Stalking auf FacebookNach dem Sturm
Seite 2/6:

"Mir war klar, dass ich ihn anzeigen werde"

ZEITmagazin: Und wie haben Sie reagiert?

Ariane Friedrich: Ich hab mir das Profil sehr genau angeschaut und habe dann gleich Fotos von der Nachricht und seinem Profil gemacht.

ZEITmagazin: ... eine Art Spurensicherung.

Ariane Friedrich: Ja. So kann man das sagen. Die Nachricht und das Profil habe ich im gleichen Moment meinem Trainer und meinem Physiotherapeuten gezeigt. Wir haben zu dritt auf unser Shuttle zum Flughafen gewartet.

ZEITmagazin: Und dann hat die Kriminalistin gehandelt: Sie haben alles gesichert. Nicht nur die Nachricht, den kompletten Account, alle seine Freunde, seine Postings...

Ariane Friedrich: Richtig, mir war klar, dass ich ihn anzeigen werde. Dann habe ich im Internet nach Hinweisen gesucht, die seine Identität weiter untermauert haben. Mir war schnell klar, dass es sich nicht um ein Fake-Profil handelte, seine Einträge waren über Monate geschrieben, mit Privatfotos, Kommentaren von Freunden und Nachbarn. Dieses Profil war lange gepflegt – und echt.

Porträt von Ariane Friedrich

Ariane Friedrich hält mit 2,06 Metern den deutschen Hochsprungrekord  |  © Andrea Diefenbach

ZEITmagazin: Das Profil des Mannes hätte gehackt worden sein können.

Ariane Friedrich: Das war für mich ziemlich unwahrscheinlich. Ich sehe keinen Nutzen darin, dass ein Hacker ein fremdes Profil knackt, nur um mir so eine Nachricht und ein Nacktfoto zu schicken. Also irgendwo muss man auch auf dem Teppich bleiben.

ZEITmagazin: Sie haben auch im Internet recherchiert, ob es wirklich einen Torsten D. in dieser hessischen Gemeinde gibt.

Ariane Friedrich: Ja, und ich habe ein Bild von ihm gefunden, das habe ich zusätzlich gespeichert. Er war nun einfach der Dumme, der seine wahre Identität benutzt hat, um mir so zu schreiben. Sagen wir es mal so: Das war von ihm sehr ungeschickt.

ZEITmagazin: Dann haben Sie reagiert, ihn öffentlich in Ihrer Facebook-Fangruppe geoutet, ihn aufgefordert, solche Nachrichten zu unterlassen. Wann war das?

Ariane Friedrich: Noch in der Lobby. Nach Rücksprache mit meinem Trainer – und als alles gesichert war. Wir haben ziemlich lange auf unser Shuttle gewartet. So hatte ich genug Zeit, die Beweise zu sichern und mir zu überlegen, wie ich reagiere. Ich habe mir überlegt, was ich schreibe, und nebenbei ins Strafgesetzbuch geschaut, um mich noch einmal zu vergewissern. Ich hatte auch während meiner Kommissar-Ausbildung im Strafrechtsunterricht nie gehört, dass man einen Menschen nicht öffentlich dazu auffordern darf, künftig einen solchen Schweinkram zu unterlassen.

ZEITmagazin: Den Anhang, das Bild mit dem Geschlechtsteil, haben Sie den bewusst nicht geöffnet?

Ariane Friedrich: Ich wollte dieses Bild einfach nicht sehen. Für die Ermittlungen war das aber nicht von Vorteil, weil es schwer war, dieses Bild noch einmal von Facebook zu bekommen. Herr D. hatte dann nämlich ziemlich schnell seinen Account gelöscht, und somit waren die Daten zunächst nicht mehr zugänglich und abrufbar. Da mussten sich meine Kollegen von der Polizei, die gegen Torsten D. ermittelt haben, sehr anstrengen.

ZEITmagazin: Als wesentliches Motiv, den Mann bloßgestellt zu haben, sagten Sie, Sie wollten nicht doppeltes Opfer sein. Was meinten Sie damit?

Ariane Friedrich: Einmal bin ich Opfer, weil ich so etwas bekomme. Und dann soll ich das auch noch klaglos hinnehmen. Ich habe solche Sachen jahrelang erdulden müssen, ohne dass ich mich gewehrt habe. Das war für mich ein persönlicher Befreiungsschlag, einfach mal auf den Tisch zu hauen, zu sagen: Bis hierher und nicht weiter.

