Chancengleichheit: Ich Arbeiterkind
Er ist der Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers. Sein Lehrer traute ihm nicht viel zu und empfahl die Hauptschule. Unser Autor Marco Maurer erzählt, wie ihm gegen die Mechanismen des Schulsystems der Aufstieg gelang.
Sie nennen mich Arbeiterkind: die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder von der CDU, der ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt, die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, der Grünen-Chef Cem Özdemir. In einem seltenen, Parteien und Weltanschauungen übergreifenden Konsens finden sie alle denselben Begriff, wenn sie von Leuten wie mir sprechen.
Ich bin jetzt 32 Jahre alt, und das Wort Arbeiterkind begleitet mich – Sohn eines Kaminkehrers und einer Friseurin – fast mein ganzes Leben lang.
Mit Herrn Proksch fing es an. Heute, 21 Jahre später, stehe ich vor seiner Haustür. Gleich werde ich ihn wiedersehen. Ich drücke die Klingel, höre Schritte, die Tür öffnet sich.
Ich muss an früher denken.
Zum ersten Mal begegnete mir Herr Proksch im Sommer 1991, auf der Hauptschule in Lauterbach, einem Dorf im bayerischen Teil von Schwaben. Er war ein stämmiger Mann mit breitem Gesicht, der gerne braune Pullover trug. Mein Lehrer, Klasse 6b.
An einem Montag im Frühjahr 1992 empfing er dann meine Mama. Es war Elternsprechtag. Im Klassenzimmer saß Herr Proksch leicht erhöht hinter seinem Pult, auf dem Bücher und Ordner lagen. Meine Mama hatte auf einem der Kinderstühle Platz genommen. Es ging darum, auf welche weiterführende Schule ich gehen sollte: Real- oder Hauptschule. Die wenigen Gymnasiasten, die es in unserem Dorf gab, hatten uns nach der vierten Klasse verlassen.
»Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, Frau Maurer, die Realschule ist nichts für ihn.«
Das war Herrn Prokschs erster Satz. Meine Mama hat es mir später erzählt. Das ganze Gespräch.
»Meinen Sie wirklich, Herr Proksch?«
»Er hat im Zeugnis drei Dreien in den Kernfächern, das sind zwei Zweien zu wenig. Er wird das nicht schaffen.«
»Wir haben gerade eine schwierige Zeit daheim.«
Meine Mama sprach von Umzügen, Schulwechseln und der Trennung von ihrem Lebensgefährten.
»In den Jahren zuvor war er doch besser«, sagte sie. »Er hatte immer nur Zweien im Zeugnis, er könnte den Aufnahmetest für die Realschule machen.«
»Das hat doch keinen Wert bei ihm, Frau Maurer.«
Als Herr Proksch das sagte und den Kopf schüttelte, stand meine Mama auf, nahm ihren roten Mantel und verließ den Klassenraum, in dem das Wort »Arbeiterkind« in der Luft hängen blieb.
»Vielen Dank, Herr Proksch!«






Selbst ein Arbeiterkind und aktiv bei Arbeiterkind.de, habe ich es bis heute noch nicht erlebt, dass jemand die Problematik dermaßen authentisch auf den Punkt gebracht hat. Ich habe noch immer einen Kloß im Hals. Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt.
Ich hoffe Ihr Artikel wühlt auch viele andere Menschen so auf wie mich und ist auf diese Weise Initialzündung oder weiterer Ansporn für ein Engagement zur Verbesserung der beschriebenen Problematik.
Bildung ist das Einzige was uns bleibt um in der Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher können wir es uns einfach nicht leisten große Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Herkunft zu entmutigen oder gar auszusortieren. Diese Logik sollte auch den Befürwortern früher "Selektion" einleuchten.
