IndustrieDurch die Krise surfen

Die deutsche Industrie meistert Wirtschaftskrisen besser als die internationale Konkurrenz. Lektionen aus zwanzig Jahren. von Horst Wildemann

Mit einer Mischung aus Neid und Respekt blicken europäische Partner auf Deutschland, das Musterland. Während andere Volkswirtschaften auch im kommenden Jahr schrumpfen werden, mehren sich hierzulande die Anzeichen, dass die Konjunktur anzieht. Zuletzt hat sich unter anderem der Indikator des Münchner ifo Instituts wieder positiv entwickelt.

Dank der typischen Leidenschaft für Schwarzmalerei mag es den Deutschen selbst nicht so vorkommen, doch es besteht kein Zweifel: Deutschland ist gestärkt aus der zurückliegenden Finanzmarktkrise gekommen – und im Großen und Ganzen auch gut gerüstet für die sich weiter verschärfende Währungskrise im Euro-Raum. Dafür gibt es Gründe, die weit weniger mit dem politischen »Krisenmanagement« zu tun haben, als all die Rettungsschirm-Aufspanner für sich in Anspruch nehmen.

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Der Erfolg der deutschen – und insbesondere der mittelständischen – Unternehmen in schwierigen Zeiten ist im besten Sinne hausgemacht. Er ist das Ergebnis eines langen und ziemlich mühsamen Lernprozesses, der vor mehr als 20 Jahren angestoßen wurde, ebenfalls in einer Krisensituation. Im Rückblick sprechen wir von der »japanischen Herausforderung«. Sie provozierte seit den achtziger Jahren eine Reihe von Lektionen, von denen unser Land bis heute profitiert.

Was innovative Manager damals vom Land der aufgehenden Sonne aus in Gang setzten, führte in Großbritannien zum endgültigen Niedergang ganzer Industriezweige. Die USA verloren enorme Marktanteile in der Automobilproduktion und im Maschinenbau. Die Japaner produzierten schneller, preiswerter und flexibler als je zuvor – weil sie die gesamte Wertschöpfung sehr präzise als Prozesskette analysierten und sich bei jedem einzelnen Glied fragten, wie es sich optimieren ließe.

Horst Wildemann

Der Professor lehrt Unternehmensführung, Logistik und Industrieproduktion an der Technischen Universität München. Zudem leitet er die von ihm gegründete Beratungsfirma TCW

Im ersten Schritt musste es also darum gehen, die japanischen Erkenntnisse zu verstehen und zu adaptieren. Dies war die Zeit, als zunächst exotisch anmutende Begriffe wie »Kaizen« oder »Kanban«, aber vor allem auch Konzepte wie »just in time« oder der »Kontinuierliche Verbesserungsprozess (KVP)« in der deutschen Managementlehre Einzug hielten. Es gelang tatsächlich, die Produktion sehr viel schlanker, beweglicher und variabler zu organisieren, wofür Volkswagen ein gutes Beispiel bietet. Was mit »Just-in-time-Zulieferung«, »Lean Production« und der »atmenden Fabrik« begann, setzte sich fort mit der konsequenten Umsetzung von Plattformstrategien – und geht auch heute noch weiter: Die Einführung des »Modularen Produktbaukastens« ermöglicht es dem Wolfsburger Automobilgiganten, nicht als fetter Riese zu agieren, sondern als schlanker Athlet. Weil alle Modelle weltweit nach denselben Prinzipien gefertigt werden, lassen sich Nachfrageschwankungen optimal ausgleichen.

Deutsche Unternehmen und Unternehmer sind japanischer geworden – ohne dafür ihre ureigenen Stärken aufzugeben. Eine richtige Antwort auf die großen Herausforderungen, damals wie jetzt: Innovation à la German Engineering. Gerade viele Mittelständler haben sich sozusagen an Max Frisch orientiert: »Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.« Dazu gehört Selbstvertrauen und der Mut, gerade in schwierigen Zeiten die Investitionen in Forschung und Entwicklung nicht zu kürzen, sondern zu vergrößern – weil so ein Wissensvorsprung entsteht, der spätestens beim nächsten Aufschwung eine enorme Hebelwirkung entfaltet.

