Chancengleichheit : Ich Arbeiterkind
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"Hört nicht immer auf eure Lehrer, die irren auch manchmal"

Am Abend zuvor wollte die Direktorin uns wieder ausladen. Mit Mühe und Not konnten wir sie überzeugen, dass wir doch zur Schule kommen und erklären dürfen, was genau wir wollen. Jetzt stehen wir im Schulsekretariat. Vanessa, Wolfgang, ich – und die Direktorin, nennen wir sie Margarete Bäumler, eine energische Frau Anfang sechzig. Sie sagt, sie könne unseren Besuch nicht gutheißen. Wir sollten den Schülerinnen keine Flausen in den Kopf setzen. Abitur? Studium? »Wir sind eine Schule, die für die Lehre ausbildet, das war schon immer so«, sagt Frau Bäumler. Und dann sagt sie fast denselben Satz, den meine Mama vor 20 Jahren von Herrn Proksch zu hören bekam: »Alles andere ist nichts für sie.«

»Sie«, das sind ihre Schülerinnen.

Zwanzig Minuten später. Die Direktorin hat sich dann doch erweichen lassen. Wir bitten die 20 Mädchen, die vor uns sitzen, ihren Berufswunsch aufzuschreiben. Das Ergebnis: dreimal Ärztin, dreimal Journalistin, zweimal Juristin, einmal Zahnärztin, einmal Psychologin. Mindestens zehn der Schülerinnen haben also »Flausen im Kopf«. Wollen sie sich ihren Traum erfüllen, müssen sie studieren.

Vanessa berichtet von ihrem Jura-Studium, sie promoviert gerade und arbeitet für eine internationale Wirtschaftskanzlei. Wolfgang sagt, er habe nur seinen Eltern zuliebe eine Malerlehre gemacht. Jetzt studiert er Agrarwissenschaften und hat ein kleines Unternehmen gegründet. Ich erzähle von Herrn Proksch und schließe mit den Worten: »Hört nicht immer auf eure Lehrer, die irren auch manchmal.«

Nach dem Vortrag kommt eine Schülerin auf mich zu: eine der drei, die Journalistin werden wollen. Sie erzählt, ihre Eltern – eine Kassiererin und ein Facharbeiter – sagten ihr immer, im Journalismus arbeiteten einfach andere Menschen, das sei nichts für sie. Ich ermutige sie, mit ihren Eltern zu sprechen. Wenig später schreibt sie mir eine E-Mail. Sie habe sich ein Herz gefasst und ihre Eltern tatsächlich überzeugt: Sie darf nun nach der Realschule versuchen, noch das Abitur zu machen.

Das ist der Gedanke hinter der Arbeiterkind-Initiative: einander helfen, sich gegenseitig unterstützen. Wenn die Realschülerin ihren Wunsch, Journalistin zu werden, tatsächlich weiterverfolgt, werde ich ihr noch viele Tipps geben können. Manchmal sind es solche Verbindungen, solche Netzwerke, die über den Erfolg beim Berufseinstieg entscheiden.

Auch im Rotonda Business-Club in Köln wird der Netzwerk-Gedanke wichtig genommen. Der Verein sagt von sich, er sei »einer der führenden Wirtschaftsclubs im deutschsprachigen Raum, der Treffpunkt für die Gestalter der Region Köln«.

Wie im Café Telos gibt es auch hier ein Hinterzimmer. Allerdings ist es riesengroß, lichtdurchflutet, Häppchen werden aufgetragen. Hier trifft sich die Gegenbewegung zum Münchner Arbeiterkind-Stammtisch. Die Kölner FDP hat zum »Bildungsbrunch« eingeladen, das Thema lautet: »Für eine moderne Schulpolitik mit starken Gymnasien«. Es spricht Walter Scheuerl, der vor zweieinhalb Jahren in Hamburg als Vorsitzender der Initiative »Wir wollen lernen« die sechsjährige Primarschule – also das gemeinsame Lernen aller Kinder bis zum Ende der sechsten Klasse – verhindert hat. Heute sitzt er für die CDU in der Hamburger Bürgerschaft.

Scheuerl möchte die Schüler möglichst früh voneinander trennen, die starken von den schwachen, die einen sollen aufs Gymnasium, die anderen auf Haupt- und Realschulen, Gemeinschafts- und Stadtteilschulen – je nach Bundesland heißen sie anders –, und dann sollen die Schüler bleiben, wo sie sind. Vor allem geht es Scheuerl darum, das bedrohte Gymnasium zu schützen. »Die Entwicklung hin zu den Gesamtschulen führt zu einem Verlust von Qualität und der Wirtschaftskraft Deutschlands«, sagt er.

