Chancengleichheit : Ich Arbeiterkind
Seite 2/8:

Ich habe so ziemlich alle Arten von Schulen besucht

Heute, mehr als 20 Jahre später, sagt meine Mama, während sie an einer Zigarette zieht, sie habe sich damals machtlos gefühlt. Sie, die Volksschülerin und Friseurin, wagte es nicht, ihm, dem Akademiker, zu widersprechen.

Diese Erzählung deckt sich mit etlichen Studien zum deutschen Bildungssystem. Lehrerempfehlungen werden von Angehörigen einer bildungsfernen Schicht – dazu zählt meine Mama – meist hingenommen. Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt.

Bei meiner Mama dagegen genügten ein paar Worte des Lehrers, um den Zweifel an meiner Leistungsfähigkeit zu säen. Einen Zweifel, der mich jahrelang begleiten sollte.

Ich war damals elf. Nachdem meine Mutter mir von Herrn Prokschs Zukunftsprognose erzählt hatte, fragte ich mich: Was soll jetzt aus mir werden? Ein Ziegelklopfer? Wie Ali?

In einem Ort nicht weit von meinem Zuhause stand eine kleine Ziegelfabrik. Dort klopfte ein Mann mit einem Gummihammer auf frisch gebrannte Dachziegel, die ihm ein Fließband vorsetzte. Acht Stunden am Tag, etwa ein Ziegel pro Sekunde. Der Mann prüfte den Härtegrad. Er hatte dunkle Haut und einen Schnurrbart. Wir nannten ihn Ali.

Bis zu jenem Elterngespräch hatte ich gut gelebt mit dem deutschen Bildungssystem: Ich hatte nämlich nicht viel von ihm bemerkt. Ich hatte ein bisschen Hausaufgaben gemacht, keine Sorgen gekannt, war Kind geblieben. Jetzt aber sah ich es auf einmal vor mir, dieses System. Groß und mächtig. Und ich war darin gefangen, ganz unten.

Ich erzähle das, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch die Chance haben sollte, etwas aus seinem Leben zu machen. Im deutschen Bildungssystem aber gibt es etwas, das dem im Weg steht: die Herkunft. Die Macht der Vergangenheit.

Von 100 Akademikerkindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademikerkindern nur 24. Das ist die deutsche Wirklichkeit im 21. Jahrhundert. Diese Zahlen sind kein Resultat unterschiedlicher Intelligenz. Dutzende Studien belegen, dass die Kinder von Fließbandarbeitern, Verkäuferinnen und Handwerkern, von Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern und Migranten auch bei exakt gleicher Leistung schlechter benotet werden. Wo Akademikerkinder locker durchkommen, bleiben die anderen hängen. Sie stolpern in Prüfungssälen und Klassenräumen, Lehrerzimmern und Elternhäusern über unsichtbare Hindernisse.

Ich glaube einige dieser Hindernisse inzwischen zu kennen. Ich habe sie selbst überstiegen auf meinem langen Weg durch das deutsche Bildungssystem. Schließlich habe ich so ziemlich alle Arten von Schulen besucht, die es in Deutschland gibt: Ich war Grundschüler, Hauptschüler, Realschüler, Berufsschüler, Abiturient. Ich war auf vier verschiedenen Hochschulen und einer Journalistenschule. Mehr Schüler geht kaum. Da kann die Bildungsministerin Annette Schavan mit ihren je zwei Schulen und Hochschulen gegen mich und die anderen, die an diesem Abend im Café Telos sitzen, einpacken.

Das Telos ist eine Münchner Studentenkneipe. Hier warte ich an einem Donnerstagabend alleine an einem Tisch und schaue mich fragend um, bis mich ein junger Mann anspricht: »Bist du ein Arbeiterkind? Unser Stammtisch ist dahinten.«

In fast jeder größeren deutschen Stadt gibt es sie heute: Ortsgruppen der Initiative »Arbeiterkind«, die 2008 von Katja Urbatsch gegründet wurde, einer Doktorandin in Gießen. Sie war die erste Akademikerin ihrer Familie und hat das Buch Ausgebremst – Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt geschrieben.

