NovelleLiebe in Zeiten des Krieges

Eine Jahrhundertentdeckung: Wsewolod Petrows bezaubernde Novelle "Die Manon Lescaut von Turdej". von Alexander Cammann

Weltliteratur ist ein seltsames Spiel. Frei nach der klassischen, leider überholten Sentenz des einstigen Stürmerstars Gary Lineker über den Fußball und die Deutschen ist es immer dasselbe: Zwei Dutzend Nationalliteraturen jagen seit vielen Jahrzehnten nach Ruhm – und am Ende gewinnen immer die Russen.

Diese russische Stärke bekamen die deutschen Leser im vergangenen Herbst wieder einmal eindrucksvoll vorgeführt, diesmal anhand bereits lange verstorbener Autoren des 20. Jahrhunderts. Da erschien zunächst Michail Bulgakows großer Roman Meister und Margarita in der kunstfertigen Neuübersetzung von Alexander Nitzberg. Dann tauchten bedeutende Werke von russischen Emigranten auf, die nach der Oktoberrevolution 1917 aus ihrer Heimat fliehen mussten. So wurde Gaito Gasdanows Roman Das Phantom des Alexander Wolf (1947/48) zu einem Überraschungserfolg, von der Kritik begeistert gefeiert. Endlich konnte man auch vor der rettungslos bösen jugendlichen Hauptfigur jenes Romans mit Kokain erschauern, den ein mysteriöser Autor unter dem Pseudonym M. Agejew 1936 in Paris veröffentlicht hatte. Schließlich führte Vladimir Jabotinskys äußerst unterhaltsamer Roman Die Fünf in das Völkergemisch der Schwarzmeermetropole Odessa um 1900.

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Der 1880 dort geborene Autor, Journalist und zionistische Politiker erzählt in seinem 1936 in Paris erschienenen Buch die Geschichte seiner Heimatstadt anhand der wohlhabenden jüdischen Familie Milgrom und ihrer fünf Kinder. Heitere Nostalgie durchzieht diesen temporeichen Roman; Witz und Tragik gehen Hand in Hand – Jabotinsky gelingt ein ahnungsvolles Panorama jener dem Untergang geweihten Welt vor der russischen Revolution (Die Andere Bibliothek, Berlin 2012; 267 S., 36,– €).

© Weidle Verlag

All das sind unbedingt lohnende, starke Bücher von aufregenden Autoren. Jedoch ein schmaler Band übertrumpft sie jetzt alle, so unwahrscheinlich das klingen mag. Auch er stammt von einem weithin unbekannten Russen, der ebenfalls lange tot ist: Wsewolod Petrow, geboren 1912 in Sankt Petersburg als Spross einer alten Adelsfamilie. Er arbeitete dort im Russischen Museum, war Offizier im Zweiten Weltkrieg, wurde 1949 als enger Mitarbeiter des Kunsthistorikers Nikolai Punin im Zuge einer stalinistischen Kampagne entlassen. Erzwungenermaßen schlug er sich fortan als Autor gut durch und schrieb anerkannte, auch ins Deutsche übersetzte Bücher zur russischen Kunstgeschichte. Bis zu seinem Tod 1978 war er ein Zentralgestirn der Leningrader Intellektuellenszene.

Dieser Petrow nun schrieb in seinem Leben ein einziges belletristisches Werk, eine kleine Novelle mit dem Titel Die Manon Lescaut von Turdej. Wundersam ist ihr Weg bis heute. Der aus dem Krieg heimgekehrte 34-Jährige verfasste sie zwar 1946 – doch an einen Publikationsversuch dachte er nie; die Machtverhältnisse hätten das auch nicht zugelassen. Stattdessen wurde Petrows Novelle zu einem Mythos: Denn der Autor las seinen Freunden aus ihr vor, gerne zu Beginn seiner Geburtstagsfeste, ganz in der mündlichen Tradition der inoffiziellen Kultur der Sowjetunion. Erst 2006 wurde sie in Russland aus seinem Nachlass veröffentlicht und sorgte für Furore.

Was also macht diesen Text von nicht einmal hundert Seiten zu einem literaturgeschichtlichen Ereignis? Durch die Weiten des russischen Winters fährt ein Lazarettzug; um den Ofen schart sich eine skurrile Reisegesellschaft aus Krankenschwestern, Ärztinnen, Soldaten und Offizieren. Irgendwie ist Krieg, es geht zu irgendeiner neuen Front – konkret erfährt der Leser zunächst nicht, um welchen Krieg es sich handelt. Nur die Figuren verweisen indirekt auf die Epoche. »Die Zeit war irgendwie vom Weg abgekommen: Sie verband nicht das Vergangene mit dem Zukünftigen, sondern lenkte mich zur Seite.« So erinnert sich der Icherzähler, ein Offizier, der Goethes Werther auf Deutsch liest, inmitten des alltäglichen Gezeters seiner Mitfahrer.

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