ChancengleichheitIch Arbeiterkind
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Ich habe so ziemlich alle Arten von Schulen besucht

Heute, mehr als 20 Jahre später, sagt meine Mama, während sie an einer Zigarette zieht, sie habe sich damals machtlos gefühlt. Sie, die Volksschülerin und Friseurin, wagte es nicht, ihm, dem Akademiker, zu widersprechen.

Diese Erzählung deckt sich mit etlichen Studien zum deutschen Bildungssystem. Lehrerempfehlungen werden von Angehörigen einer bildungsfernen Schicht – dazu zählt meine Mama – meist hingenommen. Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt.

Bei meiner Mama dagegen genügten ein paar Worte des Lehrers, um den Zweifel an meiner Leistungsfähigkeit zu säen. Einen Zweifel, der mich jahrelang begleiten sollte.

Ich war damals elf. Nachdem meine Mutter mir von Herrn Prokschs Zukunftsprognose erzählt hatte, fragte ich mich: Was soll jetzt aus mir werden? Ein Ziegelklopfer? Wie Ali?

In einem Ort nicht weit von meinem Zuhause stand eine kleine Ziegelfabrik. Dort klopfte ein Mann mit einem Gummihammer auf frisch gebrannte Dachziegel, die ihm ein Fließband vorsetzte. Acht Stunden am Tag, etwa ein Ziegel pro Sekunde. Der Mann prüfte den Härtegrad. Er hatte dunkle Haut und einen Schnurrbart. Wir nannten ihn Ali.

Bis zu jenem Elterngespräch hatte ich gut gelebt mit dem deutschen Bildungssystem: Ich hatte nämlich nicht viel von ihm bemerkt. Ich hatte ein bisschen Hausaufgaben gemacht, keine Sorgen gekannt, war Kind geblieben. Jetzt aber sah ich es auf einmal vor mir, dieses System. Groß und mächtig. Und ich war darin gefangen, ganz unten.

Ich erzähle das, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch die Chance haben sollte, etwas aus seinem Leben zu machen. Im deutschen Bildungssystem aber gibt es etwas, das dem im Weg steht: die Herkunft. Die Macht der Vergangenheit.

Von 100 Akademikerkindern schaffen 71 den Sprung auf die Universität, von 100 Nichtakademikerkindern nur 24. Das ist die deutsche Wirklichkeit im 21. Jahrhundert. Diese Zahlen sind kein Resultat unterschiedlicher Intelligenz. Dutzende Studien belegen, dass die Kinder von Fließbandarbeitern, Verkäuferinnen und Handwerkern, von Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern und Migranten auch bei exakt gleicher Leistung schlechter benotet werden. Wo Akademikerkinder locker durchkommen, bleiben die anderen hängen. Sie stolpern in Prüfungssälen und Klassenräumen, Lehrerzimmern und Elternhäusern über unsichtbare Hindernisse.

Ich glaube einige dieser Hindernisse inzwischen zu kennen. Ich habe sie selbst überstiegen auf meinem langen Weg durch das deutsche Bildungssystem. Schließlich habe ich so ziemlich alle Arten von Schulen besucht, die es in Deutschland gibt: Ich war Grundschüler, Hauptschüler, Realschüler, Berufsschüler, Abiturient. Ich war auf vier verschiedenen Hochschulen und einer Journalistenschule. Mehr Schüler geht kaum. Da kann die Bildungsministerin Annette Schavan mit ihren je zwei Schulen und Hochschulen gegen mich und die anderen, die an diesem Abend im Café Telos sitzen, einpacken.

Das Telos ist eine Münchner Studentenkneipe. Hier warte ich an einem Donnerstagabend alleine an einem Tisch und schaue mich fragend um, bis mich ein junger Mann anspricht: »Bist du ein Arbeiterkind? Unser Stammtisch ist dahinten.«

In fast jeder größeren deutschen Stadt gibt es sie heute: Ortsgruppen der Initiative »Arbeiterkind«, die 2008 von Katja Urbatsch gegründet wurde, einer Doktorandin in Gießen. Sie war die erste Akademikerin ihrer Familie und hat das Buch Ausgebremst – Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt geschrieben.

Wenig später sitze ich mit Klaus am Tisch, 34 Jahre alt, Sohn eines Zimmermanns und bald Doktor der Verwaltungswissenschaften, angestellt in der Strategieabteilung eines Dax-Konzerns. Neben ihm: Volker, 50, Sohn eines Maurers und Politologe, heute in der Personalabteilung einer europäischen Behörde. Auch Stefan gehört zur Runde: 29, Sohn eines Kraftfahrers und einer Putzfrau, gelernter Krankenpfleger, ehemaliger Hartz-IV-Empfänger, jetzt Germanistik-Student.