Was aber unterscheidet die Antworten des deutschen Exportweltmeisters grundlegend von denen anderer Länder, wenn man nach zwei Jahrzehnten Bilanz zu ziehen versucht? Es ist vor allem ein Begriff, der unterm Strich stehen bleibt: Starre Managementkonzepte sind größtmöglicher Flexibilität gewichen. Diese zeigt sich, wie bereits erwähnt, in den Fabriken, die zu »atmen« gelernt haben, genauso wie in antizyklischen Forschungsinvestitionen; aber insbesondere findet Flexibilität ihren Ausdruck in einer explodierenden Vielfalt neuer Produkte und Services sowie im weltweit einmaligen Miteinander der Tarifpartner.

Leserkommentare
    • rx425
    • 28. Januar 2013 6:57 Uhr

    Passend zum Thema lean production und japanisches Management die Buchempfehlung 'The Machine That Changed The World' von James Womack.
    Ist zwar schon etwas älter, dennoch sehr lesenswert!

    Eine Leserempfehlung
  1. ...alles, alles wurde auf Pump gebaut, sei es in Deutschland selbst oder von den Kunden.
    Jetzt wo auf Pump nicht mehr geht wird sich zeigen wie flexible die Wirtschaft - und nicht nur die deutsche - wirklich ist.

    5 Leserempfehlungen
  2. Diese Flexibilität wurde allerdings leider auf Kosten der Arbeitnehmer erreicht - denn auf diese wurde immer mehr das unternehmerische Risiko verlagert. Sei es durch Flexibilität in den Löhnen bei schlechterer Geschäftslage, wie auch durch Flexibilität im Arbeitspensum. Wenn das Geschäft nicht rund läuft, muss der Mitarbeiter sich einschränken - das war früher nicht so, denn das Risiko lag beim Unternehmer, und der bekommt dafür im Zweifelsfalle auch heute noch einen erheblichen monetären Risikoaufschlag. Die noch krassere Form davon ist natürlich die Leiharbeit.

    Im übrigens entwickelt NIEMAND ein Auto vom "Zeichenbrett" zur Marktreife in 3 Jahren, man sollte nicht alle Sprüche kritiklos übernehmen. In 3 Jahren schafft man vielleicht ein Derivat eines bestehenden Fahrzeuges. Und die fünf Jahre, von denen man heute ausgeht, sind in den meisten Fällen auch nur mit Biegen und Brechen möglich. Allerdings ist die Fahrzeugentwicklung heute bei weitem komplexer als noch vor einigen Jahren, daher wurden hier trotzdem große Fortschritte in der Effizienz erzielt.

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    • brazzy
    • 28. Januar 2013 11:00 Uhr

    "Wenn das Geschäft nicht rund läuft, muss der Mitarbeiter sich einschränken - das war früher nicht so, denn das Risiko lag beim Unternehmer"

    Ja, und der stand dann vor der Alternative, den Mitarbeiter gleich ganz zu entlassen oder pleite zu gehen wodurch alle Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren.

  3. Immerhin angenehmen dass ein Wirtschaftsliberaler mal nicht den primitiven Mythos pflegt dass die "Agenda" oder gleich HartzIV, die derzeitige Robustheit der Wirtschaft erzeugt hat. Die haben eher Teile der trotzdem noch vorhandenen Probleme zu verantworten. Wie zu geringe Binnennachfrage, usw..
    Natürlich ist der Grund für den Erfolg komplexer, liegt in der Gesamtheit der Gesellschaft, der Summe aus Millionen Aktionen, und in Strukturen die meist noch viel älter als die besagten 20 Jahre sind. Denn Innovation in Technik und Management konnte es nur geben weil die Menschen schon zuvor dafür bereit waren. Verantwortlichkeit gegenüber der Gesellschaft/Gemeinschaft, Neugier und Freude an der Arbeit, familiäre Traditionen, kulturelle Infrastruktur usw...
    Das Ganze würde aber nicht so herrlich brummen wenn die deutsche Wirtschaft mehr auf den Binnenmarkt ausgerichtet wäre, das ist als auch historischer Zufall dass die BRIC-Staaten gerade so nachfragen.
    Und es sollte vor lauter Euphorie nicht vergessen werden worum es geht: den Menschen. Ein Land das so stolz ist auf seine Intelligenz sollte in der Lage sein auch genau und differenziert zu gucken wie es ALLEN Menschen im Land dabei geht. "Ausgeatmet" zu werden kann für Einzelne ein tödliches Trauma sein, für die Fabrik ist es vielleicht gut. Aber es gibt Menschenrechte nicht Fabrikrechte, und das kann nicht als identisch erklärt werden, auch wenn die Neoliberalen das immer tun.