ZEITmagazin: Wollten Sie ihn bloßstellen?

Ariane Friedrich: Ja, mit dem Mittel, ihn aus der Anonymität zu ziehen, habe ich ihm gezeigt, dass es Konsequenzen hat, jemanden sexuell zu belästigen. Es war auch für mich persönlich wichtig, dass ich das nicht hinnehme und mich wehre. Ich hatte in der Vergangenheit schon viel Ärger mit diesen gefälschten Pornobildern. Da wird dir per Computer die Kleidung ausgezogen, sie schneiden den Kopf ab, setzen ihn auf andere, nackte Körper drauf – und schon entstehen Bilder in abartigen Positionen. Das nimmt inzwischen Ausmaße an, die nicht mehr zu kontrollieren sind und viel Schaden anrichten.

Leserkommentare
  1. Entschuldigung, aber ist diese Geschichte wirklich wert in der Form des Titelthemas des ZEIT-Magazins besprochen zu werden? Mehrere Seiten für einen Sachverhalt und inhaltliche Positionen, die schon nach max. einer Seite völlig ausdiskutiert sind?

    Das ist jetzt schon das zweite Mal in kurzem Abstand (das andere Mal war die ebenso überdimensionierte Reportage über das Verhältnis zwischen Sigmar Gabriel und seinem Vater), dass sich die ZEIT meiner Meinung völlig verschätzt wieviel Platz einem Sachverhalt gebührt.

    35 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Und in 2013 ist das Netz ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Manche meinen irrtümlich, das Netz sei ein rechtsfreier Teil. Diese Menschen nutzen die - scheinbare - Anonymität des Netzes für vorzivilisatorisches Verhalten.

    Dabei geht es um sexuelle Belästigung, wie im Artikel; aber auch auch Infamie, Beleidigung, Rufmord, Geschäftsschädigung usw.

    Viele Opfer wissen gar nicht, dass sie sich wehren können und dürfen. Ich selbst wurde aufs Übelste in einem (skandalös schlecht moderierten) Bewertungsforum (nämlich Qype) verleumdet- Vom Bekannten eines "Wettbewerbers", wie sich später herausstellte.

    Mir war es eine gute und hilfreiche Information, dass man nicht nur die Anonymität (per Staatsanwalt) aufdecken lassen kann; man hat überdies das Recht auf den "publizistischen Gegenschlag". Dieses Recht ist nicht nur ein moralisches, sondern juristischen Recht, wohlgemerkt.

    Das die verleumdenden und stalkenden Säue in ihrem eigenen Mist sitzen müssen, sollte nur sie selbst stören - und andere von Sauereien abhalten.

    • Jokus
    • 27. Januar 2013 10:34 Uhr

    Von wegen "Aufgeblasene Geschichte" - Ganz im Gegenteil. Solche Internet-Spanner/Spinner gehören - und zwar ausführlich - in die Öffentlichkeit.

    >Entschuldigung, aber ist diese Geschichte wirklich wert
    > in der Form des Titelthemas des ZEIT-Magazins besprochen

    Ja das ist sie.
    Sonst noch was?

    Ich finde den Artikel nicht aufgeblasen, sondern gemäß der Vollständigkeit und Tragweite durchaus notwendig.

    Und insbesondere lese ich zeit.de, WEIL es hier umfangreichere und ausführlichere Artikel zu lesen gibt als bei SPON.

    • MarcoG.
    • 27. Januar 2013 17:08 Uhr

    ist die Geschichte es wert. Denn es bietet ein sehr eindeutiges Beispiel von Sexismus. Und sollten die Fakten so stimmen, ist die Veröffentlichung der Persondaten nach meiner Meinung äußerst angebracht. Und alle Männer die Bedenken bei der Sexismusdebatte haben (unter anderem auch ich) sollten sich hier klar positionieren. Sonst wären die Diskussionen sinnlos.

    Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke die Redaktion/mo.

