Hatice Daşl hatte ein kurzes Leben und starb einen grausamen Tod. Das Mädchen aus der Stadt Diyarbakr wurde als 13-Jährige verheiratet. Nach zwei Jahren Ehe lief sie zu ihren Eltern zurück, weil sie die Schläge ihres Mannes nicht mehr aushielt. Als sie dann von zwei Cousins vergewaltigt wurde, entschied ein "Familiengericht", dass sie sterben müsse. Sie hatte außerehelichen Sex. Mitte Dezember fanden Angler ihre Leiche an einem Bach. Das Mädchen war im vierten Monat schwanger. Da die Angehörigen sie nicht begraben wollten, kümmerten sich die Behörden um die Bestattung. Nun ermittelt die Polizei gegen den Großvater, der das Todesurteil gefällt haben soll, gegen zwei Onkel, die das Mädchen ermordet haben sollen, und gegen die beiden Cousins.

Einige Medien berichteten über den Fall, etwa 200 Frauen protestierten auf dem Friedhof in Diyarbakr. Mehr geschah nicht. Anders als in Indien, wo die Massenvergewaltigung einer Studentin wochenlang Tausende auf die Straße brachte, erfasste die Empörung nicht die ganze Gesellschaft. Keine massenhaften Demonstrationen in den Großstädten des Landes, keine Mahnwachen auf öffentlichen Plätzen, keine Grundsatzreden von Politikern.

Es ist, als sei das Land gefangen in einem sehr türkischen Widerspruch: Bei den Frauenrechten steht die Türkei noch ganz am Anfang – einerseits. Andererseits ist sie schon sehr weit. Die Entwicklung verläuft erstaunlich ungleichzeitig, und die Grenzen liegen nicht immer zwischen West und Ost, oben und unten, modern und traditionell oder säkular und fromm. Es gibt Geschichten wie die eines südostanatolischen Vaters, der kaum lesen und schreiben kann, aber seinen Traktor verkauft, um seiner Tochter den Schulbesuch zu ermöglichen; und wie die des reichen Istanbuler Geschäftsmannes, der einer armen Familie aus dem Osten die 17-jährige Tochter "abkauft", um sie zu heiraten.

Wie hart der Kampf um Gleichberechtigung ausgefochten wird, ist wohl in keinem anderen islamischen Land besser zu beobachten als in der Türkei. Ja, den Frauen geht es besser als ihren arabischen Nachbarinnen – aber deutlich schlechter als den europäischen.

In Kunst, Kultur, Medien und Politik wird intensiv über die Stellung der Frau nachgedacht: Anti-Gewalt-Kampagnen in türkischen Zeitungen; tragbare Notrufsender, die gerade als Pilotprojekt in den Städten Bursa und Adana gestestet werden; bestens vernetzte Frauenverbände, deren Mitglieder innerhalb kürzester Zeit auf der Straße protestieren, wenn Ministerpräsident Tayyp Erdoğan wieder einmal fordert, jede Frau solle mindestens drei Kinder gebären, oder wenn er Abtreibungen als "Mord" bezeichnet; Topmanagerinnen, die Unternehmen mit mehreren Zehntausend Mitarbeitern führen.

In Büchern, Filmen und Soaps werden Tabus gleich reihenweise gebrochen: Die attraktive, junge Frau eines reichen Unternehmers lebt ihre Sexualität außerhalb des Ehebetts aus; ein Vergewaltigungsopfer setzt sich erfolgreich gegen seine Peiniger zur Wehr und löst eine feministische Massenbewegung aus. Das ist der eine Teil der Wahrheit.

 Das größte Hemmnis für die Frauen sind derweil häufig – die Frauen selbst

Der andere, hässliche Teil ist die unbändige, oft unvorstellbar brutale Gewalt gegen Frauen, die Amnesty International als "endemisch" bezeichnet. Sie zeigt, wie tief Frauenverachtung in der Gesellschaft verankert ist, nicht nur im weniger entwickelten Südosten des Landes, sondern auch in den großen Städten der westlichen Türkei. Zugrunde liegt ihr die Vorstellung, die Frau sei Besitz des Mannes und von ihrer sexuellen Reinheit hänge die Ehre des Kollektivs, also der ganzen Familie ab. Diese Ehre, namus, stiftet Identität wie sonst nur die türkische Nation, das Türkischsein an sich. Und die Identität soll verhindern, dass die Einheit auseinanderfällt – die der Familie wie die des Landes. Verletzt die Frau die Familienehre, beschädigt sie das Ansehen der gesamten Verwandtschaft – was durchaus ohne eigenes Zutun geschehen kann. Hatice Daşl bezahlte mit ihrem Leben dafür.