Arbeiterkind.de ist ja schön und gut, allerdings ist ein Studium auch nicht das Richtige für jeden selbst wenn man auf dem Gymnasium war, eine sinnvolle Ausbildung kann auch sehr erfüllend sein. Nur erfährt man davon nichts weil der Weg ("irgendwas studieren") ja schon so gut wie vorgezeichnet ist wenn man Abi hat. Unter anderem wenn man eine sichere Existenz dem Prekariat bzw. Dauerpraktikums eines Irgendwas mit Medien Studium vorzieht.
"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."
Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.
Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.
Zwei Sachen gefallen mir an dem Artikel nicht.
Erstens: Was ist denn so schlimm dran, wenn jemand Steine klopft oder in der Molkerei arbeitet und meinetwegen sogar am Sonntag angeln geht? Kommen Ihre Freunde Ihnen unglücklich vor? Ich finde Ihren Artikel fast respektlos gegenüber den in nichtakademischen Berufen arbeitenden Frauen und Männern.
Zweitens: Ihr Beispiel zeigt doch, dass es nie zu spät ist, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Nur wenn manchen Leute eben nach der Hauptschule im Beruf sind und keine Abendgymnasium besuchen wollen und Journalist, Arzt oder Richter werden wollen ist das doch in Ordnung. Und genauso in Ordnung ist es, wenn manche einfach keinen Boch da drauf haben.
Ich verstehe nicht ganz worauf Ihr Artikel hinauswill. Es passt doch alles wunderbar bei uns. Fleißige und Willige holen ihr Abi nach. Andere bleiben wo sie sind. Ganz einfach.
Arbeiterkind.de ist ja schön und gut, allerdings ist ein Studium auch nicht das Richtige für jeden selbst wenn man auf dem Gymnasium war, eine sinnvolle Ausbildung kann auch sehr erfüllend sein. Nur erfährt man davon nichts weil der Weg ("irgendwas studieren") ja schon so gut wie vorgezeichnet ist wenn man Abi hat. Unter anderem wenn man eine sichere Existenz dem Prekariat bzw. Dauerpraktikums eines Irgendwas mit Medien Studium vorzieht.
"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."
Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.
Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.
Zwei Sachen gefallen mir an dem Artikel nicht.
Erstens: Was ist denn so schlimm dran, wenn jemand Steine klopft oder in der Molkerei arbeitet und meinetwegen sogar am Sonntag angeln geht? Kommen Ihre Freunde Ihnen unglücklich vor? Ich finde Ihren Artikel fast respektlos gegenüber den in nichtakademischen Berufen arbeitenden Frauen und Männern.
Zweitens: Ihr Beispiel zeigt doch, dass es nie zu spät ist, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Nur wenn manchen Leute eben nach der Hauptschule im Beruf sind und keine Abendgymnasium besuchen wollen und Journalist, Arzt oder Richter werden wollen ist das doch in Ordnung. Und genauso in Ordnung ist es, wenn manche einfach keinen Boch da drauf haben.
Ich verstehe nicht ganz worauf Ihr Artikel hinauswill. Es passt doch alles wunderbar bei uns. Fleißige und Willige holen ihr Abi nach. Andere bleiben wo sie sind. Ganz einfach.
Danke für diesen Artikel! Ich bin (als Tochter von Sekretärin und Zimmermann) die erste in meiner Familie mit Abitur und die erste mit einem Hochschulabschluss. Als ich am Ende der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung bekam, luden meine Eltern die Familie und ein paar Freunde zum Essen ein - denn das war etwas wirklich Besonderes! Habe vor dem Studium "ganz vernünftig" eine kaufm. Ausbildung gemacht. Erntete in der Berufsschule verständnislose Blicke, als ich die Ausbildung verkürzte, um schneller an die Uni zu können. Am Tag der Verleihung meiner Magister-Urkunde nahm mich ein ehemaliger Lehrer und wichtiger Mentor des Gymnasiums in den Arm und sagte: "Das hat dir damals in der Schule kaum jemand im Kollegium zugetraut." (Ich war keine schlechte Schülerin, bin aber "auch noch", wie man sagt "körperbehindert" - hatte auf dem Schulhof wie auch auf der Berufsschule also durchaus Kommentare wie "Du gehörst auf die Sonderschule" zu ertragen. - Das sahen übrigens auch einige Kindergärtner, die ersten Kinderärzte etc. ähnlich. Meine Eltern waren zum Glück "Nein-Sager"....)