In Köln verteilt Scheuerl ein Infoblatt, auf dem steht, dass Schüler, die nach der zehnten Klasse aufs Gymnasium wechseln möchten, einen Lernrückstand von einem Jahr haben und deshalb »ihr blaues Wunder erleben« und »schlicht scheitern« werden.

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Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 36 Kommentieren

nicht nur Journalisten

"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."

Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.

Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.

Wollen, sollen, dürfen, können, müssen.

"Menschen, die das Potenzial für eine Bildungskarriere haben und die auf die im Artikel beschriebenen Hindernisse stoßen. Es geht nicht um das "Wollen" oder "Sollen", sondern um das "Dürfen", also um Chancengleichheit im der Bildung."

Ja, das wird im Artikel beschrieben. Es wird aber auch das "Müssen" der Akademikerkinder am Rande erwähnt, bei dem es nicht mehr auf das "Können" anzukommen scheint, ohne daß der Autor dies begriffen zu haben scheint: "Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt."

Ich habe solche Kämpfe im Bekanntenkreis mitbekommen, und in etlichen Fällen dachte ich immer wieder, wenn Frau Mama von ihren Aktivitäten und Maßnahmen erzählte: "Das arme Kind." Es gibt wirklich keinen Grund, solche Kinder auch noch zu beneiden, denn den Ansprüchen seiner Eltern nicht genügen zu können, ist für ein Kind doch ein Alptraum.

Das Problem mit der sogenannten "Bildungskarriere" besteht außerdem darin, daß sie sich letztlich für viele auch ein falsches Versprechen erweist. Je mehr Akademiker, desto mehr von ihnen werden beruflich in Bereichen landen, für die eigentlich gar kein akademischer Abschluß nötig wäre, aber Akademiker eingestellt werden, weil man sie halt bekommen kann. Und das ist ja auch gar nicht so selten mit einem letztlich dem Ausbildungsaufwand nicht angemessenen Einkommen verbunden.

Das Recht über das eigene Schicksal bestimmen zu können

Die Antwort liegt vermutlich in dieser Gegenfrage?

Woher holen sich (Grundschul-) Lehrer das Recht, mein eigenes Schicksal zu bestimmen?

Das ganze Bildungssystem in Deutschland ist schlicht veraltet und sehr an die feudalen Strukturen der Aufklärungszeit gekoppelt, welche nicht die Eigeninitiative sondern die Unterwürfichkeit des Arbeiter- bzw. Bauernkindes begünstigen soll. (Obrigkeitsdenken bzw. Untertanenmentalität) Nur die Oberschicht sollte das Sagen und damit zur Führungselite gefördert werden.

Vielen Dank

Vorab:

Ich finde den Artikel als Erfahrungsbericht extrem interessant und klasse, zu lesen - er trifft ins Schwarze und ist einfach richtig gut geschrieben. Interesant wäre darüber hinaus eine Erweiterung der Perspektive: Auch in "Arbeiterberufen" kann man och glücklich sein?

Ich kenne zum Beispiel eine studierte Geologin, die nach zwei Jahren Studium entschieden hat, dass es ihr größter Traum sein, zu Menschen nach Hause zu fahren und Haare zu schneiden. Sie ist glücklich. Eine Freundin von mir, eine studierte Linguistin, macht nun eine Ausbildung.

Ich selber bin "Arbeiterkind" mit zwei internationen und sehr guten Uni-Abschlüssen und 31 Jahre alt: Viele meiner Freunde, die nicht studiert haben, verdienen mehr Geld. Gut, dass kann sich ja alles ändern, ich möchte nur sagen:

Mir gefällt es nicht, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Erstens, weil Menschen nicht nur "das eine" oder "das andere" sind, zweitens, weil es zwischen diesen beiden Gruppen "Arbeiter" und "Unielite" einfach noch viel Raum gibt. Uni ist nicht gleich Elite. Wie viele arbeitslose Akademiker gibt es denn? Wie viele Abbrecher? Auf der anderen Seite: Wie viele "Arbeiterkinder", die "nur" eine Ausbildung gemacht haben, sind in meinem Alter und haben sich einfach mal ein Haus gekauft?

Wie viele der "potenziellen Elite", scheitert denn, zum Beispiel mit einer Selbstständigkeit oder, weil vielleicht die Fluktuation in Sachen Jobs viel höher ist, wenn man Germanistik studiert hat (alles und nichts)?