Leserkommentare
  1. Also für mich konzentriert sich Herr Maurer in seinem Artikel etwas zu sehr auf die Opferrolle der "Arbeiterkinder" im ungerechten deutschen Schulsystem und vernachlässigt etwas die sonstigen Einflussfaktoren, wie z.B. die Eltern.
    Auch ich bin "Arbeiterkind", aber meine "ungebildeten" Eltern waren durchaus in der Lage mich zu einem selbstbewusst handelnden, an sich selbst glaubenden Menschen mit positiver Lebenseinstellung zu erziehen. Ebenso waren es dann insbesondere Lehrer(innen), wie bei Herrn Maurer ja auch, die mir darüberhinaus mögliche Bildungs-/Wege aufgezeigt haben.

    Der Schlüssel liegt sicher darin, einem jungen Menschen den Glauben an sich und seine Fähigkeiten zu vermitteln, dies ist von der Schulform und dem Bildungsniveau unabhängig.

    Und für eine dann folgende Verwirklichung der aufgestellten Lebensziele bietet meiner Meinung nach die deutsche Bildungslandschaft zahlreiche Varianten zur Umsetzung an - auch über eine Hauptschulkarriere! Es ist eben nicht immer der "direkte" Weg. Und mal ehrlich - es wäre sicher keine Schwierigkeit empirisch zu belegen, dass es auch sehr viele erfolglose, frustierte Gymnasiasten gibt und wie wenig effektiv und erfolgreich (was immer das heißen mag) in diesen Schulen die Lernmethoden sind.

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    • Sisyphe
    • 31. Januar 2013 18:04 Uhr

    Meine Odysee begann auf dem Gymnasium und endete gestern an der Universität. Mit positivem Abschluss.
    Es war ein jahrelanger, bitterlicher Kampf gegen einzelne Lehrer und Dozenten, die bedauerlicherweise immer die entscheidenden Hebel in der Hand hielten.
    Es ist unfassbar, bis zu welchem Grad Lehrer und Dozenten über den Weg anderer Menschen bestimmen können, und wie sehr solche Entscheidungen Leben beeinflussen und Persönlichkeiten brechen können.
    Ich würde diesen Weg nicht noch einmal gehen- ich wäre fast zu Grunde gegangen.
    Der Akademikertitel ist für mich mittlerweile auch keine "Auszeichnung" mehr, sonder ein beschämendes Abzeichen, jetzt auch diesem "elitären Kreis" anzugehören.

    Ich habe auch mit einem Kloß im Hals den Artikel gelesen.

    Ich hoffe, dass diese brodelnde Wut im Bauch bald ein Ende hat und ich mich mit allen Sinnen freuen kann, endlich einem Beruf nachzugehen, der mich voll und ganz erfüllt.

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    Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.

    Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.

    Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.

  2. Erst einmal ein fettes Danke an Sie, Hr. Maurer.

    Ihr Artikel ist echt gut und bietet bestimmt einen hohen Wiedererkenungswert bei uns Arbeiterkinder. Aber wieso immer so pessimistisch? Ich selbst bin Sohn eines Chemikanten und einer Zahnartzhelferin, welche schlesische Aussiedler sind und ich werde trotz Legasthenie, in einem recht großem Daxunternhemen studieren (Kooperatives Studium). Mein Bruder ist derweil ein recht erfolgreicher BWL-Student. Sind wir also nicht ein Zeichen dafür, dass unser Bildungssystem trotzdem gut ist? Das Bildungssystem ist doch gerade WEIL 25% der Arbeiterkinder aufsteigen und 30% der Akademikerkinder absteigen durchlässig, oder etwa nicht? (Für mich sieht das nach einem stätigem Fluß aus) Auf der anderen Seite ists/wars für mich schwer, da ich auf keinerlei Hilfe, gehe es um Bewerbung oder Lernorganisation, zurückgreifen konnte. Gott sei Dank gabs hier die Bibiothek, das Internet und einige nette Menschen auf meinem Weg.

    Und zum Thema Schulreforemen: Ich finde man sollte das Gymnasium generell überarbeiten. Weg von dem allgemeingebildeten Genie, wie Goethe etc. mehr zur Realitätsnähe! (Einige Schulfächer fühlen sich echt überflüssig an und werden teilweise nur einstündig pro Woche unterrichtet)

    PS.: Die Hälfte meiner Mitabiturienten, haben meiner Meinung nach, nichts auf dem Gymnasium verloren. Das Abitur sollte nicht zu etwas verkommen, dass jemandem nach geworfen wird.