Mein Vater verstarb ein paar Monate bevor ich das Studium aufnahm.
Als auch meine jüngere Schwester etwa ein Jahr nach mir ihr Studium abschloss, saß meine Mutter mit Tränen in den Augen im Publikum:"Ich habe es tatsächlich geschafft!"...
An alle, denen es ähnlich geht: Kämpft für eure Träume, gegen Vorurteile, das Bafög-Amt, Hindernisse und Knüppel zwischen den Beinen - es lohnt sich und ist machbar!
Vielen Dank für diesen Artikel, ich bin sehr berrührt worden.
Mich hätte noch mehr die Rolle der Mama interessiert und wie sie den Wunsch ihres Sohnes, sich bilden zu wollen, aufnahm. Als Kind eines Landwirts und einer Krankenschwester kann ich jedes einzelne Wort nachvollziehen und weiß, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind in einer solchen Situatuio schwer leiden kann. Paradoxerweise gibt es Eltern, und nicht wenige, die es ihren Kindern nicht besser wünschen als sie es selbst hatten und den Wunsch nach Bildung, anspruchsvoller Literatur statt Fernsehen, dem Lernen eines Musikinstrumentes und dem Drang zu einer kritischen Denkweise zu gelangen, alles andere als positiv gegenüberstehen. Denn das Ausufern des Kindes, das Denken in neuen Richtungen ist stes auch eine Infragestellung des elterlichen Lebensentwurfs. Reicht dir nicht, was wir haben? Was willst du denn noch? Und plötzlich auch: Haben wir eigentlich das Beste aus unserem Leben gemacht?
All das kann die Eltern-Kind-Beziehung sehr in Mitleidenschaft ziehen, wenn Eltern eher mit Argwohn und Missfallen reagieren, statt mit Unterstützung und- Stolz.
Ich freue mich für Sie, dass Ihre Eltern mit Stolz dabei waren, und kann mir ausmalen wie schön es ist, "Gesellschaftsschranken" gemeinsam zu durchbrechen. Nur ausmalen, leider. Meine Eltern sind nicht dagewesen, umzuzsehen, wie ich mein Abieugnis entgegennahm und sie werden wahrscheinlich auch bei meiner Diplomfeier nicht zugegen sein.
Vielen Dank für diesen Artikel, ich bin sehr berrührt worden.
Mich hätte noch mehr die Rolle der Mama interessiert und wie sie den Wunsch ihres Sohnes, sich bilden zu wollen, aufnahm. Als Kind eines Landwirts und einer Krankenschwester kann ich jedes einzelne Wort nachvollziehen und weiß, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind in einer solchen Situatuio schwer leiden kann. Paradoxerweise gibt es Eltern, und nicht wenige, die es ihren Kindern nicht besser wünschen als sie es selbst hatten und den Wunsch nach Bildung, anspruchsvoller Literatur statt Fernsehen, dem Lernen eines Musikinstrumentes und dem Drang zu einer kritischen Denkweise zu gelangen, alles andere als positiv gegenüberstehen. Denn das Ausufern des Kindes, das Denken in neuen Richtungen ist stes auch eine Infragestellung des elterlichen Lebensentwurfs. Reicht dir nicht, was wir haben? Was willst du denn noch? Und plötzlich auch: Haben wir eigentlich das Beste aus unserem Leben gemacht?
All das kann die Eltern-Kind-Beziehung sehr in Mitleidenschaft ziehen, wenn Eltern eher mit Argwohn und Missfallen reagieren, statt mit Unterstützung und- Stolz.
