Chancengleichheit: Ich Arbeiterkind
Er ist der Sohn einer Friseurin und eines Kaminkehrers. Sein Lehrer traute ihm nicht viel zu und empfahl die Hauptschule. Unser Autor Marco Maurer erzählt, wie ihm gegen die Mechanismen des Schulsystems der Aufstieg gelang.
Sie nennen mich Arbeiterkind: die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder von der CDU, der ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt, die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, der Grünen-Chef Cem Özdemir. In einem seltenen, Parteien und Weltanschauungen übergreifenden Konsens finden sie alle denselben Begriff, wenn sie von Leuten wie mir sprechen.
Ich bin jetzt 32 Jahre alt, und das Wort Arbeiterkind begleitet mich – Sohn eines Kaminkehrers und einer Friseurin – fast mein ganzes Leben lang.
Mit Herrn Proksch fing es an. Heute, 21 Jahre später, stehe ich vor seiner Haustür. Gleich werde ich ihn wiedersehen. Ich drücke die Klingel, höre Schritte, die Tür öffnet sich.
Ich muss an früher denken.
Zum ersten Mal begegnete mir Herr Proksch im Sommer 1991, auf der Hauptschule in Lauterbach, einem Dorf im bayerischen Teil von Schwaben. Er war ein stämmiger Mann mit breitem Gesicht, der gerne braune Pullover trug. Mein Lehrer, Klasse 6b.
An einem Montag im Frühjahr 1992 empfing er dann meine Mama. Es war Elternsprechtag. Im Klassenzimmer saß Herr Proksch leicht erhöht hinter seinem Pult, auf dem Bücher und Ordner lagen. Meine Mama hatte auf einem der Kinderstühle Platz genommen. Es ging darum, auf welche weiterführende Schule ich gehen sollte: Real- oder Hauptschule. Die wenigen Gymnasiasten, die es in unserem Dorf gab, hatten uns nach der vierten Klasse verlassen.
»Marco sollte auf der Hauptschule bleiben, Frau Maurer, die Realschule ist nichts für ihn.«
Das war Herrn Prokschs erster Satz. Meine Mama hat es mir später erzählt. Das ganze Gespräch.
»Meinen Sie wirklich, Herr Proksch?«
»Er hat im Zeugnis drei Dreien in den Kernfächern, das sind zwei Zweien zu wenig. Er wird das nicht schaffen.«
»Wir haben gerade eine schwierige Zeit daheim.«
Meine Mama sprach von Umzügen, Schulwechseln und der Trennung von ihrem Lebensgefährten.
»In den Jahren zuvor war er doch besser«, sagte sie. »Er hatte immer nur Zweien im Zeugnis, er könnte den Aufnahmetest für die Realschule machen.«
»Das hat doch keinen Wert bei ihm, Frau Maurer.«
Als Herr Proksch das sagte und den Kopf schüttelte, stand meine Mama auf, nahm ihren roten Mantel und verließ den Klassenraum, in dem das Wort »Arbeiterkind« in der Luft hängen blieb.
»Vielen Dank, Herr Proksch!«





Selbst ein Arbeiterkind und aktiv bei Arbeiterkind.de, habe ich es bis heute noch nicht erlebt, dass jemand die Problematik dermaßen authentisch auf den Punkt gebracht hat. Ich habe noch immer einen Kloß im Hals. Vermutlich liegt es daran, dass (wie beschrieben) den meisten Journalisten dieser Erfahrungshintergrund fehlt.
Ich hoffe Ihr Artikel wühlt auch viele andere Menschen so auf wie mich und ist auf diese Weise Initialzündung oder weiterer Ansporn für ein Engagement zur Verbesserung der beschriebenen Problematik.
Bildung ist das Einzige was uns bleibt um in der Welt wettbewerbsfähig zu bleiben. Daher können wir es uns einfach nicht leisten große Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Herkunft zu entmutigen oder gar auszusortieren. Diese Logik sollte auch den Befürwortern früher "Selektion" einleuchten.
Arbeiterkind.de ist ja schön und gut, allerdings ist ein Studium auch nicht das Richtige für jeden selbst wenn man auf dem Gymnasium war, eine sinnvolle Ausbildung kann auch sehr erfüllend sein. Nur erfährt man davon nichts weil der Weg ("irgendwas studieren") ja schon so gut wie vorgezeichnet ist wenn man Abi hat. Unter anderem wenn man eine sichere Existenz dem Prekariat bzw. Dauerpraktikums eines Irgendwas mit Medien Studium vorzieht.
