Chancengleichheit : Ich Arbeiterkind
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Manchmal male ich mir aus, wie es wäre, die beiden Welten zusammenzubringen

Die Milchbrötchen-Abenteurer gehören zur Oberschicht. Meine Mama steht sozial einige Etagen unter ihnen. Und ich? Ich stehe irgendwo zwischen ihnen und ihr.

Manchmal male ich mir aus, wie es wäre, die beiden Welten zusammenzubringen. Ich stelle mir vor, ich würde eine große Party veranstalten, auf der sich Michael, Textchef der deutschen Ausgabe des Magazins Wired und heute einer meiner besten Freunde, und Rudi, ein Elektromeister aus meinem alten Sportverein, begegneten. Eine Party, auf der meine erste Freundin, die Molkereifachfrau, sich mit den Feuilletonistinnen und Psychologinnen unterhielte, mit denen ich später zusammen war. Eine Party, auf der meine Eltern mit den Herzchirurgen, Journalisten, Professorinnen ins Gespräch kämen, mit deren Kindern ich jetzt befreundet bin. Sie würden miteinander reden, anstatt sich zu ignorieren oder aufeinander herabzuschauen. So stelle ich mir das vor. Und dann schiebe ich den Gedanken wieder weg. Wahrscheinlich wären alle überfordert von so viel Nähe.

Vielleicht wäre auch ich überfordert. Wenn ich ehrlich bin – sind mir die Menschen aus meinem früheren Leben nicht manchmal peinlich? Ist mir meine eigene Familie nicht manchmal fremd? Mein Hund damals hieß Wastl, meine langjährige WG-Katze heute heißt Gretchen. Meine Familie kauft bei Aldi, ich erlaube mir, soweit es geht, Bioprodukte. Es ist nicht so, dass die soziale Kluft sich aufgelöst hätte, bloß weil sie inzwischen mitten durch meine Familie geht. Ich spüre an mir selbst, wie stark das Magnetfeld sozialer Kreise ist. Ich muss zugeben, dass auch ich in Schichten denke. Ich orientiere mich an denen, die mir ähnlich sind. Oder an denen, die ich für ähnlich halte. Vielleicht ist diese Erkenntnis der wichtigste Grund, warum ich glaube, dass die Schule die sozialen Grenzen durchbrechen muss.

Herr Proksch wohnt noch immer in Lauterbach, dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, wo er unterrichtete.

Die Tür öffnet sich, er steht vor mir, ich erkenne ihn sofort wieder.

Erster Satz: »Marco, schön, dass du da bist.«

Zweiter Satz: »Sag mal, die ZEIT, wie hast du es denn dorthin geschafft?«

Diese Worte schnüren mir den Hals zu. Wir gehen zu einer Sitzecke, ich sehe Zinnpokale, gestickte Bilder in dunklen Holzrahmen, setze mich auf ein Sofa und sinke so tief ein, dass ich meine, ich säße wieder zusammengesunken auf der Schulbank. Dazu passt, dass Herr Proksch – heute 66 Jahre alt und in Pension – noch immer Du zu mir sagt.

»Wissen Sie, was Sie mir damals empfohlen haben, Herr Proksch?«

»Nein. Ich kann ich mich nicht erinnern.«

Ich erzähle es ihm. Er sagt: »Da muss ich mich bei dir und deiner Mutter entschuldigen. Ich bin sprachlos, das ist eine schlimme Sache.«

Nach einer kleinen Pause fügt er an: »Eigentlich finde ich es sogar unanständig.«

Diese Worte fühlen sich gut an. Sie erinnern mich an die Reaktion von Frau Bäumler, der Realschuldirektorin, die uns zunächst hinauskomplimentieren wollte. Sie sagte nach unserem Vortrag, man müsse »letztlich« für unsere Arbeit dankbar sein. Sie lächelte sogar, als sie das sagte, obwohl man ihre Zähne dabei fast knirschen hören konnte.

In Herrn Prokschs Wohnzimmer ist es still geworden. Die Wanduhr tickt vor sich hin, und ich frage meinen alten Lehrer, was er davon hält, dass in diesen Wochen überall in Deutschland wieder Variationen des Wortes »Hauptschulempfehlung« auf Zeugnisse gedruckt werden. Welchen Wert haben solche Begriffe, wenn sie manche Schüler auf Jahre hin entmutigen und Begabungen vernichten?

»Marco, das frage ich mich jetzt auch«, sagt Herr Proksch.

