Stalking auf FacebookNach dem Sturm
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"Der Sport lief in dieser Zeit nicht so, wie ich das wollte"

ZEITmagazin: Von einer Polizeikommissarin wird erwartet, dass sie das vorher alles bedenkt.

Ariane Friedrich: Und was wird von der Frau erwartet? Ich habe als Frau reagiert. Mir hat es aber leidgetan, dass auf einmal die Polizei angefeindet wurde. Das war nicht meine Absicht, und es tut mir leid für jeden Polizisten, der durch mich in Kritik geraten ist. Dafür möchte ich mich entschuldigen.

ZEITmagazin: Aber die Kritik zielte auch auf Sie als Privatperson.

Ariane Friedrich: Kritik kann man viele Beiträge nicht mehr nennen, das waren fiese Beleidigungen. Die Beiträge, die unter der Gürtellinie waren, habe ich in den ersten Tagen gelöscht. Eine der schlimmsten Nachrichten war, dass mir jemand bei den Olympischen Spielen einen Kreuzbandriss gewünscht hat. Da war ich sprachlos.

ZEITmagazin: Sie hatten zu diesem Zeitpunkt, vier Monate vor den Spielen in London, noch mit den Folgen eines Achillessehnenrisses zu kämpfen.

Ariane Friedrich: Und genau diese Verletzung hatte so manchem Sportler schon seinen Traum zerplatzen lassen. Und dass nun so viele Menschen mir die Pest an den Hals wünschen, hat mich total umgehauen.

ZEITmagazin: Einige haben Ihnen die Todesstrafe gewünscht. Hatten Sie Angst?

Ariane Friedrich: Ich hatte immer wieder Angst in der Zeit. Ich war fertig, bin immer weiter in den Keller gefahren, und war nach zwei Wochen nervlich völlig am Ende. Es sind immer mehr Meldungen auf Facebook gekommen, auch immer mehr in anderen Foren. Und dann habe ich irgendwann nur noch die schlechten gelesen, die positiven habe ich ausgeblendet. Und damit wurde alles nur noch schlimmer. Nach drei oder vier Tagen habe ich mich zurückgezogen, ich habe nichts mehr gelesen, was da über mich geschrieben wurde. Ich habe dann kein Radio mehr angemacht und auch keine Fernsehnachrichten geguckt, aber irgendwie war das Thema trotzdem immer präsent. Ich habe mich wochenlang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, am Ende hatte ich teilweise Angst, aus dem Haus zu gehen. Ich war unheimlich unsicher. Ach, diese Anfeindungen haben so großen Schaden angerichtet.

ZEITmagazin: Sie wurden als Polizistin angegriffen, als "Dreckschlampe" beschimpft.

Ariane Friedrich: Wenn Sie unter 200, 300 verständnisvollen Zuschriften eine negative haben, merken Sie sich die schlechte. Es waren aber viele schlechte darunter.

ZEITmagazin: Wann haben Sie realisiert, dass Sie in einen regelrechten Shitstorm geraten waren?

Ariane Friedrich: Ich kannte diesen Begriff bis dahin gar nicht.

ZEITmagazin: Der Begriff ist mit Ihrem Fall erst gängig geworden.

Ariane Friedrich: Günter Eisinger, mein Trainer, hat zum Glück von Anfang an viel abgefangen. Er hat mir immer gesagt: Guck besser nicht ins Internet, tu mir den Gefallen, guck nicht in die Medien. Und mein Freund, der beruflich in England unterwegs war, ist vorzeitig zurückgekommen, um mir Rückhalt zu geben. Wir haben vorher viel telefoniert, und ich habe oft geweint, das war ganz schwer. Dabei hatte ich gar nicht vor, so eine Lawine loszutreten.

ZEITmagazin: Damals sollten Sie die Hochsprungnorm für die Olympischen Spiele schaffen: 1,95 Meter. Es hat nicht geklappt.

Ariane Friedrich: Der Sport lief in dieser Zeit logischerweise nicht so, wie ich das wollte. Ich konnte auch in den folgenden Wettkämpfen nicht die Ariane sein, die ich sein wollte. Dieser Wirbel um meine Person hat viel kaputt gemacht. Vor allem psychisch, gar nicht körperlich. Bei zwei, drei Wettkämpfen bin ich jedes Mal am Ende in Tränen ausgebrochen, weil ich seelisch am Limit war.

ZEITmagazin: Wurde Ihnen von der Sportförderung das Geld gekürzt, weil Sie die Leistung nicht mehr brachten?