Zwei Sachen gefallen mir an dem Artikel nicht.
Erstens: Was ist denn so schlimm dran, wenn jemand Steine klopft oder in der Molkerei arbeitet und meinetwegen sogar am Sonntag angeln geht? Kommen Ihre Freunde Ihnen unglücklich vor? Ich finde Ihren Artikel fast respektlos gegenüber den in nichtakademischen Berufen arbeitenden Frauen und Männern.
Zweitens: Ihr Beispiel zeigt doch, dass es nie zu spät ist, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Nur wenn manchen Leute eben nach der Hauptschule im Beruf sind und keine Abendgymnasium besuchen wollen und Journalist, Arzt oder Richter werden wollen ist das doch in Ordnung. Und genauso in Ordnung ist es, wenn manche einfach keinen Boch da drauf haben.
Ich verstehe nicht ganz worauf Ihr Artikel hinauswill. Es passt doch alles wunderbar bei uns. Fleißige und Willige holen ihr Abi nach. Andere bleiben wo sie sind. Ganz einfach.
Arbeiterkind.de ist ja schön und gut, allerdings ist ein Studium auch nicht das Richtige für jeden selbst wenn man auf dem Gymnasium war, eine sinnvolle Ausbildung kann auch sehr erfüllend sein. Nur erfährt man davon nichts weil der Weg ("irgendwas studieren") ja schon so gut wie vorgezeichnet ist wenn man Abi hat. Unter anderem wenn man eine sichere Existenz dem Prekariat bzw. Dauerpraktikums eines Irgendwas mit Medien Studium vorzieht.
Zwei Sachen gefallen mir an dem Artikel nicht.
Erstens: Was ist denn so schlimm dran, wenn jemand Steine klopft oder in der Molkerei arbeitet und meinetwegen sogar am Sonntag angeln geht? Kommen Ihre Freunde Ihnen unglücklich vor? Ich finde Ihren Artikel fast respektlos gegenüber den in nichtakademischen Berufen arbeitenden Frauen und Männern.
Zweitens: Ihr Beispiel zeigt doch, dass es nie zu spät ist, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Nur wenn manchen Leute eben nach der Hauptschule im Beruf sind und keine Abendgymnasium besuchen wollen und Journalist, Arzt oder Richter werden wollen ist das doch in Ordnung. Und genauso in Ordnung ist es, wenn manche einfach keinen Boch da drauf haben.
Ich verstehe nicht ganz worauf Ihr Artikel hinauswill. Es passt doch alles wunderbar bei uns. Fleißige und Willige holen ihr Abi nach. Andere bleiben wo sie sind. Ganz einfach.
Danke für diesen Artikel! Ich bin (als Tochter von Sekretärin und Zimmermann) die erste in meiner Familie mit Abitur und die erste mit einem Hochschulabschluss. Als ich am Ende der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung bekam, luden meine Eltern die Familie und ein paar Freunde zum Essen ein - denn das war etwas wirklich Besonderes! Habe vor dem Studium "ganz vernünftig" eine kaufm. Ausbildung gemacht. Erntete in der Berufsschule verständnislose Blicke, als ich die Ausbildung verkürzte, um schneller an die Uni zu können. Am Tag der Verleihung meiner Magister-Urkunde nahm mich ein ehemaliger Lehrer und wichtiger Mentor des Gymnasiums in den Arm und sagte: "Das hat dir damals in der Schule kaum jemand im Kollegium zugetraut." (Ich war keine schlechte Schülerin, bin aber "auch noch", wie man sagt "körperbehindert" - hatte auf dem Schulhof wie auch auf der Berufsschule also durchaus Kommentare wie "Du gehörst auf die Sonderschule" zu ertragen. - Das sahen übrigens auch einige Kindergärtner, die ersten Kinderärzte etc. ähnlich. Meine Eltern waren zum Glück "Nein-Sager"....)
Mein Vater verstarb ein paar Monate bevor ich das Studium aufnahm.
Als auch meine jüngere Schwester etwa ein Jahr nach mir ihr Studium abschloss, saß meine Mutter mit Tränen in den Augen im Publikum:"Ich habe es tatsächlich geschafft!"...
