ReiseführerAuf einer Stufe mit Seattle

Beim Treppensteigen erlebt man die schönsten Überraschungen, sagen Jake und Cathy Jaramillo. In ihrer Stadt gibt es 650 Treppen. Über das Auf und Ab haben sie einen Reiseführer geschrieben. von Anne Lemhöfer

Die Skyline von Seattle

Die Skyline von Seattle   |  © MARK RALSTON/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Manche Leute bleiben ein Mal in einem Fahrstuhl stecken und benutzen von da an nur noch die Treppe. War das bei Ihnen auch so?

Jake Jaramillo: Nein. Wir haben kein Problem mit Fahrstühlen. Ich habe früher in der Finanzbranche gearbeitet. Wenn Sie da einen Termin in einem Wolkenkratzer haben, dann laufen Sie nicht ins 63. Stockwerk. Aber beim Spazierengehen ist es viel spannender, Treppen zu steigen. Versuchen Sie es, suchen Sie nach Treppen in Ihrer Stadt. Ich verspreche Ihnen: Sie werden Ihre Umgebung neu entdecken.

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Cathy Jaramillo: Treppen in einem Gebäude und Treppen im Freien sind zwei verschiedene Dinge. Wer in ein Büro will, hat ein Ziel und weiß, was ihn erwartet. Wer draußen eine Treppe sieht und einfach mal hinauf- oder hinuntersteigt, erlebt die schönsten Überraschungen.

ZEIT: Haben Sie deshalb einen Reiseführer über Treppen in Seattle geschrieben?

Jake: Genau. Wir kamen 2008 nach Seattle. Vorher lebten wir in Los Angeles. Wir sind von Anfang an viel gelaufen, um die Umgebung zu erkunden, und stellten sofort fest, dass Seattle die Stadt der Treppen ist. Im Gegensatz zu L.A., dessen Zentrum sehr eben liegt. Überall stößt man hier auf Treppen, und es lohnt sich, sie bei einem Spaziergang auch einmal auszuprobieren.

Cathy: Wir waren in unseren ersten Wochen in Seattle mit Adleraugen unterwegs, wie ein Paar, das auf Haussuche ist. Dabei waren wir nur neugierig. Seattle hat als Stadt eine ganz besondere Topografie: 1903 hat der Stadtplaner John C. Olmsted die Hügel, über die Seattle sich auszubreiten begann, mit einem komplexen System aus Grünflächen, Aussichtspunkten und Verbindungsachsen überzogen. Die 650 Treppen der Stadt sind dabei Schleichwege, Abkürzungen und manchmal auch die einzige Möglichkeit, bestimmte Orte zu erreichen. Nahezu vergessene Zugänge zu versteckten Ecken der Stadt.

ZEIT: Was lässt sich denn zum Beispiel entdecken?

Jake: Auf der letzten Stufe der Treppe an der Ecke South Cooper Street/Arrowsmith Avenue wird man mit einem großartigen Blick über den Lake Washington belohnt. Andere führen zu winzigen Parks, die kaum jemand kennt. Nahe dem North Beach gibt es eine Treppe mit 128 Stufen. Mit etwas Glück kann man von dort oben Robben im Pazifik beobachten. Einmal haben wir einen vollkommen versteckten, bunt bemalten Briefkasten entdeckt. Vor allem aber stößt man auf Geschichten, wenn man Treppen läuft.

ZEIT: Erzählen Sie uns eine!

Cathy: Eines Tages liefen wir eine Treppe im Stadtviertel Queen Anne hoch und kamen zu einem Spielplatz. Die Leute aus der Umgebung sagten uns, das sei Rachel’s Playground. So erfuhren wir von Rachel Pearson, einem sechs Jahre alten Mädchen, das dort immer gespielt hat. Sie starb im Januar 2000 bei einem Flugzeugabsturz. Ihre Nachbarn beschlossen daraufhin, dass der Spielplatz ihren Namen tragen soll.