2005 wurde unter der regierenden islamischen AKP erstmals der Versuch unternommen, sogenannte "Ehrenmorde" zu erfassen. Eine Parlamentskommission ließ Polizeiakten durchforsten und kam zu dem Schluss, dass es zwischen 2000 und 2005 mehr als 2.500 solcher Verbrechen gegeben habe – und mehrere Tausend Mordversuche. Nach einer aktuellen Untersuchung hat sich die Zahl der getöteten Frauen in den vergangenen sieben Jahren verfünfzehnfacht. Die Zahl der Vergewaltigungen ist ebenfalls drastisch gestiegen. Der Staatsanwalt der Provinz Zonguldak trug vor Kurzem auf einer Konferenz seine Zahlen vor: 2002 habe es noch 8.146 gemeldete sexuelle Übergriffe im Land gegeben – 2011 seien es 32.988 gewesen. Auch die häusliche Gewalt habe zugenommen: Jeden Tag gebe es in 167 Familien Gewalt – in 80 Prozent der Fälle gegen Frauen. Und wahrscheinlich liegen die Dunkelziffern noch höher, weil etwa 40 Prozent der Opfer keine Anzeige erstatten.

Diese Zahlen sind furchterregend. Aber in ihnen kann auch etwas Gutes liegen: Dass sie steigen, ist möglicherweise ein Anzeichen dafür, dass Frauen häufiger die Auseinandersetzung mit ihren Männern oder Familien suchen und Übergriffe häufiger anzeigen. Dass die Machtstellung des türkischen Mannes erodiert: Je mehr Autonomie sie einfordert, desto häufiger schlägt er zu. Es scheint, als gehe der Kampf um die Gleichberechtigung in eine entscheidende, schmerzhafte Phase. Das größte Hemmnis für Männer ist, dass sie nicht einsehen, warum sie von ihrer jahrhundertealten, bequemen Position abrücken sollten. Das größte Hemmnis für die Frauen sind derweil häufig – die Frauen selbst.

Nicht selten helfen sie mit, das patriarchalische System von Generation zu Generation aufrechtzuerhalten. Als Ehefrauen leiden sie, als Mütter ziehen sie den späteren Tyrannen groß, der früh lernt, dass sein Geschlecht das überlegene ist. Schon bei kleinen Jungs wird ein grandioser Hype um die Mannwerdung gemacht, die mit der Beschneidung beginnt. Mütter, Tanten und Omas zelebrieren sie mit vielen Tränen. Dann heißt es: aslanm, mein kleiner Löwe, koçum, mein kleiner Steinbock. Zur Belohnung für ihren "Mut" werden die kleinen Männer bei der Beschneidungsfeier in Offiziers- und Sultanskostümchen gesteckt. Zu einer Zeit, in der die Frau den größten Einfluss auf die Mannwerdung ausüben könnte, bestätigt sie althergebrachte Vorstellungen von Männlichkeit, die wenigsten Frauen stellen diesen Brauch infrage. Bis zum Militärdienst muss der Sohn kaum Verantwortung in der Familie übernehmen. Erziehung und Disziplinierung überlässt man der Armee.

Was können da für Männer herauskommen, wenn von ihren Müttern verwöhnte Jungs plötzlich in den autoritärsten Bereich der Gesellschaft geworfen werden? Im schlimmsten Fall traumatisierte und neurotische. Die Frauen könnten dieses System von Bemuttern und Armeedrill ganz einfach durchbrechen – indem sie aufhören, ihre Söhne anzuhimmeln. Und sie hin und wieder die Teller abspülen lassen.

Die traditionelle Vorstellung von Ehre und Männlichkeit konnte sich nur mithilfe von Gesetzen durchsetzen. "Sie waren es, die den Körper der Frau als Symbol der Ehre festlegen", sagt Esma Çakir-Ceylan. Die Juristin hat eine Doktorarbeit mit dem Titel Gewalt im Namen der Ehre geschrieben und systematisch untersucht, wie Gesetze die Unterdrückung der Frau bestärkten. Bis zu einer umfassenden Reform 2005 war "Ehre" ein gängiger Begriff im türkischen Strafgesetzbuch, ohne dass er irgendwo genauer definiert worden wäre – als so selbstverständlich galt er. War Ehrenrettung für den Täter ein Motiv, konnte sie strafmildernd wirken. Wenn der Ehemann seine Frau mit einem anderen Mann in flagranti erwischte und sie oder beide tötete, konnte die für Mord übliche lebenslange Gefängnisstrafe auf eine vier- bis achtjährige Haft verkürzt werden.