An alle, denen es ähnlich geht: Kämpft für eure Träume, gegen Vorurteile, das Bafög-Amt, Hindernisse und Knüppel zwischen den Beinen - es lohnt sich und ist machbar!
Vielen Dank für diesen Artikel, ich bin sehr berrührt worden.
Mich hätte noch mehr die Rolle der Mama interessiert und wie sie den Wunsch ihres Sohnes, sich bilden zu wollen, aufnahm. Als Kind eines Landwirts und einer Krankenschwester kann ich jedes einzelne Wort nachvollziehen und weiß, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind in einer solchen Situatuio schwer leiden kann. Paradoxerweise gibt es Eltern, und nicht wenige, die es ihren Kindern nicht besser wünschen als sie es selbst hatten und den Wunsch nach Bildung, anspruchsvoller Literatur statt Fernsehen, dem Lernen eines Musikinstrumentes und dem Drang zu einer kritischen Denkweise zu gelangen, alles andere als positiv gegenüberstehen. Denn das Ausufern des Kindes, das Denken in neuen Richtungen ist stes auch eine Infragestellung des elterlichen Lebensentwurfs. Reicht dir nicht, was wir haben? Was willst du denn noch? Und plötzlich auch: Haben wir eigentlich das Beste aus unserem Leben gemacht?
All das kann die Eltern-Kind-Beziehung sehr in Mitleidenschaft ziehen, wenn Eltern eher mit Argwohn und Missfallen reagieren, statt mit Unterstützung und- Stolz.
Ich freue mich für Sie, dass Ihre Eltern mit Stolz dabei waren, und kann mir ausmalen wie schön es ist, "Gesellschaftsschranken" gemeinsam zu durchbrechen. Nur ausmalen, leider. Meine Eltern sind nicht dagewesen, umzuzsehen, wie ich mein Abieugnis entgegennahm und sie werden wahrscheinlich auch bei meiner Diplomfeier nicht zugegen sein.
Vielen Dank für diesen Artikel, ich bin sehr berrührt worden.
Mich hätte noch mehr die Rolle der Mama interessiert und wie sie den Wunsch ihres Sohnes, sich bilden zu wollen, aufnahm. Als Kind eines Landwirts und einer Krankenschwester kann ich jedes einzelne Wort nachvollziehen und weiß, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind in einer solchen Situatuio schwer leiden kann. Paradoxerweise gibt es Eltern, und nicht wenige, die es ihren Kindern nicht besser wünschen als sie es selbst hatten und den Wunsch nach Bildung, anspruchsvoller Literatur statt Fernsehen, dem Lernen eines Musikinstrumentes und dem Drang zu einer kritischen Denkweise zu gelangen, alles andere als positiv gegenüberstehen. Denn das Ausufern des Kindes, das Denken in neuen Richtungen ist stes auch eine Infragestellung des elterlichen Lebensentwurfs. Reicht dir nicht, was wir haben? Was willst du denn noch? Und plötzlich auch: Haben wir eigentlich das Beste aus unserem Leben gemacht?
All das kann die Eltern-Kind-Beziehung sehr in Mitleidenschaft ziehen, wenn Eltern eher mit Argwohn und Missfallen reagieren, statt mit Unterstützung und- Stolz.
Ich freue mich für Sie, dass Ihre Eltern mit Stolz dabei waren, und kann mir ausmalen wie schön es ist, "Gesellschaftsschranken" gemeinsam zu durchbrechen. Nur ausmalen, leider. Meine Eltern sind nicht dagewesen, umzuzsehen, wie ich mein Abieugnis entgegennahm und sie werden wahrscheinlich auch bei meiner Diplomfeier nicht zugegen sein.
Sozialer Aufstieg ist immer schwerer als der Erhalt der sozialen Klasse und wir beobachten leider eine immer weiter abnehmende soziale Mobilität.
Mein persönlicher Erfahrungshorizont deutet aber nicht darauf hin, dass das Problem am Gymnasium oder der Uni zu suchen ist. Ich bin selbst Arbeiterkind und eine Reihe meiner Freunde ebenso. Wir alle haben unser Abitur ohne Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe und ohne fachliche Unterstützung durch unsere Eltern gemacht und dabei größtenteils besser abgeschnitten als so manches Akademikerkind (ich mit 1,4; mein Bruder mit 1,0). Auch bis zum Masterabschluss an der Uni stellten sich keine Probleme; ein Stipendium ist heute leicht zu bekommen, wenn man sich ein wenig anstrengt.