    • Rychard
    • 24. Januar 2013 20:05 Uhr

    bleibt der Stalker auf sich selbst sitzen. Betroffene sind auf das Glück angewiesen, Unterstützung zu haben oder zu finden. Die Reaktion und Antworten von Frau Friedrich finde ich nicht nur in Anbetracht ihres persönlichen Rechts auf Wiederstand sondern auch als Vorbild für Mädchen und Frauen, die mehr für scheinbare Ruhe erdulden als ihnen Lieb ist, eine gute und mutige Entscheidung ..

    45 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es geht doch nichts über die gute alte Selbstjustiz.
    Zum Glück bleibt sie unseren leidenden Prominenten vorenthalten, sonst bräuchten wir wohl mehr Laternenmasten und viele mehr Seile.
    Bei solchen Polizisten fühle ich mich doch richtig gut aufgehoben. Da fällt mir ein - das war sie in diesem Augenblick ja garnicht. Sie hatte ja entschieden, dass sie als Frau reagiert und nicht als Polizistin. Als es dann um die 'Spurensicherung' ging, war sie allerdings ganz schnell wieder Polizistin. So ein schneller Wechsel ist doch praktisch. Mal halte ich mich an rechtsstaatliche Prinzipien und mal nicht.

    Leider lässt es sich nicht vermeiden, extra erwähnen zu müssen, dass ich keinerlei Mitleid mit dem Stalker habe - diese Form der Selbstjustiz jedoch auch noch zu bejubeln, weißt jedoch in eine Richtung, über die vermutlich die wenigsten, die Frau Friedrich loben, je nachgedacht haben. Was passiert, wenn sich die oder der Gestalkte beim nächsten Mal irrt und jemanden zu unrecht anprangert? Wenn sie sich einfach irrt und nicht so genau hinschaut? Und wollen wir wirklich Polizisten, die ihr Rechtsverständnis nach belieben an- und ausschalten und, wenn es ihnen gerade passt, zur Selbstjustiz greifen?

    und Menschen machen Fehler. Dass es ein Fehler war die ganzen Daten online preis zu geben leugnet Frau Friedrich ja nicht.
    Aber den Spieß jetzt umzudrehen und auf Frau Friedrich einzuhauen find ich absurder denn je.
    Provoziere ich mit einer solchen (vor allem sehr anstößigen) Tat eine Gegenreaktion, kann ich nicht erwarten, dass diese Gegenreaktion unter allen Regeln der Vernunft mit entgegen kommt.

    • riehm.
    • 25. Januar 2013 12:45 Uhr

    Kennen Sie das "Gefangenendilemma"? Ich erklär's jetzt nicht, kann man nachlesen bei
    http://de.wikipedia.org/w....
    Die erfolgversprechendste Strategie, um im Gefangenendilemma zu bestehen heißt "tit-for-tat", wie du mir, so ich dir. Auch Täter und Opfer verbindet ein vergleichbares Dilemma, und auch hier halte ich tit-for-tat für die richtige Strategie, um dem Opfer wenigstens Gerechtigkeit zurück zu geben. Recht, wer will schon Recht, wenn es um Gerechtigkeit, um Kontenausgleich zwischen Opfer und Täter geht. Mal wieder Kleist's Michael Kohlhaas lesen.
    Gerecht und richtig haben Sie gehandelt, Frau Friedrich, und mutig. Mein allerhöchstes Kompliment für Ihre Courage.

    26 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Gerecht und richtig haben Sie gehandelt, Frau Friedrich, und mutig. Mein allerhöchstes Kompliment für Ihre Courage."

    Was daran Courage ist, jemanden vom warmen Wohnzimmer aus, wegen einer vergleichsweise harmlosen Belästigung (noch dazu per Email!) zu entblößen und dem vorhersehbaren Hass des Internetmobs auszuliefern, das bleibt Ihr Geheimnis.

    Das war unverhältnismäßig, Frau Friedrich hat den Mann (und Namensgleiche) in ihrer sozialen Existenz gefährdet, u.U. sogar in Gefahr für Leib und Leben gebracht. Glücklicherweise ist nichts passiert.

    Ich habe eine andere Auffassung darüber, was Mut ist.

  2. ... Stalkers veröffentlicht? Richtig!

    33 Leserempfehlungen
  3. ...oh wait...
    es kann ja durchaus vorkommen, dass Menschen einen identischen Namen haben, und man die Personen verwechseln können...

    die Geschichte ist länger her und damals wurde das ganz gut ausdiskutiert, dass Frau Friedrich da einen Fehler begannen hat und somit auch zur Täterin wurde. Auch wenn das in einer völlig anderen Dimension spielt als das, was ihr angetan wurde. Das möchte ich nicht hinunterspielen.

