Frauen in der TürkeiVerachtung von gestern
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 Das größte Hemmnis für die Frauen sind derweil häufig – die Frauen selbst

Der andere, hässliche Teil ist die unbändige, oft unvorstellbar brutale Gewalt gegen Frauen, die Amnesty International als "endemisch" bezeichnet. Sie zeigt, wie tief Frauenverachtung in der Gesellschaft verankert ist, nicht nur im weniger entwickelten Südosten des Landes, sondern auch in den großen Städten der westlichen Türkei. Zugrunde liegt ihr die Vorstellung, die Frau sei Besitz des Mannes und von ihrer sexuellen Reinheit hänge die Ehre des Kollektivs, also der ganzen Familie ab. Diese Ehre, namus, stiftet Identität wie sonst nur die türkische Nation, das Türkischsein an sich. Und die Identität soll verhindern, dass die Einheit auseinanderfällt – die der Familie wie die des Landes. Verletzt die Frau die Familienehre, beschädigt sie das Ansehen der gesamten Verwandtschaft – was durchaus ohne eigenes Zutun geschehen kann. Hatice Daşl bezahlte mit ihrem Leben dafür.

2005 wurde unter der regierenden islamischen AKP erstmals der Versuch unternommen, sogenannte "Ehrenmorde" zu erfassen. Eine Parlamentskommission ließ Polizeiakten durchforsten und kam zu dem Schluss, dass es zwischen 2000 und 2005 mehr als 2.500 solcher Verbrechen gegeben habe – und mehrere Tausend Mordversuche. Nach einer aktuellen Untersuchung hat sich die Zahl der getöteten Frauen in den vergangenen sieben Jahren verfünfzehnfacht. Die Zahl der Vergewaltigungen ist ebenfalls drastisch gestiegen. Der Staatsanwalt der Provinz Zonguldak trug vor Kurzem auf einer Konferenz seine Zahlen vor: 2002 habe es noch 8.146 gemeldete sexuelle Übergriffe im Land gegeben – 2011 seien es 32.988 gewesen. Auch die häusliche Gewalt habe zugenommen: Jeden Tag gebe es in 167 Familien Gewalt – in 80 Prozent der Fälle gegen Frauen. Und wahrscheinlich liegen die Dunkelziffern noch höher, weil etwa 40 Prozent der Opfer keine Anzeige erstatten.

Diese Zahlen sind furchterregend. Aber in ihnen kann auch etwas Gutes liegen: Dass sie steigen, ist möglicherweise ein Anzeichen dafür, dass Frauen häufiger die Auseinandersetzung mit ihren Männern oder Familien suchen und Übergriffe häufiger anzeigen. Dass die Machtstellung des türkischen Mannes erodiert: Je mehr Autonomie sie einfordert, desto häufiger schlägt er zu. Es scheint, als gehe der Kampf um die Gleichberechtigung in eine entscheidende, schmerzhafte Phase. Das größte Hemmnis für Männer ist, dass sie nicht einsehen, warum sie von ihrer jahrhundertealten, bequemen Position abrücken sollten. Das größte Hemmnis für die Frauen sind derweil häufig – die Frauen selbst.

Nicht selten helfen sie mit, das patriarchalische System von Generation zu Generation aufrechtzuerhalten. Als Ehefrauen leiden sie, als Mütter ziehen sie den späteren Tyrannen groß, der früh lernt, dass sein Geschlecht das überlegene ist. Schon bei kleinen Jungs wird ein grandioser Hype um die Mannwerdung gemacht, die mit der Beschneidung beginnt. Mütter, Tanten und Omas zelebrieren sie mit vielen Tränen. Dann heißt es: aslanm, mein kleiner Löwe, koçum, mein kleiner Steinbock. Zur Belohnung für ihren "Mut" werden die kleinen Männer bei der Beschneidungsfeier in Offiziers- und Sultanskostümchen gesteckt. Zu einer Zeit, in der die Frau den größten Einfluss auf die Mannwerdung ausüben könnte, bestätigt sie althergebrachte Vorstellungen von Männlichkeit, die wenigsten Frauen stellen diesen Brauch infrage. Bis zum Militärdienst muss der Sohn kaum Verantwortung in der Familie übernehmen. Erziehung und Disziplinierung überlässt man der Armee.

Was können da für Männer herauskommen, wenn von ihren Müttern verwöhnte Jungs plötzlich in den autoritärsten Bereich der Gesellschaft geworfen werden? Im schlimmsten Fall traumatisierte und neurotische. Die Frauen könnten dieses System von Bemuttern und Armeedrill ganz einfach durchbrechen – indem sie aufhören, ihre Söhne anzuhimmeln. Und sie hin und wieder die Teller abspülen lassen.

