ChancengleichheitIch Arbeiterkind
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"Herr Maurer, fangen Sie nicht an zu träumen"

Gut möglich, dass Ahmet und Yussuf, Daniel und Michael selbst dann nicht bis zum Abitur gekommen wären, wenn man sie gefördert hätte. Ich behaupte nicht, dass jeder die gleichen Fähigkeiten hat. Das Problem in Deutschland ist nur, dass es zu viele Menschen gibt, die gar keine Chance kriegen, ihr Können zu zeigen. Wollen sie es doch nach oben schaffen, müssen sie sich mühsam hochkämpfen. So wie Adam Egerer.

Als wir von McDonald’s hinübergehen zu seinem ehemaligen Zuhause, einem heruntergekommenen Hochhaus neben einer Polizeistation, die wegen der Gewalt- und Drogendelikte in Neuperlach errichtet wurde, erzählt er, wie es damals mit ihm weiterging.

Adam fing nach der Hauptschule bei einem IT-Unternehmen an, er verkaufte Drucker. Abends nach der Arbeit lief er auf den Wohnblock zu, mit Hunderten übereinandergestapelten Wohnungen. »Bienenwaben« nannte er sie. Jeden Morgen verließ er seine Wabe wieder, um Drucker zu verkaufen. Es hätte ewig so weitergehen können.

Es waren viele Kleinigkeiten, die sein Leben schrittweise änderten. Das Gefühl, dass die Menschen in anderen Stadtteilen glücklicher dreinschauten. Die Lieder des afroamerikanischen Rappers Tupac Shakur, der aus ärmlichen Verhältnissen stammte und die Bedeutung einer guten Bildung betonte. Die Erkenntnis, dass man wohl kaum auf einen Grabstein schreiben würde: »Hier ruht Adam Egerer, und die Drucker, die er verkaufte, waren hervorragend.«

Adam brach aus. Anstatt weiter jeden Abend RTL2 zu gucken, ging er nach der Arbeit aufs Abendgymnasium. Es folgten Abitur und Studium. Bald wird er hoffentlich das Staatsexamen bestehen und als Anwalt arbeiten. Das ist sein Ziel.

Im Gegensatz zu Adam hatte ich es trotz Herrn Prokschs Prognose immerhin auf die Realschule geschafft. Ich war jetzt Teil der ländlichen Mittelschicht, aber auch mein restliches Leben schien so vorhersehbar wie anspruchslos: die Schule abschließen, eine Ausbildung machen, im Idealfall als Bankkaufmann, ein Auto kaufen, jedes Wochenende die Felgen polieren und am Abend zu viel Bier trinken.

Es mag an einer angeborenen Trotzigkeit liegen, dass ich anfing, von etwas anderem zu träumen. Noch mehr Spaß, als Fußball zu spielen, machte es mir damals, mein eigenes Spiel zu kommentieren. Waren einst Diego Maradona und Jürgen Klinsmann meine Vorbilder gewesen, eiferte ich jetzt, nun ja, Heribert Faßbender nach. Ich wollte Sportjournalist werden.

Dann, gegen Ende der Realschule, jenes Elterngespräch bei Herrn Proksch lag lange zurück, sollte eine Begegnung mit einem weiteren Mann mein Leben verändern. Ein netter Herr im grauen Anzug, dessen Namen ich vergessen habe. Ich traf ihn nur ein oder zwei Mal in der neunten Klasse. Er kam vom Arbeitsamt, wie die heutige Bundesagentur für Arbeit damals hieß. Er sollte uns bei der Berufswahl unterstützen.

Also erzählte ich ihm von meinem Wunsch, Journalist zu werden. Fast traurig sah er mich an und sagte: »Herr Maurer, fangen Sie nicht an zu träumen.«

Er fragte mich, was meine Eltern von Beruf seien. Dann sagte er: »Herr Maurer, wie wäre es denn mit etwas Vernünftigem? Haben Sie niemanden in der Familie, der etwas für Sie hat?«

Doch, hatte ich. Mein Schwager arbeitet noch heute in einer großen Molkerei. Entmutigt von Herrn Proksch und dem grauen Herrn vom Arbeitsamt, fand ich mich damit ab, dass das mit dem Journalismus nichts werden würde.

Also wurde ich Molkereifachmann.

Zwar fand ich am ersten Tag meiner Ausbildung meine erste große Liebe, aber glücklich wurde ich weder mit ihr noch mit meinem Beruf. Als ich mich nach der Lehre entschloss, das Abitur nachzuholen, stieß ich auf Unverständnis. Im Sportverein, unter Elektrikern, Friseuren und Gärtnern, war ich ab sofort »der Student.« Das hieß so viel wie: der Exot, der Spinner, der nichts arbeitet, vielleicht nie arbeiten wird.