    Als Polizisten hätte ich mehr Ratio erwartet in der Reaktion und weniger Emotionen.

    26 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 27. Januar 2013 15:25 Uhr

    In manchen Situationen wird jeder Mensch mal zum Täter, Sie natürlich ausgeschlossen. Ratio wird von jedem Menschen abverlangt, in allen Situationen, das müssten Sie doch wissen, der Sie nie zum Täter geworden sind oder werden.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/kvk

    6 Leserempfehlungen
    • Nexic
    • 27. Januar 2013 8:43 Uhr

    Klar ist es irgentwie "gerecht" wenn man den Täter, der selbst aus dem Schutz der Anonymität handelt, derart bloßstellen kann.
    Aber was wäre gewesen wenn die von ihr "ermittelte" Person nicht der Täter gewesen ist? Dann hätte sie eine völlig unbeteiligte Person in aller Öffentlichkeit mit falschen Anschuldigungen diffamiert. Die Möglichkeit eines gehackten Accounts hat sie ja in betracht gezogen aber gleich wieder verworfen, weil:

    "Ich sehe keinen Nutzen darin, dass ein Hacker ein fremdes Profil knackt, nur um mir so eine Nachricht und ein Nacktfoto zu schicken. Also irgendwo muss man auch auf dem Teppich bleiben."

    Tut mir leid gute Frau aber ich sehe den nutzen sehr deutlich, nämlich um eine falsche Spur zu legen.
    Die Wahrscheinlichkeit ist, zugegeben, sehr gering. Trotzdem muss man es in Betracht ziehen und die Ermittlungsbehörden können sowas dann mit den angeforderten Daten von Facebook entweder bestätigen oder verwerfen. Das muss man den Ermittlern überlassen, man kann nicht einfach selbst loslegen. Sonst nimmt bald jeder das Recht in seine eigene Hand und der Facebook Pranger geht der Rechtssprechung voraus, Kollateralschaden inklusive.

    24 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • H.v.T.
    • 27. Januar 2013 9:07 Uhr

    Ich kann Ihrem Beitrag nur zustimmen, denn sollte jemand Facebook dazu nutzen, einem Anderen großen Schaden zu bringen, so weiß er nun, wie es geht.
    Man bediene sich des Namens, erstelle ein passendes Profil, befülle es mit Kenntnissen aus dem persönlichen Lebensbereich desjenigen (Nachbar/Bekannte/Exliebhaber etc. haben entsprechende Kenntnis), stelle zudem manipulierte Bilder (Frau Friedrich hat ja beschrieben, wie per Fotomontage ihr Kopf auf einen anderen nackten Körper in sadomasochistischer Position öffentlich ausgestellt wurde) hinzu, und wende sich mit allem in widerlicher und strafrechtlich relevanter Form an eine Person des öffentlichen Lebens. Und schon hat derjenige ein riesen Problem.

    Das war ein Pläoyer gegen Klarnamen im Internet !

    • mc6206
    • 27. Januar 2013 8:51 Uhr

    richtig gehandelt.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich mache derzeit eine ähnliche Erfahrung, allerdings mit einem Cyberstalker, der sich unter wechselnden Profilen versteckt. Frau Friedrichs Reaktion kann ich verstehen, auch wenn ich selber nicht diesen Weg gehen würde: Aber man ist machtlos, schockiert, verletzt.
    Dass die negativen Reaktionen dann diese Verletzung noch verstärken, liegt auf der Hand. Daher Hut ab vor Frau Friedrich, die so weiter machen kann in ihrem Sport. Anderen Frauen (und auch Männern) gelingt dies nicht!

    Naja, kurz und bündig hätte sie gefeuert werden müssen. Ein Polizist der Selbstjustiz übt - schon interessant wie leicht unsere rechtstaatlichen Ansprüche an ferne Länder bei uns auf einmal nichts mehr gelten. Wäre Sie ein Mann, belästigt von einem anderen Mann und das ganze fände in Russland/USA statt - man weiß was die Zeit dazu schreiben würde.

    Ihr Handeln ist verständlich. Nur, was ist so schwer daran zu verstehen, dass es trotzdem falsch war?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service