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    • Karl63
    • 28. Januar 2013 10:05 Uhr

    der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit stockt http://www.zeit.de/politi... und die Wirkung sei "ausgelaufen".
    Was sich seit den Achtziger Jahren in der Tat verändert hat ist, viele weniger Anspruchsvolle Tätigkeiten sind aus den Produktionshallen schlicht verschwunden. Die in dem Artikel beschriebene Managementphilosophie ist umsetzbar, weil Bundesrepublik über eine breite Basis an hoch qualifizierten Fachkräften verfügt. Diese bilden das "Rückgrat" unser Wirtschaft.
    Hingegen, was dann da als "Hartz - Konzept" letztlich umgesetzt wurde, setzt (leider) sehr einseitig auf eine kompromisslose Expansion des Niedriglohnsektors und andere Formen "prekärer" Beschäftigung. Die Frage ist, ob genau dies nicht längst am tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft vorbei geht.
    Umgekehrt wenn die Wirtschaft nach hoch qualifizierten Fachkräften verlangt, wird man dort über neue Wege der Personalentwicklung nachdenken müssen. Einfach nur eine Anzeige in einem Stellenmarkt schalten und auf wundersame Weise finden sich Bewerber, die ganz exakt zu einem hochspezialisiertem Profil passen - das funktioniert offensichtlich schon jetzt nicht mehr.

  4. "Starre Managementkonzepte sind größt möglicher Flexibilität gewichen". Toller Satz! Dafür muß an entweder BWL oder Rhetorik oder beides studiert haben.
    Praktischs Beispiel: Unsere Autobauer hatten sich verschätzt. 100000e PKW stehen auf Halde. Jetzt kommt die "Flexibilität" ins Spiel.
    Die Gesetze wurden gemacht von der Vertretung der Wirtschaft in Berlin: Abwrackprämie! Kurzarbeit!
    Unser Staat, also alle Steuerzahler wurden mit Milliarden € animiert, Vermögesnwerte zu vernichten und durch neue zu ersetzen. Ladenhüter der Autoindustrie wurden pro Fahrzueg mit 3000 € subventioniert. Die Arbeitnehmer! (nicht die Manager!) wurden "flexibilisiert". Sie glichen das unternehmerische Risiko (wenn es das überhaupt noch gibt ab einer bestimmten Größe des Konzerns) für den Untrenehmer (Aktionäre) aus.

    Aber nochmal:"Starre Managenmentkonzepte sind größt möglicher Flexibilität gewichen" einfach tolle, leere Rhetorik.

    Könnte es nicht vielleicht auch so sein:
    Weil mittlerwile 20 Prozent der Arbeitnehmer mit einem Niedriglohn auskommen müssen und immer mehr Autoteile von ausgegliederten tarifungebundenen Zulieferern gefertig werden und der Staat hilft wo er kann (Steuern für Wirtschaft immer weiter nach unten), ist Deutschland in der Lage, andere Länder preislich zu unterbieten, die Wirtschaft in anderen Ländern kaputt zu machen und trotzdem höhere Gewinne für die Aktionäre zu produzieren!?

    Wahrscheinlich nicht. Bestimmt waren es die Manager, deshalb bekommen die auch zusätzliche Boni.