Schlimmer aber war, dass meine Mama mich jahrelang fragte, warum ich mein gut bezahltes Facharbeiter-Leben, meinen sicheren Arbeitsplatz, mein geregeltes Einkommen gegen eine unsichere Zukunft eintauschte. Heute sehe ich in ihren Fragen Schicksalsergebenheit. In Familien wie meiner ist nicht die Verwirklichung eines Berufstraums das höchste Gut, sondern eine sichere Existenz, ein Haus, ein Auto, ein Konto bei der Sparkasse.

Leserkommentare
  1. Also für mich konzentriert sich Herr Maurer in seinem Artikel etwas zu sehr auf die Opferrolle der "Arbeiterkinder" im ungerechten deutschen Schulsystem und vernachlässigt etwas die sonstigen Einflussfaktoren, wie z.B. die Eltern.
    Auch ich bin "Arbeiterkind", aber meine "ungebildeten" Eltern waren durchaus in der Lage mich zu einem selbstbewusst handelnden, an sich selbst glaubenden Menschen mit positiver Lebenseinstellung zu erziehen. Ebenso waren es dann insbesondere Lehrer(innen), wie bei Herrn Maurer ja auch, die mir darüberhinaus mögliche Bildungs-/Wege aufgezeigt haben.

    Der Schlüssel liegt sicher darin, einem jungen Menschen den Glauben an sich und seine Fähigkeiten zu vermitteln, dies ist von der Schulform und dem Bildungsniveau unabhängig.

    Und für eine dann folgende Verwirklichung der aufgestellten Lebensziele bietet meiner Meinung nach die deutsche Bildungslandschaft zahlreiche Varianten zur Umsetzung an - auch über eine Hauptschulkarriere! Es ist eben nicht immer der "direkte" Weg. Und mal ehrlich - es wäre sicher keine Schwierigkeit empirisch zu belegen, dass es auch sehr viele erfolglose, frustierte Gymnasiasten gibt und wie wenig effektiv und erfolgreich (was immer das heißen mag) in diesen Schulen die Lernmethoden sind.

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    • Sisyphe
    • 31. Januar 2013 18:04 Uhr

    Meine Odysee begann auf dem Gymnasium und endete gestern an der Universität. Mit positivem Abschluss.
    Es war ein jahrelanger, bitterlicher Kampf gegen einzelne Lehrer und Dozenten, die bedauerlicherweise immer die entscheidenden Hebel in der Hand hielten.
    Es ist unfassbar, bis zu welchem Grad Lehrer und Dozenten über den Weg anderer Menschen bestimmen können, und wie sehr solche Entscheidungen Leben beeinflussen und Persönlichkeiten brechen können.
    Ich würde diesen Weg nicht noch einmal gehen- ich wäre fast zu Grunde gegangen.
    Der Akademikertitel ist für mich mittlerweile auch keine "Auszeichnung" mehr, sonder ein beschämendes Abzeichen, jetzt auch diesem "elitären Kreis" anzugehören.

    Ich habe auch mit einem Kloß im Hals den Artikel gelesen.

    Ich hoffe, dass diese brodelnde Wut im Bauch bald ein Ende hat und ich mich mit allen Sinnen freuen kann, endlich einem Beruf nachzugehen, der mich voll und ganz erfüllt.

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    Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.

    Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.

    Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.

  2. Erst einmal ein fettes Danke an Sie, Hr. Maurer.

    Ihr Artikel ist echt gut und bietet bestimmt einen hohen Wiedererkenungswert bei uns Arbeiterkinder. Aber wieso immer so pessimistisch? Ich selbst bin Sohn eines Chemikanten und einer Zahnartzhelferin, welche schlesische Aussiedler sind und ich werde trotz Legasthenie, in einem recht großem Daxunternhemen studieren (Kooperatives Studium). Mein Bruder ist derweil ein recht erfolgreicher BWL-Student. Sind wir also nicht ein Zeichen dafür, dass unser Bildungssystem trotzdem gut ist? Das Bildungssystem ist doch gerade WEIL 25% der Arbeiterkinder aufsteigen und 30% der Akademikerkinder absteigen durchlässig, oder etwa nicht? (Für mich sieht das nach einem stätigem Fluß aus) Auf der anderen Seite ists/wars für mich schwer, da ich auf keinerlei Hilfe, gehe es um Bewerbung oder Lernorganisation, zurückgreifen konnte. Gott sei Dank gabs hier die Bibiothek, das Internet und einige nette Menschen auf meinem Weg.

    Und zum Thema Schulreforemen: Ich finde man sollte das Gymnasium generell überarbeiten. Weg von dem allgemeingebildeten Genie, wie Goethe etc. mehr zur Realitätsnähe! (Einige Schulfächer fühlen sich echt überflüssig an und werden teilweise nur einstündig pro Woche unterrichtet)

    PS.: Die Hälfte meiner Mitabiturienten, haben meiner Meinung nach, nichts auf dem Gymnasium verloren. Das Abitur sollte nicht zu etwas verkommen, dass jemandem nach geworfen wird.

