Stalking auf Facebook : Nach dem Sturm
Seite 5/6:

"Meist gaukelt Facebook eine falsche Nähe vor"

ZEITmagazin: Sie haben aber auch gesagt, Sie könnten Menschen verstehen, die in einer solchen Situation nicht mehr weiterwissen. Sie haben Robert Enke erwähnt, den Torhüter von Hannover 96, der sich das Leben nahm. Er litt unter Depressionen. Hatten Sie Selbstmordgedanken?

Ariane Friedrich: Nein, nein. Ich wollte nur weglaufen, irgendwohin, wo mich keiner kennt. Den Kopf frei kriegen. Ich kann aber verstehen, wenn man jahrelang immer wieder aufs Gröbste herabgesetzt und angefeindet wird, dass einen das wirklich in die Depression treiben kann.

ZEITmagazin: Vom Typ her wirken Sie heiter, optimistisch, auch stabil. Sie treten als Hochspringerin bei Wettkämpfen aufreizend auf: Pinkfarbene Haare waren lange Zeit Ihr Markenzeichen.

Ariane Friedrich: Meine Haarfarbe wechselt, nicht immer ist sie pink. Ich bin auf der einen Seite eine sehr starke Frau, aber ich bin auch eine verletzliche Frau. Ich habe Gefühle, und ich stehe dazu. Ich bin froh, dass ich kein Eisklotz bin, an dem das spurlos vorübergeht.

ZEITmagazin: Gegen Sie wurde ermittelt, weil es eine Strafanzeige gab. All Ihre Facebook-Daten wurden gesichert, Sie wurden vernommen.

Ariane Friedrich: Die Polizei hat auch meinen privaten Account bekommen, um zu sehen, dass ich mit Torsten D. keinerlei Kontakt hatte. Ich habe auch meinen privaten Account komplett gelöscht. Ich bin nicht mehr bei Facebook, und ich lebe trotzdem.

ZEITmagazin: Aber Sie haben Facebook lange Zeit intensiv verwendet. Fehlt Ihnen der direkte Draht zu Ihren Fans?

Ariane Friedrich: Es gab Zeiten, da bin ich morgens mit Facebook aufgestanden, da habe ich sofort geschaut, was über Nacht bei Facebook passiert ist. Im Nachhinein: eine falsche Welt.

ZEITmagazin: Hat Facebook Ihnen denn auch etwas gebracht?

Ariane Friedrich: Das kann ich gar nicht klar beantworten. An sich habe ich das Medium vor allem privat verwendet, um mit Freunden, alten Bekannten, Klassenkameraden zu kommunizieren. In den meisten Fällen gaukelt Facebook eine falsche Nähe vor – wenn man überlegt, wen man alles in seinen angeblichen Freundeskreis aufnimmt. Im wahren Leben spricht man kaum mit dem Menschen, aber auf Facebook teilt man privateste Dinge mit ihm.

ZEITmagazin: Hat die falsche Nähe, die Facebook vorgaukelt, Thorsten D. dazu verleitet, Ihnen dieses Bild zu schicken?

AF: Ich glaube eher, er hat das Medium für seine Zwecke benutzt, weil es die einzige Möglichkeit war, mit mir online in Kontakt zu treten – meine E-Mail-Adresse ist ja geheim. Aber es ist schon so, dass das Internet generell Hemmschwellen senkt, auch durch die Anonymität bedingt.

ZEITmagazin: Wären Sie noch bei Facebook – würden Sie wieder so handeln?

Ariane Friedrich: Ich würde mich wieder wehren. Aber ich würde den Namen nicht mehr posten. Anderen Betroffenen würde ich empfehlen, das Umfeld des Belästigers darauf aufmerksam zu machen, was er da so macht und dass das nicht richtig ist. Und ich würde raten, Anzeige zu erstatten.

ZEITmagazin: Wie hat denn der Täter auf die von Ihnen gewählte Form der Selbstjustiz reagiert?

Ariane Friedrich: Er wollte uns irreführen und tat so, als könnte das Foto mit dem Schwanz auch das Hinterteil eines rasierten, weißen Pudels zeigen. Anzeige gegen mich hat er aber nicht erstattet. Er hatte wohl seine Gründe dafür. Und dann hat sein Verteidiger versucht, Druck auf uns auszuüben. Er hat meinen Trainer massiv bearbeitet. Einmal telefonierte er mit Günter, als dieser gerade von der Kriminalpolizei als Zeuge angehört wurde.

ZEITmagazin: Was wollte der Anwalt von Ihnen?

