Chancengleichheit : Ich Arbeiterkind
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"Das Geld war knapp" – der Satz fällt in Variationen immer wieder

Ein Stammtisch von 15 Männern und Frauen, alle Bildungsgewinner, denen der Aufstieg ihrer Herkunft wegen fast verwehrt worden wäre. Ein Treffen von »Beinahe-Opfern« des Schulsystems.

»Am Anfang fehlte der Background, später während des Studiums kam die Unsicherheit hinzu, ob man überhaupt dazugehört«, sagt Volker, der Personaler. »Weder meine Familie noch ›das System‹ konnten mir aufzeigen, wie ich an mein Abi komme«, sagt Stefan, der ehemalige Hartz-IV-Empfänger. Ich sage, ich bin hier wegen Herrn Proksch und weil es nicht sein kann, dass Bildungsaufstieg vom Milieu der Eltern abhängt. Uns alle eint eine Erfahrung, die wir auf unserem Weg nach oben gemacht haben: »Das Geld war knapp« – der Satz fällt in Variationen immer wieder.

Im Café Telos kommen die »Arbeiterkinder« zusammen, um zu überlegen, wie sie helfen können, Kindern von Nichtakademikern den Weg zu Abitur und Hochschulabschluss zu erleichtern. Sie sind so etwas wie Bildungs-Streetworker, halten Vorträge an Schulen, vermitteln Praktikumsplätze in Unternehmen, geben Ratschläge, wie sich ein Studium finanzieren lässt.

Auch Adam Egerer ist einer von ihnen. 32 Jahre ist er alt, Sohn eines tschechischen Einwandererpaares. Über das Abendgymnasium schaffte er es zum Abitur, inzwischen steht er kurz vor dem ersten juristischen Staatsexamen.

Ein paar Tage nach dem Treffen im Café Telos bin ich mit ihm im Münchner Hochhausviertel Neuperlach verabredet, das vor 15 Jahren bundesweit bekannt wurde als Heimat von Mehmet, einem Jungen, der mit 13 Jahren 60 Straftaten angesammelt hatte und dann in die Türkei abgeschoben wurde. Adam ist hier aufgewachsen.

Jetzt steht er vor McDonald’s, wie vor zehn, fünfzehn Jahren, als er sich hier mit seinen Freunden traf. Damals konnte man an diesem tristen Ort auch Ahmet und Yussuf begegnen: Hauptschülern, die mit Spraydosen die Zahl 83 auf Hauswände sprühten, die alte Postleitzahl von Neuperlach. Später fingen sie an, Kokain zu verticken, das man hier »Jay« nennt. Heute verbringen Ahmet und Yussuf ihre Zeit noch immer vor McDonald’s.

Jeder junge Mensch will etwas aus seinem Leben machen. Jedes Kind hat Träume, Wünsche, Vorbilder. Wem aber mit zehn, zwölf Jahren gesagt wird, es komme für ihn nur die Hauptschule infrage, weil er für alles andere zu dumm sei, der hat nur eine Möglichkeit, seine Selbstachtung nicht zu verlieren: Er muss sich einreden, Bildung sei Unsinn, und sich andere Aufstiegsmodelle suchen. »Ich fand es damals cool, vor McDonald’s rumzuhängen«, sagt Adam Egerer. »Ich dachte, ich brauche die Schule nicht. Gymnasiasten waren für uns Spackos.«

Mir fällt mein eigenes Leben damals auf dem Dorf ein. Ehemalige Freunde wie Daniel und Michael, so nenne ich sie jetzt mal, die auf der Hauptschule blieben. Ich selbst machte gegen den Willen meiner Mama und die Empfehlung von Herrn Proksch die Aufnahmeprüfung für die Realschule und bestand.

Für Daniel und Michael dagegen wurden auf der Hauptschule aus Realschülern und Gymnasiasten bald »die Asis«. Noch so ein Begriff aus der Jugendsprache der Neunziger, mit dem man sich über andere erhob. Kurioserweise benutzten die Gymnasiasten denselben Ausdruck für die Hauptschüler.

Später trugen Daniel und Michael dann Aufnäher der damals bei Rechtsradikalen beliebten Band Böhse Onkelz auf ihren Jeansjacken und flochten sich weiße Schuhbänder in ihre Stiefel. Sie waren nicht ernsthaft ausländerfeindlich, eher wollten sie die Verachtung all derer da oben zeigen. Heute sind sie Fabrikarbeiter, lesen in der Mittagspause Bild und gehen sonntags Karpfen angeln.