 Immerhin diskutiert inzwischen die Öffentlichkeit über die Gewalt

Vergewaltigung galt früher als Verstoß gegen die "allgemeine Sittlichkeit und Familienordnung", nicht als Verbrechen gegen das Individuum. Der Täter konnte sich der Strafe entziehen, indem er sein Opfer heiratete. Das war gängige Rechtspraxis; viele Opfer ließen sich darauf ein, weil sie unter dem Druck standen, die Schande loszuwerden, die ihnen widerfahren war. Das Strafmaß war zudem abhängig vom Lebenswandel der vergewaltigten Frau: Handelte es sich um eine bereits "ehrlose" Frau, wie eine Prostituierte, konnte der Täter mit einer milden Strafe rechnen. Viele Täter, sagt Esma Çakir-Ceylan, wussten das.

80 Jahre lang, seit Gründung der Republik, dienten diese Gesetze dazu, die althergebrachten kulturellen Vorstellungen zu bewahren – nicht sie zu zivilisieren und zu disziplinieren. Erst um die Jahrtausendwende begann sich eine breite Koalition von Frauenverbänden dagegen zu wehren. Wie schnell sich Dinge ändern können, sieht man an den Verhältnissen in Deutschland: Seit gerade mal 35 Jahren dürfen Frauen ohne Einverständnis ihrer Ehemänner arbeiten. Und erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

Die türkischen Frauenrechtlerinnen setzten eine weitreichende Reform des türkischen Zivil- und Strafrechts durch. Der Mann verlor seinen rechtlichen Status als Familienoberhaupt, Vergewaltigung in der Ehe wurde unter Strafe gestellt, und unverheirateten und nicht jungfräulichen Frauen sollte es auch besser ergehen. Strafmildernde Umstände für sogenannte Ehrenmorde wurden abgeschafft – fortan sollte gelten: Mord ist Mord, Vergewaltigung ist Vergewaltigung. Die EU bejubelte in einem Bericht von 2007 die neuen Paragrafen als die "radikalsten Veränderungen im rechtlichen Status türkischer Frauen seit 80 Jahren". Mit diesen Reformen habe die Türkei zum ersten Mal in ihrer Geschichte "das rechtliche Regelwerk einer postpatriarchalen Gesellschaft" geschaffen.

Wie konnte es dazu kommen? Es gab viele Gründe: die neu gewählte, konservativ-islamische Regierung, die die Macht der alten republikanisch-säkularen Elite brechen wollte und den Schulterschluss mit der EU suchte. Vor allem aber hatten sich die Frauenorganisationen zu einem schlagkräftigen Netzwerk zusammengetan, das die Öffentlichkeit mobilisierte.

Bisher sehen die Änderungen aber nur auf dem Papier gut aus. Jahrzehntelang hat der Staat im Geiste der alten Gesetze gearbeitet. Richter haben prügelnde Männer geschützt, Polizisten vergewaltigte Frauen überredet, keine Anzeige zu erstatten, es handele sich ja schließlich um eine "Familienangelegenheit". Es wird dauern, bis die neuen Gesetze das Denken und die Strukturen verändern. Das zeigt auch ein kürzlich reformiertes Gesetz gegen häusliche Gewalt. Zwar gilt jetzt die Regel: "Wer schlägt, der muss das gemeinsame Haus verlassen", und Richter können prügelnden Ehemännern zur Not eine elektronische Fußfessel verpassen – doch das Gesetz, beklagen Frauenorganisationen, werde immer noch zu selten angewendet.

Immerhin diskutiert inzwischen die Öffentlichkeit über die Gewalt. Zuletzt, als Fatma Salman Kotan, eine Abgeordnete der AKP, mit blau geschlagenem Auge in den Plenarsaal in Ankara kam. Ihr Mann hatte sie so zugerichtet. Eine verprügelte Abgeordnete, das berührte den Staat an seinem heiligsten Ort. Wenn sogar eine Abgeordnete ein solches Schicksal erleidet, so der Tenor der Debatte, wie muss es da erst anderen Frauen ergehen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, die nicht gebildet sind und kein eigenes Geld verdienen?

 Wie hat die Gesellschaft die Veränderungen angenommen?