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Kommentare

206 Kommentare Seite 1 von 36 Kommentieren

nicht nur Journalisten

"...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."

Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.

Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.

Wollen, sollen, dürfen, können, müssen.

"Menschen, die das Potenzial für eine Bildungskarriere haben und die auf die im Artikel beschriebenen Hindernisse stoßen. Es geht nicht um das "Wollen" oder "Sollen", sondern um das "Dürfen", also um Chancengleichheit im der Bildung."

Ja, das wird im Artikel beschrieben. Es wird aber auch das "Müssen" der Akademikerkinder am Rande erwähnt, bei dem es nicht mehr auf das "Können" anzukommen scheint, ohne daß der Autor dies begriffen zu haben scheint: "Akademiker dagegen kämpfen um die Zukunft ihrer Kinder, sie schieben sie mit aller Macht in Richtung Abitur. Geld für Nachhilfe haben sie, und wenn nichts mehr hilft, drohen sie mitunter mit dem Anwalt."

Ich habe solche Kämpfe im Bekanntenkreis mitbekommen, und in etlichen Fällen dachte ich immer wieder, wenn Frau Mama von ihren Aktivitäten und Maßnahmen erzählte: "Das arme Kind." Es gibt wirklich keinen Grund, solche Kinder auch noch zu beneiden, denn den Ansprüchen seiner Eltern nicht genügen zu können, ist für ein Kind doch ein Alptraum.

Das Problem mit der sogenannten "Bildungskarriere" besteht außerdem darin, daß sie sich letztlich für viele auch ein falsches Versprechen erweist. Je mehr Akademiker, desto mehr von ihnen werden beruflich in Bereichen landen, für die eigentlich gar kein akademischer Abschluß nötig wäre, aber Akademiker eingestellt werden, weil man sie halt bekommen kann. Und das ist ja auch gar nicht so selten mit einem letztlich dem Ausbildungsaufwand nicht angemessenen Einkommen verbunden.

Das Recht über das eigene Schicksal bestimmen zu können

Die Antwort liegt vermutlich in dieser Gegenfrage?

Woher holen sich (Grundschul-) Lehrer das Recht, mein eigenes Schicksal zu bestimmen?

Das ganze Bildungssystem in Deutschland ist schlicht veraltet und sehr an die feudalen Strukturen der Aufklärungszeit gekoppelt, welche nicht die Eigeninitiative sondern die Unterwürfichkeit des Arbeiter- bzw. Bauernkindes begünstigen soll. (Obrigkeitsdenken bzw. Untertanenmentalität) Nur die Oberschicht sollte das Sagen und damit zur Führungselite gefördert werden.

Vielen Dank

Vorab:

Ich finde den Artikel als Erfahrungsbericht extrem interessant und klasse, zu lesen - er trifft ins Schwarze und ist einfach richtig gut geschrieben. Interesant wäre darüber hinaus eine Erweiterung der Perspektive: Auch in "Arbeiterberufen" kann man och glücklich sein?

Ich kenne zum Beispiel eine studierte Geologin, die nach zwei Jahren Studium entschieden hat, dass es ihr größter Traum sein, zu Menschen nach Hause zu fahren und Haare zu schneiden. Sie ist glücklich. Eine Freundin von mir, eine studierte Linguistin, macht nun eine Ausbildung.

Ich selber bin "Arbeiterkind" mit zwei internationen und sehr guten Uni-Abschlüssen und 31 Jahre alt: Viele meiner Freunde, die nicht studiert haben, verdienen mehr Geld. Gut, dass kann sich ja alles ändern, ich möchte nur sagen:

Mir gefällt es nicht, dieses Schwarz-Weiß-Denken. Erstens, weil Menschen nicht nur "das eine" oder "das andere" sind, zweitens, weil es zwischen diesen beiden Gruppen "Arbeiter" und "Unielite" einfach noch viel Raum gibt. Uni ist nicht gleich Elite. Wie viele arbeitslose Akademiker gibt es denn? Wie viele Abbrecher? Auf der anderen Seite: Wie viele "Arbeiterkinder", die "nur" eine Ausbildung gemacht haben, sind in meinem Alter und haben sich einfach mal ein Haus gekauft?

Wie viele der "potenziellen Elite", scheitert denn, zum Beispiel mit einer Selbstständigkeit oder, weil vielleicht die Fluktuation in Sachen Jobs viel höher ist, wenn man Germanistik studiert hat (alles und nichts)?