Aber nach der Uni? Plötzlich stellst du fest, dass gute Noten und Praktikumsbescheinigungen nicht ausreichen, um einen vernünftigen Job zu kriegen, wenn du nicht vernetzt bist. Die Frechheit ist, dass in der Realität viele Stellen über "Vitamin B" vergeben werden und wer nicht eh schon Teil der Elite ist, mit dem Ofenrohr ins Gebirge schaut. An dieser Tatsache wird sich aber mit Herumdoktern am Bildungssystem nichts ändern lassen!
Aber nach der Uni? Plötzlich stellst du fest, dass gute Noten und Praktikumsbescheinigungen nicht ausreichen, um einen vernünftigen Job zu kriegen, wenn du nicht vernetzt bist. Die Frechheit ist, dass in der Realität viele Stellen über "Vitamin B" vergeben werden und wer nicht eh schon Teil der Elite ist, mit dem Ofenrohr ins Gebirge schaut. An dieser Tatsache wird sich aber mit Herumdoktern am Bildungssystem nichts ändern lassen!
@ultima_ratio
Sie haben das eigentliche Problem erkannt. Während meines Studiums hatte ich keine Probleme, sondern erst danach. Da meine Eltern keine hohen Positionen oder Vitamin B in den entsprechenden Reihen haben, bekam ich nie die Chance meine Leistung und mein Können zu beweisen. Nach mehreren befristeten Stellen ist meine Erkenntnis die gleiche wie Ihre. Es ging nie um Ergebnisse, Leistung und Intelligenz, sondern nur um den selben Stallgeruch.
Als Arbeiterkind muss ich sagen, dass mir der sogenannte Stallgeruch noch nicht als relevantes Kriterium meiner Karriere (Wirtschaftsanwaltsbereich) aufgefallen ist.
Es hat mir aber auch niemand die Berufe meiner Eltern auf die Stirn tätowiert; im Gegenteil sind alle überrascht, mit denen ich darüber rede. Rahmengenähte Schuhe, ein selbstbewusstes Auftreten und Konjunktiv auch in der Umgangssprache scheint ausreichend zu sein, um eine bildungsbürgerliche Herkunft vorzugaukeln. Das kann man sich bequem von entsprechenden Mitstudenten abschauen.
Was die Netzwerke angeht: Klar, Kontakte (Freunde aus dem Studium, Praktika) sind sehr wertvoll, aber die der Eltern? Mir kommt der Gedanke reichlich schräg vor, dass einer meiner jungen Kollegen mit zweiten Staatsexamen in der Tasche seinen Vater bittet, doch mal bei Freshfields anzurufen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass eine allzu gehobene Herkunft ein Karrierehindernis ist, weil man ständig gegen den Verdacht ankämpfen müssen, ein hochgehievter Versager zu sein, der bald einknicken wird - was mir nie jemand unterstellt hat. Es kann aber natürlich auch sein, dass es in anderen Branchen anders ist.
Meines Erachtens ist der Stallgeruch und das fehlende elterliche Netzwerk überbewertet und ein Grund, warum manche nach wenigen normalen Rückschlägen aufgeben. Verhaltensregeln kann man sich aber aneignen, und ein Netzwerk kann man selbst knüpfen. Wer es aus der Arbeiterklasse an die Uni geschafft hat, ist damit nicht überfordert.
Aber nach der Uni? Plötzlich stellst du fest, dass gute Noten und Praktikumsbescheinigungen nicht ausreichen, um einen vernünftigen Job zu kriegen, wenn du nicht vernetzt bist. Die Frechheit ist, dass in der Realität viele Stellen über "Vitamin B" vergeben werden und wer nicht eh schon Teil der Elite ist, mit dem Ofenrohr ins Gebirge schaut. An dieser Tatsache wird sich aber mit Herumdoktern am Bildungssystem nichts ändern lassen!
@ultima_ratio
Sie haben das eigentliche Problem erkannt. Während meines Studiums hatte ich keine Probleme, sondern erst danach. Da meine Eltern keine hohen Positionen oder Vitamin B in den entsprechenden Reihen haben, bekam ich nie die Chance meine Leistung und mein Können zu beweisen. Nach mehreren befristeten Stellen ist meine Erkenntnis die gleiche wie Ihre. Es ging nie um Ergebnisse, Leistung und Intelligenz, sondern nur um den selben Stallgeruch.