ZEIT: Muss ich sehr sportlich sein, um die Touren in Ihrem Reiseführer zu bewältigen?

Cathy: Wer alle Ausflüge macht, die wir beschreiben, sollte eine gewisse Fitness mitbringen. Wir haben 25 Wanderungen zusammengestellt, zwischen anderthalb und sechseinhalb Kilometer Länge. Dabei kommt man zusammen auf 100 Kilometer, verteilt auf 14.300 Stufen – 6600 nach unten, 7700 nach oben.

Jake: Die längste Treppe hat 388 Stufen und führt den Capitol Hill hinauf – eine beliebte Trainingsstrecke unter Joggern, die auch auf unzähligen Läuferseiten im Internet beschrieben ist.

ZEIT: Um die an einem Stück hochzulaufen, muss man also zumindest ein gut trainierter Hobbysportler sein.

 Jake und Cathy Jaramillo

Jake und Cathy Jaramillo  |  © PR

Jake: Ja, einige Touren haben mich an Aufstiege im Gebirge erinnert. Nur dass es in der Natur nicht alle paar Meter eine Bar oder ein Café gibt, wo man einkehren kann. Wir führen ja auch Touristengruppen und Einheimische treppauf, treppab durch Seattle. Für manchen ist das Ausdauertraining, das er da nebenbei absolviert, sogar die wichtigste Motivation, mitzumachen. Ein bisschen ist das wie Bergwandern in der Stadt.

Cathy: Eine Stadt kann so spannend wie die Natur sein. Manche Treppen sind faszinierend, weil sie sich wie eine Spirale nach oben winden oder aus Art-déco-Elementen bestehen. Und dann gibt es diese Treppe im Stadtteil Laurelhurst, die bis ins Meer führt. Die kannten viele Bewohner der angrenzenden Viertel selbst nicht. An der Treppe kann man sehen, dass die Gegend früher nur per Schiff erreichbar war. Die Stufen führten zum Anlegeplatz. Sie sehen, Treppen haben etwas Geheimnisvolles: Man weiß nie, wo man landet, wenn man die Stufen in Angriff nimmt.

ZEIT: Viele Treppen führen durch Wohngebiete. Sind die Bewohner jetzt nicht sauer, dass sie wegen Ihres Buchs häufiger Besuch von Touristen bekommen?

Jake: Die Sorge hatten wir auch. Aber das Gegenteil ist eingetreten. Den meisten Leuten macht es Spaß, zu zeigen, wo und wie sie wohnen. Manchmal treffen wir Künstler, die in der Gegend arbeiten. Die präsentieren dann ihre Werke. Mancher Anwohner macht sich auch über uns lustig. Dann heißt es: »Ach ja? Und als Nächstes schreiben Sie wohl ein Buch über Fahrstühle?«

ZEIT: Und, haben Sie das vor?

Jake: Das würden wir vielleicht sogar tun – wenn Fahrstühle nur halb so spannend wären wie Treppen.

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Leserkommentare
  1. Der Stadtteil Laurelhurst liegt genausowenig wie Seattle am Meer, sondern nordoestlich von der U of W am Lake Washington. Ein Blick auf die Karte haette genuegt um zu sehen dass die westlichen Stadtteile am Puget Sound liegen; und der ist nur ein Meeresarm.

  2. Das Titelbild ist ziemlich nichtssagend und hilft nicht Seattle zu erkennen. Da haette man sehr sehr viel bessere und imposantere Bilder von Seattles Skyline ablichten koennen. Vom erwaehnten Queen Anne Viertel aus gibt es, besonders an schoenen klaren Tagen, atemberaubenede Aussichten auf Downtown Seattle, auch mit dem imposanten Mt. Rainier im Hintergrund.

    Wenn man Space Needle und Mr Rainier sieht, kann man Seattle sofort erkennen.

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  • Schlagworte Seattle | Reiseführer | Buch | USA
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