Es gab ein Zeitalter, in dem Ärzte gern "heroische Medizin" betrieben. Keine Therapie konnte im 19. Jahrhundert radikal genug sein, kein Medikament zu bitter und kein Schnitt zu tief. Das hatte wenig mit Heldentum, aber viel mit ärztlicher Hybris zu tun. Ein ähnlich unerschrockenes Vorgehen wird heute noch von manchen Chirurgen favorisiert. Selbst in fast aussichtslosen Fällen greifen sie zum Skalpell und glauben sich dabei im Recht, fordert dies doch mancher verzweifelte Patient vehement ein.

Im Fall des Göttinger Transplantationsskandals mischt sich nun die Justiz in diese Praxis ein. Das Amtsgericht Braunschweig hat gegen einen ehemaligen leitenden Transplantationschirurgen der Universitätsklinik Haftbefehl erlassen. Es geht um zwei Vorwürfe: Durch Falschangaben habe der Arzt neun Patienten auf der Warteliste für Organe nach oben rücken lassen und damit andere Patienten lebensbedrohend benachteiligt. Darüber hinaus bestehe der Verdacht, dass zwei Patienten voreilig eine Leber eingepflanzt wurde. Sie waren nach der Transplantation gestorben.

Der zweite Vorwurf wird vielen Medizinern Sorgen bereiten. Natürlich regeln im Prinzip Richtlinien, wann ein Patient operiert werden sollte. Aber im Einzelfall kann das Ermessenssache sein. Sollte der Göttinger Arzt verurteilt werden, muss sich jeder Arzt in Zukunft fragen, ob ihn eine beherzte Entscheidung für das Skalpell vielleicht ins Gefängnis bringt.

Aus gutem Grund hat die Justiz sich bisher aus diffizilen medizinischen Entscheidungen herausgehalten. Nicht vor jeder Operation können Nutzen und Risiken mathematisch genau kalkuliert und gegeneinander abgewogen werden. Und manches forsche Vorgehen hat die Chirurgie vorangebracht. Hätte Christiaan Barnard niemals gewagt, ein Herz zu transplantieren, es gäbe den Gegenstand nicht, über den jetzt verhandelt wird.

Doch das ist im Fall der Transplantation Medizingeschichte. Von einem Transplantationschirurgen darf heute erwartet werden, dass er nicht nur das Heil seines Patienten im Blick hat, sondern auch die Folgen seines Handelns für andere Patienten bedenkt. In Göttingen haben manche ein Organ erhalten, das anderen zustand. Der Skandal hat die Spendenbereitschaft drastisch gesenkt und somit vielen Patienten Überlebenschancen genommen. Die Zeiten Barnards sind vorbei, Transplantationen sind dem Stadium des Experiments entwachsen. Grobe Verstöße gegen die Richtlinien sind daher ebenso inakzeptabel wie alle Eingriffe, die aus rein finanziellen Motiven durchgeführt werden.

In den Kliniken entscheiden jetzt Ärzteteams über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer Transplantation. Der Druck durch die Bundesärztekammer wird jetzt von der Staatsanwaltschaft verstärkt. Das sind längst überfällige Schritte gegen eine zu heroische Medizin.