Als Arbeiterkind muss ich sagen, dass mir der sogenannte Stallgeruch noch nicht als relevantes Kriterium meiner Karriere (Wirtschaftsanwaltsbereich) aufgefallen ist.
Es hat mir aber auch niemand die Berufe meiner Eltern auf die Stirn tätowiert; im Gegenteil sind alle überrascht, mit denen ich darüber rede. Rahmengenähte Schuhe, ein selbstbewusstes Auftreten und Konjunktiv auch in der Umgangssprache scheint ausreichend zu sein, um eine bildungsbürgerliche Herkunft vorzugaukeln. Das kann man sich bequem von entsprechenden Mitstudenten abschauen.
Was die Netzwerke angeht: Klar, Kontakte (Freunde aus dem Studium, Praktika) sind sehr wertvoll, aber die der Eltern? Mir kommt der Gedanke reichlich schräg vor, dass einer meiner jungen Kollegen mit zweiten Staatsexamen in der Tasche seinen Vater bittet, doch mal bei Freshfields anzurufen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass eine allzu gehobene Herkunft ein Karrierehindernis ist, weil man ständig gegen den Verdacht ankämpfen müssen, ein hochgehievter Versager zu sein, der bald einknicken wird - was mir nie jemand unterstellt hat. Es kann aber natürlich auch sein, dass es in anderen Branchen anders ist.
Meines Erachtens ist der Stallgeruch und das fehlende elterliche Netzwerk überbewertet und ein Grund, warum manche nach wenigen normalen Rückschlägen aufgeben. Verhaltensregeln kann man sich aber aneignen, und ein Netzwerk kann man selbst knüpfen. Wer es aus der Arbeiterklasse an die Uni geschafft hat, ist damit nicht überfordert.
Ich glaube es gibt da ein Problem in Ihrem guten und wichtigen Text, Herr Maurer. Vermutlich meinen sie das nicht so, aber während sie den schwierigen Weg in gewisse Berufs- und Gesellschaftsfelder veranschaulichen, werten sie das Leben/die Tätigkeit der Menschen ab, die es nicht "geschafft" haben oder gar nicht im konventionellen Sinn "schaffen" wollen. Das steht oft zwischen den Zeilen und manchmal, wenngleich durchaus mehrdeutig, so:
"Ich erzähle das, weil ich der Meinung bin, dass jeder Mensch die Chance haben sollte, ETWAS aus seinem Leben zu machen."
"Wollen sie es doch nach OBEN schaffen, müssen sie sich mühsam HOCHkämpfen."
Klar, stimmt, transportiert aber die gängigen gesellschaftlichen Urteile, derer nach Akademiker wertvollere Arbeit leisten und damit gesellschaftlich wertvoller sind als die Friseurin.
Mit solchen (ungewollten) Wertungen laufen sie gerade bei jungen Menschen Gefahr, zwar einige zu motivieren, den anderen, die nicht "nach oben" träumen oder es eben nicht über die beschriebenen Hürden schaffen, zu vermitteln, dass ihr Leben weniger wert ist. Übrigens auch ein Grund für Ressentiments zwischen gesellschaftlichen Gruppen - das beschreiben sie ja auch.
Mein Ansatz: Chancengleichheit heißt im besten Fall für alle die gleiche Möglichkeit ALLES - nicht ETWAS bestimmtes - aus ihrem Leben machen zu können. Und Bildung (erst recht unsere kanonische) macht nicht automatisch "glücklich", wir sollten aber trotzdem alle den gleichen Zugang zu ihr haben.
"Klar, stimmt, transportiert aber die gängigen gesellschaftlichen Urteile, derer nach Akademiker wertvollere Arbeit leisten und damit gesellschaftlich wertvoller sind als die Friseurin"
Diese Urteile werden doch ganz einfach durch die Gehälter bestätigt. Nach meiner Meinung hätte ein z.B. Arbeiter bei der Müllabfuhr ein wesentlich höheres Gehalt, weil seine Arbeit gesellschaftlich mindestens so wertvoll ist wie die eines Arztes.
