Gruner und JahrDer "stern" glänzt nicht

Der neue Chefredakteur des Magazins Dominik Wichmann spricht erstmals über seine Reform, Start-ups und seine Begegnung mit dem Gründer von Amazon. von 

Dominik Wichmann sitzt vor einem drei Kilo schweren Buch über die Schweizer Berge. Der neue Chefredakteur des »sterns« beugt sich vor, hält seine Nase dicht ans Papier, atmet ein und nennt das Buch ein »Ereignis«. Dann vertieft er sich in ein doppelseitiges Foto. Zu sehen ist eine Fun-Skipiste, die einem gefrorenen Wellenmeer gleicht. »Das ist Leben«, sagt Wichmann.

DIE ZEIT: Herr Wichmann, Sie sind seit Montag Chefredakteur des sterns – und Bergmensch?

Dominik Wichmann: Meine Heimatstadt München vermisse ich nicht allzu sehr, die Maximilianstraße gar nicht, aber die Berge... sehr.

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ZEIT: Fahren Sie Ski oder Snowboard?

Wichmann: Heute mache ich meistens Langlauf. Da trifft man Senioren und Verrückte, ansonsten ist es wunderbar still, und man kann morgens einfach mal kurz eine Stunde in den Schnee.

ZEIT: Aber um die Schönheit der Berge zu sehen, muss man hinauf, weil die Täler mit architektonischen Furchtbarkeiten zugebaut sind.

Wichmann: Nicht überall, schauen Sie zum Beispiel nach Österreich, nach Vorarlberg. Da sieht man das new Austria, eine weniger pathosbeladene, moderne Bergarchitektur.

Journalistenleben: Der Mann

Dominik Wichmann, 41, wurde in München geboren und hat die Berliner Journalisten-Schule besucht. Studiert hat er in München. Dann finanzierte ihm der damalige Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung ein halbes Studienjahr in Harvard (Politische Theorie und Internationale Politik). Das zweite Semester zahlte Wichmann mit dem Geld, das er beim Axel Springer Preis für Junge Journalisten gewonnen hatte. Für weitere Jahre erhielt er Stipendien. Heute lebt Wichmann mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Hamburg.

Das Magazin

1999 fängt er als Redakteur beim Magazin der Süddeutschen Zeitung an. Wenige Monate später bricht der Skandal um den Reporter Tom Kummer los, der mehrere Interviews mit Prominenten erfunden hatte. Wichmann übernimmt daraufhin mit zwei Kollegen die Chefredaktion, später führt er das Heft allein, insgesamt elf Jahre lang.

Der »stern«

Im Juni 2011 wechselt er zum stern. Seit Montag ist er dessen Chefredakteur, bis Mai gemeinsam mit seinen Vorgängern.

ZEIT: Sie treten jetzt eine ziemlich große Aufgabe in der Tiefebene an. In Hamburg. Sie sind seit zwei Jahren beim stern, haben sich intensiv eingearbeitet, vorbereitet. Wie lautet Ihr Befund?

Wichmann: Die Marke glänzt nicht.

ZEIT: Akzeptieren Ihre Vorgänger, deren Stellvertreter Sie zuletzt waren, die Kritik?

Wichmann: Der stern ist immer noch die meistgelesene Zeitschrift in Deutschland. Meine Vorgänger Thomas Osterkorn und Andreas Petzold haben die Marke enorm verbreitert. Sie haben Ableger gegründet: Neon, Nido und View. Und jetzt haben sie die Größe, loszulassen und den Übergang auch noch selbst zu begleiten. Das ist großartig. Osterkorn hat einmal gesagt: Ich sehe manche Dinge wirklich anders als du, aber ich habe dich geholt, damit du es anders siehst.

ZEIT: Was macht die Konkurrenz besser? Welche Zeitschriften schätzen Sie?

Wichmann: Ich schätze das New York Magazine sehr, den Economist und die Zeitschrift von Oprah Winfrey – O. Alles keine Vorbilder für den stern, aber wie die drei ihr Versprechen einlösen, das ist gut gemacht. Das New York Magazine betrachtet die Welt ausschließlich aus der Perspektive eines New Yorkers. Alles dreht sich um den einen Ort. O ist die extreme Verdichtung aller Nachrichten über die Moderatorin und Unternehmerin Oprah Winfrey, über diese eine Person. Und der Economist steht für Rationalität mit einem Schuss Humor. Dieses Versprechen ist auch sehr gut ins iPad-App übersetzt.

ZEIT: Wie stehen Print und digital zueinander?

Wichmann: Sie können nur ein gutes digitales Angebot machen, wenn Sie sehr genau wissen, welche Haltung die gesamte Marke hat. Die Fliehkräfte, denen die großen Medienmarken unterliegen, sind enorm. Denen müssen wir Bindungskräfte entgegensetzen. Wir müssen uns klar darüber sein, wie wir das Versprechen, das wir geben, auch im Digitalen einlösen. Um das ganz klar zu sagen: In dieser Perspektive müssen wir unsere iPad-App und stern.de überarbeiten.

ZEIT: Was ist das Versprechen der Marke stern?

