Dominik Wichmann sitzt vor einem drei Kilo schweren Buch über die Schweizer Berge. Der neue Chefredakteur des »sterns« beugt sich vor, hält seine Nase dicht ans Papier, atmet ein und nennt das Buch ein »Ereignis«. Dann vertieft er sich in ein doppelseitiges Foto. Zu sehen ist eine Fun-Skipiste, die einem gefrorenen Wellenmeer gleicht. »Das ist Leben«, sagt Wichmann.

DIE ZEIT: Herr Wichmann, Sie sind seit Montag Chefredakteur des sterns – und Bergmensch?

Dominik Wichmann: Meine Heimatstadt München vermisse ich nicht allzu sehr, die Maximilianstraße gar nicht, aber die Berge... sehr.

ZEIT: Fahren Sie Ski oder Snowboard?

Wichmann: Heute mache ich meistens Langlauf. Da trifft man Senioren und Verrückte, ansonsten ist es wunderbar still, und man kann morgens einfach mal kurz eine Stunde in den Schnee.

ZEIT: Aber um die Schönheit der Berge zu sehen, muss man hinauf, weil die Täler mit architektonischen Furchtbarkeiten zugebaut sind.

Wichmann: Nicht überall, schauen Sie zum Beispiel nach Österreich, nach Vorarlberg. Da sieht man das new Austria, eine weniger pathosbeladene, moderne Bergarchitektur.

ZEIT: Sie treten jetzt eine ziemlich große Aufgabe in der Tiefebene an. In Hamburg. Sie sind seit zwei Jahren beim stern, haben sich intensiv eingearbeitet, vorbereitet. Wie lautet Ihr Befund?

Wichmann: Die Marke glänzt nicht.

ZEIT: Akzeptieren Ihre Vorgänger, deren Stellvertreter Sie zuletzt waren, die Kritik?

Wichmann: Der stern ist immer noch die meistgelesene Zeitschrift in Deutschland. Meine Vorgänger Thomas Osterkorn und Andreas Petzold haben die Marke enorm verbreitert. Sie haben Ableger gegründet: Neon, Nido und View. Und jetzt haben sie die Größe, loszulassen und den Übergang auch noch selbst zu begleiten. Das ist großartig. Osterkorn hat einmal gesagt: Ich sehe manche Dinge wirklich anders als du, aber ich habe dich geholt, damit du es anders siehst.

ZEIT: Was macht die Konkurrenz besser? Welche Zeitschriften schätzen Sie?

Wichmann: Ich schätze das New York Magazine sehr, den Economist und die Zeitschrift von Oprah Winfrey – O. Alles keine Vorbilder für den stern, aber wie die drei ihr Versprechen einlösen, das ist gut gemacht. Das New York Magazine betrachtet die Welt ausschließlich aus der Perspektive eines New Yorkers. Alles dreht sich um den einen Ort. O ist die extreme Verdichtung aller Nachrichten über die Moderatorin und Unternehmerin Oprah Winfrey, über diese eine Person. Und der Economist steht für Rationalität mit einem Schuss Humor. Dieses Versprechen ist auch sehr gut ins iPad-App übersetzt.

ZEIT: Wie stehen Print und digital zueinander?

Wichmann: Sie können nur ein gutes digitales Angebot machen, wenn Sie sehr genau wissen, welche Haltung die gesamte Marke hat. Die Fliehkräfte, denen die großen Medienmarken unterliegen, sind enorm. Denen müssen wir Bindungskräfte entgegensetzen. Wir müssen uns klar darüber sein, wie wir das Versprechen, das wir geben, auch im Digitalen einlösen. Um das ganz klar zu sagen: In dieser Perspektive müssen wir unsere iPad-App und stern.de überarbeiten.

ZEIT: Was ist das Versprechen der Marke stern?

Jetzt wird es erst einmal still. Wichmann spricht von nun an sehr langsam. Lässt sich Zeit. Setzt immer mal wieder neu an.

Wichmann: Medienmarken unterscheiden sich heutzutage kaum noch durch ihre Themenwahl. Auch die FAZ kann es sich nicht leisten, über Germany’s Next Top Model kein einziges Wort zu verlieren. Differenzierung findet weniger darüber statt, worüber man nicht berichtet, sondern darüber, wie wir berichten. Für den stern heißt das, zuversichtlich, kritisch und empathisch zu sein. Das Verhältnis des sterns zu seinen Lesern muss sein wie das zu einem Freund. Freunde kritisieren einen mal, aber sie mögen einen. Sie inspirieren, sie stärken einen.

ZEIT: Was denken die Freunde des sterns über den stern? Also seine Leser?

Wichmann: Ihre Erwartungen sind sehr hoch, und wir erfüllen sie derzeit nicht gut genug, sonst hätten wir eine höhere Auflage und ein besseres Image. Der stern muss wieder leidenschaftlicher werden. Jedes Stück braucht eine These. Jedes Stück braucht eine Begründung, warum es gedruckt wird. Wenn man ein Magazin wie den stern modernisiert, muss man überlegen, wie Deutschland sich verändert hat. Welche Rolle spielt Berlin? Welche spielt München? Welche Menschen gehören zur Marke? Was ist der inhaltliche Schwerpunkt?

ZEIT: Und jetzt bitte alle Antworten.

Wichmann: Das meinen Sie ernst, oder?