"Klar, stimmt, transportiert aber die gängigen gesellschaftlichen Urteile, derer nach Akademiker wertvollere Arbeit leisten und damit gesellschaftlich wertvoller sind als die Friseurin"
Diese Urteile werden doch ganz einfach durch die Gehälter bestätigt. Nach meiner Meinung hätte ein z.B. Arbeiter bei der Müllabfuhr ein wesentlich höheres Gehalt, weil seine Arbeit gesellschaftlich mindestens so wertvoll ist wie die eines Arztes.
Ich finde den Artikel auch großartig. Ich halte aber nichts von der Herabsetzung einzelner Berufsgruppen. Solange wir in dieser Gesellschaft "nur" Friseur oder "nur" Kfz-Mechaniker sind, haben solche Artikel auch immer einen abwertenden Beigeschmack.
Zwischendurch hatte ich das Gefühl, dass Sie die gleiche Abwertung vornehmen, wie das ihr Lehrer und ihre Direktorin bei Ihnen gemacht habe. Und das ist der Grund, warum so genannte Akademiker und sogenannte Facharbeiter kein normales Gespräch unter Menschen führen können, ohne dass nach der simplen Frage "und was machst Du so" nicht diese merkwürdige Pause im Raum stünde.
Übrgens ist es nicht unbedingt ein Oben und Unten, es ist oft schlicht ein anders. Und da nimmt man sich an "Versnobtheit" rein gar nichts. Und das ist nicht immer Neid auf die "da Oben" sondern manchmal bloße Verachtung der Arbeit des andern. Da nehmen sich alle möglichen Gruppen leider nicht viel.
Übrgens ist es nicht unbedingt ein Oben und Unten, es ist oft schlicht ein anders. Und da nimmt man sich an "Versnobtheit" rein gar nichts. Und das ist nicht immer Neid auf die "da Oben" sondern manchmal bloße Verachtung der Arbeit des andern. Da nehmen sich alle möglichen Gruppen leider nicht viel.
Meine Odysee begann auf dem Gymnasium und endete gestern an der Universität. Mit positivem Abschluss.
Es war ein jahrelanger, bitterlicher Kampf gegen einzelne Lehrer und Dozenten, die bedauerlicherweise immer die entscheidenden Hebel in der Hand hielten.
Es ist unfassbar, bis zu welchem Grad Lehrer und Dozenten über den Weg anderer Menschen bestimmen können, und wie sehr solche Entscheidungen Leben beeinflussen und Persönlichkeiten brechen können.
Ich würde diesen Weg nicht noch einmal gehen- ich wäre fast zu Grunde gegangen.
Der Akademikertitel ist für mich mittlerweile auch keine "Auszeichnung" mehr, sonder ein beschämendes Abzeichen, jetzt auch diesem "elitären Kreis" anzugehören.
Ich habe auch mit einem Kloß im Hals den Artikel gelesen.
Ich hoffe, dass diese brodelnde Wut im Bauch bald ein Ende hat und ich mich mit allen Sinnen freuen kann, endlich einem Beruf nachzugehen, der mich voll und ganz erfüllt.
Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.
Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.
Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.
Ich habe auch mal meinen Willen durchgesetzt und den Aufnahmetest fürs Gymnasium gemacht. Und bin durchgekommen.
Aber was hat es mir genützt? Jahrelanges Mobbing durch reiche Schnösel, die selbst teilweise geistige Tiefflieger waren. Aber andere hänseln, jaaa, das konnten sie gut. Und da war jemand, der sich keine Markenklamotten oder mehrere CD-Player oder die neuste CD oder einen fetten PC leisten konnte gerade recht.
Auf der Hauptschule kann man sich wenigstens körperlich durchsetzen, aber die Bastarde auf dem Gymnasium sind schlauer und wortgewandter, das läuft alles subtiler und ist ohne entsprechenden Hintergrund nicht so leicht abzuwehren.
Schön, dass der Verfasser seinen Weg trotz der hier geschilderten Hürden gehen konnte bzw. kann und natürlich ist das Thema Chancen(un)gleichheit im Bildungssystem von großer Bedeutung.
Was mir an dem Artikel massiv missfällt ist, dass wiederholt der Eindruck vermittelt wird, eine Existenz ohne höheren Bildungsabschluss käme fast automatisch einem stumpfsinnigen Vegetieren gleich während Akademiker allesamt ein zutiefst facettenreiches und ausgefülltes Leben voller kultureller Highlights erwartet. Als ob der Berufsalltag bei Akademikern immer von Selbstverwirklichung geprägt wäre und die Freizeit nur mit inspirierender Hochkultur gefüllt würde. Von anderen Faktoren für ein erfülltes leben mal ganz abgesehen.