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Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 36 Kommentieren

nicht nur Journalisten

"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."

Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.

Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.

Wollen, sollen, dürfen, können, müssen.

"Menschen, die das Potenzial für eine Bildungskarriere haben und die auf die im Artikel beschriebenen Hindernisse stoßen. Es geht nicht um das "Wollen" oder "Sollen", sondern um das "Dürfen", also um Chancengleichheit im der Bildung."

Ja, das wird im Artikel beschrieben. Es wird aber auch das "Müssen" der Akademikerkinder am Rande erwähnt, bei dem es nicht mehr auf das "Können" anzukommen scheint, ohne daß der Autor dies begriffen zu haben scheint: "Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt."

Ich habe solche Kämpfe im Bekanntenkreis mitbekommen, und in etlichen Fällen dachte ich immer wieder, wenn Frau Mama von ihren Aktivitäten und Maßnahmen erzählte: "Das arme Kind." Es gibt wirklich keinen Grund, solche Kinder auch noch zu beneiden, denn den Ansprüchen seiner Eltern nicht genügen zu können, ist für ein Kind doch ein Alptraum.

Das Problem mit der sogenannten "Bildungskarriere" besteht außerdem darin, daß sie sich letztlich für viele auch ein falsches Versprechen erweist. Je mehr Akademiker, desto mehr von ihnen werden beruflich in Bereichen landen, für die eigentlich gar kein akademischer Abschluß nötig wäre, aber Akademiker eingestellt werden, weil man sie halt bekommen kann. Und das ist ja auch gar nicht so selten mit einem letztlich dem Ausbildungsaufwand nicht angemessenen Einkommen verbunden.

Das Recht über das eigene Schicksal bestimmen zu können

Die Antwort liegt vermutlich in dieser Gegenfrage?

Woher holen sich (Grundschul-) Lehrer das Recht, mein eigenes Schicksal zu bestimmen?

Das ganze Bildungssystem in Deutschland ist schlicht veraltet und sehr an die feudalen Strukturen der Aufklärungszeit gekoppelt, welche nicht die Eigeninitiative sondern die Unterwürfichkeit des Arbeiter- bzw. Bauernkindes begünstigen soll. (Obrigkeitsdenken bzw. Untertanenmentalität) Nur die Oberschicht sollte das Sagen und damit zur Führungselite gefördert werden.

Vielen Dank

Vorab:

Ich finde den Artikel als Erfahrungsbericht extrem interessant und klasse, zu lesen - er trifft ins Schwarze und ist einfach richtig gut geschrieben. Interesant wäre darüber hinaus eine Erweiterung der Perspektive: Auch in "Arbeiterberufen" kann man och glücklich sein?

Ich kenne zum Beispiel eine studierte Geologin, die nach zwei Jahren Studium entschieden hat, dass es ihr größter Traum sein, zu Menschen nach Hause zu fahren und Haare zu schneiden. Sie ist glücklich. Eine Freundin von mir, eine studierte Linguistin, macht nun eine Ausbildung.

Ich selber bin "Arbeiterkind" mit zwei internationen und sehr guten Uni-Abschlüssen und 31 Jahre alt: Viele meiner Freunde, die nicht studiert haben, verdienen mehr Geld. Gut, dass kann sich ja alles ändern, ich möchte nur sagen:

Mir gefällt es nicht, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Erstens, weil Menschen nicht nur "das eine" oder "das andere" sind, zweitens, weil es zwischen diesen beiden Gruppen "Arbeiter" und "Unielite" einfach noch viel Raum gibt. Uni ist nicht gleich Elite. Wie viele arbeitslose Akademiker gibt es denn? Wie viele Abbrecher? Auf der anderen Seite: Wie viele "Arbeiterkinder", die "nur" eine Ausbildung gemacht haben, sind in meinem Alter und haben sich einfach mal ein Haus gekauft?

Wie viele der "potenziellen Elite", scheitert denn, zum Beispiel mit einer Selbstständigkeit oder, weil vielleicht die Fluktuation in Sachen Jobs viel höher ist, wenn man Germanistik studiert hat (alles und nichts)?