ZEITmagazin: Haben Sie sich mal in die Rolle des Torsten D. hineinversetzt? Haben Sie sich mal gefragt, warum der so etwas macht?

Ariane Friedrich: Ja, warum macht einer so was? Für mich war klar, dass er damit seine sexuellen Gelüste befriedigen will. Ich wüsste nicht, warum sonst ein Mann einer Frau eine solche Nachricht schicken sollte.

ZEITmagazin: Lebten Sie in der ständigen Furcht, dass er Sie aufstöbern könnte, vom Cyber-Stalker zum realen Stalker wird? Sie haben den Standort beim Training dauernd verändert. Konnten Sie sich überhaupt ungestört auf die Olympischen Spiele vorbereiten?

Ariane Friedrich: Ich habe genau das trainiert, was ich trainieren wollte. Aber die Fahrten zum Training waren eben länger. Wir hatten immer die Sorge, dass an den Trainingsorten ein Team mit einer Kamera wartet. Wären wir einem Team begegnet, hätte ich gleich wieder nach Hause fahren können.

ZEITmagazin: Die wollten Sie alle zu Ihrem Facebook-Fall interviewen?

Ariane Friedrich: Ja, das war der Hammer. Günter hat am 23. April 2012 Buch geführt: 8.36 Uhr RTL, 8.57 Uhr NDR, 10.10 Uhr MDR, 10.16 Uhr ZDF, 11.03 Uhr N24, 11.10 Uhr HR, 11.22 Uhr ZDF, 11.40 Uhr Sat.1, ... und so ging das weiter. Es waren über 40 Fernsehanstalten, auch japanische und amerikanische, die mich interviewen und in ihre Sendungen einladen wollten. Und da muss man einfach zusehen, dass man irgendwo ist, wo man nicht gefunden wird. Außerdem durften wir ja auch nichts zum Stand der Ermittlungen und zu den Hintergründen sagen. Und genau diese Verschwiegenheit hat einige Journalisten auf die Palme gebracht – so sind einige Unwahrheiten veröffentlicht worden.

ZEITmagazin: Wie sehr hat Sie das alles eingeschränkt?

Ariane Friedrich: Trainingstechnisch hat mich das nicht eingeschränkt. Ich habe mein Programm abgespult. Aber beim Leistungssport müssen Psyche und Körper zusammen funktionieren, und das war auf einmal ganz schwierig. Ich habe plötzlich an mir in jeder Hinsicht gezweifelt, an meiner Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, Gut und Böse voneinander zu unterscheiden, Unrecht von Recht. In den ersten Wochen habe ich mich selbst verloren. Mich wiederzufinden hat viel Kraft gekostet.

ZEITmagazin: Dabei war das große Problem, der Riss der Achillessehne, mit seinen Folgen noch gar nicht überwunden. Es ist doch so ziemlich das Schlimmste, was einer Hochspringerin passieren kann...

Ariane Friedrich: ...auch noch am Sprungfuß, das ist das Tödlichste, was es gibt.

ZEITmagazin: Dachten Sie im vorigen Jahr auch mal ans Aufhören?

Ariane Friedrich: Es kamen auch bei mir Gedanken auf nach dem Motto: Warum mache ich das überhaupt noch? Warum tue ich mir diese Öffentlichkeit an? Natürlich ist es auf der einen Seite schön, im Rampenlicht zu stehen. Weil man davon viele Vorteile hat. Aber es hat auch viele Schattenseiten. Also, sagen wir’s mal so: Würde ich den Weg noch einmal gehen können, würde ich heute lieber ein ganz normaler Mensch sein.

ZEITmagazin: Sie sind jetzt 29...

Ariane Friedrich: ...ja, ich weiß. Für eine Leistungssportlerin schon ein gestandenes Alter...

ZEITmagazin: ...und haben sich beim Gewichtheben im Training auch noch eine Sehne in der Schulter angerissen.

Ariane Friedrich: Aber seit zehn Wochen kann ich wieder zu hundert Prozent trainieren. Das sind neun bis zehn Einheiten pro Woche.

ZEITmagazin: Und wie lange dauert das?

Ariane Friedrich: Minimum anderthalb, manchmal drei Stunden. Ich möchte dieses Jahr noch mal Vollgas geben.

ZEITmagazin: Im Sommer sind die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau.

Ariane Friedrich: Zwei Meter im Hochsprung ist mein Ziel, dafür trainiere ich jeden Tag.

ZEITmagazin: Sie sind ein Wettkampftyp. Viel Publikum stimuliert Sie?

Ariane Friedrich: Je mehr zuschauen, desto besser.

ZEITmagazin: Auf der Theaterbühne nennt man solche Akteure Rampensau.

Ariane Friedrich: Ja, dann bin ich eine Kampfsau. Wer mir das austreiben will – meine Art, meine Haare, mein Auftreten –, der nimmt mir auch die Leistung. Das gehört zu meinem Typ, das ist wirklich so.