ChancengleichheitIch Arbeiterkind

Er ist der Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers. Sein Lehrer traute ihm nicht viel zu und empfahl die Hauptschule. Unser Autor Marco Maurer erzählt, wie ihm gegen die Mechanismen des Schulsystems der Aufstieg gelang. von Marco Maurer

Sie nennen mich Arbeiterkind: die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder von der CDU, der ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt, die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, der Grünen-Chef Cem Özdemir. In einem seltenen, Parteien und Weltanschauungen übergreifenden Konsens finden sie alle denselben Begriff, wenn sie von Leuten wie mir sprechen.

Ich bin jetzt 32 Jahre alt, und das Wort Arbeiterkind begleitet mich – Sohn eines Kaminkehrers und einer Friseurin – fast mein ganzes Leben lang.

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Mit Herrn Proksch fing es an. Heute, 21 Jahre später, stehe ich vor seiner Haustür. Gleich werde ich ihn wiedersehen. Ich drücke die Klingel, höre Schritte, die Tür öffnet sich.

Ich muss an früher denken.

Zum ersten Mal begegnete mir Herr Proksch im Sommer 1991, auf der Hauptschule in Lauterbach, einem Dorf im bayerischen Teil von Schwaben. Er war ein stämmiger Mann mit breitem Gesicht, der gerne braune Pullover trug. Mein Lehrer, Klasse 6b.

An einem Montag im Frühjahr 1992 empfing er dann meine Mama. Es war Elternsprechtag. Im Klassenzimmer saß Herr Proksch leicht erhöht hinter seinem Pult, auf dem Bücher und Ordner lagen. Meine Mama hatte auf einem der Kinderstühle Platz genommen. Es ging darum, auf welche weiterführende Schule ich gehen sollte: Real- oder Hauptschule. Die wenigen Gymnasiasten, die es in unserem Dorf gab, hatten uns nach der vierten Klasse verlassen.

»Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, Frau Maurer, die Realschule ist nichts für ihn.«

Das war Herrn Prokschs erster Satz. Meine Mama hat es mir später erzählt. Das ganze Gespräch.

»Meinen Sie wirklich, Herr Proksch?«

»Er hat im Zeugnis drei Dreien in den Kernfächern, das sind zwei Zweien zu wenig. Er wird das nicht schaffen.«

»Wir haben gerade eine schwierige Zeit daheim.«

Meine Mama sprach von Umzügen, Schulwechseln und der Trennung von ihrem Lebensgefährten.

»In den Jahren zuvor war er doch besser«, sagte sie. »Er hatte immer nur Zweien im Zeugnis, er könnte den Aufnahmetest für die Realschule machen.«

»Das hat doch keinen Wert bei ihm, Frau Maurer.«

Als Herr Proksch das sagte und den Kopf schüttelte, stand meine Mama auf, nahm ihren roten Mantel und verließ den Klassenraum, in dem das Wort »Arbeiterkind« in der Luft hängen blieb.

»Vielen Dank, Herr Proksch!«

Leserkommentare
    • Hagane
    • 06. Februar 2013 18:23 Uhr

    Selten genug, das ein Artikel in der Zeit mich so fesselt, das ich ganze 8 Seiten aufmerksam durchlese.
    Vielleicht weil die Thematik auch in meinem Lebensweg teilweise zurueckzufinden ist.

    Wie dem auch sei, danke fuer diesen Artikel Herr Maurer.

  1. Zitat # 59: "Was mir an dem Artikel massiv missfällt ist, dass wiederholt der Eindruck vermittelt wird, eine Existenz ohne höheren Bildungsabschluss käme fast automatisch einem stumpfsinnigen Vegetieren gleich ..."

    Sie haben Recht, der Eindruck könnte tatsächlich entstehen. Ich denke, er ist nicht beabsichtigt. Der Autor wollte lediglich die Schwierigkeiten darstellen, sich aus einem (diesem) Umfeld zu lösen.

    Ich jedenfalls lerne Bodenständigkeit, Mutterwitz, gesunden Menschenverstand und pragmatische Lebenserfahrung von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen. Im Sinne von: Meine Oma hätte euch erklären können, warum der Rettungsschirm nicht funktionieren kann ... zudem wäre sie eindeutig die bessere Bundeskanzlerin gewesen, hätte sie nichts besseres mit ihrer Lebenszeit anzufangen gewusst. ;-)

    3 Leserempfehlungen
    • malox
    • 06. Februar 2013 18:34 Uhr

    Ich möchte auf ein Stipendium aufmerksam machen, welches leider zu viel wenig bekannt ist.

    Ausgerichtet ist es für Berufserfahrene, die nach Ausbildung und Berufserfahrung nochmals ein Studium abschliessen möchten, weil sie sich auf akademischer Basis weiterbilden möchten.
    Besonderheit: gefördert werden nicht nur Vollzeitstudien, sondern auch berufsbegleitende Studiengänge und das Alter ist dabei egal.

    In vielen Fällen dürfte das auch sog. "Arbeiterkinder" zutreffen.
    Voraussetzung ist ein (sehr guter) Berufsabschluss und mind. zwei Jahre Berufserfahrung, dazu gibt es ein paar Sonderbedingungen.