    8 Leserempfehlungen
  3. Der Artikel ruft all die kleinen und großen Zurücksetzungen wach, die man als Arbeiterkind im Laufe seines schulischen und beruflichen Werdegangs "schlucken" muss.
    Es kommt noch hinzu, dass Kinder aus Arbeiterfamilien meist den bürgerlichen Verhaltenskodex nicht in sich aufgenommen haben und sich deshalb auch nonverbal nicht so ausdrücken und zeigen können, wie es für Menschen aus Akademikerkreisen selbstverständlich ist.
    Für Kinder aus bildungsfernen Familien ist Bildung also oft ein Glücksspiel, dessen Ausgang davon abhängt, dass sich doch noch jemand - gegen den Strom - für das Kind einsetzt.
    Bei mir war es so, dass sich ein 68er, der als Lehrer an einer Dorfschule gelandet war, gegen starke Widerstände der Schulleitung und Zweifel der Eltern dafür einsetzte, dass ich nach der 6. Klasse von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln durfte.
    Dieser Lehrer, dem ich unglaublich viel verdanke, ist dann kurze Zeit danach als "Querulant" aus den Schuldienst geekelt worden.
    Noch ein Vorschlag an Adam Egerer: Werde nicht Rechtsanwalt; werde Richter! Es ist sicher nicht schlecht, wenn Arbeiterkinder plädieren; besser ist es, wenn sie es sind, die entscheiden.

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  4. ... Herr Maurer für diesen Artikel, der mich wirklich berührt hat - gerade weil er nicht nur das Problem beschreibt, sondern auch die kleinen Details und Facetten des Zwischenmenschlichen so treffend aufgreift.

    5 Leserempfehlungen
  5. Mir dessen bewusst, dass Akademikerkinder natürlich auch Probleme haben, z. B. Eltern für die es nicht in Frage kommt, dass ihre Sprösslinge nicht studieren, und auf die Gefahr hin, dass es als Gejammer abgetan wird, habe ich dennoch das dringende Bedürfnis über die Existenzängste, die Hilflosigkeit und auch die Schamgefühle zu reden, die damit einhergehen. Denn das Tabu belastet zudem. Mitteilen kann man sich so leicht weder Kommilitonen, noch Familie und Verwandtschaft, die geradezu darauf warteten, dass man scheitert. Also war Scheitern keine Alternative, zumal man kein finanzielles Polster hatte, auf das man sich zurückfallen lassen konnte.

    Ich bin trotz aller Widrigkeiten heilfroh, studiert zu haben. Chancengleichheit wird allerdings durch ein gutes Schulsystem alleine nicht herzustellen sein, das wird mir immer bewusster. Denn heute zählt: Erben statt Arbeiten. Selbst kleine, alte ,,Arbeiterhäuschen" werden in Städten zu Preisen angeboten, die ich mir trotz harter Arbeit nicht leisten kann. Und schon bin ich wieder im Nachteil, denn der Anstieg der Immobilienpreise ist meiner Meinung nach u. a. auch dadurch zu erklären, dass Kinder ,,aus gutem Haus" erben und diese Preise zahlen können, während ich lange Jahre schon wie es scheint vergeblich dafür spare. Neidisch bin ich nicht, ich würde mich ja auch freuen. Die Hoffnung meiner Kindheit aber, dass sich Leistung lohnen würde, sehe ich dadurch enttäuscht. Allerdings ein Trost bleibt: Bildung macht in der Tat glücklich!

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    • sabibue
    • 02. Februar 2013 13:33 Uhr

    Es gibt Texte, da findet man sich wieder - dieser Artikel war so einer. Danke schön.
    Beide Elternteile Hilfsarbeiter, ein Großteil der CousInen auf der Sonderschule, keinen in der Verwandtschaft und Freundeskreis zumindest mit Realschulabschluss, mit 16 Jahre eine ungeliebte Ausbildung als Verkäuferin. Mit 20 Jahren perspektivlos und dann meine "Rettung".
    Abitur am Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Ich habe jeden Tag genossen. Reden, erkennen, anerkannt als denkendes Wesen, der Weg zu vielen Welten.
    Dann Abitur und Vordiplom mit glatter Eins.
    Trotzdem nie in der Uni heimisch geworden, die Arroganz meiner universitären Mitwelt - und die Ignoranz, Bildung und die Möglichkeit des Lernens, als Geschenk anzuerkennen und Sie durch Unpünktlichkeit und Unverbindlichkeit mit Füßen zu treten - all das hat mir weh getan- mich zwischenzeitlich auch fast verrückt gemacht. Zwischen den Welten zerrissen.
    Heute bin ich in einer nichtakademischen Welt zu Hause. Arbeite noch immer als Verkäuferin, na ja nicht so ganz. Als Projektleiterin eines Integrationsprojektes- in dem psychisch kranke Menschen Naturkost verkaufen.
    Bin wieder da, wo ich losgelaufen bin - und bin doch - durch Bildung eine ganz andere- und (oft) glücklich - zumindest versöhnt.
    Ich gratuliere allen die den Bildungsaufstieg geschafft haben. Möchte aber allen, die es versucht und nicht geschafft hier nicht unerwähnt lassen.
    Danke- fürs Lesen

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