Frauen in der TürkeiVerachtung von gestern
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 Immerhin diskutiert inzwischen die Öffentlichkeit über die Gewalt

Vergewaltigung galt früher als Verstoß gegen die "allgemeine Sittlichkeit und Familienordnung", nicht als Verbrechen gegen das Individuum. Der Täter konnte sich der Strafe entziehen, indem er sein Opfer heiratete. Das war gängige Rechtspraxis; viele Opfer ließen sich darauf ein, weil sie unter dem Druck standen, die Schande loszuwerden, die ihnen widerfahren war. Das Strafmaß war zudem abhängig vom Lebenswandel der vergewaltigten Frau: Handelte es sich um eine bereits "ehrlose" Frau, wie eine Prostituierte, konnte der Täter mit einer milden Strafe rechnen. Viele Täter, sagt Esma Çakir-Ceylan, wussten das.

80 Jahre lang, seit Gründung der Republik, dienten diese Gesetze dazu, die althergebrachten kulturellen Vorstellungen zu bewahren – nicht sie zu zivilisieren und zu disziplinieren. Erst um die Jahrtausendwende begann sich eine breite Koalition von Frauenverbänden dagegen zu wehren. Wie schnell sich Dinge ändern können, sieht man an den Verhältnissen in Deutschland: Seit gerade mal 35 Jahren dürfen Frauen ohne Einverständnis ihrer Ehemänner arbeiten. Und erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar.

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Die türkischen Frauenrechtlerinnen setzten eine weitreichende Reform des türkischen Zivil- und Strafrechts durch. Der Mann verlor seinen rechtlichen Status als Familienoberhaupt, Vergewaltigung in der Ehe wurde unter Strafe gestellt, und unverheirateten und nicht jungfräulichen Frauen sollte es auch besser ergehen. Strafmildernde Umstände für sogenannte Ehrenmorde wurden abgeschafft – fortan sollte gelten: Mord ist Mord, Vergewaltigung ist Vergewaltigung. Die EU bejubelte in einem Bericht von 2007 die neuen Paragrafen als die "radikalsten Veränderungen im rechtlichen Status türkischer Frauen seit 80 Jahren". Mit diesen Reformen habe die Türkei zum ersten Mal in ihrer Geschichte "das rechtliche Regelwerk einer postpatriarchalen Gesellschaft" geschaffen.

Wie konnte es dazu kommen? Es gab viele Gründe: die neu gewählte, konservativ-islamische Regierung, die die Macht der alten republikanisch-säkularen Elite brechen wollte und den Schulterschluss mit der EU suchte. Vor allem aber hatten sich die Frauenorganisationen zu einem schlagkräftigen Netzwerk zusammengetan, das die Öffentlichkeit mobilisierte.

Bisher sehen die Änderungen aber nur auf dem Papier gut aus. Jahrzehntelang hat der Staat im Geiste der alten Gesetze gearbeitet. Richter haben prügelnde Männer geschützt, Polizisten vergewaltigte Frauen überredet, keine Anzeige zu erstatten, es handele sich ja schließlich um eine "Familienangelegenheit". Es wird dauern, bis die neuen Gesetze das Denken und die Strukturen verändern. Das zeigt auch ein kürzlich reformiertes Gesetz gegen häusliche Gewalt. Zwar gilt jetzt die Regel: "Wer schlägt, der muss das gemeinsame Haus verlassen", und Richter können prügelnden Ehemännern zur Not eine elektronische Fußfessel verpassen – doch das Gesetz, beklagen Frauenorganisationen, werde immer noch zu selten angewendet.

Immerhin diskutiert inzwischen die Öffentlichkeit über die Gewalt. Zuletzt, als Fatma Salman Kotan, eine Abgeordnete der AKP, mit blau geschlagenem Auge in den Plenarsaal in Ankara kam. Ihr Mann hatte sie so zugerichtet. Eine verprügelte Abgeordnete, das berührte den Staat an seinem heiligsten Ort. Wenn sogar eine Abgeordnete ein solches Schicksal erleidet, so der Tenor der Debatte, wie muss es da erst anderen Frauen ergehen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen, die nicht gebildet sind und kein eigenes Geld verdienen?

