstbewusst wie mondlichtübergossen auf einer Wiese steht, einen »weißen Neger« von großer Freundlichkeit. Warum nicht diese Illustration auf den Titel nehmen, zumal das Lied zu den Lieblingsliedern der Deutschen zählt?

Im November 2007 hatte ich eine Lesung in Göttingen. Ich saß in der Garderobe und wartete auf meinen Auftritt, als der Intendant hereinkam und sagte, vor dem Theater sei eine Demonstration. »Gegen wen?«, fragte ich. »Gegen Sie«, sagte er. Acht oder neun Menschen trügen Transparente mit der Aufschrift »Nenn mich nicht Neger!«. Sie hätten angekündigt, mit mir diskutieren zu wollen. Dagegen hätte ich nichts, sagte ich.

Im Foyer wartete nach der Lesung vor dem Büchertisch eine kleine Gruppe auf mich, die Mehrzahl Weiße, dazu zwei oder drei Schwarze, die aber nicht in der Lesung gewesen waren. Wie sich herausstellte, hatten sie auch keine Ahnung vom Inhalt meiner Bücher. Eine Dame, die zu den Organisatoren der Demonstration gehörte, sprach mich an. Wir wechselten einige ruhige Sätze, doch das dauerte nicht lange.

Es wurde laut. Die Dame, eine Deutsche, verschwand im Hintergrund, ein weißer Amerikaner schrie mich an, ein Schwarzer schrie lauter, es fielen die Wörter »Hitler« und »Rassist«, Bücher flogen. Die Mutter des Veranstalters der Lesung trommelte auf den Rücken eines Demonstranten und rief, er solle ruhig sein, aber der folgte nicht. Stattdessen gab er mir – sein Gesicht zentimeterdicht vor meinem – mit Gesten und Wörtern zu verstehen, er werde mir später draußen im Dunkeln die Kehle durchschneiden. Die anderen sahen ihm stumm zu.

Da bin ich gegangen.

Im Jahr darauf erreichte meinen Verlag eine Resolution gegen meine Bücher, von einer Organisation namens »Der braune Mob« auf Deutsch und Englisch verfasst und von ein paar Hundert Leuten unterzeichnet. Manche hatten einen Kommentar dazugeschrieben, die meisten auf Englisch: Ich sei ein weißer Rassist, hieß es, mit der Ermordung der Juden mache man auch keine Witze, »wer Neger sagt, muss auch Aua sagen«, ich sei ein »fu..ing Nazi«, ein krankes Hirn, »are we back to the Hitler Regime?« Ob demnächst ein Grußwort aus der NS-Zeit auf den Titel komme. Und wie unglaublich es sei, dass »ein Verlag für Kinderbuecher einen solchen Begriff einsetzt« – obwohl mein Verlag kein Verlag für Kinderbücher ist und mein Buch auch kein Kinderbuch.

Man hat ja Verständnis für eine Grundwut bei Leuten, die täglich mit Rassismus zu tun haben – aber ein so gedankenfreier, reflexhafter Furor...?

In Bielefeld traf ich später im Foyer des Theaters vor einer Lesung auf einen Buchhändler, der auf dem Büchertisch kein einziges Wumbaba- Buch führte. Ich wisse doch, warum – das war alles, was er auf mein Nachfragen sagte.

Fast nie bekomme ich ruhig argumentierende Post. Wenn doch, antworte ich, dass ich es nicht für richtig hielte, Wörter zu verbieten, dass es auf den Zusammenhang ankomme, in dem sie verwendet würden, und dass ich den Kampf gegen den Rassismus für zu ernst hielte, als dass man seine Zeit mit solchen Auseinandersetzungen vergeuden sollte. Auf andere Briefe antworte ich nicht. »Was soll dieser beschissene Titel von wegen ›der weisse Neger..‹!!! Das ist einfach nur rassistische Scheisse. Ich könnte kotzen.« Ich ja auch, aber ich schreib’s nicht.

Ende Dezember erhielt Antje Kunstmann, meine Verlegerin, übrigens einen Brief von »LesMigraS Lesbische Migrantinnen und Schwarze Lesben«. Sie habe, hieß es, zwei Bücher über Depression veröffentlicht, Mein schwarzer Hund und Mit dem schwarzen Hund leben . Es sei aber diskriminierend gegenüber schwarzen Menschen, »wenn die Farbe schwarz und Dunkelheit als Symbolfarben für negativ bewertete Situationen oder Eigenschaften verwendet werden«. Damit werde »Schwarzsein erneut mit negativen Aspekten verbunden und suggeriert, dass Schwarzsein (von Weißen) beherrscht werden muss«.

Für die deutsche Sprache sehe ich dann aber doch, wenn ich so sagen darf: schwarz.