Ariane Friedrich: Ja, aber das ist im Leistungssport gang und gäbe. Stimmt die Leistung nicht, sind die Gründe dafür zweitrangig. So wird eben ganz schnell gekürzt. Leistungssport lebt vom permanenten Leistungsdruck.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Kollegen bei der Polizei reagiert?

Ariane Friedrich: Die haben mich die ganze Zeit aufgefangen und betreut, egal, ob sie mein Verhalten nun gut fanden oder nicht. Es war rührend, und ich bin froh, dass ich diese Zeit nicht alleine durchmachen musste. Geholfen haben mir auch mein Freund, meine Familie und Günter. Es war auch gut, dass ich von meinem Mentaltrainer unterstützt wurde.

ZEITmagazin: Hat Ihnen die Polizei Personenschutz gegeben?

Ariane Friedrich: Nein, hatte ich nicht. Ich wurde nicht als hochgefährdet eingestuft. In den ersten Tagen war meine Straße aber doch von Polizeiautos gut befahren. In dieser Zeit wurde ich von der Polizei gebeten, die Facebook-Gruppe zu schließen. Das heißt, zunächst wurde mein Trainer gebeten...

ZEITmagazin: ...der Ihnen das auch schon vorher empfohlen hatte.

Ariane Friedrich: Ja, Günter ist aber generell gegen Soziale Netzwerke. Dass sie auch etwas Positives haben, das sieht er nicht. Ich könnte die besten Argumente haben, und er würde trotzdem dagegen sein. Da kann ich mir den Mund fusselig reden. Jeder hat halt so seine Spleens. Ich bin mit Facebook groß geworden, in meinem Alter betrachten wir das Medium nicht so kritisch. Vielleicht auch, weil wir den Weitblick und die Lebenserfahrung nicht haben, die einen automatisch kritischer machen.

Leserkommentare
  1. Entschuldigung, aber ist diese Geschichte wirklich wert in der Form des Titelthemas des ZEIT-Magazins besprochen zu werden? Mehrere Seiten für einen Sachverhalt und inhaltliche Positionen, die schon nach max. einer Seite völlig ausdiskutiert sind?

    Das ist jetzt schon das zweite Mal in kurzem Abstand (das andere Mal war die ebenso überdimensionierte Reportage über das Verhältnis zwischen Sigmar Gabriel und seinem Vater), dass sich die ZEIT meiner Meinung völlig verschätzt wieviel Platz einem Sachverhalt gebührt.

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    Und in 2013 ist das Netz ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Manche meinen irrtümlich, das Netz sei ein rechtsfreier Teil. Diese Menschen nutzen die - scheinbare - Anonymität des Netzes für vorzivilisatorisches Verhalten.

    Dabei geht es um sexuelle Belästigung, wie im Artikel; aber auch auch Infamie, Beleidigung, Rufmord, Geschäftsschädigung usw.

    Viele Opfer wissen gar nicht, dass sie sich wehren können und dürfen. Ich selbst wurde aufs Übelste in einem (skandalös schlecht moderierten) Bewertungsforum (nämlich Qype) verleumdet- Vom Bekannten eines "Wettbewerbers", wie sich später herausstellte.

    Mir war es eine gute und hilfreiche Information, dass man nicht nur die Anonymität (per Staatsanwalt) aufdecken lassen kann; man hat überdies das Recht auf den "publizistischen Gegenschlag". Dieses Recht ist nicht nur ein moralisches, sondern juristischen Recht, wohlgemerkt.

    Das die verleumdenden und stalkenden Säue in ihrem eigenen Mist sitzen müssen, sollte nur sie selbst stören - und andere von Sauereien abhalten.

    • Jokus
    • 27. Januar 2013 10:34 Uhr

    Von wegen "Aufgeblasene Geschichte" - Ganz im Gegenteil. Solche Internet-Spanner/Spinner gehören - und zwar ausführlich - in die Öffentlichkeit.

    >Entschuldigung, aber ist diese Geschichte wirklich wert
    > in der Form des Titelthemas des ZEIT-Magazins besprochen

    Ja das ist sie.
    Sonst noch was?

    Ich finde den Artikel nicht aufgeblasen, sondern gemäß der Vollständigkeit und Tragweite durchaus notwendig.

    Und insbesondere lese ich zeit.de, WEIL es hier umfangreichere und ausführlichere Artikel zu lesen gibt als bei SPON.

    • MarcoG.
    • 27. Januar 2013 17:08 Uhr

    ist die Geschichte es wert. Denn es bietet ein sehr eindeutiges Beispiel von Sexismus. Und sollten die Fakten so stimmen, ist die Veröffentlichung der Persondaten nach meiner Meinung äußerst angebracht. Und alle Männer die Bedenken bei der Sexismusdebatte haben (unter anderem auch ich) sollten sich hier klar positionieren. Sonst wären die Diskussionen sinnlos.

    Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke die Redaktion/mo.

    • Rychard
    • 24. Januar 2013 20:05 Uhr

    bleibt der Stalker auf sich selbst sitzen. Betroffene sind auf das Glück angewiesen, Unterstützung zu haben oder zu finden. Die Reaktion und Antworten von Frau Friedrich finde ich nicht nur in Anbetracht ihres persönlichen Rechts auf Wiederstand sondern auch als Vorbild für Mädchen und Frauen, die mehr für scheinbare Ruhe erdulden als ihnen Lieb ist, eine gute und mutige Entscheidung ..

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    Es geht doch nichts über die gute alte Selbstjustiz.
    Zum Glück bleibt sie unseren leidenden Prominenten vorenthalten, sonst bräuchten wir wohl mehr Laternenmasten und viele mehr Seile.
    Bei solchen Polizisten fühle ich mich doch richtig gut aufgehoben. Da fällt mir ein - das war sie in diesem Augenblick ja garnicht. Sie hatte ja entschieden, dass sie als Frau reagiert und nicht als Polizistin. Als es dann um die 'Spurensicherung' ging, war sie allerdings ganz schnell wieder Polizistin. So ein schneller Wechsel ist doch praktisch. Mal halte ich mich an rechtsstaatliche Prinzipien und mal nicht.

    Leider lässt es sich nicht vermeiden, extra erwähnen zu müssen, dass ich keinerlei Mitleid mit dem Stalker habe - diese Form der Selbstjustiz jedoch auch noch zu bejubeln, weißt jedoch in eine Richtung, über die vermutlich die wenigsten, die Frau Friedrich loben, je nachgedacht haben. Was passiert, wenn sich die oder der Gestalkte beim nächsten Mal irrt und jemanden zu unrecht anprangert? Wenn sie sich einfach irrt und nicht so genau hinschaut? Und wollen wir wirklich Polizisten, die ihr Rechtsverständnis nach belieben an- und ausschalten und, wenn es ihnen gerade passt, zur Selbstjustiz greifen?

    und Menschen machen Fehler. Dass es ein Fehler war die ganzen Daten online preis zu geben leugnet Frau Friedrich ja nicht.
    Aber den Spieß jetzt umzudrehen und auf Frau Friedrich einzuhauen find ich absurder denn je.
    Provoziere ich mit einer solchen (vor allem sehr anstößigen) Tat eine Gegenreaktion, kann ich nicht erwarten, dass diese Gegenreaktion unter allen Regeln der Vernunft mit entgegen kommt.

    • riehm.
    • 25. Januar 2013 12:45 Uhr

    Kennen Sie das "Gefangenendilemma"? Ich erklär's jetzt nicht, kann man nachlesen bei
    http://de.wikipedia.org/w....
    Die erfolgversprechendste Strategie, um im Gefangenendilemma zu bestehen heißt "tit-for-tat", wie du mir, so ich dir. Auch Täter und Opfer verbindet ein vergleichbares Dilemma, und auch hier halte ich tit-for-tat für die richtige Strategie, um dem Opfer wenigstens Gerechtigkeit zurück zu geben. Recht, wer will schon Recht, wenn es um Gerechtigkeit, um Kontenausgleich zwischen Opfer und Täter geht. Mal wieder Kleist's Michael Kohlhaas lesen.
    Gerecht und richtig haben Sie gehandelt, Frau Friedrich, und mutig. Mein allerhöchstes Kompliment für Ihre Courage.

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    "Gerecht und richtig haben Sie gehandelt, Frau Friedrich, und mutig. Mein allerhöchstes Kompliment für Ihre Courage."

    Was daran Courage ist, jemanden vom warmen Wohnzimmer aus, wegen einer vergleichsweise harmlosen Belästigung (noch dazu per Email!) zu entblößen und dem vorhersehbaren Hass des Internetmobs auszuliefern, das bleibt Ihr Geheimnis.

    Das war unverhältnismäßig, Frau Friedrich hat den Mann (und Namensgleiche) in ihrer sozialen Existenz gefährdet, u.U. sogar in Gefahr für Leib und Leben gebracht. Glücklicherweise ist nichts passiert.

    Ich habe eine andere Auffassung darüber, was Mut ist.

  2. ... Stalkers veröffentlicht? Richtig!