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    • Hoplon
    • 28. Januar 2013 10:18 Uhr

    Besser als in ihrem Kommentar konnte man die Verlierer und Profiteure des Neomerkantilismus nicht beschreiben. Das einzige was noch zu ergänzen wäre ist, das wir die wirtschaftsschwächeren Staaten (Südeuropa) die man mit den dt Exporten an die Wand gedrückt hat nun alimentiert werden müssen.

    Und wer bekommt den Löwenanteil der Rechnung nachdem er mit Steuererhöhungen, Niedriglöhnen, teilweise prekären Beschäftigungen und Inflation zunehmend an
    den Tropf gehängt wurde? Dejenigen die die Renditen erwirtschaftet haben...

    • OZE
    • 28. Januar 2013 8:22 Uhr
    6. na ja,

    So macher Arbeiter mag sich als Leibeigener fühlen.
    Die Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg macht es möglich.
    Man kann es aber auch Flexibilität nennen.
    Der scheinbare Erfolg gibt dem System recht, nur wo bleibt der Mensch?

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    Wo bleibt der Mensch?

    Genau diese Frage wäre die richtige Frage. Es gab schon immer Zeiten, in denen Götter angebetet wurden. Meistens waren es falsche Götter. Die christliche Kirche hat, um ihre Macht zu erhalten und zu festigen, den einzelnen Menschen hintenangestellt. Große Führer wurden verehrt wie Götter und hinterher wachten die Menschen auf, wie aus einem Traum, der sich zu einem Alptraum entwickelt hatte.

    Heute beten unsere Politiker (nicht das Volk) die großen Kapitalhalter und Konzernbosse an und bieten sich als Lakkeien an. Menschen sind zu Produktionsfaktoren verkommen.
    Wie Kühe in einem Stall Heu bekommen, bekommen immer mehr Arbeiter eine gewisse Menge Geld für Nahrung (oder auch nicht mehr) und sollen dafür helfen die Gewinne zu steigern.

    Wird der Produktionfaktor nicht mehr gebraucht, dann muß er möglichst schnell profitunschädlich entsorgt werden.

    Der Gott Profit, der Traum, reich zu werden auf Kosten anderer, wird sich zum Alptraum entwickeln, da bin ich mir sicher. Irgendwann wird man anfangen die Fehlentwicklung mit Gesichtern zu verbinden ....
    Freiheit statt Kapitalkismus wird irgendwann jeder vestehen.

    • Nibbla
    • 28. Januar 2013 8:31 Uhr

    Werbung, die nicht den Ärmsten das Geld aus der Tasche zieht. (jaja selber Schuld und so)
    Eine EU, wo ich weiss, wie zur Hölle sie funktioniert (Warum fühlt es sich langsam wie ein Behemoth an, obwohl ich EU eigentlich mag)
    Und eine Kanzlerschafft die auf 2 Legislaturperioden begrenzt ist (Merkel gehört eigentlich zu unseren besseren Kanzlern, aber mitlerweile reagiert sie nur noch, aber man weiss nicht wofür sie steht)

    Und eine FDP die ihren Job macht! und nciht eine Karikatur ihrer selbst ist!!! (Mich schauen Leute mit großen Augen an, wenn ich ihnen erzähle, dass die FDP mit der SPD mal koaliert hat)

    Vlt hören dann auf die Leute rumzunörgeln, weil Wirtschafft alleine ist nicht alles ^^

  5. ...die deutsche Selbstbeweihräucherung. Deutschland ist nicht so herausragend toll, sondern seine Nachbarn sind so am Arsch, dass Deutschland im direkten Vergleich glänzt. Ich empfinde dieses Land gerade in der letzten Zeit als technikfeindlich. Augenscheinlichstes Beispiel sind da die Bauchschmerzen wenn es um so etwas profanes geht wie ein offenes WLAN-Netz aufzubauen, was in anderen Techländern wie Südkorea völlig normal ist. Sogar in Serbien gibt es das. In Deutschland? Fehlanzeige. Internetleitungen? Lahmer als sonstwo. Im ländlichen Bereich zum Teil immer noch ISDN-Speed oder fast gar nüch. Ein Armutszeugnis ist das.

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