Ich freue mich für Sie, dass Ihre Eltern mit Stolz dabei waren, und kann mir ausmalen wie schön es ist, "Gesellschaftsschranken" gemeinsam zu durchbrechen. Nur ausmalen, leider. Meine Eltern sind nicht dagewesen, umzuzsehen, wie ich mein Abieugnis entgegennahm und sie werden wahrscheinlich auch bei meiner Diplomfeier nicht zugegen sein.
Also für mich konzentriert sich Herr Maurer in seinem Artikel etwas zu sehr auf die Opferrolle der "Arbeiterkinder" im ungerechten deutschen Schulsystem und vernachlässigt etwas die sonstigen Einflussfaktoren, wie z.B. die Eltern.
Auch ich bin "Arbeiterkind", aber meine "ungebildeten" Eltern waren durchaus in der Lage mich zu einem selbstbewusst handelnden, an sich selbst glaubenden Menschen mit positiver Lebenseinstellung zu erziehen. Ebenso waren es dann insbesondere Lehrer(innen), wie bei Herrn Maurer ja auch, die mir darüberhinaus mögliche Bildungs-/Wege aufgezeigt haben.
Der Schlüssel liegt sicher darin, einem jungen Menschen den Glauben an sich und seine Fähigkeiten zu vermitteln, dies ist von der Schulform und dem Bildungsniveau unabhängig.
Und für eine dann folgende Verwirklichung der aufgestellten Lebensziele bietet meiner Meinung nach die deutsche Bildungslandschaft zahlreiche Varianten zur Umsetzung an - auch über eine Hauptschulkarriere! Es ist eben nicht immer der "direkte" Weg. Und mal ehrlich - es wäre sicher keine Schwierigkeit empirisch zu belegen, dass es auch sehr viele erfolglose, frustierte Gymnasiasten gibt und wie wenig effektiv und erfolgreich (was immer das heißen mag) in diesen Schulen die Lernmethoden sind.
Meine Odysee begann auf dem Gymnasium und endete gestern an der Universität. Mit positivem Abschluss.
Es war ein jahrelanger, bitterlicher Kampf gegen einzelne Lehrer und Dozenten, die bedauerlicherweise immer die entscheidenden Hebel in der Hand hielten.
Es ist unfassbar, bis zu welchem Grad Lehrer und Dozenten über den Weg anderer Menschen bestimmen können, und wie sehr solche Entscheidungen Leben beeinflussen und Persönlichkeiten brechen können.
Ich würde diesen Weg nicht noch einmal gehen- ich wäre fast zu Grunde gegangen.
Der Akademikertitel ist für mich mittlerweile auch keine "Auszeichnung" mehr, sonder ein beschämendes Abzeichen, jetzt auch diesem "elitären Kreis" anzugehören.
Ich habe auch mit einem Kloß im Hals den Artikel gelesen.
Ich hoffe, dass diese brodelnde Wut im Bauch bald ein Ende hat und ich mich mit allen Sinnen freuen kann, endlich einem Beruf nachzugehen, der mich voll und ganz erfüllt.
Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.
Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.
Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.
Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.
Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.
Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.
Erst einmal ein fettes Danke an Sie, Hr. Maurer.
Ihr Artikel ist echt gut und bietet bestimmt einen hohen Wiedererkenungswert bei uns Arbeiterkinder. Aber wieso immer so pessimistisch? Ich selbst bin Sohn eines Chemikanten und einer Zahnartzhelferin, welche schlesische Aussiedler sind und ich werde trotz Legasthenie, in einem recht großem Daxunternhemen studieren (Kooperatives Studium). Mein Bruder ist derweil ein recht erfolgreicher BWL-Student. Sind wir also nicht ein Zeichen dafür, dass unser Bildungssystem trotzdem gut ist? Das Bildungssystem ist doch gerade WEIL 25% der Arbeiterkinder aufsteigen und 30% der Akademikerkinder absteigen durchlässig, oder etwa nicht? (Für mich sieht das nach einem stätigem Fluß aus) Auf der anderen Seite ists/wars für mich schwer, da ich auf keinerlei Hilfe, gehe es um Bewerbung oder Lernorganisation, zurückgreifen konnte. Gott sei Dank gabs hier die Bibiothek, das Internet und einige nette Menschen auf meinem Weg.