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  3. ...oh wait...
    es kann ja durchaus vorkommen, dass Menschen einen identischen Namen haben, und man die Personen verwechseln können...

    die Geschichte ist länger her und damals wurde das ganz gut ausdiskutiert, dass Frau Friedrich da einen Fehler begannen hat und somit auch zur Täterin wurde. Auch wenn das in einer völlig anderen Dimension spielt als das, was ihr angetan wurde. Das möchte ich nicht hinunterspielen.

    Als Polizisten hätte ich mehr Ratio erwartet in der Reaktion und weniger Emotionen.

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    • dacapo
    • 27. Januar 2013 15:25 Uhr

    In manchen Situationen wird jeder Mensch mal zum Täter, Sie natürlich ausgeschlossen. Ratio wird von jedem Menschen abverlangt, in allen Situationen, das müssten Sie doch wissen, der Sie nie zum Täter geworden sind oder werden.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um eine sachliche Wortwahl. Danke. Die Redaktion/kvk

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    • Nexic
    • 27. Januar 2013 8:43 Uhr

    Klar ist es irgentwie "gerecht" wenn man den Täter, der selbst aus dem Schutz der Anonymität handelt, derart bloßstellen kann.
    Aber was wäre gewesen wenn die von ihr "ermittelte" Person nicht der Täter gewesen ist? Dann hätte sie eine völlig unbeteiligte Person in aller Öffentlichkeit mit falschen Anschuldigungen diffamiert. Die Möglichkeit eines gehackten Accounts hat sie ja in betracht gezogen aber gleich wieder verworfen, weil:

    "Ich sehe keinen Nutzen darin, dass ein Hacker ein fremdes Profil knackt, nur um mir so eine Nachricht und ein Nacktfoto zu schicken. Also irgendwo muss man auch auf dem Teppich bleiben."

    Tut mir leid gute Frau aber ich sehe den nutzen sehr deutlich, nämlich um eine falsche Spur zu legen.
    Die Wahrscheinlichkeit ist, zugegeben, sehr gering. Trotzdem muss man es in Betracht ziehen und die Ermittlungsbehörden können sowas dann mit den angeforderten Daten von Facebook entweder bestätigen oder verwerfen. Das muss man den Ermittlern überlassen, man kann nicht einfach selbst loslegen. Sonst nimmt bald jeder das Recht in seine eigene Hand und der Facebook Pranger geht der Rechtssprechung voraus, Kollateralschaden inklusive.

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    • H.v.T.
    • 27. Januar 2013 9:07 Uhr

    Ich kann Ihrem Beitrag nur zustimmen, denn sollte jemand Facebook dazu nutzen, einem Anderen großen Schaden zu bringen, so weiß er nun, wie es geht.
    Man bediene sich des Namens, erstelle ein passendes Profil, befülle es mit Kenntnissen aus dem persönlichen Lebensbereich desjenigen (Nachbar/Bekannte/Exliebhaber etc. haben entsprechende Kenntnis), stelle zudem manipulierte Bilder (Frau Friedrich hat ja beschrieben, wie per Fotomontage ihr Kopf auf einen anderen nackten Körper in sadomasochistischer Position öffentlich ausgestellt wurde) hinzu, und wende sich mit allem in widerlicher und strafrechtlich relevanter Form an eine Person des öffentlichen Lebens. Und schon hat derjenige ein riesen Problem.

    Das war ein Pläoyer gegen Klarnamen im Internet !

    • mc6206
    • 27. Januar 2013 8:51 Uhr

    richtig gehandelt.

    10 Leserempfehlungen
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    Ich mache derzeit eine ähnliche Erfahrung, allerdings mit einem Cyberstalker, der sich unter wechselnden Profilen versteckt. Frau Friedrichs Reaktion kann ich verstehen, auch wenn ich selber nicht diesen Weg gehen würde: Aber man ist machtlos, schockiert, verletzt.
    Dass die negativen Reaktionen dann diese Verletzung noch verstärken, liegt auf der Hand. Daher Hut ab vor Frau Friedrich, die so weiter machen kann in ihrem Sport. Anderen Frauen (und auch Männern) gelingt dies nicht!

    Naja, kurz und bündig hätte sie gefeuert werden müssen. Ein Polizist der Selbstjustiz übt - schon interessant wie leicht unsere rechtstaatlichen Ansprüche an ferne Länder bei uns auf einmal nichts mehr gelten. Wäre Sie ein Mann, belästigt von einem anderen Mann und das ganze fände in Russland/USA statt - man weiß was die Zeit dazu schreiben würde.

    Ihr Handeln ist verständlich. Nur, was ist so schwer daran zu verstehen, dass es trotzdem falsch war?

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