ZDF-Intendant Thomas Bellut"Gottschalk ist live nicht kontrollierbar"

ZDF-Intendant Thomas Bellut über Schleichwerbung bei "Wetten, dass..?", mangelnde Aufsicht – und den Grund, aus dem er erleichtert ist. von 

DIE ZEIT: Herr Bellut, vor knapp zehn Jahren wollten Sie als Programmdirektor endgültig mit Schleichwerbung beim ZDF aufräumen. Es sieht nicht so aus, als sei Ihnen das gelungen: Der Deutschen liebste Samstagabendshow Wetten, dass..? soll mindestens seit 2003 und bis zu Thomas Gottschalks Weggang für unerlaubte Autowerbung missbraucht worden sein.

Thomas Bellut: Das bestreite ich. Das ZDF hat in den vergangenen Jahren keine Schleichwerbung betrieben. Außerdem: Seit Markus Lanz die Sendung moderiert, hat es keine Kritik gegeben. So gesehen, ist der Abschied von einem bekannten Moderator zwar immer etwas schmerzhaft, bringt aber auch Erleichterung. Thomas Gottschalks Bruder Christoph führt die Agentur Dolce Media, die bisher als Lizenzvermarkter von Wetten, dass..? tätig war. Das ist beendet. Es ist jetzt einfacher, die Regeln einzuhalten.

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ZEIT: Heißt das, Sie haben die Regeln bisher nicht eingehalten – und die Gottschalks sind schuld? Die letzte redaktionelle Entscheidung lag doch beim ZDF, und Sie waren zuerst als Programmchef, dann als Intendant dafür verantwortlich.

Thomas Bellut
Thomas Bellut

Seit März 2012 ist Thomas Bellut, 57, der mächtigste Mann des ZDF. Als eine der ersten Amtshandlungen kündigte er den Abbau von bis zu 400 Stellen an. Seinen Vorgänger in der Intendanz, Markus Schächter, hatte er 2002 schon einmal beerbt: als Verantwortlicher für die ZDF-Inhalte. Während Belluts Ägide als Programmchef fiel Thomas Gottschalks Entscheidung, die Show nicht weiter zu moderieren. Grund war der schwere Unfall eines Wettkandidaten.

Bellut: Die Regeln wurden eingehalten. Und Schuld will ich auch keine abschieben. Aber dass eine Agentur wie Dolce Media eingeschaltet wurde – das war eine Entscheidung aus den neunziger Jahren –, hat doch einiges komplizierter gemacht.

ZEIT: Haben Sie sich von Dolce Media zu sehr die Zügel aus der Hand nehmen lassen? In den Verträgen, die das Unternehmen mit Daimler abschloss, stand laut Spiegel sogar, wie die Autos am besten in Szene gesetzt werden sollten.

Bellut: Das ZDF kennt nur einen Entwurf dieses alten Vertrags. Darin stand davon nichts.

ZEIT: Warum haben Sie sich nicht die ausgearbeiteten, unterschriebenen Verträge von Dolce Media mit DaimlerChrysler und Audi vorlegen lassen? Das sind doch relevante Informationen, gerade für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Bellut: Wir kannten nur Entwürfe. Darin gab es keine Absprachen, die irgendeine Relevanz auf dem Bildschirm gehabt hätten. Das ZDF hatte eine eigene Vereinbarung mit Dolce Media mit klaren Regeln. Für uns war entscheidend, unter Kontrolle zu haben, was in der Sendung läuft.

ZEIT: Sie kannten also als Programmchef die Endfassung der geltenden Verträge nicht? Das erklärt, warum Werbung und Programm offenbar nicht immer ausreichend voneinander getrennt waren, was auch von offizieller Stelle bescheinigt ist: Die österreichische Fernsehaufsicht kritisierte das an einer Wetten, dass..?- Sendung von 2007.

Bellut: Bei der Präsentation von Gewinnspielen gibt es gewisse Bewertungsspielräume. Der ausgelobte Preis darf beschrieben, aber nicht beworben werden. Dafür gibt es klare rechtliche Regeln. Eine Clearingstelle, die ich 2004 eingeführt habe, kontrolliert ihre Einhaltung. Dazu gehören auch die Textvorlagen für den Moderator. Hält er sich an den Wortlaut, gibt es keine Probleme.

ZEIT: Und wenn nicht?

Bellut: In der Situation, die von einer österreichischen Behörde kritisiert wurde, hat Gottschalk übertrieben. Das haben auch wir unmittelbar beanstandet und auf ihn eingewirkt, damit so etwas nicht wieder vorkommt.

ZEIT: Sie meinen, das war eine einmalige Entgleisung von Thomas Gottschalk?

Bellut: Keine Entgleisung. Sagen wir: Übertreibung. Er hatte sich einfach nicht an das gehalten, was ihm die Clearingstelle nahegelegt hatte, er ist eher jemand, der in der Livesituation mit Texten sehr frei umgeht.

ZEIT: War es Zufall, dass Gottschalk immer wieder positive Bemerkungen über Autos herausgerutscht sind?

Bellut: Das weiß ich nicht.

ZEIT: Hatten Sie Ihren Starmoderator nicht unter Kontrolle?

Bellut: Ein Thomas Gottschalk in einer Livesendung ist nicht kontrollierbar.

ZEIT: Ließen Sie ihn gewähren, weil sein Erfolg Sie abhängig von ihm machte?

Bellut: Ich will gerne zugestehen, dass ein Star auf dem Höhepunkt seiner Popularität eine andere Bedeutung für einen Sender hat als einer mit einer geringeren Popularität. Aber wir sind nicht nachlässig mit ihm umgegangen. Sein einziges Privileg war, dass Dolce Media Wetten, dass..?- Lizenzen vermarkten durfte. Das wird es so nie wieder geben.

ZEIT: Das ZDF schafft Kooperationen grundsätzlich ab?

Bellut: Seit 2004 sind wir sehr viel restriktiver in diesem Bereich, sodass sich die Frage so nicht mehr stellt. Im Sommer läuft die Audi-Kooperation aus.

Leserkommentare
    • deDude
    • 10. September 2013 12:19 Uhr

    Na dann bin ich aber heilfroh das niemand anhand dieser "Leuchttürme der Aufmerksamkeit" navigieren muss. Da würden ja mehr Schiffen an den Küsten der Öffentlich-Rechtlichen zerschellen als man nachbauen könnte.

    Eine Leserempfehlung
    • hareck
    • 26. September 2013 17:09 Uhr

    von meinen Leuten, die ich bezahle, zu hören, sie seien unschuldig, hätten nichts gewusst und seien doch persönlich betroffen.

    Leider kann ich sie nicht entlassen.

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