Denn zu den Bildungsverlierern, auch das gehört zu den unschönen Wahrheiten, zählen in der Türkei vor allem Frauen: Von fünf Millionen Analphabeten sind vier Millionen Frauen. Gerade mal ein Drittel verdient eigenes Geld. Besonders die mit Kopftuch, immerhin 60 bis 70 Prozent der Frauen, haben kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Zwar trat die AKP-Regierung ihre erste Amtszeit mit dem Versprechen an, mehr für Kopftuchträgerinnen zu tun; und tatsächlich hat sie gegen viele Widerstände das Kopftuchverbot an den Universitäten aufgehoben. Aber im öffentlichen Dienst, als Teil des laizistischen Staates, sind Kopftücher seit je verboten. Und laut einer Studie der türkischen Stiftung für wirtschaftliche und soziale Studien, TESEV, nimmt die Diskriminierung im privaten Sektor zu. Frauen mit Kopftuch werden seltener befördert, deutlich schlechter bezahlt oder erst gar nicht eingestellt. Sie würden regelrecht "unsichtbar", heißt es in der Studie. Manche legen ihr Kopftuch ab und tragen es nur noch privat, andere scheiden ganz aus dem Jobmarkt aus.

Was stört die Chefs an Frauen, die sich verhüllen? "Sie trauen ihnen weniger zu. Außerdem wollen sie, dass Frauen wie Mannequins aussehen", sagt Frauenrechtlerin Berrin Sönmez. Die eigene Frau daheim soll Kopftuch tragen, am Arbeitsplatz herrscht ein anderes Schönheitsideal. Die Folge: noch mehr Frauen, die zu Hause bleiben, anstatt zu arbeiten. Und sich wegen ihrer ökonomischen Abhängigkeit seltener von ihren gewalttätigen Ehemännern trennen.

Die Kopftuchträgerin trifft die Diskriminierung doppelt: Der Staat als Hüter des Laizismus will sie unbedingt enthüllen – und der Patriarch sieht sie am liebsten oben mit. Sie sitzt in der Falle.

Noch dazu spaltet das Stück Stoff die Frauen auch untereinander, in ein säkulares und ein religiöses Lager. Das erschwert den Kampf um Gleichberechtigung. Zu verschieden schienen die Lebenswelten von "Minirockträgerinnen und Kopftuchfrauen", wie es einige Frauenrechtlerinnen polemisch zuspitzen. Für säkulare Frauen ist das Kopftuch kein Ausdruck individueller Glaubensfreiheit, sondern eine Bedrohung, ein Angriff auf den türkischen Laizismus – und damit ein Angriff auf die Prinzipien des Staatsgründers Atatürk.

Als gäbe es den Unterdrücker nur in Gestalt des frommen ostanatolischen Clanoberhauptes, während der Laizismus immun gegen das Patriarchat mache. In vielen Köpfen hält sich das Zerrbild, die säkulare Republik sei noch immer eine Vorreiterin in Sachen Frauenrechte. Es stimmt, dass Atatürk vieles für die Frauen veränderte, auch wenn sie für ihn weniger Individuen als ein republikanisches Fortschrittsprojekt waren. Atatürk verbot die Polygamie, nahm den Frauen das Kopftuch ab und verschaffte ihnen das Wahlrecht. 1935 wurden 18 Frauen in die Nationalversammlung gewählt, 4,5 Prozent; im europäischen Vergleich war das damals ein Spitzenwert. Atatürk führte die Emanzipation der Frau mehr oder weniger im Alleingang herbei, als die Männer noch nicht einmal daran dachten, ihre osmanischen Pluderhosen abzulegen.

Das alles ist aber schon achtzig Jahre her. Heute muss man fragen: Wie hat die Gesellschaft die Veränderungen angenommen? Auf dem Global Gender Index des Weltwirtschaftsforums belegt die Türkei von 135 Ländern den 124. Platz. Im Vergleich mit Europa und Zentralasien ist sie Schlusslicht. Am deutlichsten zeigt sich das Missverhältnis zwischen den Geschlechtern in der Politik. Es gibt 26 Ministerämter, nur eines hat eine Frau inne, die Familienministerin Fatma Şahin. 86 Prozent der Parlamentarier sind Männer. Von landesweit über 2.900 Bürgermeistern sind 26 weiblich.

Der Grad der Emanzipation in der Türkei misst sich nicht an besseren Gesetzen. Auch nicht an der Zahl der Miniröcke oder der abgelegten Kopftücher. Er wird sich daran messen lassen, ob eine gesellschaftliche Kultur entsteht, in der Gleichberechtigung ein Wert ist. Und vielleicht auch an der Anzahl der Teller, die türkische Jungs in Zukunft abspülen werden.