    Gefördert wird das ganze vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

    Zu den genauen Bedingungen:
    www.aufstiegsstipendium.de

    3 Leserempfehlungen
    • wauzi
    • 06. Februar 2013 18:48 Uhr

    schließe mich einem vorredner an: es sind nicht zu wenig arbeiterkinder auf weiterführenden schulen, sondern zu viele bürgerkinder. vermittels nachhilfe, ehrenrunden o.ä. schaffen sie es bis zum abitur und weiter.

    lieber ein selektives gymnasium und aussagekräftiges abitur als das niveau soweit abzusenken, dass man gerade noch eine ausbildung als leergutsammler beginnen kann.

    wie man kinder aus "bildungsfernem" elternhaus gezielt fördern kann, weiß ich nicht. angebotena förderangebote anzunehmen ist immer etwas peinlich.

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    "...wie man kinder aus "bildungsfernem" elternhaus gezielt fördern kann, weiß ich nicht. angebotena förderangebote anzunehmen ist immer etwas peinlich..."

    Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, daß viel davon abhängt, wieviel Zeit sich die Eltern für ihre Kinder nehmen. Gemeinsam Lesen, Basteln, Spazierengehen und so, muß also nicht mal teuer sein und dann kann der Nachwuchs immer besser und immer selbständiger Wissen aufsaugen ;-)

  2. "...Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt...."

    Mir irgendwie auch, obwohl ich ein "Arbeiterkind" bin und der erste Dipl.-Ing. in unserer Familie. Wobei ich sagen würde, daß ich mit meinen Eltern extrem viel Glück hatte.

    Rückblickend betrachtet auch mit meiner Klassenlehrerin, die meinen Eltern nahegelegt hat, mich aufs Gymnasium zu schicken. Obwohl ich mit der überhaupt nicht klarkam, die Noten zwar nicht schlecht, aber auch nicht überragend waren und ich mir eher die Realschule zugetraut hätte.

    • Safi
    • 06. Februar 2013 19:14 Uhr

    @Trypsin: Ihre Aussage kann ich nun gar nicht nachvollziehen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich einer meiner Arbeitgeber oder die Arbeitgeber meiner Freunde je dafür interessiert haben, welche Qualifikationen die Eltern mitbringen.

    Letztendlich geht es doch um die eigenen Qualifikationen, bzw. darum, dass man sich im Vorstellungsgespräch und in der Probezeit durchsetzt und beweist?? Wie schon einmal gesagt, mein Eltern sind zwar Akademiker, aber von elitären Kreisen oder einer Menge Geld kann ich nicht berichten (meine Eltern waren auch jeweils die ersten in der Familie, die studierten) ... Ich bin nicht die selbstbewussteste Person und hatte nie durchgängig beste Noten (Schule/Studium), aber selbst ich habe mich durchaus gut in Vorstellungsgesprächen und Jobs geschlagen (ohne Vitamin B, dafür hat sich schließlich eh keiner interessiert ;) )
    Und wenn Sie vielleicht meinen, dass sich irgendwer für Markenkleidung oder -accessoires interessiert hätte, die die Herkunft eventuell verdeutlicht hätte... Fehlanzeige! Letztendlich sind es doch oftmals die Studenten und angehenden Akademiker, für welche diese Prestigemerkmale vollkommen irrelevant sind.

    In meiner Firma werden viele Praktikanten außerdem direkt als Auszubildende oder Festangestellte (nach Ausbildung o. Studium) übernommen. Aber vielleicht ist in Berlin auch alles vollkommen anders, als im Rest von Deutschland...

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    Antwort auf "Problem erkannt"
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    • Trypsin
    • 07. Februar 2013 15:03 Uhr

    ...Ihrem Kommentar.

    @Safi
    Richtig, Sie haben die Erfahrung nicht gemacht, weil Sie selbst aus einer Akademikerfamilie stammen.

    Heute bin ich in der Lage innerhalb von 10 min ein Akademikerkind von einem Arbeiterkind zu unterscheiden. Warum? Weil Akademikerkinder ganz anders auftreten, reden und andere Meinungen/Werte vertreten. Vielleicht sagt Ihnen die Bezeichnung 'elaborierter Code' etwas. Daran erkennt man aus welcher Schicht die Kinder kommen. Dazu muss mich niemand fragen, was meine Eltern tun. Und Kommentar #80 hat das Problem ganz gut beschrieben.

  3. "...wie man kinder aus "bildungsfernem" elternhaus gezielt fördern kann, weiß ich nicht. angebotena förderangebote anzunehmen ist immer etwas peinlich..."

    Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, daß viel davon abhängt, wieviel Zeit sich die Eltern für ihre Kinder nehmen. Gemeinsam Lesen, Basteln, Spazierengehen und so, muß also nicht mal teuer sein und dann kann der Nachwuchs immer besser und immer selbständiger Wissen aufsaugen ;-)

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    Antwort auf "die prozente"
  4. "... Man kann nämlich in der Wissenschaft Karriere machen - Entschuldigung für die Ausdrucksweise, aber es trifft den Sachverhalt: denn über Reagenzgläser tüfteln, dafür braucht man nicht unbedingt die Umgangsformen ..."

    Da irren Sie aber gewaltig. Es gibt gerade in den sogenannten harten Naturwissenschaften (Chemie, Physik) einen ausgeprägten Standesdünkel. Dort herrscht ein unausgesprochener Promotionszwang (über 90% der Diplom-Chemiker werden promoviert), ohne die man nicht an die sehr gut bezahlten Tätigkeiten in der Industrie herankommt, insbesondere die Führungspositionen sind einem ohne Promotion und excellente Umgangsformen verwehrt.

    Wer in den akademischen Mittel- oder Oberbau will (Universitätslaufbahn), muss promoviert werden, sich anschließend habilitieren, hervorragende Umgangsformen haben und zudem aus "gutem Haus" stammen.

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