Und zum Thema Schulreforemen: Ich finde man sollte das Gymnasium generell überarbeiten. Weg von dem allgemeingebildeten Genie, wie Goethe etc. mehr zur Realitätsnähe! (Einige Schulfächer fühlen sich echt überflüssig an und werden teilweise nur einstündig pro Woche unterrichtet)
PS.: Die Hälfte meiner Mitabiturienten, haben meiner Meinung nach, nichts auf dem Gymnasium verloren. Das Abitur sollte nicht zu etwas verkommen, dass jemandem nach geworfen wird.
Der Artikel ruft all die kleinen und großen Zurücksetzungen wach, die man als Arbeiterkind im Laufe seines schulischen und beruflichen Werdegangs "schlucken" muss.
Es kommt noch hinzu, dass Kinder aus Arbeiterfamilien meist den bürgerlichen Verhaltenskodex nicht in sich aufgenommen haben und sich deshalb auch nonverbal nicht so ausdrücken und zeigen können, wie es für Menschen aus Akademikerkreisen selbstverständlich ist.
Für Kinder aus bildungsfernen Familien ist Bildung also oft ein Glücksspiel, dessen Ausgang davon abhängt, dass sich doch noch jemand - gegen den Strom - für das Kind einsetzt.
Bei mir war es so, dass sich ein 68er, der als Lehrer an einer Dorfschule gelandet war, gegen starke Widerstände der Schulleitung und Zweifel der Eltern dafür einsetzte, dass ich nach der 6. Klasse von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln durfte.
Dieser Lehrer, dem ich unglaublich viel verdanke, ist dann kurze Zeit danach als "Querulant" aus den Schuldienst geekelt worden.
Noch ein Vorschlag an Adam Egerer: Werde nicht Rechtsanwalt; werde Richter! Es ist sicher nicht schlecht, wenn Arbeiterkinder plädieren; besser ist es, wenn sie es sind, die entscheiden.
... Herr Maurer für diesen Artikel, der mich wirklich berührt hat - gerade weil er nicht nur das Problem beschreibt, sondern auch die kleinen Details und Facetten des Zwischenmenschlichen so treffend aufgreift.
Mir dessen bewusst, dass Akademikerkinder natürlich auch Probleme haben, z. B. Eltern für die es nicht in Frage kommt, dass ihre Sprösslinge nicht studieren, und auf die Gefahr hin, dass es als Gejammer abgetan wird, habe ich dennoch das dringende Bedürfnis über die Existenzängste, die Hilflosigkeit und auch die Schamgefühle zu reden, die damit einhergehen. Denn das Tabu belastet zudem. Mitteilen kann man sich so leicht weder Kommilitonen, noch Familie und Verwandtschaft, die geradezu darauf warteten, dass man scheitert. Also war Scheitern keine Alternative, zumal man kein finanzielles Polster hatte, auf das man sich zurückfallen lassen konnte.