Leserkommentare
  1. Die Türkei ist ein Vielvölkerstaat mit ethnischen Türken, Kurden, Arabern, Tscherkessen, Georgierne, Türkmenen, Azerbaidschanern, Pomaken, Gagausen, Tataren, Armenieren, Griechen, Juden, ...
    Und jede dieser Gesellschaften pflegt einen anderen Umgang mit Ihren Frauen.

    Laut Amnesty International müssen die Frauen am meisten unter der archaischen Gesellschaftsform der Kurden leiden.

    Wieso berichtet man nich etwas differenzierter über die Türkei und die Menschen, die dort leben ???

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    Bosniaken, Albaner, Mazedonier, Bulgaren, ...

    einen anderen Umgang mit ihren Frauen.

    Das haben Sie super formuliert und auf den Punkt gebracht, das ist der gedankliche Kern des Übels. Die Gesellschaft, das sind die Männer, die entscheiden, auf welche Weise sie die Frauen beherrschen. Und die Frauen dürfen also abwarten, wie mit ihnen umgegangen wird, was sie dürfen, oder ob Vergewaltigungen eine ganz normale Umgangsform, eine Straftat oder doch eher ehrloses Verhalten seitens des Opfers ist.

  2. 2. ......

    Bosniaken, Albaner, Mazedonier, Bulgaren, ...

    2 Leserempfehlungen
    • oxfrog
    • 26. Januar 2013 19:07 Uhr

    Es mag ja sein das es Frauen in der BRD erst seit 35 Jahren erlaubt ist ohne Einwilligung des Mannes einer Arbeit nachzugehen. Für die DDR galt dies allerdings nicht, dort waren Frauen um einiges freier.

    12 Leserempfehlungen
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    @oxfrog: Bitte um differenzierte Betrachtung des Begriffes "frei".
    Mag sein, dass Frauen in der DDR unabhängiger von Männern waren. Einen DDR-Bürger/DDR-Bürgerin als frei zu bezeichnen finde ich allerdings doch etwas unpassend.

    • spigg
    • 26. Januar 2013 19:56 Uhr

    Wieso schreien immer alle ganz laut nach Differenzierung, wenn es um Türken oder den Islam im Allgemeinen geht, wenn dann aber an anderer Stelle (Kriminalitätsstatistik, Schulerfolg etc.) nach verschiedenen Gruppen differenziert wird, wo die Ergebnisse für manche weniger schmeichelhaft sind, wird aber nur ein "nicht hilfreich" eingeworfen?

    18 Leserempfehlungen
    • msc35
    • 26. Januar 2013 20:01 Uhr

    Die bisherigen Kommentare stellen korrekt dar, dass in der deutschen Presse fragwürdig differenziert wird. Die Kurden sind eben nur im Kontext von Menschenrechtsverstößen "Kurden". Dabei werden den kurdischen Frauen elementare menschenrechte durch jahrhundertealte Sitten und Gebräuche beschnitten (sog. töre). Nicht umsonst ist in den Kurdengebieten die Selbstmordrate unter den Frauen deutlich höher (am höchsten in der Provinz Batman). Allerdings ist auch korrekt, dass Frauen in den restlichen Landesteilen ebenfalls eine Menge erdulden müssen. Aber ehrlich gesagt, Sie verdienen kein Mitleid. Denn diese Frauen sind es - wie auch im Artikel korrekt erwähnt wird - die diese Männer großziehen. Daher muss sich einiges ändern in der Erziehung der Jungen. Dies kann man nicht dem Militär überlassen (früher konnten Männer faktisch nicht vor Absolvierung ihres Militärdienstes heiraten, da sie nicht als echte Männer galten!).
    Eine kleine Anmerkung noch; kocum heisst nicht mein Steinbock (türkisch: oglak), sondern mein Widder.

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  3. Das wäre sicher eine gute Aktionen für die Damen von Femen, aber die machen lieber Aktionen in Deutschland, wo Frauen jegliche Rechte ohnehin schon zugestanden worden sind.
    Tourempfehlung: Türkei - Iran - Saudi-Arabien und Ägypten.
    Da kann man sich für die Frauenrecht abrackern, als gegen freiwillige Gewerbe auf die Straße zu gehen.

