Schauspielerin Barbara Sukowa"Ich gebe Lady Macbeth einen sächsischen Dialekt"

Die Premiere des Theaterstücks steht an, doch der Text ist vergessen und das Kostüm sitzt nicht! Barbara Sukowa kennt den typischen Schauspieleralptraum nur zu gut. von Ulf Lippitz

Schauspielerin Barbara Sukowa

Schauspielerin Barbara Sukowa  |  © Mareike Foecking

Es ist Premierenabend. Ich steige in ein Taxi, mache mich auf den Weg ins Theater – und plötzlich fällt mir auf dem Rücksitz ein: Ich habe vergessen, den Text zu lernen. Ich kann nur den Anfang des Stückes, nicht die zweite Hälfte. Aber es ist eine große Rolle, die Lady Macbeth von Shakespeare. Ich gerate in leichte Panik, versuche, einen Laden zu finden, der das Buch verkauft. Das klappt nicht. Schnell rufe ich jemanden an, der mir ein Exemplar von zu Hause ins Theater mitbringen soll. Das klappt auch nicht.

Ich fahre trotzdem weiter. Ausnahmsweise nehme ich einen anderen Bühneneingang als üblich. Mein schlechter Orientierungssinn rächt sich. Ich finde die Garderobe nicht. Es ist wie verhext. Wo ist sie? Ich irre auf langen Gängen herum, irgendwann stoße ich auf die richtige Tür. Schnell streife ich mir das Kostüm der Lady Macbeth über, aber der Ärmel ist zugenäht. Die Garderobiere muss mir helfen. Dann passe ich plötzlich nicht mehr in das Kostüm, weil ich während der Proben zu dick geworden bin. Ich werde wahnsinnig, ich schreie, die Garderobiere läuft um mich herum wie in einer Slapstick-Komödie und versucht, das Kleid in Ordnung zu bringen.

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Aus Richtung der Bühne höre ich, wie mein Name gerufen wird. Ich muss raus, ohne Text, mit dem schlecht übergestreiften Kostüm und ohne Schminke. Als ich im Rampenlicht stehe, versuche ich mich zu erinnern, wovon das Stück eigentlich handelt, sage einen Text auf, breche ihn ab. Dann habe ich die großartige Idee, aus der Geschichte eine Komödie zu machen, beginne irgendeinen Quatsch zu erzählen und gebe Lady Macbeth einen sächsischen Dialekt.

Barbara Sukowa

62, geboren in Bremen, war längst eine gefeierte Bühnenschauspielerin, als Rainer Werner Fassbinder sie 1980 für eine Hauptrolle in Berlin Alexanderplatz engagierte. Unter Margarethe von Trottas Regie spielte sie 1986 im Film Rosa Luxemburg die Titelfigur, ebenso in Hannah Arendt, der derzeit in deutschen Kinos läuft. Sukowa ist auch als Sängerin klassischer Lieder sowie moderner Rocksongs erfolgreich. Sie lebt in New York.

Und dann höre ich das Rascheln. Der erste Zuschauer steht auf. Unten im Saal erhebt er sich, dann folgt ihm ein zweiter, dann ein dritter, es werden immer mehr, während ich auf der Bühne verzweifelt versuche, das Publikum zu halten. Einer nach dem anderen geht hinaus. Der Saal leert sich langsam. Ich höre, wie die Tür auf- und zugeht. Klack, klack, klack! Das ist das schlimmste Geräusch, das ein Bühnenschauspieler ertragen muss.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Dieser Traum ist typisch für Theaterschauspieler. Ich träume ihn oft, wenn ich in der Vorbereitung eines Stückes bin, zum Glück nie kurz vor der Premiere. Im besten Fall erinnert er einen daran, verantwortungsvoll mit dem Stück umzugehen. Deshalb kann ich meinen Text bereits auf der ersten Probe auswendig und gehe ihn jeden Nachmittag vor einer Vorstellung noch einmal durch. Es ist mir tatsächlich erst ein Mal passiert, dass ich einen Satz in meinem Text vergessen habe. Das geschah voriges Jahr, als wir nach langer Zeit das Zwei-Personen-Stück Quartett wieder aufführten. Die Souffleuse hat mir geholfen, keiner im Publikum hat es bemerkt. Als ich von der Bühne ging, dachte ich mit ein wenig Erleichterung: So, jetzt hab ich das auch hinter mir.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. @Die Premiere des Theaterstücks steht an, doch der Text ist vergessen und das Kostüm sitzt nicht!@ Klingt sehr tief wenn man den Text auf das menschliche Leben ueberhaupt bezieht. Wir improvisieren die meiste Zeit, weil wir den Text vergessen haben, wir kennen unsere Rolle nicht. Unsere Koerper sitzen nicht. Trotzdem muessen wir auf die Buehne.Es gibt ein Gedicht von Wislawa Szymborska, das diese Situation sehr genau beschreibt.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Theater | Buch | Bühne | Dialekt | Glück | Komödie
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