Die traditionelle Vorstellung von Ehre und Männlichkeit konnte sich nur mithilfe von Gesetzen durchsetzen. "Sie waren es, die den Körper der Frau als Symbol der Ehre festlegen", sagt Esma Çakir-Ceylan. Die Juristin hat eine Doktorarbeit mit dem Titel Gewalt im Namen der Ehre geschrieben und systematisch untersucht, wie Gesetze die Unterdrückung der Frau bestärkten. Bis zu einer umfassenden Reform 2005 war "Ehre" ein gängiger Begriff im türkischen Strafgesetzbuch, ohne dass er irgendwo genauer definiert worden wäre – als so selbstverständlich galt er. War Ehrenrettung für den Täter ein Motiv, konnte sie strafmildernd wirken. Wenn der Ehemann seine Frau mit einem anderen Mann in flagranti erwischte und sie oder beide tötete, konnte die für Mord übliche lebenslange Gefängnisstrafe auf eine vier- bis achtjährige Haft verkürzt werden.

Leserkommentare
  1. Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat mit ethnischen Türken, Kurden, Arabern, Tscherkessen, Georgierne, Türkmenen, Azerbaidschanern, Pomaken, Gagausen, Tataren, Armenieren, Griechen, Juden, ...
    Und jede dieser Gesellschaften pflegt einen anderen Umgang mit Ihren Frauen.

    Laut Amnesty International müssen die Frauen am meisten unter der archaischen Gesellschaftsform der Kurden leiden.

    Wieso berichtet man nich etwas differenzierter über die Türkei und die Menschen, die dort leben ???

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    Bosniaken, Albaner, Mazedonier, Bulgaren, ...

    einen anderen Umgang mit ihren Frauen.

    Das haben Sie super formuliert und auf den Punkt gebracht, das ist der gedankliche Kern des Übels. Die Gesellschaft, das sind die Männer, die entscheiden, auf welche Weise sie die Frauen beherrschen. Und die Frauen dürfen also abwarten, wie mit ihnen umgegangen wird, was sie dürfen, oder ob Vergewaltigungen eine ganz normale Umgangsform, eine Straftat oder doch eher ehrloses Verhalten seitens des Opfers ist.

  2. 2. ......

    Bosniaken, Albaner, Mazedonier, Bulgaren, ...

    2 Leserempfehlungen
    • oxfrog
    • 26. Januar 2013 19:07 Uhr

    Es mag ja sein das es Frauen in der BRD erst seit 35 Jahren erlaubt ist ohne Einwilligung des Mannes einer Arbeit nachzugehen. Für die DDR galt dies allerdings nicht, dort waren Frauen um einiges freier.

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    @oxfrog: Bitte um differenzierte Betrachtung des Begriffes "frei".
    Mag sein, dass Frauen in der DDR unabhängiger von Männern waren. Einen DDR-Bürger/DDR-Bürgerin als frei zu bezeichnen finde ich allerdings doch etwas unpassend.

    • spigg
    • 26. Januar 2013 19:56 Uhr

    Wieso schreien immer alle ganz laut nach Differenzierung, wenn es um Türken oder den Islam im Allgemeinen geht, wenn dann aber an anderer Stelle (Kriminalitätsstatistik, Schulerfolg etc.) nach verschiedenen Gruppen differenziert wird, wo die Ergebnisse für manche weniger schmeichelhaft sind, wird aber nur ein "nicht hilfreich" eingeworfen?

    18 Leserempfehlungen
    • msc35
    • 26. Januar 2013 20:01 Uhr

    Die bisherigen Kommentare stellen korrekt dar, dass in der deutschen Presse fragwürdig differenziert wird. Die Kurden sind eben nur im Kontext von Menschenrechtsverstößen "Kurden". Dabei werden den kurdischen Frauen elementare menschenrechte durch jahrhundertealte Sitten und Gebräuche beschnitten (sog. töre). Nicht umsonst ist in den Kurdengebieten die Selbstmordrate unter den Frauen deutlich höher (am höchsten in der Provinz Batman). Allerdings ist auch korrekt, dass Frauen in den restlichen Landesteilen ebenfalls eine Menge erdulden müssen. Aber ehrlich gesagt, Sie verdienen kein Mitleid. Denn diese Frauen sind es - wie auch im Artikel korrekt erwähnt wird - die diese Männer großziehen. Daher muss sich einiges ändern in der Erziehung der Jungen. Dies kann man nicht dem Militär überlassen (früher konnten Männer faktisch nicht vor Absolvierung ihres Militärdienstes heiraten, da sie nicht als echte Männer galten!).
    Eine kleine Anmerkung noch; kocum heisst nicht mein Steinbock (türkisch: oglak), sondern mein Widder.