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  4. Ähnlich wie im Fall Indien versucht die femenistische Bewegung insbesondere in Europa alles über einen Kamm zu scherren und glaubt damit den dortigen Frauen helfen zu können. Ich führe an dieser Stelle mal die - vielleicht auch provakante- These auf, dass in vielen Ländern außerhalb Europas auch in Zukunft nicht alle Frauen mit Miniröcken oder ähnlich freizügigen Klamotten durch die Gegend laufen werden. In diesen Ländern gibt es keine großen Incentives für die Männer, Frauen mehr Freiheiten zu erlauben. In vielen Ländern, wo Frauenrechte eingeschränkt sind, herrscht starkes Bevölkerungswachstum. Die Folge ist, dass die Männer in einer solche Situation um Arbeitsplätze konkurrieren und kein Platz für Frauen da ist. Hinzu kommen viele enthnische und kulturelle Besonderheiten. In Indien wurde noch vor 15 Jahren, das Tragen der Jeans als Verdrängung indischer Traditionen angesehen durch westliche Wertevorstellungen. In vielen Fällen geht die Angst um, dass mit mehr Frauenrechten die eigene Kultur verdrängt wird, da für viele kaum möglich ist zwischen der Ausprägung von Frauenrechten und der westlichen Lebensweise zu differenzieren. D.h. für die dortigen Frauen, dass sie unabhängig von der westlichen Art und Weise, wie Frauen leben, ihren eigenen Weg gehen müssen. Sie müssen dabei einen schmallen Grad gehen, der aber zum Erfolg führen kann. Eine Gleichberechtigung, die auch die Männer in diesen Ländern ihres Eigens nennen können. Ein purer Export bringt hier nichts.

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    • Ki Ki
    • 28. Januar 2013 1:05 Uhr

    scheint auch 2013 noch verbreitet zu sein. Die wohl eher einfältiger Männerphantasie als Fakten entsprungene Unterstellung, der Feminismus kämpfte für Miniröckchen und ähnlicher freizügiger Kleidung scheint dies zu bestätigen.

    Dabei ging es seit Olympe de Gouges und ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin 1791 um Gleichberechtigung von Mann und Frau, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Dass konservative Frauenverachter den Untergang der gesamten jeweiligen Kultur an die Wand malten und malen, falls Frauen gleiche Rechte genießen, ist auch nicht neu, Frauenverachtung und Patriarchat mögen in den Kulturen durch jeweils herrschende Traditionen, Regeln und Normen der jeweiligen Religion begründet werden, das Prinzip, Frauen aufgrund ihres Geschlechts als minderwertig zu betrachten und ihnen deshalb Menschenrechte zu verweigern, ist dasselbe.

    Dass heute in Indien Frauen und Männer gegen Frauenverachtung protestieren und auch in der Türkei wie in anderen Ländern Frauen ihre Menschenrechte einfordern, ist ein ganz natürlicher Entwicklungsprozess, den wir alle unterstützen sollten.

  5. Ist eine Stadt die von Türkei-Kurden (Amed) gennant wird.
    Der Bürgermeister ist Osman Baydemir Mitglied der Kurdischen Partei BDP die unter der Befehlsgewalt der Terroristischen PKK steht.
    Diese Partei wurde mit ca. 80% der stimmen gewählt.
    Das zu der politischen Landschaft dieser Stadt .
    In der Stadt leben fast ausschließlich Kurden .
    Die Familienverhältnisse dort sind so , das die dortigen Männer mehrere frauen haben und Kinder im Durchschnitt 8 bis 10 .
    Mädchen zählt mann dort als Kapital , weil der Bräutigam für das Mädchen eine sehr hohe Summe bezahlen muss.
    Deswegen werden dort im Kindesalter verkauft und vom Erwachsenen Ehemann sehr oft misshandelt.
    Aber die Kultur kleine Mädchen für Geld zu verheiraten ist ausschließlich bei den Kurden .
    Deswegen sollte es hier auch beim Namen gennant werden.

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  • Schlagworte Frauenbewegung | Menschenrechte | Frauenrechte | Türkei
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