Denn zu den Bildungsverlierern, auch das gehört zu den unschönen Wahrheiten, zählen in der Türkei vor allem Frauen: Von fünf Millionen Analphabeten sind vier Millionen Frauen. Gerade mal ein Drittel verdient eigenes Geld. Besonders die mit Kopftuch, immerhin 60 bis 70 Prozent der Frauen, haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Zwar trat die AKP-Regierung ihre erste Amtszeit mit dem Versprechen an, mehr für Kopftuchträgerinnen zu tun; und tatsächlich hat sie gegen viele Widerstände das Kopftuchverbot an den Universitäten aufgehoben. Aber im öffentlichen Dienst, als Teil des laizistischen Staates, sind Kopftücher seit je verboten. Und laut einer Studie der türkischen Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien, TESEV, nimmt die Diskriminierung im privaten Sektor zu. Frauen mit Kopftuch werden seltener befördert, deutlich schlechter bezahlt oder erst gar nicht eingestellt. Sie würden regelrecht "unsichtbar", heißt es in der Studie. Manche legen ihr Kopftuch ab und tragen es nur noch privat, andere scheiden ganz aus dem Jobmarkt aus.

Was stört die Chefs an Frauen, die sich verhüllen? "Sie trauen ihnen weniger zu. Außerdem wollen sie, dass Frauen wie Mannequins aussehen", sagt Frauenrechtlerin Berrin Sönmez. Die eigene Frau daheim soll Kopftuch tragen, am Arbeitsplatz herrscht ein anderes Schönheitsideal. Die Folge: noch mehr Frauen, die zu Hause bleiben, anstatt zu arbeiten. Und sich wegen ihrer ökonomischen Abhängigkeit seltener von ihren gewalttätigen Ehemännern trennen.

Die Kopftuchträgerin trifft die Diskriminierung doppelt: Der Staat als Hüter des Laizismus will sie unbedingt enthüllen – und der Patriarch sieht sie am liebsten oben mit. Sie sitzt in der Falle.

Noch dazu spaltet das Stück Stoff die Frauen auch untereinander, in ein säkulares und ein religiöses Lager. Das erschwert den Kampf um Gleichberechtigung. Zu verschieden schienen die Lebenswelten von "Minirockträgerinnen und Kopftuchfrauen", wie es einige Frauenrechtlerinnen polemisch zuspitzen. Für säkulare Frauen ist das Kopftuch kein Ausdruck individueller Glaubensfreiheit, sondern eine Bedrohung, ein Angriff auf den türkischen Laizismus – und damit ein Angriff auf die Prinzipien des Staatsgründers Atatürk.

Als gäbe es den Unterdrücker nur in Gestalt des frommen ostanatolischen Clanoberhauptes, während der Laizismus immun gegen das Patriarchat mache. In vielen Köpfen hält sich das Zerrbild, die säkulare Republik sei noch immer eine Vorreiterin in Sachen Frauenrechte. Es stimmt, dass Atatürk vieles für die Frauen veränderte, auch wenn sie für ihn weniger Individuen als ein republikanisches Fortschrittsprojekt waren. Atatürk verbot die Polygamie, nahm den Frauen das Kopftuch ab und verschaffte ihnen das Wahlrecht. 1935 wurden 18 Frauen in die Nationalversammlung gewählt, 4,5 Prozent; im europäischen Vergleich war das damals ein Spitzenwert. Atatürk führte die Emanzipation der Frau mehr oder weniger im Alleingang herbei, als die Männer noch nicht einmal daran dachten, ihre osmanischen Pluderhosen abzulegen.

Das alles ist aber schon achtzig Jahre her. Heute muss man fragen: Wie hat die Gesellschaft die Veränderungen angenommen? Auf dem Global Gender Index des Weltwirtschaftsforums belegt die Türkei von 135 Ländern den 124. Platz. Im Vergleich mit Europa und Zentralasien ist sie Schlusslicht. Am deutlichsten zeigt sich das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern in der Politik. Es gibt 26 Ministerämter, nur eines hat eine Frau inne, die Familienministerin Fatma Şahin. 86 Prozent der Parlamentarier sind Männer. Von landesweit über 2.900 Bürgermeistern sind 26 weiblich.

Der Grad der Emanzipation in der Türkei misst sich nicht an besseren Gesetzen. Auch nicht an der Zahl der Miniröcke oder der abgelegten Kopftücher. Er wird sich daran messen lassen, ob eine gesellschaftliche Kultur entsteht, in der Gleichberechtigung ein Wert ist. Und vielleicht auch an der Anzahl der Teller, die türkische Jungs in Zukunft abspülen werden.