Es ist Premierenabend. Ich steige in ein Taxi, mache mich auf den Weg ins Theater – und plötzlich fällt mir auf dem Rücksitz ein: Ich habe vergessen, den Text zu lernen. Ich kann nur den Anfang des Stückes, nicht die zweite Hälfte. Aber es ist eine große Rolle, die Lady Macbeth von Shakespeare. Ich gerate in leichte Panik, versuche, einen Laden zu finden, der das Buch verkauft. Das klappt nicht. Schnell rufe ich jemanden an, der mir ein Exemplar von zu Hause ins Theater mitbringen soll. Das klappt auch nicht.

Ich fahre trotzdem weiter. Ausnahmsweise nehme ich einen anderen Bühneneingang als üblich. Mein schlechter Orientierungssinn rächt sich. Ich finde die Garderobe nicht. Es ist wie verhext. Wo ist sie? Ich irre auf langen Gängen herum, irgendwann stoße ich auf die richtige Tür. Schnell streife ich mir das Kostüm der Lady Macbeth über, aber der Ärmel ist zugenäht. Die Garderobiere muss mir helfen. Dann passe ich plötzlich nicht mehr in das Kostüm, weil ich während der Proben zu dick geworden bin. Ich werde wahnsinnig, ich schreie, die Garderobiere läuft um mich herum wie in einer Slapstick-Komödie und versucht, das Kleid in Ordnung zu bringen.

Aus Richtung der Bühne höre ich, wie mein Name gerufen wird. Ich muss raus, ohne Text, mit dem schlecht übergestreiften Kostüm und ohne Schminke. Als ich im Rampenlicht stehe, versuche ich mich zu erinnern, wovon das Stück eigentlich handelt, sage einen Text auf, breche ihn ab. Dann habe ich die großartige Idee, aus der Geschichte eine Komödie zu machen, beginne irgendeinen Quatsch zu erzählen und gebe Lady Macbeth einen sächsischen Dialekt.

Und dann höre ich das Rascheln. Der erste Zuschauer steht auf. Unten im Saal erhebt er sich, dann folgt ihm ein zweiter, dann ein dritter, es werden immer mehr, während ich auf der Bühne verzweifelt versuche, das Publikum zu halten. Einer nach dem anderen geht hinaus. Der Saal leert sich langsam. Ich höre, wie die Tür auf- und zugeht. Klack, klack, klack! Das ist das schlimmste Geräusch, das ein Bühnenschauspieler ertragen muss.

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Dieser Traum ist typisch für Theaterschauspieler. Ich träume ihn oft, wenn ich in der Vorbereitung eines Stückes bin, zum Glück nie kurz vor der Premiere. Im besten Fall erinnert er einen daran, verantwortungsvoll mit dem Stück umzugehen. Deshalb kann ich meinen Text bereits auf der ersten Probe auswendig und gehe ihn jeden Nachmittag vor einer Vorstellung noch einmal durch. Es ist mir tatsächlich erst ein Mal passiert, dass ich einen Satz in meinem Text vergessen habe. Das geschah voriges Jahr, als wir nach langer Zeit das Zwei-Personen-Stück Quartett wieder aufführten. Die Souffleuse hat mir geholfen, keiner im Publikum hat es bemerkt. Als ich von der Bühne ging, dachte ich mit ein wenig Erleichterung: So, jetzt hab ich das auch hinter mir.

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