Wenig später sitze ich mit Klaus am Tisch, 34 Jahre alt, Sohn eines Zimmermanns und bald Doktor der Verwaltungswissenschaften, angestellt in der Strategieabteilung eines Dax-Konzerns. Neben ihm: Volker, 50, Sohn eines Maurers und Politologe, heute in der Personalabteilung einer europäischen Behörde. Auch Stefan gehört zur Runde: 29, Sohn eines Kraftfahrers und einer Putzfrau, gelernter Krankenpfleger, ehemaliger Hartz-IV-Empfänger, jetzt Germanistik-Student.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 36 Kommentieren

nicht nur Journalisten

"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."

Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.

Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.

Wollen, sollen, dürfen, können, müssen.

"Menschen, die das Potenzial für eine Bildungskarriere haben und die auf die im Artikel beschriebenen Hindernisse stoßen. Es geht nicht um das "Wollen" oder "Sollen", sondern um das "Dürfen", also um Chancengleichheit im der Bildung."

Ja, das wird im Artikel beschrieben. Es wird aber auch das "Müssen" der Akademikerkinder am Rande erwähnt, bei dem es nicht mehr auf das "Können" anzukommen scheint, ohne daß der Autor dies begriffen zu haben scheint: "Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt."

Ich habe solche Kämpfe im Bekanntenkreis mitbekommen, und in etlichen Fällen dachte ich immer wieder, wenn Frau Mama von ihren Aktivitäten und Maßnahmen erzählte: "Das arme Kind." Es gibt wirklich keinen Grund, solche Kinder auch noch zu beneiden, denn den Ansprüchen seiner Eltern nicht genügen zu können, ist für ein Kind doch ein Alptraum.

Das Problem mit der sogenannten "Bildungskarriere" besteht außerdem darin, daß sie sich letztlich für viele auch ein falsches Versprechen erweist. Je mehr Akademiker, desto mehr von ihnen werden beruflich in Bereichen landen, für die eigentlich gar kein akademischer Abschluß nötig wäre, aber Akademiker eingestellt werden, weil man sie halt bekommen kann. Und das ist ja auch gar nicht so selten mit einem letztlich dem Ausbildungsaufwand nicht angemessenen Einkommen verbunden.

Das Recht über das eigene Schicksal bestimmen zu können

Die Antwort liegt vermutlich in dieser Gegenfrage?

Woher holen sich (Grundschul-) Lehrer das Recht, mein eigenes Schicksal zu bestimmen?

Das ganze Bildungssystem in Deutschland ist schlicht veraltet und sehr an die feudalen Strukturen der Aufklärungszeit gekoppelt, welche nicht die Eigeninitiative sondern die Unterwürfichkeit des Arbeiter- bzw. Bauernkindes begünstigen soll. (Obrigkeitsdenken bzw. Untertanenmentalität) Nur die Oberschicht sollte das Sagen und damit zur Führungselite gefördert werden.

Vielen Dank

Vorab:

Ich finde den Artikel als Erfahrungsbericht extrem interessant und klasse, zu lesen - er trifft ins Schwarze und ist einfach richtig gut geschrieben. Interesant wäre darüber hinaus eine Erweiterung der Perspektive: Auch in "Arbeiterberufen" kann man och glücklich sein?

Ich kenne zum Beispiel eine studierte Geologin, die nach zwei Jahren Studium entschieden hat, dass es ihr größter Traum sein, zu Menschen nach Hause zu fahren und Haare zu schneiden. Sie ist glücklich. Eine Freundin von mir, eine studierte Linguistin, macht nun eine Ausbildung.

Ich selber bin "Arbeiterkind" mit zwei internationen und sehr guten Uni-Abschlüssen und 31 Jahre alt: Viele meiner Freunde, die nicht studiert haben, verdienen mehr Geld. Gut, dass kann sich ja alles ändern, ich möchte nur sagen:

Mir gefällt es nicht, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Erstens, weil Menschen nicht nur "das eine" oder "das andere" sind, zweitens, weil es zwischen diesen beiden Gruppen "Arbeiter" und "Unielite" einfach noch viel Raum gibt. Uni ist nicht gleich Elite. Wie viele arbeitslose Akademiker gibt es denn? Wie viele Abbrecher? Auf der anderen Seite: Wie viele "Arbeiterkinder", die "nur" eine Ausbildung gemacht haben, sind in meinem Alter und haben sich einfach mal ein Haus gekauft?

Wie viele der "potenziellen Elite", scheitert denn, zum Beispiel mit einer Selbstständigkeit oder, weil vielleicht die Fluktuation in Sachen Jobs viel höher ist, wenn man Germanistik studiert hat (alles und nichts)?