Jetzt wird es erst einmal still. Wichmann spricht von nun an sehr langsam. Lässt sich Zeit. Setzt immer mal wieder neu an.

Wichmann: Medienmarken unterscheiden sich heutzutage kaum noch durch ihre Themenwahl. Auch die FAZ kann es sich nicht leisten, über Germany’s Next Top Model kein einziges Wort zu verlieren. Differenzierung findet weniger darüber statt, worüber man nicht berichtet, sondern darüber, wie wir berichten. Für den stern heißt das, zuversichtlich, kritisch und empathisch zu sein. Das Verhältnis des sterns zu seinen Lesern muss sein wie das zu einem Freund. Freunde kritisieren einen mal, aber sie mögen einen. Sie inspirieren, sie stärken einen.

ZEIT: Was denken die Freunde des sterns über den stern? Also seine Leser?

Wichmann: Ihre Erwartungen sind sehr hoch, und wir erfüllen sie derzeit nicht gut genug, sonst hätten wir eine höhere Auflage und ein besseres Image. Der stern muss wieder leidenschaftlicher werden. Jedes Stück braucht eine These. Jedes Stück braucht eine Begründung, warum es gedruckt wird. Wenn man ein Magazin wie den stern modernisiert, muss man überlegen, wie Deutschland sich verändert hat. Welche Rolle spielt Berlin? Welche spielt München? Welche Menschen gehören zur Marke? Was ist der inhaltliche Schwerpunkt?

ZEIT: Und jetzt bitte alle Antworten.

Wichmann: Das meinen Sie ernst, oder?

Leserkommentare
    • gooder
    • 29. Januar 2013 18:34 Uhr

    "Er will das Magazin zu einem "Freund" seiner Leser machen, das diese inspiriert, sagt er im Antrittsinterview."

    Leser und Freund, warum wird nicht Leserin und Freundin?
    Ein gendergerechte Sprache stünde Hr. Wichmann,schon aufgrund der Tatsache, dass der "Stern" auch sehr gerne von Frauen gelesen wird,gut zu gesicht.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • rafax
    • 29. Januar 2013 18:44 Uhr

    Ist das also alles, was sie zu diesem Interview zu kommentieren haben? [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Anfeindungen. Äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

    • rafax
    • 29. Januar 2013 18:44 Uhr

    Ist das also alles, was sie zu diesem Interview zu kommentieren haben? [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Generisches Maskulinum"
  1. "Anything goes" lässt sich nicht in's Deutsche übersetzen, indem dessen Bedeutung, die weltweit das unerbittliche Entschwinden der körperlichen Gegenwart des Einzelnen beschreibt, höchst eigenmächtig und daher verbotswidrig entkleidet wird und davon lediglich der Torso einer nur dem Anschein nach grenzenlosen Welt übrig bleibt. Den Vereinigten Staaten von Amerika, die auf sich große Stücke halten, das Land der dann in der Tat unbegrenzten Möglichkeiten zu sein, wenn Dritte, darunter nicht zuletzt die Zeitschrift "stern", von derlei Unfug die Finger lassen, wird mit solchem zutiefst falschen Verständnis illegitim äußerste Gewalt angetan.

  2. - unter seinen online-Artikeln plötzlich keine Kommentare mehr duldete. Widerspruch war dem Stern verpönt - damit war das Blatt noch schlimmer als seine wirtschaftliche Verflechtung namens Spiegel.

    Ich erwarte als nächstes, dass der Stern als Titelstory Brüderle's geheime Tagebücher der nächtlichen Journalistinnengespräche publiziert.

    3 Leserempfehlungen
  3. 5. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Anfeindungen. Äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/au

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Generisches Maskulinum"
  5. war immer nur eine spur gehobener als die BUNTE, aber auch nur eine Spur. Ein grosses Bilderbuch mit ein wenig Text zwischen den Werbebildchen. Nur seichtes Blabla, ihn unterscheidet eigentlich nur die Fülle vom "Goldenen Blatt" (ok, es fehlen auch die Rezepte).
    Da Herr Wichmann schon korrekt erkennt, daß sich nicht mal die FAZ dem Schrott wie "Germany's Next Top Tussi" entziehen kann, dümpeln eigentlich alle Zeitungen und Magazine in diesen Sphären rum. Wozu also ausgerechnet den stern kaufen ?
    "Neo" ist gut gemacht und macht Spaß zu lesen, auch als Ü30.
    "Nido" dagegen ist für die gut betuchte "Latte-Mama vom Prenzelberg", die einfach nicht weß, was sie denn heute mal einkaufen soll - neue Schuhe oder mal wieder eine Uhr ?! Ich wette 90% der Leut emit Kindern finden sich in diesem Heft nicht wieder. Dort wird eher eine Traumwelt propagiert.

  6. habe ich mir die Handvoll Kommentare durchgelesen, und jetzt weiss ich schon nicht mehr, was Herr Wichmann zum neuen Konzept des "STERNS" gesagt hat.

    Könnte natürlich auch an mir liegen ;-), aber bei anderen Artikeln geht es mir nicht so.

    Um auch mal einen Slogan in die Runde zu werfen: "Glaubwürdigkeit" wäre für den Relaunch auch kein schlechtes Markenkennzeichen.

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