Ariane Friedrich: Er wollte sich mit uns treffen, um die Angelegenheit unter den Tisch zu kehren. Auch Torsten D. selbst hatte sich vorher schon telefonisch gemeldet und bei Günter um ein Treffen gebeten. Wir haben uns darauf nicht eingelassen.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

168 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Sehr wichtig

Einem Freund von mir ist ebenfalls eine Art Online-Mobbing widerfahren. Er wurde dabei nie direkt angesprochen, sondern es geschah hintenrum über Bekannte, Kollegen, Geschäftspartner; mit dem Ziel, sein Geschäft zu zerstören. Man nennt dies im real Life Rufmord.
Und es ist nur richtig, wenn man sich (juristisch) zur Wehr setzt. Im Falle Friedrich kann ich ihre Reaktion emotional gut nachvollziehen. Rational habe ich meine Probleme damit (die Gründe wurden bereits mehrfach genannt).

angesichts der aktuellen Diskussionen,

ist die Geschichte es wert. Denn es bietet ein sehr eindeutiges Beispiel von Sexismus. Und sollten die Fakten so stimmen, ist die Veröffentlichung der Persondaten nach meiner Meinung äußerst angebracht. Und alle Männer die Bedenken bei der Sexismusdebatte haben (unter anderem auch ich) sollten sich hier klar positionieren. Sonst wären die Diskussionen sinnlos.

Polizisten sind bekanntermaßen Menschen

und Menschen machen Fehler. Dass es ein Fehler war die ganzen Daten online preis zu geben leugnet Frau Friedrich ja nicht.
Aber den Spieß jetzt umzudrehen und auf Frau Friedrich einzuhauen find ich absurder denn je.
Provoziere ich mit einer solchen (vor allem sehr anstößigen) Tat eine Gegenreaktion, kann ich nicht erwarten, dass diese Gegenreaktion unter allen Regeln der Vernunft mit entgegen kommt.

Gegenreaktion

"Provoziere ich mit einer solchen (vor allem sehr anstößigen) Tat eine Gegenreaktion, kann ich nicht erwarten, dass diese Gegenreaktion unter allen Regeln der Vernunft mit entgegen kommt."

Und wenn meine Gegenreaktion aus einer straf- oder zivilrechtlich relevanten Aktion besteht, muss ich mich auch nicht wundern, dass ich dafür belangt oder angefeindet werde.

Opfer zu sein, gibt einem noch lange nicht das Recht, selber zum Täter zu mutieren. Das nennt man schlicht Rache und ist mMn ein archaisches, unzivilisiertes Verhalten.

Wir brauchen dringend mehr Bildung...

...in solchen juristischen Fragestellungen. Ihr Kommentar beweist das nur.

Recht auf Widerstand besteht nur gegenüber dem Staat Art.20 GG. Bei Zivilstreitigkeiten heißt es Notwehr, und ist nur in sehr engen Grenzen erlaubt, die hier sicher nicht vorliegen.

Es kann dem Opfer sehr wohl zur Pflicht gemacht werden, sich an geltende Grundrechte und damit an Gesetze zu halten. Die Umstände der Tat und des Täter sind dabei unerheblich.

Fremdverantwortung trägt das Opfer natürlich auch. Und zwar genau dann, wenn durch die Veröffentlichung der Anschrift und aufgrund der Sache Fremde bei dem Täter vorbeischauen und selber gegen geltende Gesetze verstoßen. Dann könnte das Opfer wegen Aufruf zu einer Straftat ebenfalls belangt werden.

Genaugenommen liegt der Fall sogar hier vor: Wie ein Mitforist hier schrieb, äußerten sich FB-Freunde in der Art, man müsse nun eine Genitalverstümmelung an dem Täter durchführen. Das ist Nötigung und Bedrohung. Und echtes Glück, dass irgendein Verrückter dies nicht in die Tat umgesetzt hat.

Das mag ihnen alles nicht gefallen, dann werden Sie einfach Justizminister und führen die Lynchjustiz und den Pranger wieder ein. Meine Stimme erhalten Sie dafür sicher nicht!

Seltsame Auffassung von Mut

"Gerecht und richtig haben Sie gehandelt, Frau Friedrich, und mutig. Mein allerhöchstes Kompliment für Ihre Courage."

Was daran Courage ist, jemanden vom warmen Wohnzimmer aus, wegen einer vergleichsweise harmlosen Belästigung (noch dazu per Email!) zu entblößen und dem vorhersehbaren Hass des Internetmobs auszuliefern, das bleibt Ihr Geheimnis.

Das war unverhältnismäßig, Frau Friedrich hat den Mann (und Namensgleiche) in ihrer sozialen Existenz gefährdet, u.U. sogar in Gefahr für Leib und Leben gebracht. Glücklicherweise ist nichts passiert.

Ich habe eine andere Auffassung darüber, was Mut ist.