WehrpflichtSag mir, wo die Rekruten sind

Wie die deutsche Bundeswehr den Umstieg von der Wehrpflicht zum freiwilligen Dienst an der Waffe bewältigte von 

Verteidigungsminister Thomas de Mazière bei einem Rekruten-Gelöbnis in Berlin (Archiv)

Verteidigungsminister Thomas de Mazière bei einem Rekruten-Gelöbnis in Berlin (Archiv)  |  © Getty Images

Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ahnte, dass ein hartes Stück Arbeit vor ihm lag. Vor gut zwei Jahren schickte er sich an, die Bundeswehr zu einer Berufsarmee umzuwandeln. Die Vorbehalte, die ihm vor allem in seiner eigenen Partei, der CDU/CSU, entgegenschlugen, klangen damals sehr ähnlich wie jene, die nun von den Verteidigern der österreichischen Wehrpflicht vorgebracht werden.

Eine Freiwilligenarmee, so die Befürchtungen, werde sich abkoppeln von der Gesellschaft. Die gut Ausgebildeten und Intelligenten kämen kaum mehr mit den Streitkräften in Kontakt. Die Bundeswehr werde deshalb zu einem Auffangbecken für Geringqualifizierte und Gescheiterte verkommen, zu einer gesellschaftlichen Resterampe, attraktiv nur für solche, die selbst für niemanden attraktiv seien. Sofern sich überhaupt genügend Männer und Frauen für den Job an der Waffe interessierten.

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Bis zu diesem Zeitpunkt war die Wehrpflicht eine Grundkonstante der Bundesrepublik. Eine »Lebensversicherung für die Zukunft« nannte sie einst der Verteidigungsminister Volker Rühe. Für den CSU-Politiker Peter Ramsauer gehörte sie »zu den Grundlagen unserer Gesellschaft«. Bundeskanzler Gerhard Schröder sah durch sie garantiert, »dass eine Armee nicht Staat im Staate« werden könne – und seine Nachfolgerin Angela Merkel erklärte sie kurzerhand »zum Wesenskern der CDU«.

Peter Dausend

Der Autor ist im Hauptstadtbüro der ZEIT unter anderem für die Berichterstattung über die Bundeswehr verantwortlich.

Als es die Wehrpflicht noch gab, hörte man von den Spitzen der deutschen Politik nur Gutes über sie. Jetzt, da die Zukunft ohne diese Lebensversicherung, die Gesellschaft ohne diese Grundlage und die CDU ohne ihren Wesenskern auskommen muss, hört man gar nichts mehr. Die Wehrpflicht? Begraben und vergessen.

Das muss nicht so bleiben.

Das Ziel beim Großumbau der Bundeswehr war es, die im Kern noch auf klassische Landesverteidigung ausgerichteten deutschen Streitkräfte zu einer global agierenden Einsatzarmee umzuformen, um besser gewappnet zu sein für die veränderten Risiken und Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Im Zentrum der Reform stand die Reduzierung der Streitkräfte von rund 220.000 auf maximal 185.000 Mann – und die Aussetzung der Wehrpflicht. Seit dem 1. Juli 2011 liegt sie in einer Art künstlichem Koma und kann bei Bedarf jederzeit wieder geweckt werden.

Die Verwandlung zu einer Berufs- oder Freiwilligenarmee erschien Guttenberg, der sich selbst während des Umbauprozesses noch als »größter Anhänger der Wehrpflicht« beschrieb, aus zwei Gründen zwingend notwendig: zum einen, weil die veränderte Bedrohungslage zu vermehrten Auslandseinsätzen der Bundeswehr führen werde und solche Missionen von einer Armee mit einem hohen Anteil an Wehrpflichtigen nicht dauerhaft zu leisten sei. Zum anderen, weil zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch 17 Prozent der jungen Männer eines Jahrgangs zum Wehrdienst herangezogen wurden.

Außerdem, das darf nicht unterschätzt werden, war Guttenberg zum Zeitpunkt der Wehrpflichtdebatte der große Medienstar der deutschen Politik, ein galant auftretender, transatlantisch vernetzter Hagestolz aus bestem Hause. Ein Star schlägt sich nicht rum mit einem Reförmchen, ein Star, so sein Anspruch, leistet Großes. Nach erstaunlich kurzer Debatte waren diese Bedenken verflogen. Nicht zuletzt deshalb, weil eine breite Öffentlichkeit eine Abschaffung befürwortete.

Leserkommentare
    • bgm1981
    • 20. Januar 2013 12:23 Uhr

    Eine Europäisierung der nationalen Streitkräfte ist sowieso überfällig: Es macht finanziell, militärisch und politisch doch keinen Sinn mehr, dass jeder EU-Staat eigene, selbständige Truppen jeder Waffengattung bereithält. Stattdessen wäre eine europäische Armee insgesamt kleiner, standardisierter, effektiver und kostengünstiger. Auch nationale Waffengänge wie es die Franzosen gerade in Mali machen, würden der Vergangenheit angehören - dazu bräuchte man dann ein Placet der EU.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer soll denn diese EU-Armee befehligen? Haben Sie sich mal angeschaut, welche militärische Außenpolitik die EU-Staaten so treiben? Da macht jeder, was er will, die einen ziehen ab, die anderen schicken, hin, wieder andere bilden aus.. Einigkeit sieht anders aus.

    Die EU-Staaten verfolgen nach wie vor vor allem nationale Interessen. Bündnisse, die dabei entstehen, resultieren einfach daraus, dass sich gewisse Interessen manchmal überschneiden. Sobald sie das aber nicht (mehr) tun, geht auch jeder ganz schnell wieder getrennte Wege..

  1. Wer soll denn diese EU-Armee befehligen? Haben Sie sich mal angeschaut, welche militärische Außenpolitik die EU-Staaten so treiben? Da macht jeder, was er will, die einen ziehen ab, die anderen schicken, hin, wieder andere bilden aus.. Einigkeit sieht anders aus.

    Die EU-Staaten verfolgen nach wie vor vor allem nationale Interessen. Bündnisse, die dabei entstehen, resultieren einfach daraus, dass sich gewisse Interessen manchmal überschneiden. Sobald sie das aber nicht (mehr) tun, geht auch jeder ganz schnell wieder getrennte Wege..

    Antwort auf "EU-Armee!"

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