Ich bin trotz aller Widrigkeiten heilfroh, studiert zu haben. Chancengleichheit wird allerdings durch ein gutes Schulsystem alleine nicht herzustellen sein, das wird mir immer bewusster. Denn heute zählt: Erben statt Arbeiten. Selbst kleine, alte ,,Arbeiterhäuschen" werden in Städten zu Preisen angeboten, die ich mir trotz harter Arbeit nicht leisten kann. Und schon bin ich wieder im Nachteil, denn der Anstieg der Immobilienpreise ist meiner Meinung nach u. a. auch dadurch zu erklären, dass Kinder ,,aus gutem Haus" erben und diese Preise zahlen können, während ich lange Jahre schon wie es scheint vergeblich dafür spare. Neidisch bin ich nicht, ich würde mich ja auch freuen. Die Hoffnung meiner Kindheit aber, dass sich Leistung lohnen würde, sehe ich dadurch enttäuscht. Allerdings ein Trost bleibt: Bildung macht in der Tat glücklich!
Es gibt Texte, da findet man sich wieder - dieser Artikel war so einer. Danke schön.
Beide Elternteile Hilfsarbeiter, ein Großteil der CousInen auf der Sonderschule, keinen in der Verwandtschaft und Freundeskreis zumindest mit Realschulabschluss, mit 16 Jahre eine ungeliebte Ausbildung als Verkäuferin. Mit 20 Jahren perspektivlos und dann meine "Rettung".
Abitur am Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Ich habe jeden Tag genossen. Reden, erkennen, anerkannt als denkendes Wesen, der Weg zu vielen Welten.
Dann Abitur und Vordiplom mit glatter Eins.
Trotzdem nie in der Uni heimisch geworden, die Arroganz meiner universitären Mitwelt - und die Ignoranz, Bildung und die Möglichkeit des Lernens, als Geschenk anzuerkennen und Sie durch Unpünktlichkeit und Unverbindlichkeit mit Füßen zu treten - all das hat mir weh getan- mich zwischenzeitlich auch fast verrückt gemacht. Zwischen den Welten zerrissen.
Heute bin ich in einer nichtakademischen Welt zu Hause. Arbeite noch immer als Verkäuferin, na ja nicht so ganz. Als Projektleiterin eines Integrationsprojektes- in dem psychisch kranke Menschen Naturkost verkaufen.
Bin wieder da, wo ich losgelaufen bin - und bin doch - durch Bildung eine ganz andere- und (oft) glücklich - zumindest versöhnt.
Ich gratuliere allen die den Bildungsaufstieg geschafft haben. Möchte aber allen, die es versucht und nicht geschafft hier nicht unerwähnt lassen.
Danke- fürs Lesen
Es gibt Texte, da findet man sich wieder - dieser Artikel war so einer. Danke schön.
Beide Elternteile Hilfsarbeiter, ein Großteil der CousInen auf der Sonderschule, keinen in der Verwandtschaft und Freundeskreis zumindest mit Realschulabschluss, mit 16 Jahre eine ungeliebte Ausbildung als Verkäuferin. Mit 20 Jahren perspektivlos und dann meine "Rettung".
Abitur am Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Ich habe jeden Tag genossen. Reden, erkennen, anerkannt als denkendes Wesen, der Weg zu vielen Welten.
Dann Abitur und Vordiplom mit glatter Eins.
Trotzdem nie in der Uni heimisch geworden, die Arroganz meiner universitären Mitwelt - und die Ignoranz, Bildung und die Möglichkeit des Lernens, als Geschenk anzuerkennen und Sie durch Unpünktlichkeit und Unverbindlichkeit mit Füßen zu treten - all das hat mir weh getan- mich zwischenzeitlich auch fast verrückt gemacht. Zwischen den Welten zerrissen.
Heute bin ich in einer nichtakademischen Welt zu Hause. Arbeite noch immer als Verkäuferin, na ja nicht so ganz. Als Projektleiterin eines Integrationsprojektes- in dem psychisch kranke Menschen Naturkost verkaufen.
Bin wieder da, wo ich losgelaufen bin - und bin doch - durch Bildung eine ganz andere- und (oft) glücklich - zumindest versöhnt.
Ich gratuliere allen die den Bildungsaufstieg geschafft haben. Möchte aber allen, die es versucht und nicht geschafft hier nicht unerwähnt lassen.
Danke- fürs Lesen
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