Nicht jeder Hauptschüler hängt sein Leben lang in seiner Freizeit bei McDonalds ab und auch das Verkaufen von Druckern & ne Schließfachwohnung schließen nicht aus, dass man ein interessantes, zufriedenes und erfülltes Leben führt. Mir ist auch nicht klar, was so abstoßend daran sein sollte am Wochenende regelmäßig angeln zu gehen.
In den entsprechenden Passagen des Artikels bekommt man den Eindruck, dass der Verfasser jeden Lebensstil außer dem des Klischee-Bildungsbürgers (mit sz-Abo und Biomarktkundenkarte) zutiefst verachtet. Schade wenn das der Preis des Bildungsaufstiegs sein sollte.
Zitat # 59: "Was mir an dem Artikel massiv missfällt ist, dass wiederholt der Eindruck vermittelt wird, eine Existenz ohne höheren Bildungsabschluss käme fast automatisch einem stumpfsinnigen Vegetieren gleich ..."
Sie haben Recht, der Eindruck könnte tatsächlich entstehen. Ich denke, er ist nicht beabsichtigt. Der Autor wollte lediglich die Schwierigkeiten darstellen, sich aus einem (diesem) Umfeld zu lösen.
Ich jedenfalls lerne Bodenständigkeit, Mutterwitz, gesunden Menschenverstand und pragmatische Lebenserfahrung von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen. Im Sinne von: Meine Oma hätte euch erklären können, warum der Rettungsschirm nicht funktionieren kann ... zudem wäre sie eindeutig die bessere Bundeskanzlerin gewesen, hätte sie nichts besseres mit ihrer Lebenszeit anzufangen gewusst. ;-)
Zitat # 59: "Was mir an dem Artikel massiv missfällt ist, dass wiederholt der Eindruck vermittelt wird, eine Existenz ohne höheren Bildungsabschluss käme fast automatisch einem stumpfsinnigen Vegetieren gleich ..."
Sie haben Recht, der Eindruck könnte tatsächlich entstehen. Ich denke, er ist nicht beabsichtigt. Der Autor wollte lediglich die Schwierigkeiten darstellen, sich aus einem (diesem) Umfeld zu lösen.
Ich jedenfalls lerne Bodenständigkeit, Mutterwitz, gesunden Menschenverstand und pragmatische Lebenserfahrung von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen. Im Sinne von: Meine Oma hätte euch erklären können, warum der Rettungsschirm nicht funktionieren kann ... zudem wäre sie eindeutig die bessere Bundeskanzlerin gewesen, hätte sie nichts besseres mit ihrer Lebenszeit anzufangen gewusst. ;-)
Also für mich konzentriert sich Herr Maurer in seinem Artikel etwas zu sehr auf die Opferrolle der "Arbeiterkinder" im ungerechten deutschen Schulsystem und vernachlässigt etwas die sonstigen Einflussfaktoren, wie z.B. die Eltern.
Auch ich bin "Arbeiterkind", aber meine "ungebildeten" Eltern waren durchaus in der Lage mich zu einem selbstbewusst handelnden, an sich selbst glaubenden Menschen mit positiver Lebenseinstellung zu erziehen. Ebenso waren es dann insbesondere Lehrer(innen), wie bei Herrn Maurer ja auch, die mir darüberhinaus mögliche Bildungs-/Wege aufgezeigt haben.
Der Schlüssel liegt sicher darin, einem jungen Menschen den Glauben an sich und seine Fähigkeiten zu vermitteln, dies ist von der Schulform und dem Bildungsniveau unabhängig.
Und für eine dann folgende Verwirklichung der aufgestellten Lebensziele bietet meiner Meinung nach die deutsche Bildungslandschaft zahlreiche Varianten zur Umsetzung an - auch über eine Hauptschulkarriere! Es ist eben nicht immer der "direkte" Weg. Und mal ehrlich - es wäre sicher keine Schwierigkeit empirisch zu belegen, dass es auch sehr viele erfolglose, frustierte Gymnasiasten gibt und wie wenig effektiv und erfolgreich (was immer das heißen mag) in diesen Schulen die Lernmethoden sind.
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