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  3. Der Artikel ruft all die kleinen und großen Zurücksetzungen wach, die man als Arbeiterkind im Laufe seines schulischen und beruflichen Werdegangs "schlucken" muss.
    Es kommt noch hinzu, dass Kinder aus Arbeiterfamilien meist den bürgerlichen Verhaltenskodex nicht in sich aufgenommen haben und sich deshalb auch nonverbal nicht so ausdrücken und zeigen können, wie es für Menschen aus Akademikerkreisen selbstverständlich ist.
    Für Kinder aus bildungsfernen Familien ist Bildung also oft ein Glücksspiel, dessen Ausgang davon abhängt, dass sich doch noch jemand - gegen den Strom - für das Kind einsetzt.
    Bei mir war es so, dass sich ein 68er, der als Lehrer an einer Dorfschule gelandet war, gegen starke Widerstände der Schulleitung und Zweifel der Eltern dafür einsetzte, dass ich nach der 6. Klasse von der Volksschule aufs Gymnasium wechseln durfte.
    Dieser Lehrer, dem ich unglaublich viel verdanke, ist dann kurze Zeit danach als "Querulant" aus den Schuldienst geekelt worden.
    Noch ein Vorschlag an Adam Egerer: Werde nicht Rechtsanwalt; werde Richter! Es ist sicher nicht schlecht, wenn Arbeiterkinder plädieren; besser ist es, wenn sie es sind, die entscheiden.

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  4. ... Herr Maurer für diesen Artikel, der mich wirklich berührt hat - gerade weil er nicht nur das Problem beschreibt, sondern auch die kleinen Details und Facetten des Zwischenmenschlichen so treffend aufgreift.

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  5. Mir dessen bewusst, dass Akademikerkinder natürlich auch Probleme haben, z. B. Eltern für die es nicht in Frage kommt, dass ihre Sprösslinge nicht studieren, und auf die Gefahr hin, dass es als Gejammer abgetan wird, habe ich dennoch das dringende Bedürfnis über die Existenzängste, die Hilflosigkeit und auch die Schamgefühle zu reden, die damit einhergehen. Denn das Tabu belastet zudem. Mitteilen kann man sich so leicht weder Kommilitonen, noch Familie und Verwandtschaft, die geradezu darauf warteten, dass man scheitert. Also war Scheitern keine Alternative, zumal man kein finanzielles Polster hatte, auf das man sich zurückfallen lassen konnte.

    Ich bin trotz aller Widrigkeiten heilfroh, studiert zu haben. Chancengleichheit wird allerdings durch ein gutes Schulsystem alleine nicht herzustellen sein, das wird mir immer bewusster. Denn heute zählt: Erben statt Arbeiten. Selbst kleine, alte ,,Arbeiterhäuschen" werden in Städten zu Preisen angeboten, die ich mir trotz harter Arbeit nicht leisten kann. Und schon bin ich wieder im Nachteil, denn der Anstieg der Immobilienpreise ist meiner Meinung nach u. a. auch dadurch zu erklären, dass Kinder ,,aus gutem Haus" erben und diese Preise zahlen können, während ich lange Jahre schon wie es scheint vergeblich dafür spare. Neidisch bin ich nicht, ich würde mich ja auch freuen. Die Hoffnung meiner Kindheit aber, dass sich Leistung lohnen würde, sehe ich dadurch enttäuscht. Allerdings ein Trost bleibt: Bildung macht in der Tat glücklich!

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    • sabibue
    • 02. Februar 2013 13:33 Uhr

    Es gibt Texte, da findet man sich wieder - dieser Artikel war so einer. Danke schön.
    Beide Elternteile Hilfsarbeiter, ein Großteil der CousInen auf der Sonderschule, keinen in der Verwandtschaft und Freundeskreis zumindest mit Realschulabschluss, mit 16 Jahre eine ungeliebte Ausbildung als Verkäuferin. Mit 20 Jahren perspektivlos und dann meine "Rettung".
    Abitur am Oberstufen-Kolleg Bielefeld. Ich habe jeden Tag genossen. Reden, erkennen, anerkannt als denkendes Wesen, der Weg zu vielen Welten.
    Dann Abitur und Vordiplom mit glatter Eins.
    Trotzdem nie in der Uni heimisch geworden, die Arroganz meiner universitären Mitwelt - und die Ignoranz, Bildung und die Möglichkeit des Lernens, als Geschenk anzuerkennen und Sie durch Unpünktlichkeit und Unverbindlichkeit mit Füßen zu treten - all das hat mir weh getan- mich zwischenzeitlich auch fast verrückt gemacht. Zwischen den Welten zerrissen.
    Heute bin ich in einer nichtakademischen Welt zu Hause. Arbeite noch immer als Verkäuferin, na ja nicht so ganz. Als Projektleiterin eines Integrationsprojektes- in dem psychisch kranke Menschen Naturkost verkaufen.
    Bin wieder da, wo ich losgelaufen bin - und bin doch - durch Bildung eine ganz andere- und (oft) glücklich - zumindest versöhnt.
    Ich gratuliere allen die den Bildungsaufstieg geschafft haben. Möchte aber allen, die es versucht und nicht geschafft hier nicht unerwähnt lassen.
    Danke- fürs Lesen

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