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  3. Das wäre sicher eine gute Aktionen für die Damen von Femen, aber die machen lieber Aktionen in Deutschland, wo Frauen jegliche Rechte ohnehin schon zugestanden worden sind.
    Tourempfehlung: Türkei - Iran - Saudi-Arabien und Ägypten.
    Da kann man sich für die Frauenrecht abrackern, als gegen freiwillige Gewerbe auf die Straße zu gehen.

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  4. Ähnlich wie im Fall Indien versucht die femenistische Bewegung insbesondere in Europa alles über einen Kamm zu scherren und glaubt damit den dortigen Frauen helfen zu können. Ich führe an dieser Stelle mal die - vielleicht auch provakante- These auf, dass in vielen Ländern außerhalb Europas auch in Zukunft nicht alle Frauen mit Miniröcken oder ähnlich freizügigen Klamotten durch die Gegend laufen werden. In diesen Ländern gibt es keine großen Incentives für die Männer, Frauen mehr Freiheiten zu erlauben. In vielen Ländern, wo Frauenrechte eingeschränkt sind, herrscht starkes Bevölkerungswachstum. Die Folge ist, dass die Männer in einer solche Situation um Arbeitsplätze konkurrieren und kein Platz für Frauen da ist. Hinzu kommen viele enthnische und kulturelle Besonderheiten. In Indien wurde noch vor 15 Jahren, das Tragen der Jeans als Verdrängung indischer Traditionen angesehen durch westliche Wertevorstellungen. In vielen Fällen geht die Angst um, dass mit mehr Frauenrechten die eigene Kultur verdrängt wird, da für viele kaum möglich ist zwischen der Ausprägung von Frauenrechten und der westlichen Lebensweise zu differenzieren. D.h. für die dortigen Frauen, dass sie unabhängig von der westlichen Art und Weise, wie Frauen leben, ihren eigenen Weg gehen müssen. Sie müssen dabei einen schmallen Grad gehen, der aber zum Erfolg führen kann. Eine Gleichberechtigung, die auch die Männer in diesen Ländern ihres Eigens nennen können. Ein purer Export bringt hier nichts.

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    • Ki Ki
    • 28. Januar 2013 1:05 Uhr

    scheint auch 2013 noch verbreitet zu sein. Die wohl eher einfältiger Männerphantasie als Fakten entsprungene Unterstellung, der Feminismus kämpfte für Miniröckchen und ähnlicher freizügiger Kleidung scheint dies zu bestätigen.

    Dabei ging es seit Olympe de Gouges und ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin 1791 um Gleichberechtigung von Mann und Frau, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Dass konservative Frauenverachter den Untergang der gesamten jeweiligen Kultur an die Wand malten und malen, falls Frauen gleiche Rechte genießen, ist auch nicht neu, Frauenverachtung und Patriarchat mögen in den Kulturen durch jeweils herrschende Traditionen, Regeln und Normen der jeweiligen Religion begründet werden, das Prinzip, Frauen aufgrund ihres Geschlechts als minderwertig zu betrachten und ihnen deshalb Menschenrechte zu verweigern, ist dasselbe.

    Dass heute in Indien Frauen und Männer gegen Frauenverachtung protestieren und auch in der Türkei wie in anderen Ländern Frauen ihre Menschenrechte einfordern, ist ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess, den wir alle unterstützen sollten.

  5. Ist eine Stadt die von Türkei-Kurden (Amed) gennant wird.
    Der Bürgermeister ist Osman Baydemir Mitglied der Kurdischen Partei BDP die unter der Befehlsgewalt der Terroristischen PKK steht.
    Diese Partei wurde mit ca. 80% der stimmen gewählt.
    Das zu der politischen Landschaft dieser Stadt .
    In der Stadt leben fast ausschließlich Kurden .
    Die Familienverhältnisse dort sind so , das die dortigen Männer mehrere frauen haben und Kinder im Durchschnitt 8 bis 10 .
    Mädchen zählt mann dort als Kapital , weil der Bräutigam für das Mädchen eine sehr hohe Summe bezahlen muss.
    Deswegen werden dort im Kindesalter verkauft und vom Erwachsenen Ehemann sehr oft misshandelt.
    Aber die Kultur kleine Mädchen für Geld zu verheiraten ist ausschließlich bei den Kurden .
    Deswegen sollte es hier auch beim Namen gennant werden.

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